Der Weg der Tränen - Teil Eins
Asali konnte sich kaum noch zu Sinnen halten. Ihr Körper war geplagt von Verletzungen, die jeder Bewegung Schmerzen ließ und deren offenen Wunden eine warme Flüssigkeit entkam, die durch die Nässe nicht an ihrem Fell kleben blieb, sondern an dessen Spitzen in Strömen herunter tropfte. Der starke Regenfall verringerte zumindest den Geruch des Blutes, das einerseits vom Gegner war, aber größtenteils ihres.
Am meisten erlitt ihr rechtes Bein. Sie musste beim Laufen darauf verzichten, sodass sie es angewinkelt und nahe an ihrem Brustkorb haften ließ. Es war zu einem Verlust geworden. Die Krallen ihrer Pfoten, allesamt ausgefahren, blutverschmiert, regten sich noch durch die Gedanken des vergangenen Kampfes.
Doch selbst das kleinste Zucken blieb aus. Kein Zittern, nichts regte sich.
Die Spitze ihrer Vorderpfote war verloren.
Humpelnd schleppte sie sich voran, der Boden unter ihr, ein einziger Verrat. Schlamm blieb an ihren Pfoten kleben, fiel nur schwer bis zum nächsten Schritt von ihr ab und sank zusammen mit ihr ein. Jeder Schritt war eine Befreiung, aber zugleich eine Niederlage.
Es war kein Gehen mehr, kein Vorankommen-es war ein Trotz.
Der Boden drang sie gegen das Weitergehen, doch sie kam dem Aufgeben nicht nach.
Hinter ihr-hinterbliebene Spuren gefüllt mit Tropfen des Blutes. Kleine Gräber jeden Schritts wurden zu dunkleren Schatten als die der Nacht.
Ihr Atem stockte mit jedem Mal, als ihre Wunden umso brannten, wenn sie eine weitere Bewegung wagte und ihr Körper vor Kälte zitterte.
Als verletzte Löwin in dieser stürmischen Nacht irrte sie in unbekannten Gebieten herum, jedoch mit dem Wunsch, ihrem Rudel so weit wie möglich fern zu bleiben.
Ein Donnerschlag knallte im Himmel sichtbar über ihr herbei und sie zuckte zusammen. An das gleichmäßige Rauschen des Regenfalls, das für sie wie betäubende Stille war, in der sie nichts weiter hören konnte, hatte sie sich gewöhnt. Doch jetzt-war es laut. Vor Schreck blieb sie stehen, als sie plötzlich etwas anderes zu hören bekam, dass gleichzeitig ihr Bewusstsein zurück zum Sinnen brachte. Auf einmal spürte sie die Realität. Es waren nicht ihre Schmerzen, die sie quälen wollten. Diese hatten sich schon zu oft überhäuft, als dass sie sie überhaupt noch hätte spüren können.
Es war der Verlust eines überaus Bedeutsamen, wofür sie sich die Schuld gab. Ein Teil ihres Herzens war gebrochen worden.
Ihr Rachedurst forderte das Verdrängen der Trauer, um den Hass ausbrechen zu lassen und für ihre Rache zu nutzen.
Asali begann zu bereuen, dass sie unfähig war zu beschützen, aber durchaus fähig zu rächen. In diesem Moment hasste sie sich selbst mehr als den Mörder ihrer kleinen Schwester.
Weder den Regen, noch den ständig einschlagenden Knall der Blitze bekam sie mehr mit. Asali konnte gerade gar nichts mehr hören. Selbst ihre Stimme war unfähig gar einen Laut abzugeben. Sie war verstummt und zu ängstlich, als dass sie sich mit ihr wieder bemerkbar in der Realität machen wollte.
Nun war es doch um Asali geschehen-sie hatte Angst.
Momente, die ihre Augen sahen, diese ihr Leben und ihr Herz zerrissen, kamen allesamt in nur wenigen Sekunden aus ihren Erinnerungen hervor und spielten sich in genauer Reihenfolge ab. Genauso, wie es geschah. Wieder jeder Moment, die Grausamkeit an sich anhand ihres Lebens bewiesen wurde…
Im Einbruch der Nacht klagte ihre kleine Schwester Suki, dass es ihr unmöglich sei, jetzt zu schlafen. Am nächsten Morgen sollte ihre allererste Jagd auf Alleingang stattfinden – der entscheidende Schritt, um im Rudel als vollwertige Löwin anerkannt zu werden.
