Kapitel 1
Die Schüsse hallten rhythmisch durch die Sporthalle, als Park Jaeho seine Waffe hob und zielte. Mit präziser Bewegung drückte er ab, und die Kugel durchbohrte das Zentrum der Zielscheibe. Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen. Perfektion, wie immer.
Jaeho senkte die Waffe und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Er hatte die Zeit völlig vergessen, so vertieft war er in sein Training gewesen. Nicht, dass es eine Rolle spielte. Als Landesbester im Sportschießen hatte er das Recht, die Trainingshalle so lange zu nutzen, wie er es für nötig hielt.
Plötzlich schwang die Tür zur Sporthalle auf, und eine vertraute Stimme durchbrach die Stille. »Yah, Park Jaeho! Du hast mir schon zehn Minuten von meinem Training gestohlen!«
Jaeho drehte sich langsam um und sah Kim Soo-yeon in der Tür stehen, ihre Bogentasche über der Schulter und die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr Gesicht war vor Ärger gerötet, was ihn amüsierte. Sie sah immer noch genauso temperamentvoll aus wie in der Oberschule.
»Ah, Soo-yeon«, erwiderte er mit einem herablassenden Lächeln. »Ich wusste gar nicht, dass du immer noch den Bogen schwingst. Hast du dich nicht in der Disziplin geirrt? Vielleicht wärst du beim Cheerleading besser aufgehoben.«
Er zwinkerte ihr provokant zu. »Du könntest dich ja meinem Fanclub anschließen. Nicht, dass ich das nötig hatte. Aber dann hättest du wenigstens eine sinnvolle Aufgabe in deinem Leben.«
Jaeho beobachtete mit Genugtuung, wie sich Soo-yeons Gesicht vor Wut noch dunkler färbte. Er konnte förmlich sehen, wie sie innerlich kochte, und das bereitete ihm ein perverses Vergnügen. Sie war schon immer so leicht zu provozieren gewesen.
»Du bist wirklich ein arroganter Mistkerl, Jaeho«, zischte sie, ihre Stimme vor unterdrückter Wut bebend. »Dein Ego ist so aufgeblasen, dass es ein Wunder ist, dass du überhaupt noch durch die Tür passt.«
Jaeho lachte leise. »Oh, Soo-yeon, du schmeichelst mir. Aber keine Sorge, ich habe gelernt, mein Ego genauso präzise zu kontrollieren wie meine Schüsse.« Er machte eine theatralische Pause und fügte dann hinzu: »Was übrigens der Grund ist, warum ich der Beste bin und du... nun ja, eben nicht.«
Er sah, wie Soo-yeon tief Luft holte, offensichtlich um sich zu beruhigen. Es war faszinierend zu beobachten, wie sie versuchte, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Fast so, als würde sie sich auf einen Schuss vorbereiten. Nur dass ihr Ziel diesmal er war.
»Weißt du was, Jaeho?«, sagte sie schließlich, ihre Stimme nun gefährlich ruhig. »Ich werde dir beweisen, dass du nicht der einzige bist, der Gold gewinnen kann. Und wenn ich das tue, wirst du derjenige sein, der meinem Fanclub beitritt.«
Jaeho lachte. »Wie süß, das glaubst du wirklich oder?« Jaeho spürte, wie sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. Die Vorstellung, dass Soo-yeon tatsächlich glaubte, sie könnte ihn übertrumpfen, war einfach zu köstlich.
