Akt 1: Die Sünde
„Sünde?"
Ein passendes Zitat über Sünde und Verlangen könnte sein: „Sünde ist die Sehnsucht nach dem Verbotenen und Verlangen ist die Sünde, die wir uns selbst auferlegen." Ein Satz, der zeigt: Sünde beginnt oft nicht mit einer Tat, sondern mit einem Gedanken. Einem Wunsch. Einer Grenze, die wir in uns selbst überschreiten.
Der Geruch von Kreide lag noch in der Luft, vermischt mit altem Holz und einem Hauch von Kaffee, der durch das Fenster hereinwehte aus der Cafeteria unten im Innenhof. Das Klassenzimmer der Horizon University war groß, aber alt. Die Fenster hoch, die Decke gewölbt. Über den alten, dunklen Holzbänken hingen eiserne Lampen, deren Licht warm flackerte. Es war still nicht unangenehm, eher ehrfürchtig. Die Art von Stille, die entstand, wenn Worte schwer genug waren, um sie zu tragen.
Zaiden Graves stand an der Tafel. Groß, aufrecht, selbstbewusst sein schwarzes Hemd spannte sich leicht über seinem breiten Rücken. Ein feiner Kreideschleier war auf seiner Schulter zu sehen, wo er sich beim Schreiben angelehnt hatte.
Er war kein gewöhnlicher Dozent. Seine Stimme war tief, kultiviert, ruhig wie warmer Whiskey in einem zu kalten Raum. Die Art von Stimme, die selbst das Lesen eines Einkaufszettels in ein Gedicht verwandeln könnte.
Er sah zur Klasse. Dann senkte er den Blick gezielt auf eine bestimmte Studentin.
„Miss Joy, möchten Sie vielleicht ein Beispiel in die Runde geben?"
Ein kurzer Moment des Innehaltens. Dann richteten sich alle Blicke auf sie.
Lara saß am Rand der zweiten Reihe. Ihr Platz war wie immer derselbe. Unauffällig. Abseits. Sie mochte es nicht, im Zentrum zu stehen. Und doch tat sie es nun durch seine Worte.
Sie hob langsam den Kopf. Ihre langen, braunen Haare fielen über ihre Schulter, als sie ihr Notizheft aufschlug. Die erste Seite. Mehrere Texte. Viele davon durchgestrichen, als hätte sie lange mit sich selbst gerungen. Was war richtig? Was war zu viel?
Ihre großen, braunen Augen bambiartig, fast kindlich, und doch so erschöpft glitten einen Moment über Zaiden. Die Sonne, die durch das Fenster fiel, tauchte ihr Gesicht in einen goldenen Schein. Ihre Augen schimmerten wie Bernstein. Und zum ersten Mal heute sah sie nicht schwach aus. Sondern wie jemand, der etwas zu sagen hatte.
Dann begann sie zu lesen.
„Sünde ist... die Sehnsucht nach dem Verbotenen", begann sie leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, aber klar. „Verlangen ist die Sünde, die wir uns selbst auferlegen. Es ist dieser innere Drang, der uns reizt, der uns lockt auch wenn wir wissen, dass wir damit verbrennen könnten."
Ein Stuhl knarzte in der Stille. Niemand sprach. Niemand lachte. Nur Zaiden sah sie an, seine Augen dunkel, fast lauernd wie ein Tier, das beobachtet, nicht angreift.
Lara hob den Blick.
„Manchmal", flüsterte sie, „ist Liebe selbst eine Sünde. Wenn man jemanden liebt, der das Monster in sich trägt, wird die Sehnsucht zur gefährlichen Falle, und die Leidenschaft zur bitteren Last."
Ein kaum merkliches Lächeln spielte um Zaidens Lippen. Er nickte langsam, würdigend.
„Gut gesagt, Miss Joy. Sünde und Liebe sind oft zwei Seiten derselben dunklen Münze."
