Kapitel 1
Die Medizin in ihrer ganzen Pracht hat uns alle zusammen hierhergebracht. Wenn Sie denken, diese Ausbildung sei an diesem Punkt zu Ende, so kann ich sie direkt eines Besseren belehren. Sie haben Bücher gewälzt und Dozenten gelangweilt. Jetzt werden Sie Urinbeutel leeren und sich um die Bettpfannen kümmern. Wenn einer mal etwas richtig weiß, dann beglückwünschen Sie sich selbst, denn wir Ärzte haben keine Zeit dazu. Mein Name ist Georg Hell und mein Name ist Programm. Sie denken vielleicht der Name Hope Hill hätte etwas Beruhigendes, doch auf diesem verdammten Berg gibt es nicht beruhigendes. Neben sich sehen Sie drei Bereiche der NA. Der rote Bereich ist für schwere Fälle zumeist an ihrem Blut zu erkennen! Der gelbe Bereich ist für alle die warten können und der weiße Bereich spiegelt den Himmel, hier wird alles abgestellt, was von ihnen falsch beurteilt wurde. Also wählen Sie weise und lernen Sie schnell, denn in der Medizin können Sekunden über Leben und Tod entscheiden!
Kapitel 1 - April
Der menschliche Körper besteht aus 100 Billionen Zellen. Unsere Hautschicht beträgt bis zu 2 Quadratmetern und bildet somit 20 Prozent des Körpergewichtes. Ein einziger großer Zeh trägt die Hälfte des Körpergewichtes. Eigentlich sind wir nichts weiter als 29 Organe die gepaart mit 206 Knochen, 650 Muskeln, bis zu 7 Litern Blut und 100 Milliarden Nervenzellen sowie 100 Billionen Bakterien herumwandern. Ein schriller Ton reißt mich aus meinen Träumen. Richtig, meine Träume bestehen die letzten Monate nur noch aus Fakten und Krankheitsbildern. Nicht verwunderlich, das Examen war kein Kinderspiel, doch der härteste Teil steht bevor. Der erste Arbeitstag am Hope Hill Memorial. Mein Name ist April Hope ich bin 24 Jahre alt und ich komme an meinem ersten Arbeitstag nicht nur zu spät, sondern habe die Fähigkeit Probleme magisch anzuziehen.
„Verflucht.“ Die letzten Meter des Berges zwingen einen wahrlich in die Knie, vor allem wenn man kein Oberarzt mit Privat-Parkplatz ist und unten am Berg parken muss. Die Türen des Eingang Bereiches öffnen sich und eine Welle aus Desinfektionsmittel strömt mir entgegen und aktiviert eine beachtliche Menge an Endorphinen.
„Entschuldigung wo treffen sich die Anfänger?“
„Dort entlang und dann den zweiten Gang rechts!“, donnert die Stimme des Rezeptionisten und ich eile los. Mein Blick fliegt hastig zu riesigen Uhr und lässt mich die Anstrengung von eben vergessen, als ich die letzten Meter im Springt hinlege. Eine Gruppe junger Ärzte steht im Gang und lauscht den Erklärungen des Ausbilders.
„Wie schön das Sie zu uns gefunden haben, ich hoffe wir haben ihren Zeitplan nicht zu sehr beeinflusst.“
Sein Blick gleitet über meine Gestalt hinweg, dann wendet er sich ab und widmet sich erneut seiner Ansprache.
„Sehen Sie sich die Gesichter ihrer Mitstreiter nicht zu genau an. Am Ende der Woche werden höchstens die Hälfte noch da sein es lohnt sich also nicht!“
Seine Worte lösen ein unbehagliches Gefühl aus, die Assistenz-Ärzte verstummen und werfen sich fragende Blicke zu. Mein Blick jedoch gleitet über ihn. Seine Brille lässt das markante Kinn leicht spitz wirken, seine dunklen Haare sind kurz und nach oben gestrichen. Doch es ist der Ausdruck seiner Augen der mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt.
