Prolog
„Wo ist der Junge?”
Izumi kannte die Stimme, die dort mit dem Bordellinhaber sprach. Kannte den Mann, der zu ihr gehörte und ihn jeden Moment aus den Armen seiner Mutter reißen würde. Dabei hatte sie sich mit ihm hinter einem der schweren Vorhänge versteckt. Aber Izumi wusste, dass das nichts bringen würde. Der Fremde hatte ihn noch in jedem Loch gefunden, in dem er sich versteckt und zu seinen Ahnen gebetet hatte, sie mögen ihn dieses Mal verschonen. Aber sie hatten ihn nicht erhört und immer den Gelüsten des Mannes ausgeliefert. Er wusste nicht, warum sie auf seine Gebete nicht reagierten, auf sein Weinen, Bitten und Betteln Nacht für Nacht in den Armen seiner Mutter. Aber am Ende des Tages war er nur der Sohn einer Hure. Dreck. Unrat. Nichts wert.
Und das anscheinend auch in den Augen seiner Ahnen.
Die warmen Tränen seiner Mutter tropften regelmäßig auf seine Stirn und liefen ihm über das verschmutzte Gesicht, mischten sich mit den seinen und fielen auf seine fleckige Hose. Die hellen Flecken vom letzten Mal waren immer noch auf dem dunklen Stoff zu sehen und erinnerten ihn jeden Tag daran, was passieren würde. Was schon passiert war. Der Vorhang wurde mit einem Ruck aufgerissen, große, schwielige Hände rissen Izumi aus den Armen seiner Mutter. Wie jedes Mal stand sie auf, hielt Izumis Hand mit Tränen in den Augen fest. Wie jedes Mal schlug der Mann sie so hart, dass ihre Lippe aufplatzte und sie zu Boden stürzte. „Nicht meinen Jungen!” Wie jedes Mal zerriss es Izumi das Herz, seine Mutter weinen zu sehen. Aber er war erst fünf.
Er konnte ihr nicht helfen.
Genauso wenig, wie sie ihm helfen konnte.
„Zieh dich aus,” sagte der Mann und setzte sich auf das schmale Bett in der Mitte des Raumes. Izumi war früher öfter hier in dem Zimmer gewesen. Vor all dem hier. In dem Bett gab es einen kleinen Bettkasten, in dem er sich immer versteckt hatte, wenn er mit den anderen Kindern verstecken gespielt hatte. Er hatte immer gewonnen. Aber das letzte Mal, dass er gewonnen hatte, lag schon so weit in der Vergangenheit, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte. Zum Verstecken spielen kam er nie mehr hierher. Wenn er allein war und seine Mutter arbeitete, kletterte er auf das Dach des großen Hauses und beobachtete von oben die vielen seltsamen Wesen, die um das Haus schlichen und sich manchmal an die Frauen hefteten, die mit seiner Mutter hier arbeiteten. Ihm fiel auf, dass die Wesen immer dann zufrieden wirkten, wenn der Besucher einer Frau ging. Fast so, als würden sie es mögen, wenn jemand traurig war. Das war lange Zeit nur eine seiner Vermutungen gewesen, aber seit er Besuch von dem fremden Mann bekam, wusste er, dass es keine Vermutung war. Sondern die Wahrheit. Auch er hatte ein Monster, dass immer mit im Zimmer saß und zufrieden herausstapfte, wenn es vorbei war. Doch er ließ sich von dem Wesen nie anfassen und auch seiner Mutter hielt er sie vom Leib. Dafür hatten sie zu viel Angst vor dem blauen Licht.
