Echo eines Blicks

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Summary

Kann man jemanden lieben, wenn man sich selbst verloren hat? Model Leah wirkt nach außen kontrolliert, unnahbar und makellos. Doch ein Partyskandal mit einem Rockstar erschüttert die perfekte Fassade und bedroht ihren internationalen Durchbruch. Ihre letzte Chance, den Ruf zu retten: ein Videodreh mit der Band Echo Divide. Dort trifft sie auf Gitarrist Lukas - und damit auf jemanden, der sie wirklich sieht. Je näher sie sich kommen, desto mehr bröckelt Leahs sorgfältig errichtete Welt. Denn vor Lukas kann sie nichts verstecken - nicht einmal die Dinge, vor denen sie selbst die Augen verschließt. Plötzlich geht es nicht mehr um Karriere oder Image. Sondern darum, wer sie ist, wenn keine Kamera läuft. Und ob Liebe möglich ist, bevor sie sich selbst wiedergefunden hat.

Status
Complete
Chapters
54
Rating
5.0 3 reviews
Age Rating
16+

Just me and your shadow and all of my regrets

Ba-dom ... Ba-dom ... Ba-dom ...

Jeder Herzschlag verwandelt sich in meinem Schädel zu einem Dröhnen. Für einen Moment ist da nur dieser hämmernde, alles überlagernde Schmerz. Und am liebsten würde ich wieder in dieser wohligen Dunkelheit verschwinden, in der ich nichts fühlen musste. Nicht denken musste.

Aber hinter meinen geschlossenen Lidern flackert bereits etwas auf. Nicht wie echtes Licht, eher wie das grelle Aufflammen eines überreizten Gehirns. Bilder der letzten Nacht schieben sich ins Bewusstsein, wecken Erinnerungen, die ich lieber verdrängen will. Wie die tiefe, raue Stimme direkt an meinem Ohr. Den Hauch Zigarettenqualm in der Nase. Der bittersüße Geschmack von Gin Tonic auf der Zunge.

Ich konzentriere mich auf die Geräuschkulisse der Großstadt, die aus der Ferne zu mir dringt. Irgendwo muss ein gekipptes Fenster sein, denn ein Luftzug streicht kalt über meine Haut, kriecht mir in die Glieder und lässt mich frösteln.

Ich taste neben mir nach einer Decke. Doch als meine Fingerspitzen auf etwas unerwartet Warmes treffen, bin ich mit einem Schlag hellwach.

Der Raum dreht sich, als ich die Augen aufreiße. Haltsuchend kralle ich die Finger in die Matratze, warte ab, bis mein Hirn den neuen Sinneseindruck verarbeitet hat. Dann richte ich mich langsam auf.

Durch schwere Vorhänge fällt fahles Licht auf massive, schwarze Möbel. An der Wand gegenüber hängt ein Gemälde, groß wie eine Tür. Ein schemenhaftes Wesen versucht, einem dunklen Strudel zu entkommen. Oder versinkt darin.

Fuck, das hier ist nicht mein Zimmer.

Mein Blick wandert zur Seite, fällt auf einen tätowierten Männerrücken. Schwarze Tinte auf heller Haut. Runen und dicht verschlungene Linien, die sich über die Schultern ziehen. Ich kenne dieses Muster. Weiß, wem sie gehören.

Max. Gitarrist der Metalband Ashes of Fury.

Wer auch sonst?

Ich erinnere mich wieder an das Konzert. An die Bar, die wir danach aufgesucht haben. Wie wir mit dem ersten Drink auf meine bevorstehende, internationale Kampagne angestoßen haben. Dann auf seine geplante Europa-Tour. An sein Lächeln, als er mir ohne Grund den Dritten spendierte, und mein Lachen als ich »nur heute« sagte.

Scheiße.

Urban Pulse. Die bevorstehende Kampagne. Und das Gesicht der kommenden Herbst-Kollektion sitzt halb nackt im Bett eines berühmt-berüchtigten Rockstars.

Wie professionell, Leah.

Statt die Decke an mich zu ziehen, rutsche ich reflexartig weiter zur Seite, weg von seiner Wärme.

Bis jetzt war da immer eine Grenze mit Max. Wir haben geflirtet. Uns geküsst. Aber neben Max aufwachen? Halbnackt? Das war nie Teil des Plans. Das geht viel zu weit.

Nicht wegen der Nacktheit. Nicht nur. Sondern wegen des Gefühls, das sich in mir breitmacht. Dieses alte, vertraute Brennen, das mich daran erinnert, wie schnell ich zu viel gebe, nur um ein bisschen gesehen zu werden. Obwohl es nie reichen wird.

Wie konnte es so weit kommen?

Mein Blick gleitet zurück zu Max. Wie ruhig er da liegt, die Schultern entspannt. Ein Sinnbild dafür, wie er sich durch den Alltag bewegt, wie leicht ihm alles zu fallen scheint. Während ich mir ständig Gedanken mache, wie ich wirke. Wie man mich sieht. Ob ich genug bin. Für die Branche. Für die Kamera. Für jemanden wie ihn.

Mein Schamgefühl lässt mich nun doch nach der Decke greifen. Ich ziehe sie über die Brust, als würde ich dadurch weniger nackt in seinem Bett sitzen. Als hätte er nicht längst alles gesehen. Die Dellen an den Oberschenkeln, die auf Fotos nicht existieren. Den weichen Bauch, den ich bei Shootings einziehe, bis mir schwindelig wird. Alles, was ich sonst sorgfältig verberge.

Und ich kann mich nicht mal daran erinnern, wie er reagiert hat. Brauche ich auch nicht. Meine Fantasie füllt die Lücke. Nicht positiv.