„Die Medizin in ihrer ganzen Pracht hat uns alle zusammen hierhergebracht. Wenn Sie denken, diese Ausbildung sei an diesem Punkt zu Ende, so kann ich sie direkt eines Besseren belehren. Sie haben Bücher gewälzt und Dozenten gelangweilt. Jetzt werden Sie Urinbeutel leeren und sich um die Bettpfannen kümmern. Wenn einer mal etwas richtig weiß, dann beglückwünschen Sie sich selbst, denn wir Ärzte haben keine Zeit dazu. Mein Name ist Georg Hell und mein Name ist Programm. Sie denken vielleicht der Name Hope Hill hätte etwas Beruhigendes, doch auf diesem verdammten Berg gibt es nicht beruhigendes.“
Er geht voran und wir folgen ihm wie ein Schwarm emsiger Bienen.
„Neben sich sehen Sie drei Bereiche der NA. Der rote Bereich ist für schwere Fälle zumeist an ihrem Blut zu erkennen! Der gelbe Bereich ist für alle die warten können und der weiße Bereich spiegelt den Himmel, hier wird alles abgestellt, was von ihnen falsch beurteilt wurde. Also wählen Sie weise und lernen Sie schnell, denn in der Medizin können Sekunden über Leben und Tod entscheiden!“
„Der ist ja wohl gar nicht von sich selbst überzeugt“, knurrt die rothaarige neben mir und ich schaue zu ihr herüber.
„Weißt du wer er ist? Er ist ein Genie, eine Koryphäe!“, mischt sich ein junger Typ, vermutlicher Inder, ein.
„Ich weiß nicht wer er ist, aber ich weiß das ich mir von ihm nichts gefallen lasse, er war auch mal wie wir“, zischt sie, was den Blick von Dr. Hell herumfahren lässt.
„Dr. Cassy Young nehme ich an. Es freut mich zu hören wie sehr sie sich etablieren möchten. Sie haben die Ehre in der NA alle Urinbeutel zu leeren und Stuhlproben zu entnehmen!“
Ein raues Lachen hinter mir lässt mich über meine Schulter schauen. Ein Surfer Typ freut sich über die Zuteilung.
„Dr. Adam Wallson, wie schön zu sehen das es noch mehr Freiwillige gibt. Sie werden Dr. Young unterstützen!“
Das Lachen erstirbt auf seinen Lippn.
„Dr. Hell bei aller Ehre…“, beginnt er doch Hell winkt ab.
„Sie brauchen mir nicht zu danken, dafür ist Ende der Woche genug Zeit!“
„Sie wie heißen Sie?“
Er deutet auf den Arzt neben mir.
„Dr. Amal Jha“, sagt er leise und sieht unsicher zu ihm auf.
„Bekommen Sie ihre Emotionen unter Kontrolle, wir behandeln und haben eine Aufgabe. Da bleibt keine Zeit für Bedenken oder Angst“, knurrt er und Dr. Jha nickt, dabei sind seine Augen so riesig das man Angst haben muss, dass sie herausfallen.
„Sie!“ Er starrt mich direkt an.
Ich hebe meinen Blick und begegne seinem, etwas blitzt in seinen Augen auf, seine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln.
„Dr. April Hope“, säuselt er und ich spüre wie die anderen Assistenten den Namen mit der Klinik in Verbindung bringen, Wut fließt durch meine Adern.
Ich kenne das Spiel, die reiche Tochter die nichts musste um hier zu landen. Sie wissen Nichts!
„Sie werden mit Dr. Jha die Einteilung übernehmen und ich hoffe für Sie das am Ende der Schicht die Weiße-Zone weniger Besucher aufweist als jetzt!“
Mein Blick schießt herüber und ich sehe drei abgedeckte Liegen, innerlich überzieht mich eine Gänsehaut, doch das gehört dazu. Menschen sterben, bei manchen erscheint es einem schlimmer als bei anderen, doch der Prozess ist der Gleiche.
Bereits drei Minuten nach dem das Herz seinen letzten Schlag getan hat, beginnen die Hirnzellen abzusterben. Organe und Herz selbst haben ein Durchhaltevermögen bis zu zwei Stunden bevor sie beginnen abzusterben. Am längsten halten sich die Hautzellen, diese schaffen es bis zu zwei Tage.
Dr. Jha tritt nervös vor mich und hält mir die Hand hin.