Er ließ seinen Blick durch die Klasse schweifen. „Ich hoffe, alle haben gut zugehört. Manchmal ist Literatur ehrlicher als wir selbst."
Dann zerschnitt der Klang des Gongs die gespannte Luft. Stühle wurden gerückt. Stimmen flackerten auf. Die Magie des Moments zerrann wie Rauch im Wind.
Doch Lara blieb sitzen. Ihr Blick war auf die Tischkante gerichtet, ihre Hände lagen ruhig auf dem Heft.
Zaiden löschte mit einem Tuch langsam die Tafel. Wort für Wort. Als würde er etwas Persönliches ausradieren. Dann drehte er sich um und sah sie an.
„Miss Joy?" Seine Stimme war nun weicher, fast beiläufig. „Haben Sie einen Moment?"
Sie zuckte leicht, hob dann den Blick. Ihre Augen trafen seine Bernstein gegen Stahlgrau.
„Natürlich, Sir."
Sie stand langsam auf, nahm ihr Heft, drückte es fest gegen die Brust. Ihre Finger zitterten kaum merklich.
Er wartete, bis alle anderen gegangen waren. Dann trat er näher. Nicht zu nah. Aber nahe genug, dass sie ihn roch.
Nicht billig. Kein typisches Männerparfum. Dunkel. Holzig. Irgendwas an ihm roch wie... Gewitter. Und Zimt. Warm, aber gefährlich.
Zaiden sah sie mit einem Ausdruck an, der schwer zu lesen war da war Wärme, ja, aber auch Dunkelheit.
„Sie haben Talent. Und Mut. Auch wenn Sie es selbst noch nicht sehen."
Ein kurzer Blick auf ihre Hand dort, wo der Abdruck eines Fingernagels noch zu sehen war.
„Wenn Sie jemals das Gefühl haben, dass jemand Sie aufhält..."
Er sah ihr wieder in die Augen.
„...wissen Sie, wo Sie mich finden."
Lara schwieg. Ihre Lippen zuckten, als wollte sie etwas sagen. Doch die Worte blieben ungesprochen eingesperrt irgendwo zwischen Herz und Kehle.
Zaiden lächelte kaum merklich, mit einer Ruhe, die fast gefährlich wirkte. „Gute Arbeit heute. Wirklich."
Er trat zur Seite und öffnete mit einer flüchtigen Geste die Tür, ließ sie wortlos passieren.
Lara ging an ihm vorbei. Und wieder dieser Duft.
Er erinnerte sie an brennendes Kaminholz in einer verlassenen Winterhütte etwas zwischen Wärme, Gefahr und Geborgenheit. Dunkel, würzig, ein Hauch von etwas Wildem, das sich nicht ganz greifen ließ. Es war nicht irgendein Parfüm. Es war... er.
Als sie an der Tür stand, drehte sie sich noch einmal um ein Reflex, den sie nicht verstand.
Er stand an seinem Pult, eine Hand lässig auf dem Tisch abgestützt, während er mit der anderen sein Handy in die Hosentasche schob. Seine Schultern ruhten entspannt, aber sein Blick blieb fest auf ihr stahlgrau, durchdringend.
Sie öffnete leicht den Mund, als wollte sie etwas sagen, doch sie hielt sich zurück. Nur ein flüchtiger Moment.
„Danke für das Gespräch, Herr Graves. Wir sehen uns morgen zur Fünften", sagte sie schließlich, fast flüsternd.
Dann drehte sie sich um und ging schnellen Schrittes davon.
Zaiden blieb zurück.
Mit einem kaum hörbaren Seufzen strich er sich durch das perfekt frisierte Haar. Einige Strähnen fielen ihm dabei über die Stirn und zeichneten feine Schatten über seine kalten Augen.
„Das war knapp...", murmelte er leise, fast tonlos.
