Nevea

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Summary

Was geschieht, wenn die Grenzen zwischen Realität und Traum plötzlich verschwimmen? Wenn das Gefühl der Gewissheit verloren geht und die Welt um einen herum unerkennbar wird? Nevea Muller, 16 Jahre alt und mit reichen Eltern gesegnet, führt ein Leben in einem Vorort von Los Angeles, wo sie von ihren Mitschülern wegen ihres Wohlstands verachtet wird und als eingebildet gilt. Doch eines Abends erhält sie eine mysteriöse Nachricht, knapp formuliert mit den Worten „Wann kommst du?“, und ehe sie sich versieht, findet sie sich an einem unheimlichen Ort wieder - einem Labyrinth aus düsteren Gängen und Fluren. Erst am nächsten Morgen begreift sie, dass dies möglicherweise nur ein Traum war, doch die Einzelheiten verschwimmen. Seit jener Nacht kehren die Träume wieder, jedes Mal deutlicher und bedrohlicher. Neveas Realität droht zu verblassen, während sie immer tiefer in ihre eigene, geheimnisvoll düstere Welt abzudriften scheint. Können ihr Klassenkamerad Joey und das rätselhafte Mädchen Luna Licht ins Dunkel bringen und Nevea helfen, bevor sie sich ganz in ihrer zerrütteten Realität verliert? NEVEA ist ein düsterer Psycho-Thriller mit einem Hauch von Dark Fantasy, der die Geschichte eines Mädchens erzählt, das sich zwischen Traum und Wirklichkeit zu verlieren droht.

Status
Complete
Chapters
21
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Alleine

Ein leises, beklemmendes Geheul durchdringt den endlosen, düsteren Gang und prallt von den dicken Steinwänden links und rechts ab. Das Geräusch, das wie das leise Schluchzen eines verlorenen Kindes wirkt, ist so subtil, dass es fast wie ein leiser Hauch durch die finsteren Gemäuer zieht und sich in der Stille verliert.

Schon seit gefühlten Ewigkeiten schreitet sie durch die Dunkelheit. Ihre Beine sind schwer und müde, und sie hat beinahe den Blick für die Realität verloren. Die Zeit scheint stillzustehen, und dennoch führt der schmale Gang vor ihr in eine endlose, undurchdringliche Dunkelheit. Das schwache Licht ihrer zitternden Kerze taucht die steinernen Gewölbe in eine gespenstische Atmosphäre.

Nevea atmet schwer. Die Schritte werden langsamer, bis sie schließlich innehalten muss. Die Stille um sie herum wird nur vom leisen Echo ihrer eigenen Atemzüge durchbrochen.

„Hallo?“, ruft sie, in der Hoffnung, auf irgendein Lebenszeichen zu stoßen.

„Hallo?“, hallt es gespenstisch von den kalten Wänden wider, als ob die Dunkelheit selbst antworten würde.

Ruckartig dreht sich das junge Mädchen um, die Dunkelheit vor sich und hinter sich scheinen verschmolzen zu sein. Doch sie steht allein.

In einem unglücklichen Moment gleitet ihr die Kerze aus den Fingern und fällt mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Nevea beugt sich langsam herunter, um sie aufzuheben, doch bevor sie es schafft, erlischt das Flämmchen. Sachte tastet sie auf dem Boden herum und versucht, die Kerze wiederzufinden.

Ein Schauer durchfährt ihren Körper. Zitternd steht sie da, nicht vor Kälte, sondern vor einer undefinierbaren Angst, die in der Dunkelheit zu lauern scheint und mit jedem ihrer Schritte wächst.

Das leise Geheul wird plötzlich intensiver. Nevea sucht panisch nach einem Zufluchtsort, irgendetwas, hinter dem sie sich verbergen kann. Doch die Dunkelheit gibt nichts preis, und sie hat nichts bei sich – keine Jacke, keine Decke, nur ihre bange Seele.

Dann, wie aus dem Nichts, das Knarren einer riesigen Tür.

„He!“, ruft sie, die Unsicherheit in ihrer Stimme ist unverkennbar. „Wer ist da?“

Die Stille bleibt unerbittlich, bis die Tür langsam zuschlägt und mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss fällt. In der darauf folgenden Sekunde durchdringt ein matter Schein von irgendwoher den schmalen, langen unterirdischen Gang des Kellergewölbes, in dem sie gefangen zu sein scheint.

