Chapter 1
Die dunkle Pflaumenblüte wurde letzten Winter von Wang heimgebracht.
Ihr magerer dreifach geteilter Stamm, der dunkelrote Plastiktopf, voll Staub von vorbeifahrenden Autos. Der unerfahrene Blumenverkäufer stellte sie unglücklicherweise unter die pralle Sonne, um Käufer anzulocken, doch nur wenige Passanten erkannten ihren wahren Wert und ließen sie verdursten.
»Dreihundert.« Als die untergehende Sonne den Himmel färbte, war die Stimme des Verkäufers schon leiser.
»Ich komme wieder, wenn sie tot ist«, sagte Wang, klopfte den Staub von seiner Jacke und ging davon.
»Hundert, nur hundert! Ich verkaufe sie dir für hundert.«
Wenn er sie nicht loswürde, könnte er sie morgen wahrscheinlich nicht einmal für dreißig loswerden.
In einer chinesischen Vier-Linien-Stadt*, wo verwaiste Fabrikkomplexe wie monumentale Grabsteine der Reformära in den Himmel ragten, ist ein günstiges Mietzimmer für fünfzig Dollar im Monat keine Seltenheit. Dort ragte die Pflanze auf dem engen Balkon kümmerlich hervor, grotesk lebendig, wie die dürren Finger, die aus dem staubigen Boden krochen.
Die sogenannten »dunklen Pflaumenblüten« auf dem Markt sind meist dunkelrot, nie rein schwarz. Diese Pflanze war vielleicht eine genetische Mutation oder ähnliches - sie war wie ihr Besitzer von Geburt an wie ein Klumpen unaufgelöster Tinte dunkel.
Leider brachte sie trotz eines Jahres Pflege nicht viel Blätter hervor; die einzige Blüte an der Spitze ihres Zweiges glich einer geschrumpften schwarzen Plastiktüte, die dauerhaft herunterhing.
Xi wurde ebenfalls an einem Weihnachtstag von Wang aufgelesen.
Jener Tag war voller Schnee, der vom Tag bis in die Nacht fiel.
Als der Tag vorüber und es Mitternacht war, hörte der Schneefall auf, doch der Boden war gefroren und glatt. Auf dem Heimweg blieb sein altes, vor fünf Jahren gekauftes Auto stehen, gab ein paar schwarze Rauchschwaden von sich und bewegte sich nicht mehr. Wang ließ es einfach in der nächsten Gasse zurück, nahm seine Sachen und ging zu Fuß nach Hause.
Seit dem Verbot von Feuerwerk war das spärliche Neujahrsfeuerwerk in der kleinen Stadt ganz verschwunden. Im Augenblick des alten Jahreswechsels gab es nur das dumpfe Ticken der staatlichen Uhr, aber das grüne Licht und der Duft entwichen nirgends hin und wurden schnell von der Dunkelheit verschluckt. Die trostlosen Himmelsweiten wurden von distanziert blickenden kalten Sternen erstarrt.
»Scheißwetter.« Wang verzichtete darauf, seine Taschenlampe zu benutzen und stolperte über einen Ziegelstein. Sein Fluch verlor sich in der dunklen Gasse, während der Duft nach nassem Zement und verrostetem Eisen in seine Nasenlöcher kroch.
Die ferne Beleuchtung der Hochhäuser glich einem leuchtenden Bienenstock, wo Menschen in ihren Käfigen hüpften und lachten.
»Weh, weh, weh...« Direkt vor ihm kam ein Rufen, wie im Traum, sterbend und schwach. Es war wie ein kaum greifbarer Faden, der sich um sein Herz wickelte, vermischt mit knisternden Geräuschen, die nicht wie der Wind klangen, sondern nach etwas Unreinem.
Wang spürte den metallischen Nachgeschmack von Eisen auf der Zunge. Seine Fingerspitzen entzündeten ein dunkelrotes Flackern, als würden glutrote Runen unter der Haut erwachen. Er setzte sanft das, was er trug, ab. Seine Hände formten instinktiv das Siegel des Drachenmauls, eine Geste die seit Generationen in seiner Familie weitergegeben wurde.
Seit Wang in das Mietshaus am Stadtrand gezogen war, hatte er diesen dunklen, kalten Langweg nur dreimal betreten. Zweimal davon musste er es dem Versagen seines Gebrauchtwagens zuschreiben, was Wang dazu zwang, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Ein weiteres Mal war er hinter einer dämonischen Kreatur her. Leider konnte er sie nie einholen.
Das trübe Licht der Straßenlaternen zerbrach an den scharfkantigen Schatten der Dachziegel. Wang ging vorwärts, ganz der Höflichkeit. Er tat so, als wäre er nur ein gewöhnlicher Passant. Schließlich können normale Menschen diese Dinge nicht sehen.
Die meisten Bewohner des Viertels waren ältere Menschen, die nicht die Energie der jüngeren Generation hatten, um bei so vielen lebensverzehrenden Aktivitäten wie dem Kampf um rote Umschläge oder dem Wachbleiben bei dem Jahreswechsel mitzuhalten, und gingen früh schlafen. Die alten Häuser mit ihren weißen Wänden und grauen Ziegeln standen aneinander gereiht wie Grabhügel, leblos und still.
Ein Hof stand weit offen, unordentliches Gras lag auf der verblassten Schwelle, als hätte es vor, sich am nächsten Tag zum Aufstand zu verabreden und zu fliehen. Wang verlangsamte seine Schritte, seine Finger krümmten sich zu Krallen, bereit die unsichtbaren Fäden des Schutzkreises zu spinnen, warf aber heimlich einen Blick hinein.
— Oh, vier oder fünf dunkle Hakengeister, die verzweifelt an einem kleinen Jungen zerrten!