Er streckte die Schultern, nahm seine Tasche vom Stuhl und ging zur Tür. Als er sie hinter sich schloss, fiel der letzte Sonnenstrahl des Nachmittags durch das große Fenster lange, goldene Bahnen über die leeren Tische.
Der Gang war ruhig. Nur das Echo seiner Schritte hallte wider. Die Horizon Academy war jetzt in dieser späten Stunde beinahe leer. Die Stimmen der Schüler waren längst verklungen, nur vereinzelt war noch das Klappern von Absätzen oder das entfernte Summen eines Staubsaugers zu hören.
Die Flure waren gesäumt mit Schwarz-Weiß-Fotografien früherer Absolventen. Zeugen vergangener Generationen. Und hier und da hing ein Gemälde mal expressionistisch, mal altmeisterlich von Schülern, die längst gegangen waren.
Zaiden bog ab und trat durch eine breite Glastür in den Westflügel, wo sich das Lehrerzimmer befand. Die Tür zum Lehrerzimmer war aus alter, cremefarbener Keramik. Darauf klebte ein vergilbtes Schild mit der Aufschrift: „Rauchen verboten" eine Ironie, wenn man wusste, was sich dahinter verbarg.
Er öffnete die Tür.
Ein Schwall grauer Rauch schlug ihm entgegen wie der Hauch einer anderen Zeit. Der Geruch von kaltem Kaffee, altem Papier und Zigaretten lag schwer in der Luft.
Das Lehrerzimmer war eine Welt für sich:
In der Mitte stand eine abgenutzte Ledercouch, an deren Ritzen vermutlich noch Geheimnisse aus den 90ern klemmten. Daneben ein niedriger Holztisch, übersät mit Magazinen, Kaffeeflecken und einem einsamen Marmorkeks. Der Fernseher an der Wand ein alter LG-Flachbildschirm war mit Panzertape an einem wackligen Tisch befestigt, dessen Beine aus verschiedenen Holzsorten bestanden.
An der Wand hing eine handgeschriebene Liste: „Top 10 Nervensägen des Monats" darunter die Namen von Schülern, die es sich mit den Lehrkräften verscherzt hatten. Neben der Liste prangte ein Dartboard. Auf dem Foto des Erstplatzierten steckte bereits ein Pfeil mitten im linken Auge.
„Dieser verdammte Jason Blake! Ich sag's dir, Graves!"
Die Stimme kam von einem Mann, der mit mehr Bauch als Haltung auf der Couch saß. Sein kariertes Hemd spannte sich über seine Rundungen, die Jeans schienen jeden Moment zu reißen. Zwischen Hemdkragen und Stirn schien es kein klares Ende für sein wirres, fettiges Haar zu geben.
„Drei Schlägereien in einer Woche! Und heute hat er mir in der Aula den Mittelfinger gezeigt! Der Bengel ist nicht normal!"
Speichel flog mit jedem Wort aus seinem Mund. Zaiden verzog keine Miene, ging jedoch wortlos einen Umweg zum Regal neben dem Dartboard, wo Schülerakten aufbewahrt wurden.
„Reg dich ab, Quirel", kam es nun von einer rauen Frauenstimme.
Auf einem der Sessel saß Madame Husch. Mitte dreißig, Beine übereinandergeschlagen, kurvige Silhouette. Sie trug ein hautenges, kariertes Kleid, das eher in eine Bar als in ein Klassenzimmer passte, dazu knallrote Stilettos. Ihre rot gefärbten Locken fielen wild über die Schultern, und das Make-up hätte locker drei Drogeriemärkte plündern können.
In ihrer Hand: eine Babulo-Zigarette, deren Stängel sie in einem Aschenbecher ausdrückte, der überquoll.
„Das sind Kinder. Keine Dämonen. Auch wenn's manchmal schwerfällt zu unterscheiden."
Quirel fuhr hoch. „KINDER?! Der Junge hat mir ins Lehrerpult gespuckt!"
Dann nahm er Anlauf, holte mit dem Dartpfeil aus und warf ihn schwungvoll.
