Die Insel

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Summary

Benjamin, Mitte 40, ist seit über vier Jahren mit seiner jungen Freundin Jane liiert. Obwohl ihre Beziehung sehr stabil und fest ist, fährt Jane in diesem Sommer alleine mit ihrer Familie in den Urlaub auf die idyllische Balearen-Insel Menorca. Benjamin ist sehr traurig, dass er sie nicht begleiten kann – gerade, weil Menorca doch der Ort ist, an dem Benjamin in der Kindheit und Jugend viele Sommer verbracht hat. So gerne hätte er seiner Freundin alle Orte, Strände und geheimen Plätze gezeigt. Während des Urlaubs stellt Jane jedoch fest, dass ihr die gemeinsame Zeit mit der Familie bald zu viel wird und beklagt sich zunehmend in Nachrichten und Anrufen bei Benjamin. Durch ihre Berichte erinnert sich Benjamin selbst an seine vergangenen Urlaube auf Menorca – aber bald schon erkennt er, dass diese Zeit nicht nur von schönen Erinnerungen geprägt war... Der gefühlvolle, emotionale Roman ist eine Hommage des Autors Elias J. Connor an die paradiesische Mittelmeer-Insel Menorca, die auf Tatsachen beruht und als eine Fortsetzung des Romans LOVELIGHTS - BENJAMIN UND JANE angesehen werden kann.

Status
Complete
Chapters
19
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Das Versprechen

Die Straßenbahnstation liegt am äußersten Rand von Köln, weit abseits des belebten Zentrums. Hier, in einem ruhigen, fast vergessenen Viertel, scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Es ist ein heißer Sommertag, die Sonne steht hoch am Himmel und brennt auf die Straße herab. Der Asphalt der schmalen Straße, die an die Station grenzt, flimmert in der Hitze, als wäre er mit einem leichten Schleier bedeckt.

Die Haltestelle selbst ist einfach gehalten, vielleicht schon etwas in die Jahre gekommen. Ein schmaler, überdachter Wartebereich aus milchigem Plexiglas schützt die wenigen Reisenden, die hier manchmal auf die Straßenbahn warten, vor Regen und Wind. Heute jedoch wird die Überdachung nur wenig genutzt. Die Hitze staut sich unter dem Dach und macht das Warten im Freien angenehmer. Neben dem Wartehäuschen steht ein alter Fahrkartenautomat. Die Farbe ist abgeblättert, und der Automat wirkt, als hätte er bessere Tage gesehen. Er steht schief, als wäre sein Fundament im Laufe der Jahre abgesackt, doch er funktioniert noch – zumindest meistens.

Der Bahnsteig ist nicht besonders hoch, gerade so, dass man bequem in die Straßenbahn einsteigen kann. Er wird von wenigen Blumenkübeln gesäumt, die einmal eine freundliche Atmosphäre schaffen sollten. Jetzt sind die Pflanzen darin vertrocknet, gelb und braun verfärbt, Opfer der gnadenlosen Sommerhitze. Der Sand und der Staub, der von den nahen Feldern herein geweht wird, bedeckt die Ränder der Station, sammelt sich in den Ecken und verleiht dem Ort eine fast vergessene, melancholische Stimmung. Im Hintergrund hört man hin und wieder das Surren von Insekten, die sich in der schwülen Luft träge bewegen. Grillen zirpen irgendwo im hohen Gras.

Das Viertel selbst scheint stillzustehen, die Häuser, die die Station umgeben, wirken wie in einer Art Sommerschlaf. Viele Fensterläden sind geschlossen, um die Hitze draußen zu halten. Die Fassaden der kleinen Häuser sind in blassen Farben gehalten, einige davon verwittert und mit Rissen durchzogen. Efeu rankt sich über ein paar der Mauern, als würde es versuchen, das Alter und die Abnutzung der Gebäude zu verdecken. Hier ist nicht viel los – es gibt keine Geschäfte in unmittelbarer Nähe, keine Cafés oder belebten Straßen. Nur ein paar vereinzelte Autos stehen am Straßenrand, heiß von der Sommersonne, die sich auf ihren Motorhauben spiegelt.