Plötzlich steht Nevea einer imposanten Tür gegenüber. Das massive Gusseisen erhebt sich über drei Meter in die Höhe und ist oben abgerundet. Seltsame Muster und unverständliche Schriftzeichen zieren die Oberfläche, in einer Sprache verfasst, die ihr fremd ist.

Nevea macht zögerlich einen Schritt auf die Tür zu, als plötzlich eine warnende Stimme aus dem Nichts zu ihr zu sprechen scheint.

„Geh nicht hinein.“

Erschrocken dreht sich Nevea nach hinten, doch die Dunkelheit verschluckt jede Spur von Leben. Vor ihr steht nur die massive Tür, ein Tor zu unbekannten Geheimnissen und Gefahren.

Wie lange mag Nevea schon hier unten verweilt haben? Wie viele verzweifelte Stunden könnte sie schon auf der Suche nach einem Ausgang, einem Weg nach draußen, verbracht haben? Tag für Tag, Nacht für Nacht, unabhängig von der äußeren Welt, die sich vor ihren Augen abspielt. Ihr Verlangen, einfach nach draußen zu gelangen, bleibt ungebrochen.

Vor ihr erstreckt sich eine majestätische Tür, deren Bestimmung ihr im Dunkeln verborgen bleibt. Ungeachtet dessen setzt Nevea alles auf eine Karte.

„Geh nicht hinein“, mahnt die Stimme erneut. Doch die Worte dringen nicht in Neveas Gehör. Behutsam legt sie ihre zarte Hand auf den imposanten Türknauf und rüttelt mehrmals daran, als würde sie damit eine Antwort oder einen Ausweg erzwingen wollen.

Plötzlich erscheint für einen flüchtigen Moment das Gesicht eines Jungen. Ein flüchtiger Blick durch die noch verschlossene Tür, wie der Geist eines Kindes, der durch undurchdringliche Wände schaut. Doch im nächsten Augenblick ist er verschwunden.

Ein Schauer durchfährt Nevea, und dennoch behält ihre Hand den festen Griff am Türknauf.

„Wer ist da?“, fragt sie leise. Mit behutsamen Druck senkt sie den Knauf. Die gewaltige Tür öffnet sich langsam, von einem knarrenden Geräusch begleitet. Plötzlich wird es wieder pechschwarz.

Nevea streicht sich ihre langen, dunkelblonden Haare aus dem Gesicht und streift sie über beide Ohren. Ihre Lippen zittern so stark, dass sie sie nicht schließen kann, während ihr Atem heftig in der Dunkelheit hängt. Die Tür öffnet sich weiter.

Vorsichtig tritt Nevea hindurch, einsam in völliger Dunkelheit. Sie weiß, dass sie hier nicht eintreten sollte, dass alle Gesetze und Regeln es verbieten. Ihr gesamtes Wissen ruft sie dazu auf, diesen Raum nicht zu betreten und die Tür nicht zu durchqueren, aber sie tut es dennoch. Sie tut es, obwohl sie tief in ihrem Inneren weiß, dass es das Falscheste ist, was sie tun könnte.

Kaum zwei Sekunden später fällt die Tür wieder ins Schloss. Zitternd dreht sich Nevea um – und die Tür ist verschwunden. Als wäre sie nie dagewesen. Völlig verschwunden. Nevea tastet an die Wand. Der Stein ist nass und kalt. Es fühlt sich an, als würden zwischen den Ritzen der Backsteine, aus denen die Wand zu bestehen scheint, Moose wachsen.

Wo auch immer sie jetzt ist, sie ist gefangen.

Plötzlich erleuchtet sich der Raum. Wie?

Nevea hat ihre Kerze verloren. Ohne brennendes Licht, ohne Streichhölzer oder Taschenlampe steht sie im Dunkeln. Doch da ist ein seltsames Licht, dessen Ursprung sie nicht ausmachen kann.

Nevea blickt sich um. Die Tür ist verschwunden, nur eine karge, nasse Wand aus Backstein bleibt. Vorsichtig dreht sich Nevea um.

