Kapitel 1
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Zeilen noch zu Ende bringen werde. Vielleicht liest das niemand, vielleicht ist es nur ein letztes Protokoll. Aber falls jemand dies findet, hoffe ich, es wird zumindest als Warnung dienen. Mein Name spielt keine Rolle. Was zählt, ist, was vor drei Monaten in Teotihuacán geschah.
Ich reiste mit einer Gruppe Archäologen zu den Pyramiden der Sonne und des Mondes, um Material für mein neues Buch zu sammeln. Als Horror- und Science-Fiction-Autor sind solche Orte voller Geschichte ideal, um Inspirationen zu finden – nicht, weil ich an Übernatürliches glaube, sondern weil die Atmosphäre faszinierend ist. Ich erwartete nichts weiter als alte Steine und gut dokumentierte Fakten. Wäre ich damals nicht so naiv gewesen, hätte ich die Warnungen ernster genommen. Hätte ich gewusst, was mich erwartete, wäre ich nie dorthin gereist. Aber nun bleibt nur noch die Hoffnung, dass jemand aus meinen Fehlern lernt – bevor es zu spät ist. Unsere Gruppe bestand, mit Ausnahme von mir, aus vier Personen: zwei Frauen und zwei Männern. Ich werde hier allerdings nicht ihre echten Namen verwenden.
Die beiden Damen, Julia und Mey, waren die Studentinnen von Professor Garden und Professor Schmitt. Garden, ein Professor für Bioarchäologie und Ethnoarchäologie, und Schmitt, Experte für Religiöse Symbolik – die perfekte Kombination für einen Autor, wie mich, um ein gutes Buch zu schreiben. Die beiden Frauen, so wurde mir versichert, seien herausragende Jungforscherinnen.
Ich hatte nichts dagegen, dass die beiden jungen Damen mitkamen. Jetzt, im Nachhinein, wünschte ich, ich hätte es verhindert. Als wir Mitte November in unserer Ferienwohnung in San Juan Teotihuacán ankamen, besprachen wir die Vorgehensweise. Garden, immer der besorgte Pfadfinder, warnte mich eindringlich: “Verlass nie den Weg und tritt immer genau dorthin, wo ich hintrete.” Man könnte meinen, wir wären auf einer Safari voller hungriger Löwen, nicht auf einer archäologischen Exkursion. Aber gut, ich nickte pflichtbewusst, damit er Ruhe gab. Schmitt hingegen war noch eine Spur dramatischer. „Nichts anfassen“, sagte er mit erhobenem Finger, als würde er uns vom Ende der Welt erzählen. „Man weiß nicht, was in den Pyramiden lauert.“ Ich musste unwillkürlich grinsen. „Was denn? Die Geister der Verstorbenen? Oder eher der Götter, die darauf warten, wiederbelebt zu werden?“
Mey, die sich bis dahin ruhig verhalten hatte, stand plötzlich auf. „Sie sollten auf Professor Schmitt hören. In diesen Pyramiden sind bereits einige spurlos verschwunden.“ Ihre ernste Miene war schwer zu übersehen, aber der Hauch von Panik in ihrer Stimme war fast amüsant. Julia, die ruhigste von allen, schlich sich, davon als Mey ihre Beherrschung verlor. „Ich weiß, Sie sind nur wegen Ihres neuen Buches hier, aber vielleicht sollten Sie mal auf die Leute hören, die wirklich wissen, was sie tun.“ Ich starrte sie einen Moment lang an, bevor Schmitt sie mit einem „Mey, das reicht!“ unterbrach. Sie verschränkte die Arme, nickte kurz, knurrte wütend und verschwand in ihrem Zimmer, wobei sie die Tür energisch zuknallte.
Schmitt entschuldigte sich mit einem Schulterzucken: „Verzeihen Sie ihr. Sie ist zwar begabt, aber noch zu emotional für diesen Beruf.“ Na, das konnte ich bestätigen. Trotzdem wollte ich, um die Neugier zu befriedigen, wissen: „Und was würden Sie mir raten, Professor?“ Schmitt seufzte schwer. „Wie schon am Telefon: Lassen Sie es bleiben. Brechen Sie ab, bevor das, was hier lauert, geweckt wird.“ „Schmitt,“ sagte ich mit einem Lächeln, „ich habe nicht vor, irgendwas zu wecken – und erst recht nicht abzubrechen. Ich bin kein abergläubischer Mensch. Für mich gibt es keine Geister, Götter oder sonstigen Hokuspokus. Ich schreibe über Horror, weil es sich gut verkauft, nicht, weil ich daran glaube. Meine Leser erwarten eine spannende Geschichte, und das werde ich ihnen liefern, mit ihrer Hilfe. Also raten Sie mir etwas, was Sie mir noch nicht geraten, haben“ „Mehr wie das, was ich Ihnen bereits riet werde ich nicht. Solche Orte sind anders, wie die uns bekannte Realität, aber nun gut, dann hoffe ich nur, dass nichts passiert“, murmelte er grimmig und zog sich zurück.
