Blut speit im Vergangenheitsecho

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Summary

Zoè ist jemand für sich. Eine junge Frau mit einem tiefschwarzen, zerschmetterten Herzen. Ihre Energie speist sich aus dem Durst nach Rache. Was hinter ihr liegt, lässt selbst Drachen erzittern und Sirenen verstummen. Doch wo Dunkelheit herrscht, flackert manchmal ein Licht auf. So tritt Robin in ihr Leben. Kein Held. Kein Retter. Nur jemand, der sie ansieht, als wäre sie mehr, als das, was sie geworden ist. Und vielleicht ist genau das der Fehler. Denn wo Schatten regieren, sollte sich kein Licht verlieren. Es könnte sonst vergehen.

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Prolog

Ich sitze an meinem Schreibtisch, in dieser viel zu stillen Wohnung, die noch nach Farbe und altem Staub riecht. Das Licht draußen stirbt langsam, bricht sanft durch das Fenster. Es ist dieser Moment kurz vor der Dunkelheit, in dem alles seltsam echt wirkt, wiederum doch auch so falsch.

Die Tapete schiebt sich an den Ecken ab, als wolle sie selbst fliehen. Irgendwo in der Ecke hängt ein Spinnennetz. Mein Stift sieht aus, als hätte eine Katze ihn angeknabbert, aber ich kann nicht aufhören, darauf herumzukauen.

Der Bildschirm meines Laptops flackert kalt und still. Ich scrolle mich durch Gesichter, alte Namen, Orte, Kommentare. Es ist, als würde ich in einem Albtraum wühlen, den ich selbst archiviert habe.

Dann bleibt meine Hand stehen. Die Maus friert unter meinen Fingern ein. Ein Kribbeln schleicht mir über den Rücken, wie kalte Spinnenbeine. Ich lehne mich näher an den Bildschirm, mein Puls stolpert kurz.

Da ist er. Zumindest... sieht ihm verdammt ähnlich.


Ich flüstere fast: „Na siehst du. War ja klar, dass du nicht ewig unter dem Stein bleibst.“

Ich will glauben, dass er es ist. Ich brauche es fast. Denn wenn nicht... war alles wieder nur leerer Aufwand. Ich grinse schief. „Der Wichser trägt immer noch diese Frisur. Acht verdammte Jahre …“

Mein Herz hämmert. Ein eigenartiges, brennendes Gefühl. Zufriedenheit. Aufregung. Zorn. Vielleicht alles auf einmal. Ich scrolle weiter. Und dann … da ist es. Eine Standortangabe. Öffentlich. Offen. Ganz leicht dargelegt.

Ein bitteres, kaum sichtbares Lächeln streift über meine Lippen, als ich die Konturen seines Profils studiere. „Ah … da bist du ja. Du willst wohl gefunden werden, was …“ Ich spreche leise, als könnte ich durch die digitale Oberfläche hindurch zu ihm.

Ich will glauben, dass er es ist. Ich muss es fast glauben. Denn sonst war es wieder nur heiße Luft. Sarkastisch frage ich mich: „Wie kann der Wichser nach acht Jahren immer noch die gleiche Frisur tragen …“

Ich schließe den Laptop, sichere ihn mit dem Sperrcode und springe vom knarrenden Stuhl. Mein Körper ist steif, die Knochen schreien nach Bewegung. Ich recke und strecke mich. Die Spannung in meinen Muskeln zieht wie elektrische Impulse durch meine Glieder. Eine Erfrischung. Ein Energieschub pur.

„Was für ein Idiot …“ Ich schüttle den Kopf. Manche Menschen flehen geradezu darum, gefunden zu werden.

Die Naivität überrascht mich nicht mehr. Die meisten glauben nicht an Konsequenzen, solange sie verschont bleiben.

Ein weiteres Mitglied dieser Gruppe. Noch einer, der glaubte, damit durchzukommen.

Manchmal zweifle ich. Ganz ehrlich. Ob ich mich irre. Ob ich jemanden erwischt habe, der es nicht verdient hat.

Ich spüre bereits das Blut. Den Schmerz. Noch bevor ich beim Tatort bin, erfüllt mich eine unheimliche Vorfreude. Fast wie ein Rausch. Was mein kleines Ich dazu veranlasst, innerlich zu jubeln.

Ich will nicht, dass es sich gut anfühlt. Aber es tut es. Und das ist das eigentlich Beängstigende.

