Prolog
Zwei Leben. Zwei Welten. Zwei Entscheidungen.
Und ein unausweichliches Schicksal.
Nara
Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee und warmer Erde hing noch in der Luft, als Nara ihren Rucksack über die Schulter warf. Die Fenster des kleinen Cafés, das sie jeden Morgen vor der Vorlesung aufsuchte, spiegelten das Licht der frühen kalifornischen Sonne, das durch die Palmen streifte.
Es war ihr Lieblingsort. Kein Mensch kannte sie hier. Hier gab es keine Erwartungen, keine Vergleiche, keine Schatten, in denen sie verschwinden musste. Nur Namen, die neu waren. Stimmen, die sie nicht mit ihrer Vergangenheit verbanden.
Hier konnte sie einfach Nara sein.
Und vielleicht war das der Grund, warum sie Chris überhaupt an sich herangelassen hatte.
Er war der Erste gewesen, der sie zwischen all den anderen Studenten bemerkt hatte. Nicht mit dem forschenden Blick eines Mannes, sondern mit der instinktiven Aufmerksamkeit eines anderen Werwolfs.
Er stammte aus demselben Rudel wie sie. Doch während Nara in San Diego aufgewachsen war, hatte Chris seine Kindheit in Los Angeles verbracht.
Es war eins der größten Rudel, das von ihrem Alpha Jackson geleitet wurde. Früher, vor vielen Jahren, waren es mal zwei, aber das lag schon sehr lang zurück und gehörte der Vergangenheit an.
Da Nara bereits früh aufgehört hatte, sich an gesellschaftlichen Ereignissen zu beteiligen, hatte sie Chris vorher nie gesehen.
Sie waren sich nie über den Weg gelaufen. Und falls doch, konnten sie sich daran nicht erinnern. Obwohl Chris weiterhin darauf beharrte, dass er sich erinnern könnte, falls er sie zuvor gesehen hätte.
Chris war offen, ehrlich, charmant, manchmal etwas zu direkt. Aber er war unkompliziert. Und das war genug. Genug für Nara.
Sie hatten sich in einem der Vorbereitungskurse für Genetik kennengelernt. Erst saßen sie zufällig nebeneinander, dann blieben sie sitzen. Vorlesung für Vorlesung.
Chris war freundlich, ohne sie zu bedrängen. Lustig, ohne überheblich zu sein. Genau die richtige Dosis, die sie benötigte.
Und obwohl Nara spürte, dass seine Nähe mehr bedeutete als nur Interesse, hatte er nie versucht, ihre unsichtbaren Grenzen zu überschreiten.
„Du willst heute doch nicht wieder lernen, oder?“, hatte er vor wenigen Stunden noch gefragt, als sie gemeinsam aus dem Hörsaal gekommen waren.
Er war groß, sportlich, das dunkle Haar lässig zurück gestrichen. Er trug übergroße T-Shirts mit Rockband-Aufdrucken, dazu Jeans und Sneaker. Seine Aura war präsent, aber nicht aufdringlich. Wie ein Wolf, der gelernt hatte, zu warten, anstatt immer nur impulsiv zu sein und zu fordern.
Nara hatte einfach gelächelt. Dieses kleine, reservierte Lächeln, das er inzwischen kannte und ihr immer öfter über die Lippen glitt.
„Eigentlich muss ich noch in die Bibliothek. Und dann … vielleicht“, sagte sie etwas verlegen.
Chris hatte ihr einen Blick zugeworfen, der zu viel sagte.
Sie wusste, was er sich von dieser Freundschaft erhoffte. Aber sie wusste auch, was sie fühlte. Oder vielmehr, was sie nicht fühlte.
Sie mochte Chris. Aufrichtig. Aber nicht auf die Art, die er sich wünschte. Er war ihr Freund. Nicht viel mehr und nicht weniger.
Einer der wenigen Menschen, bei denen sie sich nicht wie ein Schatten fühlte oder zu etwas gedrängt, was sie nicht sein wollte. Trotzdem konnte sie ihm nicht das Licht geben, nach dem er suchte.
„Weißt du eigentlich, wie gern ich dich mal richtig ausführen würde?“, hatte er schließlich lachend gesagt, halb im Scherz, halb im Ernst.
Naras Antwort war nur ein sanftes Nicken gewesen. Nicht ja. Nicht Nein. Nur ein Nicken, das beide verstanden. Und nicht weiter ausführten. Das war auch nicht notwendig.
Und jetzt, während sie aus dem Café trat, spürte sie ein Ziehen unter der Haut. Es war, als ob ihr etwas bevorstand.
Etwas, das sie nicht greifen konnte. Doch es lag ganz klar in der Luft.
Sie griff nach ihrem Handy, als es vibrierte. Der Name ihres Vaters leuchtete alarmierend auf. Sie hielt an. Blickte zum Horizont und nahm den Anruf an.
Ein einziger Satz genügte, um ihre Welt ins Wanken zu bringen.
