Prolog
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich Ethan Reynolds zum ersten Mal sah. Ich war zehn Jahre alt, meine Zöpfe waren zu streng geflochten, und mein Lieblingskleid war voller Erdbeerflecken. Er war schon damals wie aus einem Film zu groß, zu schön, zu weit weg. Acht Jahre älter, mit dieser selbstverständlichen Arroganz, die nur Jungs haben, die wissen, dass man sie anschaut.
Und ich? Ich war nur das kleine Mädchen, das hinter ihrem Bruder Lukas stand und sich zu lange in seinen blauen Augen verlor.
Heute bin ich zwanzig. Und ich habe ihn nie vergessen.
Nie das Kribbeln, wenn er lachte.
Nie den Stich, wenn er wegging, ohne mich auch nur zu beachten.
Damals dachte ich, ich würde ihm irgendwann egal sein. Heute weiß ich: Ich bin auf dem Weg zurück in seine Welt – und sie ist gefährlicher, als ich mir je hätte träumen lassen.
„Wir müssen Deutschland verlassen.“
Lukas’ Stimme ist hart, seine Kiefermuskeln zucken, als er aus dem Fenster unseres Safehouses starrt.
„Warum?“ frage ich und runzle die Stirn. Die letzten Tage waren geprägt von Funkstille, verschlossenen Türen und finsteren Blicken.
„Weil wir in der Unterzahl sind“, antwortet er knapp. „Die Familie, die uns übertreffen will, macht keine halben Sachen.“
Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Ich wollte einfach wieder zur Schule. Mal normal sein. Vielleicht malen. Oder wenigstens draußen spazieren. Aber Normalität ist für Engel-Kinder keine Option mehr.
„Wohin?“ frage ich leise.
Lukas zögert. Dann sagt er mit dieser Mischung aus Resignation und Hoffnung:
„Nach England. Zu den Reynolds.“
Mein Herz macht einen Sprung.
„Ethan?“ frage ich und versuche, neutral zu klingen. Gelingt mir nicht. Mir wird warm. So richtig warm.
Lukas sieht mich irritiert an.
„Ja. Ethan. Er ist Nummer Zwei der Familie – nach Ezra.“
Ich nicke schnell. Natürlich weiß ich, wer Ezra ist. Der große Bruder, der das Oberhaupt der britischen Mafia ist. Kalt, brillant, verheiratet mit der ebenso unantastbaren Mila. Ein König.
Und dann ist da Ethan. Der mittlere Bruder. Nicht König aber der Ritter, der die Schlachten schlägt. Immer loyal, immer gefährlich. Und vielleicht... vielleicht auch immer noch ein bisschen mein Ethan.
„Und Elliot?“ frage ich, obwohl ich es gar nicht will. Ich erinnere mich an ihn der Jüngste, ein bisschen zu charmant, zu klug, zu oft in der Presse. Firmenchef ihrer legalen Fassade, einer milliardenschweren Holding. In einer On-Off-Beziehung mit dieser britischen It-Girl-Anwältin Alice. Die beiden waren schon damals ein Skandal. Und sie sind es wohl immer noch.
„Alle drei werden da sein. Aber Ethan wird sich um uns kümmern“, sagt Lukas, ohne meinen Blick zu treffen.
Ich beiße mir auf die Lippe.
Was, wenn ich nur wieder das kleine Mädchen für ihn bin?
Doch tief in mir spüre ich: Ich werde ihm beweisen, dass ich mehr bin.
Mehr als eine kleine Schwester.
Mehr als eine fliehende Tochter eines zerbrechenden Mafia-Erbes.
Mehr als ein vergessener Kindertraum.
Ich bin Sophie Anne Engel.
Und vielleicht...
Vielleicht ist es Zeit, dass auch Ethan das erkennt.