Ich gehe ins Schlafzimmer. Mein Dolch liegt auf dem Tisch. Schwarz, matt, scharf wie mein Wille. Prüfend wiege ich die Verfassung meines kostbaren Guts. Diesen Dolch habe ich einst von meinem Vater, Lucan Rashwan, bekommen. Das, was er mir nach seinem Tod hinterlassen hat. Damals gehörte ich noch zur Welt der Mafia.

Ich lasse ihn durch meine Finger gleiten, drehe ihn, fange ihn wieder auf. Der Griff passt wie immer perfekt in meine Hand. Wie eine Verlängerung meiner Seele. Ein leichtes, sicheres Lächeln umspielt meine Lippen.

Auf dem Weg zur Garderobe befestige ich ihn mit der Lederscheide um meinen Bauch.

Die Lederscheide passt sich meinem Körper an wie ein dunkles Geheimnis, das ich unter der Kleidung trage. Sie drückt gegen meine Haut, schwer und vertraut, wie eine Erinnerung, die ich nie loswerden kann. Und auch nicht will. Es lässt mich ein kleines Stück selbstbewusster werden.

Mein Weg führt mich durch die Küche. Ich schlendere zur Kücheninsel, greife mir einen Apfel aus der Schüssel. Ich beiße hinein, genieße das saftige Knacken und werfe den Rest ohne schlechtes Gewissen in den Garten meines Nachbarn. Er liebt es, alles ordentlich zu halten. Soll er sich darum kümmern.

Im Flur greife ich nach meinem schwarzen Wollmantel, ziehe ihn über, nehme beim Vorbeigehen die blaue Ledertasche an mich.

Keine Frage, es mussten teure Kleidungsstücke sein. Markenklamotten sind zwar nicht gerade billig, doch sie sehen gut aus, und ich fühle mich pudelwohl mit ihnen. Deswegen musste ich sie mir einfach dazu stehlen.

Meine blonden Haare streife ich mir aus dem Mantel und lasse sie lose über meine Schultern fallen. Eine Geste, die mich befreit und mein Ego stärkt.

Vor dem Spiegel im Flur bleibt mein Blick kurz hängen. Die Frau, die mir gegenübersteht, ist eine Mischung aus Rache und Eleganz. Wie ein schwarzer Panther.

"Du atmest noch, aber nicht mehr lange." Während ich das ausspreche, schiebe ich mit meiner schwarzen Sonnenbrille meine Haare zurück und verdecke damit meine hellblauen Augen. Natürlich darf sie nicht fehlen. Um meinen Look zu vervollständigen, stecke ich meine Füße in rabenschwarze Stiefel.

Die Straßen von Paris heißen mich mit Schmutz und Menschengedränge willkommen. Iww, wie Paris doch stinkt, mit all dem Müll am Boden und dem Schweiß der Menschen. Was mir gar nicht gefällt. Die große Menschenmenge ist mir auch immer noch zu viel.

Wenigstens habe ich mich an den Lärm der Stadt gewöhnt, weil ich diesen nur allzu gut auch in meiner Wohnung wahrnehmen muss.

Jeder Schritt hallt leise auf dem Pflaster, während ich den Ort aufsuche, an dem er oft und zu dieser Zeit entlanggeht.

Ich gehe mit geübten, kontrollierten, unauffälligen Schritten. Ich bewege mich zwischen den Silhouetten fremder Leben, ohne je Teil davon zu sein.

Ein Paar lacht an einer Straßenecke, zu laut, zu betrunken. Eine Katze huscht über die Pflastersteine, scheu und schnell. Für einen Moment beneide ich sie um ihre Instinkte.

Ich lasse den Blick über die Fassaden gleiten. Die Stadt pulsiert, und ich bin nur ein einzelner Takt darin, doch meiner schlägt nicht mehr im Rhythmus mit dem Rest.

Der Weg führt mich vorbei an Graffitis, die an den Wänden kleben wie alte Narben, und an leuchtenden Schaufenstern, in denen sich Dinge türmen, die ich nie besitzen wollte. Alles wirkt zu grell, zu künstlich, als würde das Leben hier nur durch Konsum sichtbar werden.

Ich biege in eine Seitenstraße ein. Sie ist enger, leiser, fremder. Der Asphalt unter meinen Füßen ist rissig, die Laternen werfen zitternde Lichter auf den Boden, als wären sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt leuchten wollen.

Ich bleibe kurz stehen, an der Ecke eines kleinen Platzes, auf dem ein Brunnen leise tropft. Die letzten Sonnenstrahlen brechen auf das Wasser und bringen es zum Glitzern. Ich betrachte mein Spiegelbild im Wasser, das von den Wellen zerschnitten wird, als wolle es sagen: "Du bist nicht ganz."

