Er holt uns alle

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Summary

Er rennt. Er rennt nicht nur, er flieht. Eine Flucht, die wir alle antreten. Manche schneller, manche langsamer. Vielleicht mag es auch wenige geben, die Ihn mit offenen Armen empfangen. Aber am Ende ist die Flucht vergebens, denn Er holt uns alle.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Er holt uns alle

Ein dunkler Schatten verfolgt mich. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um das zu wissen. Er beobachtet jeden meiner Schritte, seitdem ich den ersten auf dieser Welt gemacht habe.

Wieso sollte es jetzt anders sein? Jetzt wird er mich erst recht verfolgen. Er sitzt mir im Nacken, treibt mich vor sich her, als wäre ich Wild und er der Jäger. In gewisser Weise ist er das sogar.

Seit ich diese Wüste betreten habe, hetzt er mich. Er zwingt mich dazu, über den heißen Sand zu rennen, den ich unter meinen nackten Füßen spüre. Ab und zu liegen Scherben auf dem Weg, in die ich hineintrete, die sich in meine Fußsohle bohren, mit jedem Schritt tiefer, mit jedem Schritt schmerzhafter. Gleißender. Stechender. Schneidender.

Meine Füße hinterlassen blutige Spuren im Sand und ich weiß, selbst wenn er nicht so nah hinter mir wäre, würde ich ihn spätestens jetzt näher zu mir locken. Dabei ist das gar nicht nötig. Ich weiß auch, dass ich den Scherben nicht ausweichen kann. Wenige Male habe ich es versucht und für jede, der ich ausweichen konnte, bin ich in zwei neue getreten. Die Narben, die ich so davongetragen habe, kann ich nicht mehr zählen. Aber die schlimmen Wunden sind noch offen. Und sie bleiben es.

Ich höre seine Schritte, sie klingen, rasseln oder klappern. Ich kann es nicht genau ordnen. Es ist gruselig, unheilverkündend. Fast, als würde er Sporen tragen. Ab und zu spüre ich sogar seinen Atem in meinem Nacken. Ein warmer, unheimlicher Atem, der meine Haut streift wie ein sanftes Versprechen. Das Versprechen, dass er da ist. Das Versprechen, dass er mich verfolgt und nicht von mir ablässt. Ich weiß, dass er manchen, so wie mir, eine Weile dicht auf den Fersen ist, während er andere aus heiterem Himmel zu überfallen scheint. Wieder andere scheinen ihn mit offenen Armen zu empfangen und wieder andere rufen ihn freiwillig zu sich und rennen ihm entgegen.

Ich kenne Menschen, die ihm entkommen konnten. Sie spüren wieder Freude in ihrem Leben, sind glücklich. Glücklicher als zuvor?

Vorerst.

Vielleicht kann ich das auch schaffen, sage ich mir mit jedem weiteren Schritt, wenn ich es leid bin zu fliehen und kurz davor bin, aufzugeben.

Bis dahin rapple ich mich immer wieder auf und flüchte. Aber in letzter Zeit weiß ich zu gut, dass er mir im Nacken sitzt. Ich spüre, wie seine schneidenden Augen auf mir ruhen, die ganze Zeit, selbst, wenn ich trotz allem ein wenig Ruhe finden kann.

Selbst wenn ich schlafe gibt es kein Entkommen. Er hat sich längst in meine Träume geschlichen und sie in Albträume verwandelt. Anfangs waren meine Träume von Mondlicht erhellt, das die Bäume des erträumten Waldes zu hellen Schatten werden ließ. Bis ich seine Silhouette in dem Licht erblickte und er es nach und nach zu verschlucken schien. Er raubte meinem Träumen das Licht, immer mehr. So lange, bis es stockfinster war. Seitdem renne ich nachts blind durch die Finsternis, jedem Lichtblick beraubt. Die einzige Orientierung, die ich habe, ist das so vertraute Geräusch seiner langsamen Schritte. Immer wieder begleitet von dem Knacken eines Astes oder dem Rascheln von trockenem Laub. Ich weiß, er ist da, obwohl ich ihn durch die Dunkelheit nicht sehen kann. Ich höre ihn, wie er um mich schleicht, als sei ich eine Maus und er die Katze. Während ich orientierungslos dahinstolpere weiß er genau, was er tut.

Jedes Mal wache ich auf, und jedes Mal habe ich Angst davor. Ich habe Angst vor ihm. Aber ich wache auf, stehe auf und laufe weiter. Durch die mit Scherben gespickte Einöde dieser Wüste. Über den heißen Sand. Durch den Tag, einen nach dem anderen, beleuchtet, und dennoch weiß ich nicht, wohin.

Jeden Morgen lässt er mir einen kleinen Vorsprung, so gering, dass ich ihn dennoch nie vergesse und spätestens abends, wenn die Sonne untergeht, ist er wieder bei mir und begrüßt die Nacht mit mir.

Seine allgegenwärtige Präsenz ist ein düsteres Versprechen.

Bis zu dem Morgen, an dem er stehenbleibt und mich ziehen lässt. In den Tag hinein, der Sonne entgegen. Er sieht mir hinterher, macht aber keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Auch nicht, als er vor dem Horizont immer mehr zu einer kleinen, unbedeutenden Figur wird.