Ein paar Passanten sind zu sehen. Sie bewegen sich langsam, fast träge, als hätten sie sich dem Rhythmus dieses abgeschiedenen Ortes angepasst. Eine ältere Dame mit einem Einkaufstrolley geht die Straße entlang, ihr Schritt ist ruhig und bedächtig. Sie trägt einen weiten Strohhut, um sich vor der Sonne zu schützen, und hält die Hand vor die Augen, um den Weg zu überblicken. Vorbei an der Straßenbahnstation biegt sie um eine Ecke, verschwindet in den Schatten eines der Häuser.

An der Haltestelle sitzt ein junger Mann auf einer der wenigen Bänke. Er trägt eine Sonnenbrille und ein locker sitzendes T-Shirt. Sein Gesicht ist in Gedanken versunken, die Kopfhörer in seinen Ohren machen deutlich, dass er sich in einer anderen Welt befindet, vielleicht begleitet von Musik, die ihn die Hitze und die Langsamkeit des Ortes vergessen lässt. Neben ihm lehnt ein Fahrrad an dem niedrigen Zaun, der die Gleise von der Straße trennt. Der Lack des Rahmens ist leicht abgeblättert, das Rad wirkt benutzt, aber gepflegt. Es scheint, als wäre es sein ständiger Begleiter auf den langen, ruhigen Straßen dieses Viertels.

Eine Mutter kommt mit ihrem kleinen Kind die Straße entlang. Das Kind, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, hält einen Eisbecher in der Hand, der an den Seiten bereits beginnt, in der Hitze zu schmelzen. Die Mutter wirkt entspannt, ihre Schritte sind gemächlich, als hätte sie alle Zeit der Welt. Sie wirft einen kurzen Blick auf die elektronische Anzeige, die an der Haltestelle hängt und die verbleibende Zeit bis zur nächsten Straßenbahn anzeigt. Noch zehn Minuten, dann wird die Linie 7 hier halten. Die Anzeige blinkt kurz, als wäre sie nicht ganz sicher, ob diese Information korrekt ist.

Die Geräusche des Viertels sind gedämpft, fast wie in Watte gehüllt. Kein lautes Hupen, kein Geschrei von Kindern, kein Dröhnen von Motoren. Nur das ferne Summen der Hochspannungsleitungen, die entlang der Bahngleise verlaufen, und das leise Rauschen des Windes, der durch die trockenen Blätter der Bäume an der Straße streicht. Ab und zu fährt ein Auto vorbei, aber es scheint, als bewege es sich wie in Zeitlupe, als würde es die Ruhe und Gelassenheit dieses Ortes respektieren.

In der Ferne, hinter einer Kurve, taucht plötzlich das leise Surren der Straßenbahn auf. Zuerst kaum wahrnehmbar, wird das Geräusch schnell lauter, bis man das Rumpeln der Räder auf den Gleisen deutlich hört. Die Straßenbahn, hellgelb und weiß, gleitet gemächlich um die Ecke, die metallische Oberfläche reflektiert das gleißende Sonnenlicht. Langsam rollt sie in die Station ein, das Quietschen der Bremsen durchbricht die Stille des Viertels.

Die Türen öffnen sich mit einem sanften Zischen. Der junge Mann mit den Kopfhörern steht auf, wirft einen kurzen Blick auf sein Fahrrad und entschließt sich, es mit in die Straßenbahn zu nehmen. Die Mutter und ihr Kind steigen ebenfalls ein, das Kind hüpft aufgeregt auf der Stelle, während die Mutter das geschmolzene Eis vorsichtig abwischt. Die Hitze scheint niemanden wirklich zu stören, sie gehört einfach dazu, ein Teil des Lebens an diesem abgelegenen Ort.