Ich schlucke kurz, ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Meine Haut kribbelt, mir wird mulmig im Magen. Ich ziehe die Kapuze über meinen Kopf.

Auf meinem Weg komme ich 'zufälligerweise' an dem Ort vorbei, an dem sich mein Ziel aufhalten soll.

Ich schlendere den gleichen Weg entlang und behalte ihn im Auge. Dabei werfe ich ihm keine offensichtlichen Blicke zu. Es soll mich niemand verdächtigen, also sehe ich mich mehr oder weniger in der Umgebung um, um mein Vorhaben zu verbergen.

Als er seine Schritte verlangsamt, gehe ich gemächlich an ihm vorbei. Ein inneres Grinsen erscheint.

Dass hier gerade einige Leute sind, macht mir nichts aus. Ich muss nur alle um mich herum gut im Auge behalten. Meine Arbeit schnell, präzise und geschickt erledigen. Das ist alles. Einfacher kann es wohl kaum sein, denn ich bin darin stark trainiert.

Als ich parallel zu ihm stehe, gleitet meine Hand unter den Mantel. Der Dolch fliegt in einem flüssigen, geübten Zug in meine Hand. Mit einem einzigen, präzisen, geschwinden Stoß ramme ich ihn in die Oberschenkelarterie.

Das Blut schießt hoch wie ein schmutziger Springbrunnen. Ich spüre den Widerstand, das Leben, das unter meiner Hand schwindet. Es rauscht in meinen Ohren, meine Pupillen verengen sich, alles andere wird dumpf. Es fühlt sich verboten gut an. Die Rache brennt wohlig in meiner Brust. Ich sehe sein Gesicht kurz entgleisen.

Sein Körper zuckt.

Ein leiser Laut, kaum mehr als ein gestohlener Atemzug, entweicht ihm.

Er blickt verwundert zur Seite, ich sehe sein Gesicht kurz entgleisen. Schmerz und Verwirrung legen sich darauf, doch das hält nur einen Wimpernschlag lang. Er sucht nach dem, was geschehen ist.

Doch ich bin bereits weitergegangen, verschmolzen mit der Dunkelheit, mit den Menschen, mit der Straße.

Der Dolch steckt wieder an seinem Platz.. Ich bin aus der Szene verschwunden, bevor ich überhaupt Teil davon wurde.


Ich wende meinen Blick ab.

Ich muss es nicht sehen.

Ich weiß, was ich getan habe, was gleich passieren wird.

Und ich weiß, dass es richtig war.

Oder... hoffe es zumindest.


Denn selbst jetzt, während meine Schritte sich entfernen, bleibt eine Stimme in mir zurück, die fragt, ob es der Richtige war.

Ob ich es wieder falsch gemacht habe.

Ob ich je richtig liegen werde.


Aber ich dränge sie fort.

Nicht heute.


Heute war ich schnell.

Klar.


Konsequent.


Und für einen Moment fühlt sich das an wie Kontrolle.

Die anderen bemerken es erst, als er zusammenbricht. Schreie gellen durch die Straße, das Chaos bricht aus, noch mehr Lärm in einer ohnehin hektischen Atmosphäre.


Doch etwas ist anders.


Ein Blick brennt sich in meinen Rücken. Ein paar Schritte gehe ich weiter ...


leicht versetzt ...


unauffällig ...


nur so, dass ich einen besseren Winkel bekomme. Ich drehe den Kopf kaum merklich.


Und sehe sie.


Ich friere innerlich kurz ein.


Sie hat es gesehen.


Eine braunhaarige Frau, die blass wie ein Geist wirkt. Ihre Augen sind geweitet vor Schock. Unsere Blicke treffen sich.


Ein Moment ...


Ein Augenblinzeln ...


Und doch ...


genug, um alles zu zerstören.


Ihr Blick schweift schnell wieder ab. Als wäre ich nur ein Schatten gewesen, den sie kurz gestreift hat.

Doch ich kenne diesen Ausdruck. Ich erkenne Schock, auch wenn jemand versucht, ihn zu verstecken. Ihre Haut wirkt fahl, nicht wie bei jemandem, der krank ist, sondern wie bei jemandem, der gerade etwas gesehen hat, das er nicht sehen sollte. Wie ein Mensch, dem eben klar wurde, dass er eine Tür aufgestoßen hat, die besser verschlossen geblieben wäre.


Sie hat es gesehen ...


Sie hat mich gesehen ...


Und schlimmer ...


sie weiß, was ich getan habe!