»Aber eines muss ich sagen, kleine«, erwiderte er mit gespieltem Mitleid in der Stimme. »Dein Optimismus ist wirklich bewundernswert. Fast so beeindruckend wie deine... nun ja, sagen wir mal, deine Hartnäckigkeit.« Er machte eine abfällige Handbewegung. »Aber lass mich dir einen kleinen Realitätscheck geben: Es gibt einen Grund, warum ich der Landesbeste bin und du... nun, sagen wir mal, du bist eben du.«
Er trat einen Schritt näher, seine Augen funkelten herausfordernd. »Aber weißt du was? Ich bin in großzügiger Stimmung. Wie wäre es mit einer kleinen Wette? Wenn du es tatsächlich schaffst, bei den nächsten Meisterschaften Gold zu holen - was, lass es mich betonen, so wahrscheinlich ist wie Schnee im August - dann werde ich persönlich deinen Fanclub gründen. Zur Hölle, ich werde sogar der Präsident sein.«
Jaeho lehnte sich noch näher, seine Stimme nun ein provokantes Flüstern. »Aber wenn du verlierst, und lass uns ehrlich sein, das wirst du, dann wirst du öffentlich zugeben, dass ich der überlegene Athlet bin. Oh, und du wirst einen Monat lang meine Ausrüstung putzen. Deal?«
Er streckte seine Hand aus, ein herausforderndes Lächeln auf den Lippen. »Na, Soo-yeon? Hast du den Mut, oder sind das alles nur leere Worte?«
Innerlich war Jaeho überzeugt, dass er dieses kleine Spiel nicht verlieren konnte. Entweder würde Soo-yeon kneifen und er hätte gewonnen, oder sie würde die Wette annehmen und kläglich scheitern. In beiden Fällen würde er als Sieger dastehen. Es war perfekt - genau wie seine Schüsse.
»Ich werde dich sowas von fertig machen, dass du vor mir auf den Knien um Vergebung bitten wirst!«, stellte Soo-yeon klar.
Jaeho spürte, wie sich ein Kribbeln von seiner Hand ausbreitete, als Soo-yeon sie ergriff. Ihre Berührung war überraschend fest, fast schon herausfordernd. Er hielt den Blickkontakt, während sie seine Hand schüttelte, und für einen Moment glaubte er, einen Funken in ihren Augen zu sehen - eine Mischung aus Wut und Entschlossenheit, die ihn wider Willen faszinierte.
»Oh, Soo-yeon«, erwiderte er mit einem spöttischen Lachen, »deine Vorstellungskraft ist wirklich beeindruckend. Aber lass mich dir einen Rat geben: Träume sind schön und gut, aber Realität ist etwas ganz anderes.«
Er löste seine Hand aus ihrem Griff, ignorierte das seltsame Gefühl, das die Berührung in ihm ausgelöst hatte. »Ich freue mich schon darauf, zu sehen, wie du versuchst, mich ‚fertig zu machen‘. Es wird sicher... amüsant sein.«
Jaeho trat einen Schritt zurück, sein Blick nie von Soo-yeon weichend. »Aber weißt du was? Ich bin gespannt, was du zu bieten hast. Vielleicht überraschst du mich ja. Obwohl«, er machte eine theatralische Pause, »die Chancen dafür etwa so groß sind wie die, dass ich meinen Titel freiwillig aufgebe.«
Er wandte sich zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. »Oh, und Soo-yeon? Übe schon mal das Knien. Du wirst es brauchen - nicht für eine Entschuldigung, sondern um meine Trophäen zu polieren.«
Mit diesen Worten verließ Jaeho die Halle, das Echo seines selbstgefälligen Lachens hallte von den Wänden wider.
»Du kannst es einfach nicht lassen, oder?«, fragte Haejun, Jaehos bester Freund seit der Grundschule, ebenfalls Sportschütze, ihn als er ihm später in der Kantine von der kleinen Wette erzählte. »Hast du schon vergessen, das meine Schwester mit ihr befreundet ist? Sie wird mir ein Ohr abkauen, wenn sie davon erfährt. Das kannst du mir glauben.«
Jaeho lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck von seinem Energydrink. Er konnte das leichte Kopfschütteln seines Freundes nicht übersehen, aber es störte ihn nicht im Geringsten.