Nachdem die wenigen Passagiere eingestiegen sind, schließen sich die Türen wieder langsam, fast widerwillig, und die Straßenbahn setzt sich wieder in Bewegung. Das Surren und Rumpeln wird leiser, als sie aus der Station hinausfährt und bald hinter einer Biegung verschwindet, wo sie zwischen den Feldern und Bäumen weiter ihren Weg nimmt.

Zurück bleibt die stille Station. Die Anzeige an der Haltestelle springt wieder auf 30 Minuten um – die nächste Straßenbahn wird eine Weile auf sich warten lassen. Der leichte Wind trägt den Duft von trockenem Gras und wärmender Erde heran, und die Grillen beginnen wieder ihr Lied zu singen. Ein neuer Schatten bewegt sich über die Straße – ein Paar mit Hund schlendert an der Station vorbei, der Hund schnüffelt neugierig an einem der verstaubten Blumenkübel.

Es ist, als würde diese Straßenbahnstation an einem fernen Ort existieren, abseits des Trubels der Großstadt. Hier, wo die Zeit langsamer fließt und die Sommersonne alles in ein goldgelbes Licht taucht, scheint es keine Eile zu geben. Manchmal könnte man fast glauben, dass die Menschen, die hier warten, nur Träume sind, gefangen in einem endlosen Sommertag.


Es ist ein heißer Sommernachmittag. Die Sonne brennt auf die Pflastersteine vor der Straßenbahnstation, und ich sitze hier auf dieser harten Bank. Der Wind ist so schwach, dass er sich kaum bemerkbar macht, während ich meinen Blick über die leeren Gleise schweifen lasse. Es ist ruhig in diesem Viertel, viel zu ruhig, fast so, als wäre ich der einzige Mensch weit und breit. Das Warten fühlt sich heute anders an. Schwerer.

Ich schaue auf die Uhr. Sie müsste jeden Moment kommen. Dieser Nachmittag gehört noch uns, aber dann?

Mein Bein wippt unruhig auf und ab, ein Tick, den ich in solchen Momenten oft habe. Die Leute schauen mich manchmal komisch an, aber ich kann das nicht kontrollieren, also ignoriere ich sie. Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Uhr, die in meinem Kopf tickt, mich daran erinnert, dass die Zeit vergeht – und heute vergeht sie nicht schnell genug.

Dann sehe ich sie.

Jane kommt die Straße entlang, und sofort spüre ich, wie sich mein ganzer Körper entspannt. Sie trägt ihren grünen Sommerrock, den ich so an ihr liebe, und ihre braunen Haare sind im Nacken zu einem losen Zopf zusammengebunden. Die Sonnenbrille sitzt schief auf ihrer Nase, was sie in meinen Augen noch niedlicher macht.

Ich stehe auf, während sie näher kommt, und ich kann das Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf mein Gesicht stiehlt. Sie wirkt etwas erschöpft, aber als sie mich sieht, hellt sich ihr Gesicht auf, und das reicht, um mein Herz ein paar Takte schneller schlagen zu lassen.

„Da bist du ja endlich“, sage ich, während sie den letzten Schritt auf mich zu macht.

„Es tut mir leid, ich musste noch ein paar Sachen erledigen“, antwortet sie und klingt dabei fast entschuldigend.

„Ist doch egal“, erwidere ich und ziehe sie in eine sanfte Umarmung. Ich atme ihren vertrauten Duft ein, während ich meine Lippen auf ihre lege. Es ist nur ein kurzer Kuss, aber er bedeutet mir viel.

„Wie war dein Tag?“, frage ich, als ich sie loslasse und wir uns neben die Gleise stellen. Mein Arm liegt wie selbstverständlich um ihre Schulter, während wir auf die Bahn warten.