„Nara. Du musst nach Hause kommen. Heute noch.“
Keine Erklärung. Kein Spielraum für Vermutungen. Nur das Gewicht seiner Stimme, das sie nie infrage gestellt hatte.
Als sie auflegte, war alles um sie herum plötzlich fremd. Der Campus. Die Stadt. Chris. Ihr eigenes Leben.
Der Lärm des Cafés hinter ihr war plötzlich weit weg. Alles war gedämpft. Verlangsamt. Unsicher blickte Nara auf die Uhr auf ihrem Gelenk. 08 Uhr früh. Und dann blickte sie auf die belebte Straße, wo die Welt einfach weiterlief.
Nara wusste nicht, was geschehen war. Aber sie wusste, dass etwas zu Ende ging.
Etwas, das gerade erst begonnen und das sie so lieb gewonnen hatte.
Allan
Im Palast roch es noch nach der Politur, mit der sie gestern den Boden eingerieben hatten. Die Vorbereitungen hatten bereits stillschweigend begonnen.
König Allan Valeborn stand allein in der großen, lichtdurchfluteten Halle. Sein Blick war auf das Siegel, in seiner Hand, gerichtet. Die Nachricht war kurz. Und die Entscheidung, unausweichlich.
Er benötigte einen Erben.
Nicht aus Liebe und Wunsch, sondern aus Pflicht dem Königreich gegenüber, über das seine Familie seit Generationen regierte. Eine weitere Ablehnung war nicht möglich.
Die Oberhäupter des Rats hatten ihren Entschluss ziemlich deutlich mitgeteilt. Schon zu lange warteten sie auf einen Thronfolger. Sie wollten die Sicherheit für den Fortbestand.
Seine Gefährtin, Mariella, konnte ihm keinen Sohn schenken. Und obwohl sie alles war, was er begehrte, war ihr Körper durch Verrat und das Gift gezeichnet worden.
Er hatte geschworen, sie zu schützen. Doch jetzt zwang man ihn, sie erneut zu verraten.
Er sollte sich eine Konkubine nehmen.
Eine Fremde, die sein Kind gebären und das Erbe sichern sollte, das man ihm auferlegt hatte.
Sein Kiefer spannte sich an.
Er hasste diesen Gedanken.
Eine weitere Frau in sein Leben zu holen. In sein Bett, nur um das zu erfüllen, was andere von ihm verlangten.
Doch er wollte niemanden. Nicht nach allem. Nur Mariella.
Allan strich mit einer Hand unruhig durch seine makellose Frisur. Von außen betrachtet wirkte er vollkommen gelassen und ruhig. Doch in ihm tobte ein Sturm.
Selbst Könige hatten Grenzen. Und Pflichten, die schwerer wogen als Wünsche. Und er war an dieser Grenze angelangt.
Viel zu lange hatte er das Thema aufgeschoben.
Die Auswahl wurde bereits getroffen. Familien im ganzen Land wurden hierzu durchleuchtet und ihr Stammbaum erforscht.
Und nach einer intensiven Suche kam anscheinend nur eine Familie in Betracht.
Die Familie Brody.
Eine Familie, die ebenfalls von den Lykanern abstammte und die direkt zwei Kandidatinnen zur Auswahl hatte.
Alle anderen möglichen Kandidaten waren entweder zu jung, zu alt, bereits vergeben oder schon tot.
Doch Allan behielt sich das Recht vor, keine von den beiden zu wählen. Diese Wahl wollte er sich nicht aufbürden lassen.
„Ach, da bist du ja. Was tust du hier allein?“, hörte er Mariellas Stimme und sah zu ihr auf.
Für den Moment war er froh, sich von den Gedanken befreien zu können.
Mariella schritt mit schnellen Schritten über die lange Halle auf ihn zu. Dabei klackerten ihre High Heels mit jedem Schritt, den sie tat, hart auf dem Boden. Sie trug wieder eines seiner Lieblingskleider. Dunkelblaue Seide umschmeichelte ihre wohlproportionierte Figur bis unterhalb ihrer Knie. Genau so, wie es die Etikette vorschrieb.
Doch das Lächeln, das sich auf seinen Lippen bildete, wie immer, wenn er sie sah, hob seine Stimmung heute nicht. Es erreichte seine dunklen Augen ebenfalls nicht und brachte sie auch nicht wie sonst zum Funkeln.
Sobald Mariella bei ihm ankam, schmiegte sie sich sofort an seine Seite. Sie suchte immer seine Wärme, wenn sie nah beieinander standen.
„Was tust du hier? Ich dachte, wir würden heute mit Silver ausreiten?“, sagte sie mit ihrer glockenhellen Stimme und ließ ihre Hand von seinem Arm bis zu seiner Brust hinauf wandern.
Allan ließ den Brief sinken. Er legte seine freie Hand auf die der hübschen Frau mit den hellblonden Haaren und den leuchtend grünen Augen.
Während er mit seinem Daumen behutsam über ihren Handrücken strich, bewunderte er für einen kleinen Augenblick die raffinierte Hochsteckfrisur, die sie von ihrer neuen Zofe stecken lassen hatte.