Scheiße.

Die Matratze bewegt sich und ich halte den Atem an.

Max streicht sich das dunkle, verworrene Haar aus dem Gesicht, blinzelt. Sein Blick findet mich sofort, wandert kurz über meine Schultern, die Decke. Ein leises Grinsen.

»Guten Morgen, Babe.« Seine Stimme klingt nach Rauch und zu viel Alkohol, lässt erahnen, wie wild die letzte Nacht war.

»Morgen.« Ich weiche seinem Blick aus, taste hastig neben dem Bett nach meinem Top.

Nichts.

»Komm wieder her.« Seine Hand streift meinen Arm, wandert langsam höher zur Schulter.

Mein Puls beschleunigt sich und ich rutsche noch weiter zum Rand. »Wo sind meine Sachen?«

Seine Hand verweilt noch einen Moment auf meiner Haut, bevor er sie zurückzieht. Nicht beleidigt, eher amüsiert. »In der Waschmaschine.«

Ich starre ihn an. »Was? Warum?«

»Hast du etwa nen Filmriss?« Er klingt fast ein wenig belustigt.

Ich nicke kaum merklich. »Haben wir ...?« Die Frage kommt nicht ganz über meine Lippen.

Ein kehliges Lachen bricht aus ihm heraus. »Gott, nein.« Er dreht sich auf den Rücken, verschränkt völlig entspannt die Arme hinter dem Kopf, und ich versuche, nicht hinzusehen. »Ich hab Prinzipien, Leah. Dazu gehört ein gewisses Maß an Freiwilligkeit und du ... Du warst gestern komplett weggetreten. Hab dich ausgezogen und ins Bett gelegt. Mehr nicht.«

Mehr nicht.

Unwillkürlich atme ich durch. Ein Teil der Anspannung fällt von mir ab. Nur ein Teil.

Denn da ist eine flackernde Erinnerung. Grelles Licht. Blitzlicht?

»Oh, nein. Oh, nein. Oh, nein!« Ich lasse mich in die Kissen fallen, ziehe die Decke über das Gesicht. Der Stoff riecht nach Max. Nach Schande. »Sag bitte, dass das niemand außer dir mitbekommen hat.«

Stille.

Ich blinzle vorsichtig unter der Decke hervor. »Max?«

Er zieht den Mund schief. »Nicht ... den totalen Absturz, aber ... da war der Tanz auf der Box und –«

»Scheiße«, fluche ich und vergrabe mich wieder unter der Decke. Als könnte ich mich damit vor der Welt verstecken.

»Hey, Babe.« Max’ Stimme dringt gedämpft zu mir durch. »Das wird schon. War halt eine wilde Nacht, das passiert schon mal.«

»Mir nicht.« Meine Stimme klingt brüchig. »Ich kann mir so was nicht leisten.«

Ich fische blind nach dem Handy auf dem Nachttisch.

Fünf verpasste Anrufe. Eine Nachricht. Alle von Micha.

»RUF MICH SOFORT ZURÜCK!«

Mir wird kalt.

Sonntagmorgen. Kein Shooting. Kein Event. Nur ein Handydisplay, das Panik verbreitet. Denn mein Manager verbringt seine Sonntage lieber auf dem Golfplatz oder in seinem viel zu lauten Sportwagen. Dass er mich anruft, bedeutet nichts Gutes.

»Was ist?«, fragt Max. Seine Stimme ist leiser geworden.

»Ich muss telefonieren«, antworte ich abwesend und lasse die Beine über den Bettrand gleiten. Der Boden unter meinen Füßen ist so kalt wie die Aussicht darauf, was mich erwartet, wenn Micha abhebt.

Und das tut er bereits nach wenigen Sekunden, als hätte er direkt neben dem Handy gewartet.

»Leah!«, fährt er mich an. Ich zucke zusammen.

»Ja?«, presse ich hervor.

»Wir müssen reden. Wo bist du?«

»Ist das ... wichtig? Wir reden doch gerade.« Ich versuche, locker zu klingen, aber mein Herz hämmert bis in die Schläfen. Viel zu schmerzhaft.

»Ich kann es mir eh denken«, brummt er verärgert. »Ich will dich persönlich sehen, Fräulein. In. Meinem. Büro. Jetzt.« Er legt auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Vermutlich, weil er eh keine Widerworte duldet.

Ich starre auf das dunkle Display. Mein Magen zieht sich zusammen, als hätte ich Steine verschluckt. Micha ist oft laut, oft dramatisch – das gehört zu seinem Job. Aber das war mehr als Ärger. Das war Enttäuschung.

»Klang nicht gerade begeistert«, sagt Max trocken.

Ich drehe mich zu ihm um. Er liegt noch immer halb aufgerichtet im Bett, beobachtet mich. Sein Blick ist wacher jetzt, fokussierter.

»Du hast nicht zufällig was zum Anziehen für mich?«

»Schon.« Er grinst leicht. »Aber ich bin nicht sicher, ob ich dir einfach so beim Gehen helfen sollte.« Seine Stimme hat diesen spielerischen Unterton, und seine Hand streckt sich wieder nach mir aus, streift meine Hüfte.

Die Berührung ist warm. Und genau deswegen zucke ich zurück.

»Ich muss wirklich los.« Meine Stimme klingt schriller als beabsichtigt.

Max zieht die Hand zurück, aber sein Grinsen wird breiter. »Wie du willst, Babe.« Er lässt sich wieder in die Kissen fallen. »Kleiderschrank, zweites Fach. Nimm dir, was du brauchst.«