Prolog
„Die stärksten Wurzeln eines Baumes liegen oft tief im Verborgenen.”
— Autor(in) unbekannt
Dieses Buch widme ich meiner geliebten Tochter, meinem Gretchen.
Das tapferste Wesen, das ich kenne auf diesem Planeten.
Die Stadt lag still unter dem finsteren Mantel der Nacht, die Straßen leergefegt, als ob die Dunkelheit selbst alle Lebewesen verschlungen hätte. Die wenigen Lichter, die noch brannten, warfen lange, gespenstische Schatten auf die engen Gassen, die wie klaffende Schluchten in den Beton geschnitten waren. Die Kälte des Herbstes kroch durch die Ritzen der Gebäude, ein eisiger Atem, der alles Lebendige erstarren ließ.
Seit Tagen fühlte er sich seltsam, als ob eine fremde Kraft in ihm erwachte, die er nicht verstand. Es war, als hätte sein Körper auf Pausetaste gestanden, und nun, als die Zeit wieder anlief, war er jemand anderes. Die Welt um ihn herum schien sich zu verändern; die Gerüche wurden intensiver, das Rascheln der Blätter im Wind klang lauter, beinahe bedrohlich. Seine Sinne schärften sich, doch statt ihm Sicherheit zu geben, erfüllte ihn das mit Unruhe.
Jetzt, nach Feierabend, verschloss er die schweren Gitter seines kleinen Handyladens und atmete tief durch. Die Nacht war längst hereingebrochen, und der Stadtpark, durch den er seinen Heimweg nahm, lag still und unheilvoll vor ihm. Das Licht der Straßenlaternen drang kaum durch die dichten Kronen der Bäume, die Schatten tanzten wie geisterhafte Gestalten über den Weg.
Plötzlich spürte er es. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter, und sein Herz begann schneller zu schlagen. Es war, als hätte jemand eine unsichtbare Alarmglocke in ihm ausgelöst. Er wusste nicht warum, aber er war sich sicher, dass etwas Gefährliches in seiner Nähe war. Er beschleunigte seine Schritte, das pochende Gefühl der Angst in seiner Brust wurde stärker.
Und dann hörte er es. Schritte hinter ihm, kaum mehr als ein leises Tappen auf dem Pflaster, aber es genügte, um sein Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Er drehte sich nicht um, konnte es nicht, als ob die Dunkelheit selbst ihn zurückhalten würde. Doch in seinem peripheren Blickfeld erkannte er die schemenhafte Gestalt, die ihm folgte.
Eine Person, gekleidet in einen dicken schwarzen Jogginganzug, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass er nicht erkennen konnte, ob es ein Mann oder eine Frau war. Der Verfolger hielt Abstand, aber je schneller er ging, desto mehr beschleunigten sich auch die Schritte hinter ihm. Ein instinktiver Überlebensdrang übernahm die Kontrolle, und er begann, schneller zu laufen, fast zu rennen.
Die Stille der Nacht schien ihn zu verschlucken, die Schatten der Bäume wurden dichter, bedrohlicher, als er durch den Park hastete. Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören, und seine Sinne schrien vor Alarm. Der Verfolger blieb ihm auf den Fersen, lautlos und doch so präsent, dass es ihm den Atem raubte. Die Angst kroch wie eine eiskalte Hand seinen Nacken hinauf.
Er wusste, dass er nicht entkommen konnte. Die Stadt schien sich gegen ihn verschworen zu haben, die Dunkelheit war sein Feind, und irgendwo in dieser undurchdringlichen Finsternis lauerte etwas Unbeschreibliches, etwas Mächtiges, das ihn unerbittlich jagte.
Er erreichte ein 24-Stunden-Café, stürmte hinein und bestellte einen Kaffee. Am Fenster sitzend, beobachtete er die Straße, suchte nach Anzeichen seines Verfolgers. Doch da war nichts. Zwei Stunden vergingen, es war inzwischen zwei Uhr morgens. Die Müdigkeit übermannte ihn, doch tief in seinem Inneren klang eine Stimme: „Lass nicht zu, dass sie dich erwischen. Benachrichtige uns.”