„Lang“, sagt sie mit einem Seufzer. „Aber jetzt ist es endlich vorbei. Keine Arbeit mehr für drei Wochen. Ich bin froh, dass ich endlich mal von der Arbeit abschalten kann.“

Ich spüre, wie mein Magen sich bei ihren Worten zusammenzieht. Drei Wochen. Drei Wochen ohne Jane. Drei Wochen, in denen sie mit ihren Eltern nach Menorca fliegt, während ich hier bleibe und arbeite. Es fühlt sich falsch an, dass wir so lange getrennt sein werden, und obwohl ich versuche, mir das nicht anmerken zu lassen, weiß ich, dass sie es merkt.

„Ich wünschte, du würdest nicht ohne mich fliegen“, sage ich leise. Mein Blick ist auf die Schienen gerichtet, während ich spreche.

Jane legt ihre Hand sanft auf meine Brust, direkt über mein Herz. „Ich weiß, Harrylein. Ich wünschte auch, du könntest mitkommen. Aber du weißt doch, wie meine Eltern sind...“

Sie nennt mich immer Harrylein. Das ist der Spitzname, den sie mir damals, als wir zusammen kamen, gegeben hat. Jane ist ein großer Harry-Potter-Fan und vergleicht mich oft mit Harry.

Ich nicke, obwohl ich ihre Eltern nicht wirklich verstehen kann. Nach vier Jahren Beziehung könnte man doch erwarten, dass ich mit in den Urlaub fahren darf. Aber Janes Eltern sind kompliziert. Sie haben es zwar akzeptiert, dass ihre erwachsene Tochter, 26 Jahre alt, mit einem älteren Mann von Mitte 40 zusammen ist, und sprechen ihre Bedenken selten direkt aus. Trotzdem fühle ich es jedes Mal, wenn ich ihnen begegne. Diese Blicke, diese leisen Kommentare.

„Ich werde dich vermissen“, sage ich schließlich, als ob diese Worte ausreichen könnten, um das Gewicht der kommenden Wochen leichter zu machen.

„Ich dich auch“, antwortet Jane und schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. „Aber drei Wochen sind doch gar nicht so lange, oder? Wenn ich zurück bin, machen wir etwas Schönes.“

Ich versuche, das Lächeln zu erwidern, aber es fällt mir schwer. „Klar,“ sage ich, aber in meinem Kopf drehen sich die Gedanken. Ich bin nicht gut darin, allein zu sein. Jane und ich sind so viel zusammen, dass die Vorstellung, drei Wochen ohne sie zu verbringen, mich unruhig macht. Sie ist wie ein Anker in meiner Welt, und wenn sie weg ist, fühle ich mich schnell verloren.

„Ich habe dir schon ein paar Bücher rausgesucht“, sagt sie plötzlich, als wollte sie meine Gedanken erraten. „Für die Zeit, in der ich weg bin. Und vielleicht könnten wir abends telefonieren?“

Ich nicke dankbar. Jane weiß, wie wichtig Routinen für mich sind, und sie bemüht sich immer, mir zu helfen, wenn sie durchbrochen werden. Genau so ergeht es ihr ja auch. Als Autisten kennen wir dieses Problem nur zu gut. Vielleicht werde ich es irgendwie schaffen, die Zeit ohne sie zu überstehen. Zumindest hoffe ich das.

In der Ferne höre ich das leise Quietschen der Straßenbahn, und kurz darauf taucht sie um die Ecke auf. Die Türen öffnen sich, und wir steigen ein. Es sind nur wenige Leute in der Bahn, und wir finden leicht einen Platz. Jane setzt sich ans Fenster, ich neben sie, und lehne mich zurück, während die Bahn sich in Bewegung setzt. Sie fährt uns in Richtung Stadtzentrum, zum Einkaufszentrum am anderen Ende von Köln.