Asali hatte keinen Zweifel an Sukis Nervosität. Deshalb schlich sie sich mit ihr aus dem Rudel davon, um zu den Orten zurückzukehren, an denen sie ihre Kindheit verbracht hatten. Schon immer hatte sie Suki dorthin mitgenommen, um sie auf andere Gedanken zu bringen und über alte Zeiten zu sprechen, die nie an Reiz verloren.
Das Unwetter bestimmte schließlich ihren Rückweg. Asali ging voran, Suki folgte ihr. Sie suchten Schutz unter einem Baum vor dem starken Regen und schliefen nach einiger Zeit ein – der Regen machte eine Weiterreise unmöglich.
Als Asali erwachte, war Suki tot.
Ein Löwenmännchen stand mit blutverschmiertem Maul über ihr. Es hatte sie im Schlaf angegriffen und starrte Asali an – doch es tat ihr nichts. Um sein sadistisches Werk zu vollenden, wartete es nur noch auf ihren Gesichtsausdruck. Dann begann der Kampf um Leben und Tod.
Die warmen Tropfen, die unter ihren Augen hinab flossen, wären für sie kaum spürbar gewesen, hätte die nasse Kälte des Regens das Gefühl von Wärme nicht noch verstärkt.
Ihr war eiskalt, doch die Wärme ihrer Tränen brachte sie wieder zur Besinnung. Vor ihren Augen verschwanden die vielen Bilder, wurden erneut zu Erinnerungen, die auf ein Zeichen der Rückkehr warten würden.
Sie begann, um ihre kleine Schwester zu trauern – die Tränen galten ihr und der schmerzhaften Vorstellung, wie sie es der Ältesten beichten sollte.
Wie sie, die Stärkste unter ihnen, es nicht geschafft hatte, Suki zu beschützen.
Asali blieb stehen. Sie wagte keinen weiteren Schritt, denn sie wusste, dass ihr Körper keine Kraft mehr hatte.
Sie sah auch keinen Grund mehr, weiterzukämpfen.
Zum blitzenden Himmel hob sie ein letztes Mal den Blick, um sich von der Grausamkeit zu verabschieden.
Ihr Körper begann, sich dem Boden zu nähern. Die Beine wurden kraftlos, brachen zusammen, fielen – und zogen alles mit sich hinab.
Ihr Kopf, der sich am längsten noch aufgerichtet hielt, blickte weiter nach oben.
Asali schaute den Regentropfen entgegen, die plötzlich viel langsamer fielen als zuvor.
In ihr regte sich ein Gefühl, das sie erst heute kennengelernt hatte.
Sie war überrascht, dass es nicht nur dem Feind gelten konnte.
Hass war für sie immer ein zu starkes Wort gewesen, um es leichtfertig zu gebrauchen – ein Gefühl, das viel Kraft forderte.
Sie hätte nicht gedacht, es heute, und dann sogar zum zweiten Mal, zu empfinden.
Auch wenn es nur ein Hauch von Worten war, unverständlich selbst für sie, fand ihr Wille doch noch Kraft, es auszusprechen.
„Ich hasse den Regen …“
Ein schwaches Blinzeln verjagte die angesammelten Tränen und erlaubte ihr einen letzten klaren Blick auf das verdunkelte Grau der Wolken, die sich langsam zu lösen begannen.
Asalis schwaches Lächeln galt dem ersehnten Ende des Regens.
Der Anblick des Himmels war schließlich das Letzte, was sie sehen wollte.
Von der Kälte umgeben schlief sie ein, aber sie war nicht allein gewesen. Nicht mehr, denn im Moment ihrer letzten Atemzüge, wurde sie doch noch gefunden und als sie das schwere Aufkommen der Schlamm überzogenen Tapsen, die ihren langsamen Herzschlägen ähnelten, nicht mehr hörte, überkam sie plötzlich eine Wärme, die all ihren Schmerz vergessen ließ.
Asaliś Ohren zuckten, als sie erkannte, dass es ruhige und gleichmäßige Atemzüge waren, die über ihren Körper wanderten.
Die offenen Wunden, die ihr Schmerz durchlitten ließ und Kälte einbrachten, begannen sich von selbst zu verschließen.
Ihr wurde plötzlich wärmer, sodass es sich anfühlte, als hätte man ihr Leben eingehaucht.
Selbst ihr schwerwiegender und erdrückender Schmerz an ihrer Flanke war verschwunden.
Als wären ihr die rauen Ketten abgenommen wurden, die sich bis in ihr Innerstes gruben, fühlte sie sich wieder frei zu atmen, ohne die Angst, dass selbst das Heben ihres Brustkorbes ihr mehr Leid zu ertragen ließ.