»Ach komm schon, Haejun«, erwiderte er mit einem selbstgefälligen Grinsen. »Du kennst mich doch. Wo wäre der Spaß, wenn ich es lassen würde?« Er stellte die Dose ab und lehnte sich verschwörerisch vor. »Außerdem, deine Schwester wird es verstehen. Sie ist doch mein größter Fan, oder nicht?«
Haejun seufzte tief. »Genau das ist das Problem, Jaeho. Junha vergöttert dich, aber Soo-yeon ist ihre beste Freundin. Du stellst sie damit in eine ziemlich schwierige Position.«
Für einen kurzen Moment spürte Jaeho einen Anflug von Schuldgefühlen. Junha war immer nett zu ihm gewesen, fast wie eine kleine Schwester, die er nie hatte. Aber er schob den Gedanken schnell beiseite. Er war hier, um zu gewinnen.
»Hör zu«, sagte er, seine Stimme nun ernster. »Es ist doch nur eine harmlose Wette. Soo-yeon hat zugestimmt. Wenn sie nicht damit umgehen kann, hätte sie es nicht tun sollen.«
Haejun zog eine Braue in die Höhe. »Habe ich dir schon einmal gesagt, dass du manchmal echt ein Idiot sein kannst?«
Jaeho blinzelte überrascht. Es kam selten vor, dass Haejun so direkt mit ihm sprach. Für einen Moment war er sprachlos, dann brach er in schallendes Gelächter aus. »Ein Idiot? Ich? Der beste Sportschütze des Landes?«
Er wischte sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. »Du musst zugeben, das ist ziemlich lustig.«
Haejun seufzte und schüttelte resigniert den Kopf. »Na schön, dann seid ihr eben beide Idioten. Du und Soo-yeon.«
Jaehos Lachen verstummte allmählich, aber das selbstgefällige Grinsen blieb auf seinem Gesicht. Er lehnte sich vor, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und fixierte Haejun mit einem durchdringenden Blick.
»Komm schon, Haejun. Du kennst mich besser als jeder andere. Weißt du nicht, dass ich immer gewinne? Diese kleine Wette ist nichts anderes als ein Spiel, und ich bin der Meister darin.«
Haejun schüttelte erneut den Kopf, diesmal mit einem Anflug von Frustration in seinen Augen. »Das ist es ja gerade, Jaeho. Nicht alles im Leben ist ein Wettkampf. Manchmal geht es um mehr als nur Gewinnen oder Verlieren. Das habe ich dir schon einmal gesagt.«
Jaeho spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog. Er hasste es, wenn Haejun so... vernünftig klang. Es erinnerte ihn daran, dass es vielleicht doch mehr im Leben gab als nur Siege und Trophäen. Aber er konnte, nein, er wollte das nicht zulassen.
»Hör zu«, sagte er, seine Stimme nun eine Mischung aus Überzeugung und einem Hauch von Unsicherheit, den er verzweifelt zu verbergen versuchte. »Ich weiß, was ich tue. Soo-yeon ist stark genug, um damit umzugehen. Und wer weiß? Vielleicht wird sie am Ende sogar davon profitieren.«
»Profitieren? Du meinst, weil du sie herausforderst und ihren Ehrgeiz weckst?«, fragte Haejun. »Du willst sie so zu Höchstleistungen anstacheln?«
Jaeho zögerte für einen Moment, überrascht von Haejuns scharfsinniger Beobachtung. Er hatte nicht erwartet, dass sein Freund die Situation so schnell durchschauen würde. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht, eine Mischung aus Anerkennung und leichter Verlegenheit.