Schmerz durchzuckte Izumis linke Wange, sein Kopf flog zur Seite und der Geschmack von Blut breitete sich auf seiner Zunge aus. „Wird’s bald?!“, die kleinen brauen Augen des Fremden funkeln zornig, als er auf Izumi herabsah, die Hand für einen zweiten Schlag nach wie vor erhoben. Dabei sagte er immer, Izumi solle ihn bei seinem Namen nennen. Aber Izumi weigerte sich, sich den Namen zu merken. Immerhin wollte der Mann auch seinen nie wissen. Vorsichtig zog er sich sein Hemd über den Kopf und faltete es sorgsam zusammen, genau wie seine Hose. Mehr Kleidung hatte er nicht, also gab er gut darauf acht. Seine Mutter hatte den Bordellinhaber auf Knien anflehen müssen, ihrem Sohn Kleidung zu besorgen. Das würde er nie wieder zulassen. Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus und ließ ihn bibbern. Jemand hatte vergessen, dass Fenster zu schließen. Dabei fiel draußen seit Stunden weicher weißer Schnee vom Himmel und puderte die Welt weiß. Aber für schöne Dinge war innerhalb des Bordells kein Platz und die Welt draußen nicht mehr als ein Traum, den Izumi nie zu träumen wagte. Niemand verließ das Bordell.
Nur die Toten taten das.
„Deine Haut ...“, Izumi zwang sich, nicht zurückzuweichen, als er die schwieligen Finger auf seiner Brust spürte, seinem Bauch und ... weiter unten. „Sie erinnert mich an einen Pfirsich, Kleiner. Zart und verletzlich. Hast du schon Mal einen Pfirsich gegessen?” Izumi schüttelte den Kopf und erntete dafür ein Grinsen. „Wenn du brav mitmachst, kaufe ich dir einen auf dem Markt. Wie klingt das?” Izumi brachte kein Wort heraus, nur ein Nicken. „Warum ich?“, hörte er sich fragen. Die Antwort machte ihm Angst. „Bei manchen ist die Seele zerbrechlich wie ein Blatt. Bei anderen hart wie Stein. Aber auch Stein lässt sich brechen. Mit Zeit und Geduld. Das ist, was so einladend an dir ist, Kleiner.” Die Augen des Fremden wanderten über seinen nackten Körper, während er sich langsam die Hose auszog.
„Und jetzt leg dich hin.”
Izumi hatte sich anfangs gewehrt. Aber nach ein paar Schlägen und der Drohung, dass der Fremde seiner Mutter weh tun würde, hatte er es jedes Mal über sich ergehen lassen, den Geräuschen gelauscht und währenddessen aus dem Fenster geschaut.
Wie gern er jetzt einen Schneemann gebaut hätte.
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Schreiend fuhr Izumi aus dem Schlaf auf, wartete hustend und würgend darauf, dass die Schatten seines Traumes ihn endlich entlassen und zurück in die Realität schicken würden. Aber damit ließen sie sich Zeit. Seine Finger zitterten, als er sich damit gestresst durch das Gesicht rieb und so die Tränen auf seinen Wangen verteilte. Jeder Atemzug tat ihm weh, seine Kehle fühlte sich rau und staubig an. Die Luft in seinem Schlafzimmer stand vor Schweiß und Angst, also kämpfte er sich auf die Füße und wankte auf das Fenster zu, um es zu öffnen. Auf halbem Weg klammerte er sich an einem der Pfosten fest und erbrach sein Abendessen auf den dunklen Holzboden. Es wunderte ihn nicht, dass sein Körper so reagierte. Immerhin hatte er früher auch immer kotzen müssen, sobald alles vorbei war. Dank seiner zitternden Finger brauchte er drei Anläufe, bis er das Fenster endlich offen hatte und weit aufriss. Die kühle Nachtluft traf ihn mit voller Wucht und endlich, endlich verschwanden die Schatten seines Traums, die zusammen mit der stickigen Luft und dem Geruch nach Erbrochenem aus dem Fenster getragen wurden und in der Finsternis verloren gingen. Die Stille, die über der Stadt lag, beruhigte ihn langsam. Trotzdem gaben seine Knie unter ihm nach, mit einem lauten Knall fiel er auf den Boden und strich sich durch das schweißnasse Haar. Er atmete einige Male tief durch, bevor er langsam wieder aufstand und in Richtung Küche lief, um einen Lappen zu holen. Aber er hielt inne, als er am Rückweg hörte, dass jemand durch das geöffnete Fenster geklettert war.