Ich blieb noch eine Weile mit Garden sitzen. „Machen Sie sich nichts daraus,“ sagte er irgendwann. „Ich glaube genauso wenig an Geister wie Sie. Die einzigen realen Gefahren sind giftige Tiere und Krankheiten, gegen die wir geimpft sind. Also: Nicht den Weg verlassen. Wir wollen schließlich vermeiden giftigen Tieren über den Weg zu laufen, auch wenn das einfacher gesagt ist, wie getan“ „Da haben Sie völlig recht, Garden.“ Dann fragte er mich: „Aber mal ehrlich, wie haben Sie es geschafft, Schmitt hierher zu bringen? Er scheint doch eher zurückhaltend, gar abgeneigt zu sein, was solche Reisen angeht.“ Ich sah ihm in die Augen: „Er schuldete mir noch einen Gefallen.“
„Und was genau für einen Gefallen?“ Ich lächelte leicht. „Entschuldigen Sie, Garden, aber das geht Sie nichts an.“ Ich stand auf und ließ ihn allein im Wohnzimmer. Den Grund, warum Schmitt hier war, konnte ich ihm nicht verraten. Schmitt war mir zu Dank verpflichtet, nachdem ich ihm mehr als einmal als Alibi für seine außerehelichen Affären gedient hatte. Das war mein Druckmittel, und es hatte funktioniert. Ich weiß, das ist nicht die feine Art, aber so läuft das Geschäft. Ohne diese kleinen Tricks hätte ich mein Buch nie schreiben können. Wobei – schreiben werde ich es wohl leider nicht mehr. Gut ich sollte mit den Geschehnissen fortfahren, anstatt auf unwichtigere Details abzuschweifen.
Wir machten uns am nächsten morgen früh´ s mit unseren Utensilien sowie unserer Verpflegung auf den Weg zu den Pyramiden von Sonne und Mond, wer weiß, ob wir bis zum Einbruch der Nacht zurück in unserer Unterkunft waren. Mit unserem Jeep, den Garden fuhr, damit wir auch ja nicht vom Weg abkamen, diese Bemutterung nervte mich ehrlich, aber sein Wissen war sehr nützlich. Vor allem sein Wissen speziell über diesen Ort, durch sein eher ermüdendes Hobby. Es entging mir jedoch, durch den Rückspiegel, nicht wie angespannt und mürrisch Schmitt und Mey auf der Fahrt waren. Sie hatten den letzten Abend und auch meine Meinung zu dem ganzen Humbug wohl noch nicht verdaut. Nun ja, sei´s drum diesen Launen weiter Beachtung zu schenken, wäre reine Zeitverschwendung. Wir erreichten das Gebiet der Pyramiden weniger als zehn Minuten. Bei unserer Ankunft wurden wir von Wachmännern empfangen, denen ich ohne Umschweife unsere Genehmigung für diese Exkursion zeigte.
Sie ließen uns zu der Straße der Toten durch, auf der wir entlangfuhren, um zur Sonnenpyramide zu gelangen. Währenddessen erklärte Garden uns ein paar Fakten zu diesem Ort, was nur so aus ihm heraussprudelte. „Zur Information, wir befinden uns gerade auf Avendia de los Muertos der Straße der Toten. Sie gehörte zur Zentralen Achse der antiken Stadt. Die Straße selbst führt nur von Süden nach Norden und wurde etwa von Jahr 1 bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. Entwickelt. Die Wohngebiete stammen zwischen 100 und 650 n. Chr. Was auch die Blütezeit von diesem faszinierenden Ort ist.“ Sein faszinierendes Gefasel interessierte mich wohl weißlich nicht, dennoch notierte ich mir die Daten, die er nannte. Schließlich kann man solche Fakten gut verwenden. Zum Bedauern meiner Ohren spornten ihn meine Notizen nur noch mehr an weshalb er langsamer fuhr und Gestikulierte. Er verhielt sich wie ein aufgeregter Touristenführer. „Die Pyramiden von Sonne und Mond sowie die Straße der Toten wurden das erste Mal im 19. Jahrhundert archäologisch untersucht. Die Sonnenpyramide wurde sogar 1905 unter der Leitung von Leopold Batres systematisch ausgegraben. Unglaublich faszinierend, meinen Sie nicht auch?“ Die Frage war rhetorisch, denn Zeit zum Antworten ließ er uns nicht. „Ich bewundere seine Arbeit, auch wenn sie riskant war.“ Während er schwärmte, fiel mein Blick auf die aufwendig gestalteten Fresken und Wandmalereien in den verlassenen Wohngebäuden. Die Details faszinierte mich, besonders da nichts restauriert worden war. Doch eine Wandmalerei, die ich an der Ecke einer zerfallenen Mauer aus dem Augenwinkel sah, erschien mir merkwürdig: eine verwaschene Gestalt mit einem zugenähten Mund. Garden räusperte sich und lenkte mich von dem Bild ab.
„Verzeiht, ich erzähle lieber weiter. Die Mondpyramide, am nördlichen Ende der Straße der Toten, wurde 1960 intensiver erforscht und die gesamten Ruinen sind seit 1987 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Sie ist zwar kleiner als die Sonnenpyramide, aber durch ihre Struktur imposanter.“ Garden redete und weckte damit auch Schmitts Redefluss. Jetzt begann der für mich interessante Teil. „Das mag sein, lieber Kollege Schmitt, aber die religiösen Bedeutungen und Rituale sind mindestens genauso spannend wie die Bauwerke.“ Während Schmitt weitersprach, parkte Garden den Jeep nahe der Sonnenpyramide, und wir stiegen aus. Ich bemerkte Meys ehrfürchtigen und zugleich nervösen Ausdruck und verdrehte innerlich die Augen. Jeder hat seine Ängste, dachte ich, aber sich vor alten Ruinen zu fürchten, erschien mir albern. Es sind nur Steine, die aufgeschichtet wurden, um etwas Großartiges darzustellen. Schmitt fuhr fort: „Die Sonnenpyramide, auch Pyramide de Sol genannt, wurde für Opfergaben genutzt, um den Göttern zu huldigen. Sie ist perfekt auf den Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende ausgerichtet und vermutlich dem Sonnengott gewidmet. Sie symbolisiert den Aufstieg zur göttlichen Ebene.“ „Göttliche Ebene?“ fragte ich und blickte von meinen Notizen zu Schmitt. Religion interessierte mich weit mehr als Fakten über Ausgrabungen und Welterbestatus. Natürlich glaubte ich nicht daran, aber in Büchern sind solche Orte ideal. „Ich dachte, Sie glauben nicht an diesen Unsinn?“ „Schmitt“, seufzte ich, „es geht nicht um meinen Glauben, sondern darum, was ich für mein Buch nutzen kann. Es ist fesselnd, und das ist, was zählt.“ Er verschränkte die Arme und nahm eine abwehrende, beinahe verachtende Haltung ein. Was er jedoch nicht erwartet hatte, war das, was nun folgte.