»Nun, vielleicht«, gab er schließlich zu, seine Stimme etwas leiser als zuvor. »Sieh mal, Soo-yeon hat Potenzial. Das weiß ich seit der Oberschule. Aber sie braucht etwas, das sie antreibt, etwas, das sie über ihre Grenzen hinauswachsen lässt.«
Er lehnte sich vor, plötzlich ernster. »Du kennst mich, Haejun. Ich mag arrogant sein, ich mag ein Idiot sein, wie du so schön sagst. Aber ich weiß auch, was es braucht, um an die Spitze zu kommen. Manchmal braucht man einen Rivalen, jemanden, den man unbedingt schlagen will.«
Haejun stöhnte auf. »Ohne Witz, ich bin echt froh, dass ihr beide in zwei verschiedenen Disziplinen antretet. Ansonsten hätte Soo-yeon dich vermutlich längst erschossen.«
Jaeho lachte, diesmal aufrichtig. »Da hast du wahrscheinlich recht. Sie hat definitiv das Temperament dafür.« Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Energydrink, sein Blick wurde nachdenklich. »Weißt du, manchmal frage ich mich, wie es wäre, wenn wir in derselben Disziplin antreten würden. Es wäre... interessant.«
Haejun hob eine Augenbraue. »Interessant? Du meinst wohl eher explosiv. Ihr beiden würdet das Trainingsgelände in Schutt und Asche legen.«
Für einen Moment stellte Jaeho es sich vor. Soo-yeon und er am selben Schießstand. Ein Vulkanausbruch wäre nichts dagegen.
Jaeho konnte nicht anders, als bei dieser Vorstellung erneut zu lachen. »Du hast wahrscheinlich recht«, gab er zu, ein seltenes Funkeln von Belustigung in seinen Augen. »Wir würden vermutlich mehr Zeit damit verbringen, uns gegenseitig anzuschreien, als tatsächlich zu schießen.«
Jaeho lehnte sich in seinem Stuhl zurück, das Bild von ihm und Soo-yeon am selben Schießstand noch immer lebhaft in seiner Vorstellung. Er konnte fast ihre feurigen Blicke spüren, die Spannung in der Luft, die Intensität ihrer Rivalität. Es war eine seltsam aufregende Vorstellung.
»Weißt du«, sagte er nachdenklich, »vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Ein bisschen Feuer im Training könnte uns beide weiterbringen.«
Haejun schnaubte amüsiert. »Feuer? Eher ein Inferno.«
Jaeho grinste breit, die Vorstellung eines »Infernos« am Schießstand seltsam verlockend. »Vielleicht ist das genau das, was wir beide brauchen«, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Haejun.
Er stand auf, streckte sich und spürte, wie die Anspannung des Tages langsam aus seinen Muskeln wich. »Weißt du was? Ich glaube, ich werde morgen früh eine Extra-Trainingseinheit einlegen. Man weiß ja nie, wann man eine feurige Bogenschützin herausfordern muss.«
Haejun schüttelte den Kopf, ein resigniertes Lächeln auf den Lippen. »Du bist unverbesserlich, Jaeho. Aber pass auf, dass du dich nicht verbrennst.«
Jaeho zwinkerte seinem Freund zu. »Keine Sorge, ich bin feuerfest.« Mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen, das selbstsichere Lächeln fest auf seinem Gesicht.
Doch als er die Kantine verließ, konnte er nicht umhin, über Haejuns Worte nachzudenken. Feuer. Inferno. Verbrennen. Es waren gefährliche Worte, besonders wenn es um jemanden wie Soo-yeon ging. Aber anstatt ihn abzuschrecken, spürte Jaeho, wie sich eine seltsame Aufregung in ihm ausbreitete.
Er hatte lange keine echte Herausforderung mehr gehabt, niemanden, der ihn wirklich an seine Grenzen brachte. Vielleicht war es an der Zeit, das zu ändern. Vielleicht war Soo-yeon genau das Feuer, das er brauchte, um wieder zu brennen.









🤣🤣🤣🤣Eigentlich wollte ich nur mal stöbern. Das Buch gefällt mir aber so gut, dass es auf meiner langen Leseliste Platz gefunden hat 🤣🤣🤣🤣🤣
Der Einstieg/ das erste Kapitel ist Dir mit den feurigen Dialogen supergut gelungen. Ich denke die drei Protagonisten haben sich schon bei mir ins Herz gemogelt🤣🤣🤣🤣🤣