Jane legt ihren Kopf auf meine Schulter, und ich spüre, wie ihre Wärme mich beruhigt. Es ist ein vertrautes Gefühl, so zusammen zu sitzen. Ich weiß, dass ich diese Nähe in den kommenden Wochen vermissen werde.

„Freust du dich auf den Urlaub?“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne.

„Ja, schon“, antwortet sie und hebt ihren Kopf leicht, um mich anzusehen. „Aber es wäre schöner, wenn du mitkommen könntest.“

„Ich weiß“, sage ich leise und starre auf die vorbeiziehende Stadt. „Vielleicht nächstes Jahr?“

„Vielleicht“, sagt sie, aber ihre Stimme klingt unsicher. Wir wissen beide, dass es an ihren Eltern liegt. Ihre übertriebene Vorsicht, ihre ständige Skepsis mir gegenüber. Manchmal frage ich mich, ob ich sie je wirklich überzeugen kann, dass ich gut für Jane bin.

„Was wollen wir im Einkaufszentrum machen?“, frage ich, um das Thema zu wechseln.

„Ich wollte mir noch ein paar Sachen für den Urlaub kaufen“, antwortet sie. „Und vielleicht könnten wir danach noch etwas essen?“

„Klingt gut.“ Ich versuche, in ihrer Gegenwart zu bleiben, nicht zu sehr in Gedanken abzudriften. Es fällt mir schwer, den Gedanken an die bevorstehende Trennung loszulassen, aber ich will diesen Tag nicht mit Melancholie verderben. Es ist Janes letzter Arbeitstag vor ihrem Urlaub, und wir sollten das feiern.

Die Bahn hält an einer weiteren Station, und ein paar neue Fahrgäste steigen ein. Ein älterer Mann setzt sich in unsere Nähe, und ich kann spüren, wie seine Blicke kurz auf uns ruhen. Es passiert oft, dass die Leute uns ansehen. Jane und ich passen wohl nicht in das Bild, das sie von einem typischen Paar haben. Sie ist so viel jünger als ich, und unsere Eigenheiten fallen den Menschen oft auf, auch wenn sie es nicht immer laut aussprechen.

„Willst du eigentlich irgendwas machen, während ich weg bin?“, fragt Jane plötzlich und reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich zucke mit den Schultern.

„Arbeiten, denke ich. Vielleicht ein bisschen Lesen. Du weißt ja, wie das ist.“

Sie nickt, und ich spüre, dass sie etwas sagen will, es aber nicht tut. Stattdessen nimmt sie meine Hand und drückt sie leicht. Wir sitzen den Rest der Fahrt in Stille, aber es ist keine unangenehme Stille. Es ist die Art von Stille, die zwischen uns existiert, wenn Worte nicht nötig sind.

Als die Bahn das Einkaufszentrum erreicht, steigen wir aus und betreten das klimatisierte Gebäude. Die Kühle im Inneren ist eine willkommene Erleichterung nach der drückenden Hitze draußen, und Jane lässt meine Hand los, um sich die Haare aus dem Nacken zu wischen.

„Wo wollen wir zuerst hin?“, frage ich, während wir uns durch die Menge bewegen.

„Lass uns erst in den Laden da drüben gehen“, sagt Jane und zeigt auf einen kleinen Laden mit sommerlicher Kleidung im Schaufenster. „Ich brauche noch ein paar leichte Sachen für den Urlaub.“

„Klar“, sage ich und folge ihr hinein. Während sie durch die Regale stöbert, halte ich mich etwas im Hintergrund. Kleidung einkaufen ist nicht unbedingt etwas, das mir Spaß macht, aber ich tue es gern für sie. Außerdem gibt es mir die Möglichkeit, sie zu beobachten – die Art, wie sie sich bewegt, wie sie konzentriert die Stoffe prüft, bevor sie sich für etwas entscheidet.

„Was hältst du von dem hier?“, fragt sie plötzlich und hält ein leichtes, weißes Kleid hoch. Es sieht perfekt aus für warme Tage am Strand, und ich nicke zustimmend.