Er griff nach seinem Handy, aber der Akku war fast leer. Mit einem leisen Fluch ging er zur Theke und bat den gelangweilten Nachtkellner, telefonieren zu dürfen. „Von mir aus,” murmelte der junge Kerl und schob ihm das Telefon hin. Doch bevor er wählen konnte, ging das Licht aus.
„Scheiße,” fluchte der junge Kerl. „Schon wieder Stromausfall. Ich geh mal zum Sicherungskasten. Kannst ja mal gucken, dass hier keiner reinkommt und irgendeinen Scheiß macht.”
Kaum war der Kerl im hinteren Bereich verschwunden, sprang die Eingangstür auf. Kalte Luft strömte herein, doch niemand trat ein. Panik durchfuhr ihn, als er das Telefon auf den Tresen knallte und sich durch das Dunkel zur Toilette tastete. Das Fenster im Bad führte zum Hinterhof, und ohne nachzudenken, stieg er hinaus und rannte.
Die Erinnerungen kamen wie eine Flutwelle: Ein Schwert in seiner Hand, ein alter Schwur, eine verlorene Ehre. Diese Erinnerungen gehörten nicht zu dem Mann, den er zu sein glaubte. Doch jetzt, während er durch die Straßen hetzte, erkannte er die Wahrheit. Er war mehr als ein einfacher Ladenbesitzer. In ihm schlummerte eine Macht, eine Vergangenheit, die sich nun mit aller Kraft ins Bewusstsein drängte.
Die Tankstelle vor ihm schien die letzte Rettung zu sein, doch die Türen waren verschlossen. „Heute ist zu,” rief der Mann hinter dem Fenster. „Ab 23 Uhr bedienen wir nur noch am Fenster.”
Er hämmerte gegen die Scheibe, aber es war vergebens. Die Dunkelheit schloss sich um ihn, die Verzweiflung wuchs. Dann sah er die U-Bahn-Station und rannte hinunter. Der Bahnsteig war leer, nur ein schlafender Obdachloser und der Geruch von Abgasen und feuchtem Beton begrüßten ihn. Eine flackernde U-Bahn kam, und er stieg ein.
Er saß in der U-Bahn, das Licht zitterte, und er versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Er sah sich um, in die eine, dann in die andere Richtung, aber es war niemand zu sehen. Langsam traute er sich, ein wenig zu entspannen. Vier Stationen weiter stieg er aus und fühlte eine Welle der Erleichterung.
Die Nacht war still, die kleine Siedlung vor ihm ruhig. Er lehnte sich gegen eine Straßenlaterne, versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Doch in dem Moment, als er sich aufraffte, spürte er plötzlich kalte Hände um seinen Hals.
Er drehte sich um, die Kapuze des Verfolgers fiel leicht nach hinten, und er sah das Gesicht eines Dämons. Glühende rote Augen starrten ihn an, das Gesicht verzerrt und voller Hass. Sie hatten ihn gefunden.
Ein harter Cut.
Das Telefon klingelte. Es war ein altes Kabeltelefon, das auf einem schweren Holztisch stand. Das grüne Gehäuse war verblasst, und die Wählscheibe zeigte die Spuren von Jahrzehnten. Das Klingeln war aggressiv und blechern, ein schrilles Geräusch, das die Stille im Raum durchbrach. Jemand hob ab.
„Ja, was gibt es?” Die Stimme klang rau und angespannt, als ob sie zu lange geschwiegen hatte.
Am anderen Ende war eine tiefe, kontrollierte Stimme zu hören. „Sie sind da. Sie haben den Wächter gefunden. Wir müssen uns vorbereiten.”
Ein Moment des Schweigens folgte. „Ja, ich bin bereit.”
Ein leises Zögern am anderen Ende. „Wie sieht es aus? Schon erwacht?”
„Ich weiß es noch nicht, aber ich glaube, es beginnt. Langsam erwacht alles, Stück für Stück.”
Ein tiefes Einatmen. „Noch nicht ganz. Wir haben keine Zeit mehr. Du weißt, was zu tun ist.”
„Ja,” kam die leise Antwort. „Ich werde es tun.”
Dann herrschte Stille, bevor die Leitung unterbrochen wurde.