Mit einer zittrigen Stimme, die sie kaum unter Kontrolle hatte, begann Mey zu sprechen. „Die göttlichen Ebenen stehen für Schöpfung und Erneuerung. Deshalb wurden unter der Pyramide Höhlensysteme gebaut. Es wird oft gesagt, diese Systeme seien für Riten zur Unterwelt gedacht, aber das stimmt nicht ganz. Sie wurden eher als der Geburtsort des Universums gesehen, weshalb dort Riten zur Heilung stattfanden. Die Menschen riefen die Kräfte der göttlichen Wesen an, um Heilung für ihre Leiden zu erlangen.“ Während ich Meys Ausführungen notierte, konnte ich nicht anders, als mich zu wundern. Warum war diese sonst so temperamentvolle junge Frau plötzlich so zurückhaltend und folgsam? Selbst Schmitt sah sie fassungslos an. Ich entschied, ihre Veränderung zu ignorieren – hätte ich doch nur anders entschieden. „Und wo genau wäre der Eingang zu diesem Höhlensystem?
Es wäre faszinierend, es mit eigenen Augen zu sehen, um es besser niederschreiben zu können.“ „Nein!“, rief Schmitt plötzlich. „Warum sollten wir es uns nicht ansehen?“ fragte ich. Garden verschränkte die Arme. „Soweit ich weiß, ist alles abgesichert worden, um Unfälle zu vermeiden.“ „Es waren keine Unfälle, sondern Strafen und Warnungen“, schrie Schmitt, als wäre das seine letzte Möglichkeit, uns zu überzeugen, und starrte Garden warnend an. Doch Garden entgegnete ihm nur mit einem missbilligenden Blick. „Hörn Sie auf Schmitt! Es reicht allmählich! Sie verbreiten nur unnötige Angst!“ „Kollege Garden, ich mache keine Angst, sondern nenne Tatsachen. Wir sollten hier nicht sein, und wenn wir nicht sofort gehen, wird das unser Ende sein!“ Schmitts Blick war erfüllt von Wut und Panik. Bevor die Situation weiter eskalieren konnte, stellte ich mich zwischen die beiden.
Jemand musste den Streit beenden, damit mein Vorhaben nicht in Gefahr geriet. „Beruhigen Sie sich, meine Herren! Schmitt, Sie und Mey müssen nicht mitkommen. Garden, kennen Sie den Eingang zum Höhlensystem?“„Ja“, antwortete er. „Gut, dann bleiben Sie beide hier, während wir hinuntergehen.“ „Aber...“ – „Keine Sorge, wir werden nichts anfassen.“ Seine Stimme, erfüllt von Panik, sank zu einem flüsternden Ton ab: „Seien Sie sich nicht so sicher! Vielleicht haben wir schon etwas geweckt, nur indem wir hier sind!“ „Ach, Schmitt, bleiben Sie doch einfach hier mit Mey!“ Ich drehte mich um und ging mit Garden und Julia in die Sonnenpyramide hinein. Garden wies Julia an, sich Notizen zu machen, da es wohl für ihre Masterarbeit relevant war. Diese ständigen Warnungen nervten mich allmählich. Meiner Meinung nach sollte Schmitt sich einen Therapeuten suchen, um sich nicht in solchen Spinnereien zu verlieren. Als wir mit unseren Laternen die Pyramide betraten und uns dem Höhlensystem näherten, überkam mich ein unbehagliches Gefühl, als ob wir beobachtet würden. Doch ich schob es auf Schmitts übertriebene Ängste und tat es als Einbildung ab. Julia folgte uns mit ihrem Notizblock in der Hand, während Garden uns sicher zum Höhlensystem führte. Die Struktur des Systems überraschte mich: Ein Eingang führte zunächst in einen Vorraum. Der Raum und die Tunnel waren in ein schwaches Licht getaucht, weshalb man auch ohne Laterne gut hätte sehen können. Von dort gingen vier schmale Gänge ab, die wohl als Umkleideräume oder Zimmer dienten. Der fünfte, breitere Gang führte uns in die sogenannte Gebetshalle – zumindest nannte Garden sie so. “Gebetshalle“ klang in meinen Ohren allerdings zu ehrfürchtig für jemanden wie ihn. Raum war eine präzise ausgehöhlte Kuppel mit einem kreisrunden Boden.
Ich war erstaunt über die Präzision der damaligen Bauweise. Ehrlich gesagt, war es fast zu präzise. In der Mitte des Raumes befand sich ein länglicher Altar, umgeben von aztekischen Symbolen, die in den Boden eingraviert oder gemalt waren. Auch die Säulen, die den Raum stützten, waren mit diesen Symbolen verziert. Rundherum standen unvollständige Lichtquellen und teils ganze, teils zerbrochene Karaffen. Ich beschrieb die Szenerie so genau wie möglich in meinen Notizen – es ist schließlich nicht alltäglich, einen so perfekten Schauplatz für ein düsteres Buch zu finden. Garden trat an den Altar heran und begutachtete ihn. „Seht mal, hier steht tatsächlich ein Gebet an den Sonnengott.“ „Können Sie es lesen, Garden? Ich würde es gern notieren. Solche Gebete sind äußerst nützlich.“ Meine Augen leuchteten vor Aufregung. Garden lachte. „Natürlich, aber ich kann nicht alles entziffern. Die Schrift ist ziemlich verblasst. Was ich lesen kann, werde ich Ihnen vorlesen.“ Garden glitt mit den Fingerspitzen über das Gestein des Altars.