„Steht dir bestimmt gut“, sage ich, und sie lächelt.

Nach einer Weile haben wir alles gefunden, was sie braucht, und wir machen uns auf den Weg in den Food Court. Jane entscheidet sich für einen Salat, während ich mich für eine Portion Sushi entscheide. Wir setzen uns an einen der kleinen Tische, und während wir essen, versuche ich, den Gedanken an den bevorstehenden Abschied zu verdrängen.

Doch irgendwann kann ich es nicht mehr zurückhalten.

„Drei Wochen sind wirklich lang“, sage ich plötzlich, mehr zu mir selbst als zu ihr.

Jane legt ihre Gabel ab und sieht mich an.

„Ich weiß, Harrylein. Aber wir schaffen das, okay? Wir haben schon so viel zusammen durchgestanden, und das hier... das ist nur eine kleine Pause. Danach wird alles wieder wie vorher.“

Ich nicke, auch wenn ich nicht sicher bin, ob sie Recht hat. Aber ich weiß eines: Ich werde diese drei Wochen irgendwie überstehen. Wegen ihr.

Wir verlassen das Einkaufszentrum durch einen Seiteneingang, und die warme Sommerluft schlägt uns entgegen, als wir nach draußen treten. Der Kontrast zur klimatisierten Kühle drinnen ist spürbar, aber angenehm. Es riecht nach heißem Asphalt, und irgendwo in der Ferne summt eine Biene über die Blumenbeete am Rand der Gehwege.

„Lass uns da hinten hinsetzen“, schlage ich vor und deute auf eine kleine, abgelegene Bank unter einem Baum. Sie steht etwas abseits, fast versteckt, als würde sie nur auf uns warten. Jane nickt, und wir steuern darauf zu. Die Bank ist alt, die Farbe an den Holzlatten blättert ab, aber es ist der perfekte Platz, um für einen Moment die Welt auszuschließen.

Wir setzen uns, und sofort legt sich eine tiefe Ruhe über uns. Jane schmiegt sich an mich, und ich lege meinen Arm um sie, halte sie fest, als hätte ich Angst, sie könnte jeden Moment verschwinden. Ihr Kopf ruht auf meiner Schulter, und ich atme tief ein, spüre den Duft ihrer Haare und den warmen Hauch ihrer Haut. Es ist dieser eine Moment, der sich anfühlt, als könnte er ewig dauern – und ich wünsche mir, dass er es tut.

„Ich liebe dich“, flüstere ich plötzlich, ohne lange nachzudenken. Die Worte kommen einfach heraus, wie ein Fluss, der sich seinen Weg bahnt. „Und ich werde dich immer lieben.“

Jane hebt den Kopf und sieht mich an, ihre Augen sind sanft und voller Gefühl. Sie braucht keinen Moment zu überlegen, um zu antworten. „Ich liebe dich auch“, sagt sie leise. „Für immer.“

Ihre Worte treffen mich tief, so tief, dass ich fast vergesse, zu atmen. Wir sagen nichts mehr, sitzen einfach nur da, eng umschlungen, während die Zeit stillzustehen scheint. Es fühlt sich an, als wären wir allein auf der Welt, und die Hektik des Einkaufszentrums, der Verkehr, die Menschen – all das ist plötzlich so weit weg, dass es keine Rolle mehr spielt.

Die Sonne wandert langsam über den Himmel, und irgendwann bemerke ich, dass der Tag in einen sanften Abend übergeht. Die Schatten werden länger, die Luft kühler, und die Vögel beginnen ihr leises Abendlied. Jane seufzt leise, und ich weiß, dass der Moment, in dem sie gehen muss, immer näher rückt. Aber ich halte sie noch fester, als könnte ich damit die Zeit anhalten.