Die Kratzer und Bisse übersäten ihren Körper an jenen Stellen, an denen sie mit Maul und Klaue angegriffen worden war – dort, wo sie am anfälligsten für Schwäche war, wie an ihrer verunstalteten Flanke. Ein erfahrener Kämpfer wusste, wo die Wunden am tiefsten trafen. Und nur der Drang, seinesgleichen bis in den Tod zu treiben, war der reine Wille einer Bestie.
Ihre Verletzungen reichten bis in die Tiefe – geschaffen, um Narben zu hinterlassen, die niemals verblassen und den Schmerz ewig festhalten sollten. Doch sie wurde von dieser Qual gelöst, als wäre sie nie gekommen, um zu bleiben.
Nun begann in ihr der Wunsch zu erwachen, aufzuwachen.
Nüchtern gewordene Reflexe durchzuckten ihren Körper und die Klauen spreizten sich. Sie begannen nach nichts zu greifen, doch das Gefühl der Bewegung war ein unerhörtes Wunder. Das Wahrnehmen von etwas, was eigentlich als verloren galt-was war es?
Der Schmerz war verschwunden. Kein Ziehen in den Rissen ihrer Wunden, kein Brennen, keine vertrauten Narben, die ihren Körper geprägt haben. Nichts mehr, wie es war.
Mit einem einzigen, kräftigen Atemzug rissen ihre Augen auf und hielten ihre Lider durch ein Starren in sich selbst offen. Ein Schweigen der Schreie ihrer einst so wachen Schmerzen-wie ein Schleier legte er sich über die Wahrnehmung ihrer Sinne, sodass seine Anwesenheit nur spürbar für jene waren, die nicht gerade dem Wunder ihrer eigenen Heilung erlagen.
“Es werden keine Narben bleiben.”
Die tiefe Stimme war ein Schreck. Unter dem Hall zuckte sie zusammen und sie durchzog ein kaltes Kribbeln.
Eben noch spürte sie das Streifen seines Atemhauchs auf ihr wandern und hinterließ ein flüchtiges Aufsetzen von Wärme, dessen Berührung selbst mehr Bedeutung hatte als vorzugeben.
Es waren nun Blicke von fremden Augen, die an ihr haften.
Ein unwillkürliches Zucken zwang sie zum Regen ihrer Krallen. Schatten alter Kämpfe weckten ihre Reflexe.
Erneut begegnete sie einem Löwen, seinem Blick.
Noch ein Wilderer, dachte sie.
Sie starrte ihn an, als würde sie ihn kennen, doch aus keinem guten Grund. Ihr Atem wurde schneller, unregelmäßiger und begann sie zu quälen.
Sie rankte nach Luft, die schwer zu fassen war. Gleichzeitig kam ihr wieder das Gefühl der Angst hoch.
Der Speichel sammelte sich in ihrem Maul, gab ihr erneut den Geschmack des Ekels.
Das Blut eines Toten widerte sie an und es würde ihr immer wieder zu Sinnen kommen, sobald sie dieselben Augen sah, die sie dazu trieben, es aus ihm raus spritzen zu lassen.
Sofort kam es ihr bekannt vor. Das Bild von ihm. Sein Gesicht, es war dasselbe.
Der schwarze Löwe, dem sie den Tod einbrachte, war fort. Gerade sah sie zwar nicht denselben brutalen Augen entgegen, doch er ähnelte ihm dennoch.
Da die Dunkelheit des Sturmes vorbeizog, ließ das Licht der Sonne die Farbe seines Fells glänzen. Durch die Nässe, womit er überzogen war, erstrahlte es in seinem Weiß.
Ein ebenso fester Blick, der nicht von ihr abließ und es auch nicht vorhatte, wandelte auf ihr.
Sie schaute zu ihm auf, sah keine Feindseligkeit oder irgendeine Art von Kampflust in ihm aufblitzen.
Beinahe hätte sein monotoner Ausdruck sie dazu getrieben, das Schweigen zu brechen, doch schon begann er im nächsten Moment den Atem anzuhalten und zum Sprechen anzusetzen.
Ein Hauch seines Stimmklanges erfassten ihre zittrigen und kalt gewordenen Ohren, die eigentlich erst durch seine Berührung wieder Wärme erfahren hatten.
“Die Wunden sind zwar verschlossen, jedoch wirst du dich auf Grund deiner Dehydration und großer Menge von Blutverlust noch sehr schwach fühlen.” Seine Stimme war tief und fremd, als er sich über sie beugte, die schmutzigen Pranken dicht neben sie platzierte. Sie blieb liegen, rührte sich nicht, doch Muskeln unter ihrem Fell spannten sich.