„O mächtiger Tezcatlipoca, du, …… Himmel erhellt,
Hör ... Flehen ... sieh die Opfergaben, die wir …….
Du, der das Blut der Krieger trinkt, um ... Himmel ……... halten,
Nimm dieses Opfer ..., dass ... Feuer ewig brenne.
Mit unserem Blut nähren ... dich, damit ... stark bleibst,
Damit du weiterhin den Himmel ………… .
... großer Tonatiuh, Herr ... Sonnenwelt,
…… Gnade ………... Kraft.
…… Felder gedeihen, ... Herzen stark … ,
... bewahre ……… Kälte und Finsternis …….
Für dich opfern … , für dich kämpfen … ,
Auf dass du uns …… göttlichen Licht … .“
Fasziniert lauschte ich den Worten von Garden, auch wenn sie abgehackt und seltsamerweise verzerrt klangen. Plötzlich ertönte ein leises Grollen, und kleine Steine fielen zu Boden. Garden und ich schraken aus unserer Trance. Wir sahen uns um, konnten jedoch nichts entdecken. Was zur Hölle war das? Ich wandte mich an Garden. „Was war das für ein Grollen?“ „Ich weiß es nicht, aber ich vermute, es war einfach die Erde; schließlich bewegt sich die Erde immer.“ „Klingt vernünftig“, entgegnete ich und drehte mich weg.
Dabei bemerkte ich, dass Buch und Stift auf dem Boden lagen. „Garden!“ rief ich und deutete auf die Sachen. Er ging hin und hob sie auf. „Das sind Julias Sachen!“ Seine Augen waren voller Angst und Sorge, als er mich fragte: „Haben Sie Julia gehen sehen?“ „Nein, Garden. Vielleicht hat sie sich durch das Geräusch erschreckt, ihre Sachen fallen lassen und ist hinausgerannt.“ Garden nickte, als würde alles in Zeitlupe geschehen.
Gemeinsam gingen wir nach draußen, wo Schmitt und Mey an den Jeep gelehnt auf uns warteten. Gardens Blick blieb auf Julias Gegenständen haften. Schmitt bemerkte uns, sprang sofort auf und eilte zu uns. „Was ist passiert?“ fragte er. „Ist Julia an euch vorbeigekommen?“ Schmitt schüttelte den Kopf. „Nein. Habt ihr etwas berührt?“ Garden sah ihn wütend an und fauchte: „Hören Sie auf, Schmitt! Es reicht! Meine Studentin ist verschwunden, und das Einzige, was Ihnen einfällt, ist, dass wir irgendetwas berührt haben könnten.“ Schmitt starrte ihn fassungslos an. „Aber—“ Mey unterbrach ihn. „Vielleicht haben wir Julia verpasst. Ihr wart lange dort unten, und zwischendurch haben wir uns im Jeep ausgeruht. Das Beste, was wir jetzt tun können, ist, zurück in unsere Unterkunft zu fahren.
Es könnte sein, dass sie dorthin gelaufen ist.“ Gardens Augen leuchteten auf. „Danke, Mey. Lasst uns los, vielleicht finden wir sie noch.“ Er rannte zum Jeep, und kaum hatten wir Platz genommen, raste er los. In weniger als drei Minuten waren wir bei der Unterkunft. Leider ohne sie auf dem Weg gesehen zu haben. Als wir vor unserer Unterkunft parkten, stürmte Garden hinein, um sie dort zu suchen. Ich verstand, warum er sich sorgte, aber diese Reaktion hätte ich eher von verliebten erwartet. Mey, Schmitt und ich folgten ihm langsamer und halfen ihm bei der Suche, auch wenn die Unterkunft nicht sehr groß war. Nach ein paar Minuten des Suchens und Rufens fanden wir uns im kleinen Wohnzimmer wieder. Garden schaute betrübt zu Boden, während Mey ihn mitfühlend ansah. Schmitt hingegen verschränkte die Arme. „Ich sagte ja, wir sollten nicht herkommen!“ Sein schnippischer Ton brachte Garden aus der Fassung, und er schlug Schmitt ins Gesicht. „WIE KANNST DU ES NUR WAGEN?! MEINE STUDENTIN IST SPURLOS VERSCHWUNDEN, UND DU, KLEINER BASTARD, HAST NICHTS BESSERES ZU TUN, ALS RECHTHABERISCH DAHER ZU LABERN!“ Schmitt fiel zu Boden und starrte Garden an, rieb seine Wange und knirschte. „Ich sage nur, wie es ist.“ Dieser Satz reichte aus, und Garden prügelte auf ihn ein. Mey schrie verzweifelt: „Professor Garden, lassen Sie ihn in Ruhe! Er hat kein Mitgefühl, das hat nichts mit Ihnen zu tun. Wirklich!“ Garden hörte jedoch nicht auf sie und schlug Schmitt bewusstlos, bevor ich ihn von ihm wegziehen konnte. Zum Glück war ich stärker und ein wenig größer als Garden, sonst hätte ich ihn niemals halten können. Mey brachte Schmitt in sein Zimmer, während Garden sich wehrte. „LASSEN SIE MICH LOS!“ rief er. „Nein, Garden, es reicht!