Zaiden war gerade mit dem Rücken zum Board.
Der Pfeil traf.
Ein stechender Schmerz.
Blut.
Rotes, langsames, ruhiges Blut, das sich durch den weißen Stoff seines Hemdes zog.
Quirel erstarrte.
„Graves! Oh mein Gott! Ich... ich wusste nicht, dass Sie da stehen! Ich schwöre, das war ein Versehen!"
Zaiden drehte sich um. Ein sanftes Lächeln. Nichts an ihm wirkte wütend oder gereizt.
„Schon gut, Herr Quirel. Ich hätte mich bemerkbar machen müssen. Es ist unhöflich, seine Kollegen zu überraschen."
Quirel starrte ihn an. „Aber... der Pfeil! In Ihrer Schulter!"
Zaiden blickte an sich hinab, dann griff er ruhig zum Hemdknopf.
„Ich hab Ersatzkleidung dabei. Außerdem weiß ich, wie man Blut aus Stoff entfernt."
Langsam öffnete er das Hemd. Stück für Stück.
Darunter kam ein Körper zum Vorschein, der selbst Statuen alt aussehen ließ: Muskeln wie aus Stein gemeißelt, Narben über Brust und Bauch, und ein tiefschwarzes Tribal-Tattoo, das sich von seiner Schulter bis über den Oberarm zog.
Madame Husch hob eine Braue - und dann beide. Sie sog hörbar den Rauch ein.
Quirel trat einen Schritt zurück. Wortlos.
„Brauchen Sie keinen Arzt?"
„Nein. Schmerz ist... relativ", sagte Zaiden leise, während er sich eine saubere Bandage aus seiner Tasche nahm und sich die Schulter verband.
Der Gong ertönte.
Quirel half Husch von der Couch.
„Kommen Sie zurecht, Graves?"
Zaiden nickte nur mit einem winzigen Lächeln.
Die beiden verließen das Zimmer. Die Tür blieb einen Spalt offen.
Zaiden stand allein da, bandagierte sich fertig. Sein Blick fiel kurz in den Spiegel neben der Tür. Er sah sich an - kalt, regungslos, und sagte leise:
„Das war... fast zu menschlich."
Ein Klopfen an der Tür.
Er drehte sich nicht sofort um.
Dann öffnete sich die Tür. Ein Mädchen trat vorsichtig ein.
„Ich wollte fragen, ob meine Sportkleidung wieder aufgetau-"
Sie erstarrte.
Lara.
Ihr Blick blieb an ihm hängen. Nackter Oberkörper, Bandage, Tattoo, Narben.
Ein Moment wie eingefroren in der Zeit.
Ihre Gedanken waren ein Wirbelsturm. Worte versagten.
Zaiden sah sie. Und lächelte ruhig.
„Miss Joy. Vielleicht sollten Sie jetzt die Tür schließen."
Knall.
Die Tür fiel zu.
Lara rannte den Gang entlang. Ihr Herz hämmerte wie wild. Ihre Wangen glühten.
Der Flur der Universität war in goldenes Nachmittagslicht getaucht. Durch die hohen Fenster fielen Sonnenstrahlen, tanzten auf dem glatten Boden wie auf einer Theaterbühne. Die Schatten der kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen warfen sich in Streifen über die Wände, auf denen Gemälde hingen - studentische Arbeiten. Darunter ein Porträt von Zaiden Graves.
Lara Joy blieb kurz stehen, gebannt von dem Blick auf der Leinwand. Die Art, wie seine Augen gemalt waren... sie wirkten fast lebendig. Fesselnd. Wachsam. Und viel zu ehrlich.
Ein Prickeln zog sich ihren Rücken hinab. Sie schluckte trocken, trat zur Seite, um weiterzugehen, den Blick noch halb auf das Bild gerichtet.
Doch da war es schon zu spät.