Ich laufe, ich renne. Die Schnitte an meinen Füßen sind über Nacht geheilt, die Scherben werden weniger und sind nicht mehr so spitz wie zuvor. Bis sie selbst unter dem Sand begraben liegen.

Unter dem Sand, über den ich renne. Der nun nicht mehr heiß, sondern angenehm warm ist. Wärme bedeutet Leben. Leben ist gut.

Ich bin frei! Ich laufe der Sonne entgegen, die sich immer weiter am Himmel emporkämpft, die alles in ihr Licht taucht. Sie brennt nicht, sie wärmt.

Ich renne weiter, ohne zurückzublicken, lasse die dunklen Gedanken hinter mir und ihn mit ihnen. Die Albträume, all das Leid und all den Schmerz.

Ich kann mein Glück kaum fassen!

Ich springe, ich singe, ich klatsche und pfeife ausgelassen. Ich kann wieder frei atmen!

Und dann sehe ich einen kleinen See, auf dessen Oberfläche die Strahlen der Sonne funkeln. Erst jetzt merke ich, wie durstig ich bin. Wie ausgedörrt meine Kehle ist, wie trocken mein Mund und wie schwer beides das Schlucken macht.

Das Wasser ruft mich zu sich, ein Sinnbild für die Hoffnung. Ich gehöre auch zu denen, die entkommen konnten! Ich springe und jubele in dieser Einöde. Meine Schritte werden noch schneller. Gleich, gleich bin ich da!

Noch wenige Meter!

Der Sand hinter mir wirbelt auf. Auch ohne Blut an den Füßen hinterlasse ich eindeutige Spuren, wenn auch auf andere Art als zuvor. Abrupt komme ich am Ufer zum Stehen, sodass ein wenig Sand über die etwas höhergelegene Uferkante in den See rieselt und von ihm verschluckt wird. Dort, wo das Ufer flacher ist, ist der Sand matschig. Nicht so hier.

Ich will nichts weiter als trinken und leben! Weitergehen. Zurückgehen. Dorthin, wo ich eigentlich herkomme.

Ich falle auf die Knie, beuge mich hinab, um meine Hände in das kühle Nass zu tauchen. Kleine Insekten huschen über die Oberfläche, lösen kleine Erschütterungen aus, die sich als Wellen verbreiten. All das, während die Sonne mir sowohl von oben als auch von unten, durch den See gespiegelt, entgegenscheint. Es ist ein Anblick wie von Gott gesandt und alles ist gut. Es herrscht Friede. Nichts als allumfassender Friede. Hoffnung. Ich kann trinken. Ich kann aus dieser Wüste entkommen. Ich kann -

Das Geräusch lässt mich erstarren.

Es ist weit weg, aber unverkennbar.

Dieses Klirren, Rasseln oder Klappern. Nur, dass es diesmal fast untergeht. Unter einem zweiten Geräusch.

Donnernde Hufschläge, die näherkommen. Immer näher, immer schneller.

Ich wende den Blick nur ungern von dem strahlendem Gewässer ab. Aber ich tue es.

Bereue meine Entscheidung sofort und will meine Augen wieder verschließen. Aber vor der Wahrheit gibt es kein Entkommen, selbst wenn ich nicht hinsehe. Ich kann sie ignorieren, aber die Wahrheit bleibt die Wahrheit.

Jeder weiß, so wie ich auch, dass es kein Entkommen gibt. Und doch will ich flüchten.

Vor dem schwarzen Pferd und seinem verhüllten Reiter, die in rasendem Galopp auf mich zukommen. Er treibt das Tier mit seinen Sporen gnadenlos voran. Daher dieses Rasseln. Es sind wirklich Sporen. Und es rennt, schneller und schneller, mit vorgerecktem Hals.

Angstschweiß übergießt mich, als hätte jemand alles Wasser, das hier vor mir ist, über mich geschüttet.

Er, der mich so lange verfolgt hat, mich freigelassen hat, um mich nun umso schneller einzuholen. Ich bin nicht bereit dazu. Oder?

Sein Gesicht ist unter einer Kapuze verborgen, aber ich muss es nicht sehen, um zu erkennen, wer er ist.

Mit jeder Geburt wird eine Grube ausgegraben, vielleicht von ihm selbst oder von jemandem, der ihm dient. Eine Grube, in die er uns betten wird. Wenn er uns kriegt.

Dabei ist es keine Frage des Ob, sondern nur eine des Wann. Das ist die bittere, niederschmetternde und für manche dennoch befreiende Wahrheit.

Ich stehe nur da, während das Pferd schnaubend auf mich zurennt. Seiner kraftvollen Muskeln bin ich mir zu bewusst. Niemals entkäme ich ihm, selbst, wenn ich noch alle meine Energie hätte. Doch ich habe einen großen Teil davon auf meiner Flucht verbraucht.

Zeit, der Realität ins Auge zu sehen.

Also rühre ich mich nicht, als der dunkle Reiter seine Waffe auf mich richtet.

Ich weiß, er wird eine Zeit lang gemütlich weiterreiten, bevor er das Pferd vermutlich zurücklässt. Oder er steigt nicht ab, treibt den Nächsten nicht so lange vor sich her, wie er es mit mir getan hat. Überrennt ihn direkt

Fest steht: Er wird es sich wieder holen, wenn er es braucht.

Wie er jeden holt.