Sie haben Schmitt bereits bewusstlos geprügelt, und dass innerhalb weniger Augenblicke, und—“ „MIR EGAL, ER HAT ES VERDIENT! IHM IST JULIAS VERSCHWINDEN EGAL!“ „JETZT HÖREN SIE MIR MAL ZU, GARDEN!“ Er zuckte zusammen. Ich schrie selten, aber wenn man mir nicht zuhörte, ließ man mir keine Wahl. „Möchten Sie allen Ernstes für einen Mord verantwortlich sein?“ „Ich—Nein, natürlich nicht.“ Er ließ locker, sodass ich ihn loslassen konnte. „Hätten Sie weiter auf ihn eingeprügelt, wäre Schmitt schlimmstenfalls gestorben.“ Garden wandte sich mir zu und starrte mich an. „Das kann nicht—“ „Doch, es kann sein. Sie sollten sich ausruhen und sich morgen bei Schmitt entschuldigen!“ Garden nickte benommen und ging, leicht schwankend, in sein Zimmer. Seufzend ließ ich mich auf das kleine Sofa fallen. Mein Blick haftete wie erstarrt an dem Teppich, der vor mir lag. Was war nur los? Erst Meys Veränderung und nun Garden´s? Meine Gedanken ließen mir keine Ruhe. Hatte Schmitt etwa recht behalten? Ich schüttelte meinen Kopf, um diesen Gedanken abzuschütteln. Er konnte nicht recht haben, so etwas war unmöglich. Götter und Flüche existieren nicht. Es musste eine rationale Erklärung für die Veränderung geben. Bei Garden war Julias Verschwinden Auslöser für seine Aggressivität, dessen war ich mir sicher, aber bei Mey. Ich konnte es mir nicht erklären, jedoch vielleicht hatte sie einen Sinneswandel, als sie über Schmitts Worte, am Abend zuvor, nachdachte. Ich legte mich auf das Sofa und starrte an die Decke. Diese Veränderungen, so verwirrend und schlecht sie auch waren, gaben mir wunderbares Material. Ein Drama in einem Horror Buch. Das gäbe die nötige Verbundenheit zwischen Leser und Charakter. Mir huschte ein Lächeln über die Lippen.
Das Gefühl des Glücks überkam mich, mein Buch würde sich wie von selbst schreiben. Es war perfekt. Ich sprang noch einmal auf, um mir Notizen machen zu können, um auch ja nichts zu vergessen. Allerdings konnte ich von Glück reden, das mich keiner der Anwesenden dabei erwischt hat. Es ließe sich nicht ausmalen, was für schwere Folgen, außer die sofortige Beendigung dieser Unternehmung, dies gehabt hätte.
Ich ließ mich mit meinen Notizen wieder auf das Sofa fallen, machte es mir bequem und schloss die Augen. Damit versuchte ich noch einmal alles Revue passieren zu lassen, um auch kein Detail zu vergessen. Bevor ich mir allerdings weiteres notieren konnte, übermannte mich die Müdigkeit und ich schlief ein. Am nächsten Morgen schreckte ich durch einen warmen Atem an meinem Gesicht hoch. Es dauerte ein wenig, bevor ich realisierte, wer dort vor mir stand. Es war Julia. Ich starrte sie an, doch sie sah mich nur mit einem kalten, leeren Ausdruck an. „J-Julia du hast mich erschreckt! Wo kommst du her und wo warst du? Garden hat sich um dich gesorgt!“ „Wo ist Professor Garden?“ Ihre Stimme klang anders. Nicht mehr sanft wie vorher, sondern seltsam verzerrt, als versuche jemand anderes mit ihrer Stimme zu sprechen. Instinktiv wich ich vor ihr zurück. Sie legte den Kopf schief und starrte mich an. Ein kurzes Räuspern entwich ihrer Kehle und sie sprach erneut, jedoch klang es nun wieder wie vorher „alles in Ordnung?“ „J-ja, natürlich. Er dürfte oben noch schlafen.“
Sie ging ohne weiteres an mir vorbei, nach oben zu Garden. Ich sah ihr hinterher, noch immer geschockt von dem, was ich hörte. Doch dann sah ich es. Ihre linke Hand war für den Bruchteil einer Sekunde verändert. Ihre Nägel waren für ein Wimpernschlag lange, scharfe Krallen. Ich schüttelte meinen Kopf und tat es als Illusion der Müdigkeit ab. Kurze Zeit später, als ich mir grade eine Tasse Kaffee genehmigen wollte, kamen Schmitt, Mey, Garden und Julia runter. Sie diskutierten wild hin und her, wo Julia gewesen war. „Wo warst du, Julia?“ Garden hob die Stimme, doch die Besorgnis in seinen Augen war unübersehbar. Julia sah ihn an, als würde sie versuchen, seine Worte zu verarbeiten, aber ihre Lippen formten nur ein leises, fast tonloses „Ich weiß es nicht.“ Ihre Augen waren leer, als hätte etwas ihre Seele ausgesaugt.
„Ich… habe mich verlaufen. Mehr nicht“, fügte sie leise hinzu, aber in ihrem Blick lag eine Ungewissheit, die alle im Raum spürten. „Heute früh fand ich hier her zurück.“ „Das kann doch nicht alles gewesen sein Julia!“ Gardens Stimme unterbrach die anderen. Sie sah ihn an „doch das war alles und jetzt lasst bitte dieses Thema. Ich bin wieder da. Ist das nicht alles, was zählt?“ Bei dieser Frage hätte man meinen können, sie habe wirklich keine Ahnung, ob es alles sei, was zählte. „D-doch natürlich, aber ich hatte Sorge um dich.“ „Verzeihen Sie Professor Garden das wollte ich nicht.“ Garden nickte nur. Jetzt im Nachhinein, wenn ich darüber nachdenke, hätte ich es zu diesem Zeitpunkt merken müssen, dass etwas nicht stimmte. Wir ließen Julia den Rest des Tages in Ruhe mit den Fragen und bereiteten uns stattdessen auf die nächste Expedition vor. Allerdings befand ich mich in der Annahme, dass diese erst am folgenden Tag stattfinden würde.