„Wir müssen das auf morgen verschieben“, sagte Allan und gab ihr einen kleinen Kuss auf den Mund. Doch dieser schmeckte ebenfalls fahl und nicht süß, wie sonst.
„Was ist los?“, fragte Mariella sofort besorgt. Ihre Fühler, wie er es gern nannte, waren bereits auf Erkundungstour. Sie schien immer zu spüren, dass etwas nicht stimmte.
Allan senkte den Blick und betrachtete den Brief in seiner Hand.
Wie sollte er ihr davon erzählen?
Sollte er es ihr frei heraus sagen?
Während Allan darüber nachdachte, folgte Mariella seinem Blick und entdeckte das weiße Kuvert zwischen seinen Fingern.
Sie erkannte das Siegel darauf direkt und sog scharf die Luft ein, als sie die Bedeutung erahnte.
„Es … es ist also beschlossen“, sagte sie resigniert. Ihre Stimme war leise, wie ein Hauch.
„Mari..“, sagte Allan. Doch Mariella hielt ihn auf, bevor er ihren Namen richtig aussprechen konnte. Sie schluckte den bitteren Kloß in ihrem Hals hinunter und räusperte sich, während sie vier ihrer dünnen Finger auf seine Lippen drückte.
Mariella musste stark bleiben und durfte jetzt nicht einknicken. Nicht, nachdem sie ihn dazu mehrmals aufgefordert hatte, dem Wunsch des Rats endlich nachzukommen.
Sie wollte nicht, dass ihr geliebter Allan durch sie in Schwierigkeiten geriet. Trotzdem kämpfte sie gegen die dicken Tränen, die sie nur mühsam zurückhalten konnte.
„Wir wussten beide, dass dieser Tag kommen würde“, sagte sie tapfer, während sie weiter gegen den Drang ankämpfte, loszulassen. Und ihren Tränen freien Lauf zu geben.
Ihre Stimme war belegt. Sie atmete zögernd. Es war, als wäre ihr Rhythmus gestört und aus dem Gleichgewicht gebracht worden. Doch sie wich seinem aufgewühlten Blick nicht aus.
Mariella schaffte es, sich zu sammeln. Sie straffte sogar ihre Schultern und schob ihr Kinn ein wenig vor.
„Ich … ich wollte es so“, sagte sie mit fester Stimme.
Allan nickte nur und fragte sich, ob sie es für sich oder für ihn sagte.
Ihm fielen keine Worte ein, wie er die Situation beschönigen konnte. Vielleicht lag es auch daran, dass es keine gab.
Also ließ er es einfach sein.
Während Mariella sich wortlos umdrehte und ging, sog Allan tief die schwere Luft ein und schloss seine Augen. Er lauschte auf das Klacken ihrer High-Heels.
Es gab viele gemeinsame Diskussionen mit Mariella.
Viele Nächte, die sie schlaflos verbracht hatten, während sie sich nur von einem Schweißfilm bedeckt, nackt im Bett gewälzt und in den Armen des anderen gelegen hatten.
Mariella wollte, dass er seinen Erben bekam.
Und Allan wollte nur sie.
Wenn sie nicht weiter sprechen konnte, weil ihre Lippen, Finger und Mitten miteinander verwoben waren, der Duft ihres Liebesspiels immer schwerer in der Luft hing und sie immer mehr um Atem rangen, hatten sie mit ihren glühenden Blicken weiter diskutiert.
Allan fragte sich, wie sich die Beziehung zwischen ihnen demnächst entwickeln würde. Er konnte es momentan überhaupt nicht einschätzen. Aber er nahm sich vor, stets für seine Mariella da zu sein.
Er würde für sie kämpfen. Für sie beide.
Nach einem weiteren tiefen Atemzug öffnete Allan die Augen. Er sah die sich immer weiter entfernende Mariella.
Mit erhobenem Kopf und gestraften Schultern lief sie immer weiter. Er bewunderte ihre Stärke in diesem Moment.
Sobald sie außer Sichtweite war, blickte er erneut auf den Brief.
Er überlegte, ihn einfach zu zerreißen. Da dieser sich mittlerweile kaum tragbar anfühlte und in ihm zusätzlich das Gefühl auslöste, sich daran zu verbrennen.
Laut ließ Allan den Brief auf die Anrichte fallen und begann, sich auf dem Weg nach draußen auszuziehen.
Er würde Josh, seinen Beta und Assistenten bitten, sich darum zu kümmern. Er würde niemanden wählen. Jetzt würde er erst einmal seinen Lykaner hinauslassen. Er brauchte Platz für seinen Groll. Gegen den Rat, gegen die Pflicht und sich selbst.
Vor allem aber gegen die Konkubine, die bald eintreffen würde.
Allan ahnte nicht, dass weit entfernt, in einer fremden Stadt, ein stilles Mädchen gerade dabei war, zum ersten Mal wirklich aufzublühen.
Nur um ihr Leben in diesem einen Moment zu verlieren.
Und um seins aus den Fugen zu reißen.