Er erwiderte ihren fokussierten Blick auf ihn-nicht aus Angst, sondern aus einer Ruhe heraus, die sie nicht verstand.
Ihr Herzschlag donnerte in ihrem Ohr.
Da war sein langsamer Atem, der sich mit ihrem vermischte. Das Senken seines Brustkorbs, was ein Streichen seiner prächtigen Mähne an ihrem Hals verursachte. Als sie ihm weiter zuhörte, begann sie sich zu beruhigen.
Und dann-endlich-erkannte sie, was er ihr antat.
Sie schaute zu ihrer Pfote, ihrem Bein entlang und sah, wie sich die letzten Kratzer von selbst verschlossen und die Wunden vergaßen zu bluten.
„Mich interessiert mehr, warum deine Zunge meine Wunden heilt“, sagte sie. Ihre Stimme klang ernst, und ein Knurren begleitete ihre Worte – eine Warnung, dass sie ihn nicht traute und Abstand erwartete.
Schwach zu sein, aber dennoch Stärke und Ehrfurcht zu zeigen. Er war fasziniert.
Was passiert hier? Warum ist er hier? Was will er?
Am liebsten wäre sie verschwunden, hätte sich vor ihm in Sicherheit gebracht. Doch das seltsame Gefühl von Leichtigkeit in ihrem Körper forderte eine Erklärung. Ihre Neugier wuchs – sie konnte die Frage nicht länger unterdrücken.
“Du…wer bist du?”.
Er stützte sich langsam von ihr ab, richtete sich auf und sah mit einem Schmunzeln auf sie herab.
“So wie du mich ansiehst-dein Instinkt täuscht dich nicht. Ich bin das Wesen mit jener übernatürlicher Macht, die als verloren galt. Und ja-ausgerechnet du hattest das Schicksal, mir zu begegnen.”
“Der weiße Dämon?!”, entfuhr es ihr in einem keuchendem Ruf.
“Genau. Aber meine Mutter gab mir den Namen Sora- bedeutet Himmel.”
Über Magie belehrt zu sein oder ihr je zu begegnen, war nichts Ungewöhnliches. Selten war dessen Existenz, doch als königliches Rudelmitglied der Savanne war es schließlich der König selbst, der davon betroffen war. In seinen Adern fließt das schwarze Dämonenblut. Eine verfluchte Blutlinie, wie erzählt wird, dessen Macht darauf aus war zu zerstören. Und in diesem Reich war das einzige, was dieser Macht ebenbürtig war, sein Gegenstück. Es galt als Mythos, da es niemals mehr gesehen wurde, seitdem dessen Macht für die Erschaffung von Leben, Heilung und Fruchtbarkeit seit Beginn der Herrschaft vom ersten Löwenkönig Hakizu verantwortlich war.
Der Löwe, der vor ihr stand und sich mit Bedacht ihrem Körper näherte, hatte das Gen des weißen Dämons.
Sie wusste nun, wer er war, doch freudig überrascht von seiner Existenz und seiner Heilfähigkeit war sie nicht, da sie sterben wollte.
“Sora…”, entkam ihr das Flüstern seines Namens.
Ein unscheinbares Grinsen belebte seine trägen Gesichtszüge, doch es war ein verwerflicher Ausdruck, der ihn plötzlich verletzlich wirken ließ. Es rief die Erinnerung an etwas Hinterbliebenes. Seine Mutter, die ihm nie mehr als diesen Namen geben konnte.
“Runter von mir.”, forderte sie in einem ernsten Ton.
Ein letzter intensiver Blick von ihm haschte über ihren Körper, bevor er sich schließlich fügte. Er nahm einige Schritte zurück und schaffte mehr Abstand zwischen ihnen als zuvor, doch sein Blick blieb auf ihr gerichtet.
“Du bist mir gefolgt?!”, mit jedem Wort wuchs ihr Zorn.
“Deiner Blutspur.”, sprach er ruhig.
“Und warum bist du mir gefolgt?”. Sie bemühte sich, aufzustehen. Zunächst nahm sie Schwung, um sich auf ihren Bauch zu rollen, doch ein Schwindelgefühl überkam sie. Was ihre Pranken tief in den Boden stemmen ließ und ihre Lider fest geschlossen hielt.
“Weil ich dich kennenlernen will. Ich will wissen, wer diejenige ist, die meinen Bruder besiegen konnte.”
Darum die Übelkeit bei deinem Anblick.
“Und das als Weibchen. Beeindruckend."
Fortsetzung folgt...