Julia begann ab ca. 17 Uhr unermüdlich darauf zu drängen, dass wir die Mondpyramide bei Einbruch der Dunkelheit besuchten. Ihre Stimme klang seltsam eindringlich, fast fremd. „Die wahre Magie dieser Stätte“, sagte sie, „kann man nur sehen, wenn der Schleier der Nacht sich über die Pyramide legt.“ Es war, als ob etwas in ihr sprach – nicht sie selbst. Garden und Schmitt warfen sich unsichere Blicke zu, doch am Ende stimmten wir zu. Die Zeichen wurden immer deutlicher, aber ich war zu neugierig und genau wie die anderen gefangen in einem Sog. Zu fasziniert und viel zu geblendet, denn nach diesem Abend brach das Chaos aus. Wir fuhren denselben Weg, wie den Tag zuvor und gelangten zu der Mondpyramide. Im Dämmerlicht sah sie unglaublich majestätisch aus. Im selben Atemzug stiegen wir auch schon aus und gingen allesamt in die Pyramide hinein. Kaum setzte ich einen Fuß in die Pyramide schon überkam mich ein beklemmendes und ungutes Gefühl.
Es war nicht wie bei der Sonnenpyramide, das Gefühl beobachtet zu werden, sondern erdrückender, wie eine zusätzliche Last. Wir gingen einige Schritte weiter hinein, wodurch sich das erdrückende Gefühl verstärkte und meine Schritte langsamer wurden. Meine Beine wurden schwerer und ich hatte Mühe mich zu bewegen. Meine Atmung wurde schwerer und ich ging in die Kniee.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass es Garden und Schmitt genauso erging, bevor mir schwarz vor Augen wurde. Garden, Schmitt, Mey und ich schienen gleichzeitig wieder zu uns zukommen, da wir alle uns verwirrt umsahen. Wir befanden uns in einer Kammer wohl tief in der Erde und so wie ich annahm unterhalb der Mondpyramide.
Vielleicht sogar unterhalb des Höhlensystems. „Wo sind wir hier?“ Die Frage, die uns allen durch unsere Köpfe kreiste, durchbrach als erstes die Stille mit Gardens Stimme. „Ich weiß es nicht. Dieser Ort ist mir gänzlich unbekannt. Nebenbei ist es auch schwer zu sagen, wo wir sind, bei dem wenigen, was man sieht.“ Antwortete Schmitt seufzend. Ein tiefes, leicht metallisches Lachen ließ uns zusammenzucken. Wir konnten nicht lokalisieren, woher es kam. Allerdings mussten wir auch nicht lange suchen. Um uns herum gingen unnatürliche schwarzbläuliche Lichter an. Angefangen bei uns, bis es vor uns den Kreis schloss. Es war zunächst schwer sich bei diesem Licht zu orientieren. Der Raum glich einer Erdhöhle, bis wir realisierten, worauf wir saßen. Ein Schrei entwich den Kehlen der Anwesenden. Wir saßen auf Leichen – kein gewöhnlicher Boden, sondern ein Wirrwarr aus zerfallenen Körpern und verwesenden Gliedmaßen, die unter uns knirschten. Knochen ragten wie zerbrochene Speere aus dem Fleisch, einige so alt, dass sie grau und brüchig waren. Andere Körper, noch frisch, sanken unter unseren Bewegungen zusammen, und ein widerlicher Sog von fauligem Blut schoss aus ihren offenen Wunden. Der stechende Gestank von Verwesung und fauligem Fleisch brannte in meiner Kehle, vermischt mit einem Hauch von verbranntem Fleisch und etwas – war es Magensäure? Wie konnte uns der Geruch nicht aufgefallen sein. Es stank nicht nur nach verfaultem Fleisch, sondern auch nach etwas undefinierbarem, wie eine Mischung aus nassem Hund, verbranntes Fleisch und Magensäure. Garden und Schmitt übergaben sich prompt. Mey und ich hingegen schienen trotz unserer Übelkeit recht robuste Mägen zu haben. Das Lachen ertönte erneut und wir drehten uns zu der Quelle des Lachens.
Mein Atem stockte und meine Augen weiteten sich. Julia stand dort, lachend und sabbernd. „WAS ZUM TEUFEL SOLL DAS JULIA?! WO SIND WIR?“ fuhr Garden sie an. Julia grinste nur und sah uns gierig an. Garden holte grade Luft als ein Knurren aus ihrer Kehle drang „ich bin nicht Julia.“ Wir starrten sie an, ungläubig was grade geschah. Julias Körper krümmte sich und brach in unmögliche Richtungen.
Ihre Knochen knackten, als ihre Arme sich verlängerten, und ihre Finger dehnten sich zu Klauen, die hungrig nach Fleisch zu greifen schienen.
Die Haut auf ihrem Rücken riss auf, während dichte Fellbüschel aus den Wunden hervorbrachen, und ihre Beine brachen mit einem widerwärtigen Knacken nach hinten, wie bei einem Raubtier. Ihr Gesicht verzog sich zu einer grausamen Schnauze, die sich weit öffnete, um eine Reihe unnatürlich langer, nadelspitzer Zähne zu enthüllen – ein gieriges Grinsen, das nur nach Zerstörung verlangte. Diese riesigen unnatürlichen Zähne, glichen eher denen von Haien, wenn man diese mit denen von Tigern gekreuzt hätte. Unfähig auch nur irgendetwas zu sagen, starrten wir es an. Seine Zunge fuhr über seine Zähne, bevor es wieder anfing mit seiner kratzenden und knurrenden Stimme sprach. „Ich brachte euch her, weil mein Meister mir befahl euch zu jagen.“ „Was? Warum?“ krächzte ich. „Ich habe Hunger also jage ich das, was mir erlaubt wird.“ Schmitt schluckte schwer „was bist du?“ „Ich bin eine Art Wendigo nur allerdings intelligenter als meine Artgenossen. Getötet hätte ich euch am liebsten direkt, aber mein Meister befahl mir anderes.“ „Warum erzählst du uns das?“ Meys Stimme brach unter ihren Tränen, als sie frage. „Mein Meister liebt es zu sehen wie ihr Menschen bei meiner Jagd verzweifelt.“ Der Wendigo sah Mey in die Augen.