„Es wird spät“, sagt sie schließlich, und ihre Stimme klingt fast ein wenig bedauernd. „Der Bus fährt bald.“

Ich nicke nur stumm, weil ich nicht wirklich etwas sagen will. Worte würden nur die Stille stören, die zwischen uns liegt, diese zarte Verbindung, die wir gerade teilen. Aber irgendwann muss ich sie doch loslassen. Gemeinsam stehen wir auf, und Jane legt ihre Hand in meine, während wir langsam zur Bushaltestelle schlendern. Keiner von uns eilt. Jeder Schritt fühlt sich an wie ein kleiner Abschied, und ich versuche, jeden Moment auszukosten, jede Sekunde mit ihr, bevor sie geht.

Als wir die Haltestelle erreichen, bleibt Jane stehen und dreht sich zu mir um. Für einen Augenblick sehen wir uns einfach nur an, als müssten wir uns noch einmal einprägen, wie der andere aussieht, für die Zeit, in der wir getrennt sein werden.

„Ich hasse es, wenn du gehen musst“, sage ich schließlich und versuche zu lächeln, aber es fällt mir schwer. „Es fühlt sich jedes Mal so an, als würde ein Stück von mir mit dir verschwinden.“

„Mir geht es genauso“, antwortet sie leise und tritt einen Schritt näher.

Der Bus kommt um die Ecke gerollt, und mein Herz zieht sich zusammen. Jane lehnt sich vor und küsst mich sanft auf die Lippen, ein letzter Kuss, bevor sie einsteigt. Ihre Hand löst sich aus meiner, und ich spüre die Kälte, die ihre Abwesenheit hinterlässt. Der Bus hält, die Türen öffnen sich, und sie steigt ein. Ich sehe ihr nach, wie sie einen Platz am Fenster nimmt und mir noch einmal zuwinkt.

„I love you“, flüstert sie durch die Scheibe, und ich sehe, wie ihre Lippen die Worte formen.

„I love you, too“, sage ich zurück, auch wenn sie es vielleicht nicht hören kann. Aber ich weiß, dass sie es weiß.

Die Türen schließen sich mit einem leisen Zischen, und der Bus fährt an. Ich bleibe stehen, sehe ihm nach, wie er langsam um die Ecke biegt und aus meinem Blickfeld verschwindet. In dem Moment, als der Bus endgültig weg ist, brechen alle Gefühle, die ich zurückgehalten habe, über mich herein. Es ist, als ob die Flut auf einmal losbricht.

Die Tränen kommen unerwartet, heiß und schnell, und ich lasse sie laufen. Ich stehe mitten auf der Straße, während die Menschen um mich herum gehen, und ich weine, als könnte ich den Schmerz und die Sehnsucht in mir einfach heraus spülen. Aber es funktioniert nicht. Nichts funktioniert in diesem Moment. Alles, was bleibt, ist das leere Gefühl, dass Jane jetzt weg ist und ich warten muss, bis ich sie wiedersehen kann.

Die Sekunden dehnen sich zu Minuten, die Minuten zu einer gefühlten Ewigkeit. Ich bleibe noch eine Weile stehen, lasse den Kopf hängen, während die Dunkelheit des Abends langsam über die Stadt zieht. Die Laternen gehen an, und das sanfte Licht taucht die Welt in einen goldenen Schimmer, aber es erreicht mich nicht. Nichts erreicht mich gerade. Still stehe ich da, den Kopf voller Gedanken und doch so leer.

Langsam drehe ich mich um und gehe in die entgegengesetzte Richtung. Jeder Schritt fühlt sich schwer an, als müsste ich mich zwingen, weiterzumachen, obwohl mein Herz bei Jane im Bus geblieben ist.

Jetzt ist Tag 1 – Tag 1 unserer räumlichen Trennung. Jane ist weg, und ich bleibe hier zurück – in meinen Gedanken ihren Blick, ihr sanftes Lächeln, mit dem sie mich eben noch angesehen hat.