„Ich bin Amal.“
„April.“
„Dann wollen wir mal alle beginnen, denn der Tod wartet nicht. Das sind ihr Pager, die tragen Sie ab heute immer bei sich. Wenn ein Ruf eingeht laufen sie los, wenn mein Name aufleuchtet lassen Sie sich Flügel wachsen“, ruft Dr. Hell und klatscht freudig in die Hände.
„Was ein schrecklicher Typ“, zischt Cassy und stürmt Adam hinterher.
„Damit hatte Sie wohl nicht gerechnet“, grinst Amal.
„In der Medizin eine der wichtigsten Grundlagen, glaube nie etwas zu wissen bis du es überprüft hast“, nuschle ich und binde meine Haare zusammen.
Wir begeben uns zur Anmeldung in der NA.
„Die Frischlinge sind da, wie wundervoll. Zieht euch die Kittel über wir bekommen gleich Arbeit!“, ruft ein Arzt uns entgegen und wirft uns zwei Einwegkittel zu.
Schnell ziehen wir die Kittel drüber und eilen ihm hinterher, die Türen öffnen sich zum Hinterhof, der Einfahrt für die Rettungskräfte.
„Was ist bekannt?“, frage ich und versuche die Handschuhe anzubekommen.
Meine Hände sind zu geschwitzt um sie einfach überzuziehen, was das Ganze erschwert.
„Autounfall, zwei Verletzte. Ich bin Dr. Oisin McGregor und für Sie beide bis Ende der Woche zuständig.“
Seine letzten Worte gehen fast im Lärm der Sirenen unter, sobald der Krankenwagen steht eilen wir darauf zu. MrGregor schlägt gegen die Tür und sie wird aufgestoßen.
„Hey Doc, schön dich wiederzusehen“, ruft ihm die Sanitäterin entgegen.
Er versucht sein Lächeln zu verbergen.
„Was hast du für uns Anna?“
„Mann 43, Fahrer, Platzwunde am Kopf. Blutdruck 183 zu 86 Puls bei 93.“
„Sir, welchen Tag haben wir heute?“ McGregor beugt sich über den Patienten und untersucht seine Reflexe.
„Mittwoch, wie geht es meiner Frau?“
„Ihre Frau wird gleich hier sein, wir bringen Sie rein. Bett 3 und ruft die Neurologie dazu!“
Sein Blick gleitet über uns und wir starren ihn an.
„Na wird’s bald.“
„Ja natürlich“, quietscht Amal auf und schnappt sich den Patienten.
Der zweite Krankenwagen parkt ein und die Türen fliegen auf.
„Jennifer Drona, 41 Jahre alt. Bewusstlos am Fundort. Beifahrerin. Schmerzempfindliches Abdomen, keine äußeren Verletzungen ersichtlich. 110 / 59 Puls 61.“ Die weitere Übergabe geht im Lärm des Rettungshubschraubers unter.
„Was zur Hölle ist das?“, brüllt McGregor.
„Der Sohn, Mika Drona. 3 Jahre alt, mehrere Schnittverletzungen. Nicht bei Bewusstsein“, ruft der Rettungswagenfahrer herüber.
„Scheiße“, knurrt McGregor und deutet mir an die Patientin zu schieben.
Ich packe die Bare und wir eilen los.
„Bett 2.“
Eine Hitzewelle schlägt uns beim Öffnen der Türen entgegen, Schwestern eilen herbei. Mein Blick gleitet zum Nachbarbett in dem der Mann bereits versorgt wird. Amal steht unsicher daneben und wird zur Seite geschoben.
„Auf drei!“, brüllt McGregor und die Patienten wird umgelagert.
Die Rettungskräfte nehmen ihre Utensilien und verschwinden.
Plötzlich drückt er mir drei Röhrchen in die Hand.
„Zum Labor damit, es eilt.“
Ich laufe los ohne mir die Zeit zu nehmen zu fragen wo das Labor ist. Mein Blick nach oben geheftet renne ich durch die Flure und versuche den Schildern zu folgen.
Verfluchter erster Tag!
Mein Kopf prallt gegen etwas hartes und ein dumpfes Stöhnen erklingt.
„Können Sie nicht aufpassen?“, fragt eine zornige Stimme.