„Deswegen gebe ich euch nun einen kleinen Vorsprung.“ Wir starrten es an, während es fortfuhr. „Der gang hinter euch bringt euch dem Ausgang näher und wenn ihr in 10 Minuten noch immer hier sitzt, zerfleische ich euch direkt.“ Garden schrie „DAS KANNST DU DOCH NI-“ „DOCH ICH KANN!“ knurrte es wütend „und nun rate ich lauft oder ich zerfleische euch umgehend!“ Das brauchte dieses Ding nur einmal sagen. Wir rannten los durch den Gang, den es uns nannte. Weit kamen wir nur leider nicht. Hinter uns vernahmen wir zuerst ein Knacken, dann ein Reißen. Schmitt schrie. Er war hinter uns in eine Falle getappt und lag schreiend auf dem Boden. Die Falle hatte ihm das eine Bein komplett zertrümmert und das andere abgerissen.
Garden und ich waren in einer Schockstarre gefangen während Mey versuchte erste Hilfe zu leisten. Sie schrie uns verzweifelt an „JETZT STEHT NICH SO BLÖD RUM UND HELFT IHM GEFÄLLICHST!“ Ihre Stimme riss uns aus unserer Starre und wir zogen Schmitt mit uns, in der Hoffnung entkommen zu können. Allerdings kamen wir nicht so weit, wie wir gehofft hatten. Ein Knurren hallte wie ein Grollen durch die Gänge.
Wir erstarrten während Panik in uns hoch kroch. Schmitt keuchte „lasst …… mich …... zurück!“ „Nein das geht nicht Professor“, Mey liefen die Tränen über ihr Gesicht. „Doch Mey“, er schnaufte erschöpft nach Luft japsend „ich mach nicht mehr lange …… Wenn dieser Wendigo …. mich frisst … habt ihr Zeit zu entkommen.“ Garden sah dies als Zeichen, lies Schmitt los und rannte. Mey und ich starrten Garden fassungslos hinterher. Schmitt stieß mich weg und viel zu Boden. „Jetzt verschwindet endlich!“ „Nein Sie müssen mitkommen!! Wer soll uns sonst so gut unterrichten Professor!“
Mey griff nach seinen Armen und zog, Jedoch stieß Schmitt auch sie weg und sah mich mit leblosen Augen an. „Bringen Sie meine Studentin hier weg und überlebt.“ Ich starrte in seine Augen, die denen eines blinden glichen. „JETZT GEHT!“ Mein Körper zuckte bei seinem Schrei zusammen und ich griff nach Mey. Sie zappelte und wehrte sich als ich sie mit mir zog. „LASSEN SIE MICH!! WIR DÜRFEN SCHMITT NICHT ALEINE LASSEN. WIR KÖNNEN IHN NOCH RETTEN VERDAMMT!“ „Es ist sein Wunsch Mey“ Sie schluchzte „aber er darf nicht sterben“ „Wenn wir seinen Wunsch nicht respektieren, werden wir alle sterben Mey!“ Sie starrte mich fassungslos an und ließ sich mitnehmen. „Das andere Problem ist, das Garden sonst wo steckt und somit die Chance zu überleben gesunken ist.“ Ich wusste selbst nicht, warum ich in diesem Moment ruhig bleiben konnte, nachdem ich so in Schockstarre war.
Meine Augen versuchten sich an das Dunkle gewöhnen, auch wenn dieses Dämmerlicht es eher erschwerte. Es war, wie wenn dieses Licht dazu da wäre, einem die Sicht zu nehmen, anstatt Sicht zu geben. Mey fing nach einer Weile an wieder selbst zu laufen und wir irrten durch die Gänge, bis wir ein Reißen und den dazu gehörigen Schrei hörten. Das Blut in unseren Adern gefror und wir rannten. Wir rannten, bis wir nicht mehr konnten und verschnaufen mussten. „WAS MACHT IHR HIER VERSCHWINDET ENTLICH“ fuhr uns Schmitt an. Ich schluckte schwer und starrte Schmitts Silhouette an. Wie konnte das nur sein? Wir sind doch von ihm weggelaufen. Oder etwa nicht? Ich war mir wegen nichts mehr sicher. Fühlt es sich so an den Bezug zur Realität zu verlieren? Ich starrte ihn bleich an. „VERDAMMT RENNT ENDLICH!“ „W-wir waren doch“, ich stotterte und bekam kein weiteren ton aus meiner Kehle.