„Was willst du?“, fragte er mit dem Lappen in der zitternden Hand. Er versuchte es zwar, aber schlussendlich fing Sukunas roter Blick seinen doch noch ein. Die Sorge in den Augen seines Freundes spiegelte sich in dessen Stimme wider. „Dir helfen. Und jetzt gib mir den Lappen. Ich mach das.” Izumi wehrte sich nicht, als Sukuna ihm den Lappen aus den Fingern zog und damit den Fleck Erbrochenes vom Boden putzte. Er konnte sich nicht entscheiden, was erbärmlicher war. Das er gekotzt hatte oder das sein Freund es aufwischte. Kurz überlegte er, ob er Sukuna einfach wieder wegschicken sollte. Aber da würde er auf Granit beißen. Also machte er am Absatz kehrt, verschwand wieder in der Küche und goss Tee auf. Fuji hatte ihm einen exotischen Früchtetee zu dem Winterfest geschenkt, dass Elea im letzten Winter in der Villa veranstaltet hatte. Sie nannte es Weihnachten. Das Fest der Nächstenliebe. „Du hast mich angelogen.” Sukunas Stimme ließ Izumi vom kochenden Wasser aufblicken. Kopfschüttelnd holte er zwei Schälchen aus dem Schrank, ohne seinen Freund anzusehen. Die kleine Küche fühlte sich mit einem Mal noch kleiner an, als sie es eh schon war. Also schob sich Izumi an Sukuna vorbei und ging zurück ins Wohnzimmer. „Habe ich nicht.” Sukunas Schritte folgten ihm durch die kleine Schiebetüre. „Du hast gesagt, du hast diese Träume nicht mehr.” „Ich habe gesagt, dass ich nicht mehr von der Mine träume. Das ist nicht lügen. Sondern weglassen.” Sukuna warf hilflos die Hände in die Luft und schüttelte den Kopf. „Das ist Unsinn, Izumi. Und das weißt du auch.” Als Izumi nichts erwiderte, fuhr Sukuna fort.
„Ziehst du deswegen nicht zu uns die Villa?” Eine rhetorische Frage. Aber Izumi hatte trotzdem das Bedürfnis, sie zu beantworten. „Ich würde nur alle aufwecken.” „Du weißt, dass das niemanden stören würde. Im Gegenteil,” entgegnete Sukuna und schüttete Sake in seinen Tee. Wie es schien, schlug ihm diese Konversation nüchtern aufs Gemüt. Izumis Griff an dem kleinen Schälchen wurde so fest, dass der Tee über den Rand schwappte und seine Finger verbrannte. „Ihr habt zwei Kinder. Kaede und Miwa sind noch klein. Sie sollten sich nicht mit so etwas herumschlagen müssen.” Sukuna sah ihn prüfend an, dass Rot seiner Augen flackerte ungehalten. „Das ist nicht gerecht, Izumi. Schieb nicht die Kinder als Grund dafür vor, dich hier weiter verkriechen zu dürfen. Die beiden vergöttern dich.” So etwas wie Läuterung rauschte durch Izumis Venen. Das taten Miwa und Kaede wirklich. Er liebte die beiden Knirpse von ganzem Herzen. Sukuna war aufgestanden und wieder zum Fenster gegangen, um zu gehen. Er schien mit sich zu hadern, Izumi konnte die unausgesprochenen Worte in der Luft hängen sehen. „In der Villa ist immer ein Zimmer für dich frei,” sagte Sukuna noch, bevor er über die Dächer in Richtung Kaiserberg verschwand. Izumi wusste, dass das nicht die Worte waren, die sein Freund eigentlich hatte sagen wollen. Aber sie würden fallen. Irgendwann.
In dieser Nacht war der Alkohol Izumis bester Freund und als die Sonne über den Horizont kroch und die ersten Strahlen durch sein Fenster fielen, war der große Sakekrug leer und er selbst sternhagelvoll. Aber nicht voll genug, um eines nicht realisieren zu können. Das er Sukuna diesmal wirklich angelogen hatte.
Denn auch die Träume aus der Mine waren nie von seiner Seite gewichen.