An der linken Seite des vermeintlich quadratischen Raumes erstreckt sich eine weitere karge Wand. Die rechte Seite gleicht ihr. Nevea schaut nach vorne und kann kaum glauben, was sich vor ihren Augen entfaltet.

Ein gigantischer Spiegel erstreckt sich von einer Ecke des Raumes zur anderen. Ein Spiegel, der nicht ihre eigene Reflexion zeigt.

Neveas Atem stockt, als ihr bewusst wird, dass sie nicht sich selbst sieht, sondern die Wand hinter ihr. Sie sollte eigentlich auch ihr Spiegelbild sehen, wie sie davor steht und hineinblickt. Doch das ist nicht der Fall. Im Spiegel sieht Nevea nur einen leeren, dunklen Kellerraum.

Ein Schrei zerreißt die Stille, und im nächsten Moment starrt Nevea gebannt auf den Spiegel. Ein kleines Etwas, eine Figur, wird sichtbar. Ein Kind, zusammengerollt in der Ecke des Raumes, hockend wie ein Schatten.

Warum ist ihr dieses Kind nicht zuvor aufgefallen? Wer mag es sein?

Nevea schaut ruckartig in die reale Ecke hinter sich, aber dort ist niemand. Der matt erleuchtete Raum bleibt leer.

Zögerlich schaut sie wieder in den Spiegel. Ein Bild erscheint. Ein Maisfeld im Tageslicht. Ein junges Mädchen rennt durch das Feld, als fliehe es vor etwas Unbekanntem.

Nevea möchte dem Mädchen durch den Spiegel folgen, der für einen Moment wie ein Ausgang ins Freie erschien, doch das Bild verschwindet.

Ein neues Bild erscheint. Nevea sieht sich selbst auf einer Decke liegen. Dunkelheit umhüllt sie, und das Licht, das die Szene erhellt, könnte vom Mond stammen, der hell durch ihr Zimmer scheint. Sie sieht sich in ihrem eigenen Bett liegen.

Ein Mann tritt auf den Plan und holt etwas hervor, das Nevea nicht genau erkennen kann. Es sieht aus wie ein Seil.

Die Bilder verblassen, aber Nevea spürt noch den Hauch des Windes auf ihrem Gesicht.

Sie ist die Zuschauerin, sieht im Spiegel Bilder, die sie emotional berühren. Doch irgendetwas sagt ihr, dass sie nur eine Beobachterin ist und dass der Spiegel ihr diese Bilder nur zeigt.

Warum?

Reflexartig macht Nevea einen Schritt zurück. Plötzlich wird sie angerempelt, dreht sich um, sieht jedoch niemanden. Dann schaut sie wieder in den Spiegel.

Dort ist wieder das kleine Mädchen, zusammengerollt in der Ecke des großen Raumes.

Nevea schaut es im Spiegel an. Sie weiß, dass, wenn sie sich zur Wand dreht, wo es laut Spiegel sein sollte, das Mädchen nicht da ist. Doch Nevea dreht sich nicht zur Wand. Sie betrachtet das Mädchen im Spiegel und sieht, wie es den Kopf in die Arme senkt, weiterhin in der Hocke sitzend. Das weiße Nachthemd, das es trägt, und die langen, blonden Haare sind deutlich erkennbar.

„Wer… wer bist du?“, fragt Nevea das Kind im Spiegel.

Plötzlich hebt das Kind den Kopf. Nevea zittert vor Angst. Ein solcher Schauer ist ihr noch nie über den Rücken gelaufen.

Das kopflose Kind steht plötzlich auf und macht einen Schritt auf Nevea zu.

Plötzlich blitzen zwei feuerrote Augen aus dem Nichts, wo sein Kopf sein sollte.

Ein Schrei, vielleicht vom Kind, lässt Nevea zusammenzucken. Im gleichen Moment stürmt das kleine Mädchen aus dem Spiegel heraus. Der Spiegel zerbricht nicht, das Mädchen tritt einfach heraus.

Es hat plötzlich ein reißendes Gebiss mit Haifischzähnen, die es fletscht. Plötzlich breitet das Mädchen ihre Arme aus und will Nevea packen.