„Wir wollten nicht zu ihnen zurück Professor“, Mey sah ihn an „wir hörten wie dieser Wendigo jemanden zerriss und ich dachte Sie wären es also rannten wir in die entgegengesetzte Richtung. Aber irgendwie“ Sie stockte. „Wir sollen weiter gehen“ Ich sah sie entgeistert an, aber stimmte zu. Schmitt starrte uns wortlos an als wir ihn erneut verließen. Ich verstand nun nichts mehr. Wie konnten wir trotz allem wieder bei Schmitt landen und warum lösten wir keine Fallen aus? Wir irrten weiter durch die Gänge, bis wir einen Aufgang fanden. Ich wollte grade den Aufgang nehmen, als Mey mich aufhielt. „Sind Sie sich sicher das dieser Aufgang uns in die Freiheit bringt?“ „Mey ich bin Autor, kein Forscher, Archäologe oder sowas. Ich weiß es nicht aber da wir hier tief unter der Erde sind meine ich das es uns unserer Freiheit näherbringt.“ „Ich wäre mir da nicht sicher, nachdem was wir vorhin bei Professor Schmitt erlebt haben.“ Meinen Arm, den sie festhielt, riss ich von ihr los und ging ein wenig in den Aufgang. „Ich geh nachsehen, ob es sicher ist und hohle dich, wenn es dich beruhigt.“ Mey sah mich an, jedoch finsterer als ich erwartet hatte. Durch die Angst realisierte ich es allerdings nicht. Ich ging hinauf und sah mich um. Mein Herz hämmerte, als würde es meinen gesamten Körper vereinnahmen. Zu meiner Überraschung konnte ich den Ausgang der Pyramide sehen. Ich drehte mich um, um Mey hohlen zu können und erstarrte.
Mey stand dort und hinter ihr schlich sich der Wendigo an. „MEY PASS AUF HINTER DIR!“ Weiter kam ich nicht. Der Wendigo packte sie und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie lächelte! Nun ergab nichts einen Sinn. Was sollte das? Warum tat dieses Vieh nichts außer seine Klaue
um Mey legen. Der Wendigo brummte „ich habe die anderen gefressen, wie ihr mir befohlen habt Meister.“ Mey kraulte über seine Schnauze und lobte es. Mir blieb fast das Herz stehen. Hatte es Mey grade Meister genannt? Mey sah mir nun direkt in die Augen. Ihre Augen flackerten auf, gelb und kalt wie die einer Schlange, ihre Pupillen schmal und gnadenlos. „Ich bin nicht das, wofür ihr mich gehalten habt“, sagte sie mit einer Stimme, die wie ein Echo aus einer anderen Welt klang. „Was … bist du?“ meine Stimme war nicht mehr wie ein Flüstern. Sie lachte und ihre sanfte Stimme wurde zu einer dämonisch verzerrten. „Ich bin der Hüter. Der Mittler zwischen dieser Welt und dem Chaos, das Tezcatlipoca befreit. Eure Seelen sind nur ein kleiner Preis, den ich zahlen muss, um das Gleichgewicht zu stören.“ „D-das ist doch nicht hüten! Du lässt morden!“ Sie lachte „ja natürlich. Wie soll ich denn sonst genügend Seelen bekommen.“ „Was?! W-wofür Seelen?“ Ich wich bei der Frage weiter zurück. „Dein lieber Freund Garden hat falsch übersetzt und etwas geweckt, was sich am Leid der Sterblichen labt.“ „NEIN … nein d-das kann nicht sein!“ Sie lächelte, ihre Augen glühten. „Als ihr dachtet, ich sei eure Freundin, war ich es, die all das lenkte. Garden, Schmitt… alle waren nur Werkzeuge für ein höheres Ziel.“ Sie fuhr sich mit ihrer Zunge über die Lippen „Doch dann hat Garden mir auch noch in die Karten gespielt indem er Tezcatlipoca den Gott des Chaos angepriesen anstatt Tonatiuh den Sonnengott. Damit hat er meinem hübschen hier die Freiheit geschenkt, indem er seine ach so geliebte Studentin opferte.“ „Du wirst mich nicht gehen lassen, oder?“ „Nein wo denkst du hin!? Du wirst die Stärkung sein, die mein Wendigo braucht, um auch Tagsüber jagen zu können. Dann kann ich die Auferstehung von Tezcatlipoca einleiten.“
Ich wandte meinen Blick zum Ausgang, wo sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten. Ohne, dass ich realisierte, was geschah rannte ich. Ich rannte so schnell ich konnte aus dieser Hölle hinaus. „Hol ihn dir!“ War das letzte, was ich hörte, bevor die Krallen mich trafen und wegschleuderten. Zu meinem Glück schleuderte es mich gegen den Eingang ins Freie. Der Aufprall brach mir zwar einige Rippen und meinen linken Arm, aber ich lag in den Sonnenstrahlen. Der Wendigo griff nach mir, seine Klaue streckte sich, als würde sie meine Seele greifen. Aber die Sonne – die rettende Sonne – berührte die Spitze seiner Klauen, und Flammen züngelten aus seiner Haut. Ein Schrei, tief und voller Hass, durchbrach die Stille. Ich fühlte die Hitze auf meinem Gesicht und rannte, rannte, als hinge mein Leben an diesem dünnen Faden Licht.
Doch während meine Beine mich trugen, fühlte ich die Leere in mir. Ich war entkommen, aber etwas in mir war gestorben. Mey, Schmitt, Garden – alle waren verloren. Nur ich blieb, ein armseliger Zeuge eines Schreckens. Zurück in der Unterkunft schrieb ich die Zeilen nieder, die Sie nun lesen. Es wird bereits dunkel und ich kann das Knurren des Wendigos hören. Er wird mich holen kommen und…
Blut spritzte und verteilte sich über den Schreibtisch des Autors. Er japste nach Luft und konnte für einen Moment das Ding sehen was ihn umbrachte. Es schwebte wie ein Geist, hatte lange dolchartige Finger, pechschwarze Augen und einen zugenähten Mund. Das Wesen, was vorher Meys Haut trug, stand nun hinter ihm und hatte seine Hand durch sein Brustkorb geschlagen. Er sah an sich hinunter und konnte sein Herz in der Hand des Wesens schlagen sehen. Es beugte sich zu ihm und flüsterte, wobei sich die Fäden lösten und drei Reihen von kleinen spitzen Zähnen preisgaben „keine Sorge ich werde deine letzten Worte veröffentlichen und all die Ungläubigen herlocken damit sie Futter für Tezcatlipoca werden.“