„Ach Anfänger“, wirft er genervt hinterher.
Mein Blick gleitet über sein Namensschild.
Dr. Santos Davis, Chefarzt der Pädiatrie.
„Entschuldigung, das Labor“, rufe ich und er deutet in einen schmalen Gang.
Meine Füße schaffen es ohne über sich selbst zu stolpern dort hin zu gelangen und die Proben abzugeben.
Kaum sind die Ergebnisse da renne ich zurück.
Als ich zu Bett zwei komme ist alles leer. Mein Blick gleitet zum anderen Bett. Der Ehemann ist immer noch da.
„Wo ist sie?“, rufe ich Amal zu.
„Röntgen“, ruft er zurück und widmet sich dem Versuch die Platzwunde zu nähen.
Sobald die Patientin zurückgebracht wird halte ich McGregor die Blutwerte hin.
„Wo waren sie solange?“
„Ich habe auf die Befunde gewartet.“
„Sie warten nicht auf Befunde! Wenn Sie etwas abgegeben haben kommen Sie zurück und helfen.“
Ich nicke und versuche die Nervosität herunterzuschlucken, sein Blick gleitet über die Blutwerte. Seine Stirn runzelt sich und er greift zum Telefon.
„Sie haben die ganze Zeit gewartet und kommen dann mit falschen Werten?“, zischt er und sieht mich wütend an.
Fassungslos schaue ich auf die Papiere, das darf nicht wahr sein.
„Gehen Sie und helfen Sie ihrem Kollegen bevor der Mann aussieht wie Frankenstein“, schimpft McGregor und ich beeile mich zu Amal zu gelangen.
Er sieht mich hilflos an und ich wechsle die Handschuhe.
„Du musst die Naht enger machen, siehst du so.“ Ich gebe mein Bestes ihm auf die Schnelle die Grundstiche zu erklären.
„Wo hast du gelernt?“
„In Arizona“, nuschle ich und befestige ein Pflaster über der Naht.
„Sie werden keine Narbe behalten.“
„Wie geht es meiner Frau und meinem Kind?“
„Ich weiß es nicht Sir, sobald ich etwas weiß werde ich Ihnen bescheid geben.“
An der Anmeldung stehen etliche Menschen, zwei Elektriker versuchen eine Lampe zu erneuern. Ich suche nach Dr. McGregor, kann ihn jedoch nirgends entdecken.
„Kann ich dir helfen?“, ruft eine tiefe Männerstimme und ich blicke zur Anmeldung.
Der freundliche Bär winkt mich herüber.
„Ganz schön viel am ersten Tag was?“, grinst er.
„Ich bin Marco Manson, aber sag ruhig Marco zu mir. Du scheinst einer der Frischlinge zu sein.“
„April Hope.“ Ich erwidere seinen Händedrück und ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus.
„Der verlorene Schwan ist zurückgekehrt.“
„Marco, wenn du möchtest das wir Freunde werden dann vergiss alles was du zu wissen denkst“, rate ich ihm mit fester Stimme was ihm ein erneutes Lächeln entlockt.
Er würde perfekt in die nächste Pizzeria passen mit seinem italienischen Touch und der fröhlichen Art.
„Also was suchst du April?“, raunt er.
„Ich suche McGregor“, flüstere ich verschwörerisch zurück.
„Der ist im Pausenraum, gleich da hinten.“
„Können Sie mir helfen ich brauche Hilfe, meine Frau ist im Auto. Sie hat sich mehrfach übergeben…“, ruft ein aufgebrachter Mann und stürmt auf die Schwestern an der Anmeldung zu.
Ich beeile mich zum Pausenraum zu gelangen und öffne die Tür.
„Dr. McGregor?“
„Bei Gott, lass jemanden gestorben sein oder kurz davorstehen, wenn du mich hier störst“, zischt er.
„Ich habe alles erledigt“, werfe ich ein und er schnalzt mit der Zunge.
„Du suchst also Arbeit?“ Das Grinsen in seinem Gesicht lässt mich wissen, dass es ein Fehler war, bevor seine Worte überhaupt aus seinem Mund kommen.
„Wenn du so begierig bist, dann geh und helfe auf der Pädiatrie aus!“
Verflucht!