Sie krachte gegen eine Wand aus Fleisch und Muskeln. Der Aufprall traf sie wie ein Vorschlaghammer. Ihre Tasche riss, ihre Knie knickten ein, und der Boden kam schneller, als sie reagieren konnte. Mit einem dumpfen Knall landete sie auf dem Hintern. Schmerz zuckte durch ihre Hüfte, und ein peinlich erschrockenes Keuchen entfuhr ihr.
Ihre Bücher und Hefte verstreuten sich kreuz und quer auf dem Boden. Einige Seiten flatterten wie erschrockene Vögel über die Fliesen.
Sie blickte auf. Blinzelte. Und sah ihn.
Jason Blake.
Der Name allein reichte an der Horizon University, um einen Raum verstummen zu lassen. Jeder kannte ihn. Niemand sprach ihn an. Und niemand stellte sich ihm in den Weg.
Er war kein Gerücht. Er war die Warnung hinter jedem Gerücht.
Groß. Breit gebaut. Schultern wie von Beton gegossen. Sein Blick war schmal, seine Augen giftgrün. Ausdruckslos. Oder schlimmer: gelangweilt. Als wäre die Welt um ihn herum lästig, nicht faszinierend.
Sein Haar war schwarz, aber an den Spitzen noch von verblasstem Rot durchzogen als hätte er irgendwann versucht, etwas anderes zu sein. Der Kragen seiner Uniform stand weit offen, zeigte seinen Hals, den muskulösen Nacken, ein Hauch dunkler Tinte lugte unter dem Stoff hervor.
Jason sagte nichts.
Er stand einfach da.
Lara spürte, wie sich ihre Brust hob und senkte. Ihr Herz raste. Nicht nur vor Angst. Da war auch diese andere Hitze. Diese ungewollte.
Sie sammelte ihre Sachen auf. Ihre Finger zitterten. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen. Vielleicht, wenn sie einfach leise verschwand
Dann hörte sie seine Stimme.
Tief. Rau. Leise, aber mit Nachdruck.
"Ich hab gelernt, still zu bleiben..."
Laras Finger hielten inne.
"...damit niemand merkt, wie laut es in mir brennt."
Ihre Atmung stockte.
Langsam hob sie den Blick. Und sah:
Jason. Ihr Notizbuch in der Hand. Aufgeschlagen. Er starrte nicht sie an, sondern die Worte. Ihre Worte.
Dann blickte er hoch. Ihre Blicke trafen sich für einen Sekundenbruchteil.
Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer.
"Manchmal... wünsch ich mir, jemand würde sehen, was wirklich in mir tobt. Statt mich immer nur zu fürchten."
Ein Zitat aus ihrem Tagebuch. Sie hatte es nie jemandem gezeigt.
Er schnaubte leise. Nicht spöttisch. Mehr wie jemand, der nicht weiß, wie er mit sowas umgehen soll.
Dann warf er ihr das Notizheft vor die Füße. Es klatschte auf den Boden, ohne Schaden zu nehmen.
"Pass besser auf, wo du läufst, Joy."
Er drehte sich um und verschwand, als wäre nichts gewesen.
Lara saß wie festgefroren. Der Boden unter ihr kühl. Um sie herum die Kreidemuster, die sie noch nie so genau betrachtet hatte. In ihren Ohren rauschte Blut.
Jason kannte ihren Namen. Er hatte ihr Heft gelesen. Und er war... gegangen?
Langsam hob sie das Buch auf. Blätterte durch die Seiten. Da war es: ihr Zitat. Und ihr Name. Fett mit Tinte auf der Rückseite. "Ich bin manchmal echt ein Trottel", murmelte sie.
Sie stand auf. Ihr Hintern schmerzte. Ihr Fuß auch. Aber sie ging. Langsam. Gedankenverloren. Richtung Ausgang.
"Ich kann froh sein, dass er mich nicht geschlagen hat", flüsterte sie.
Doch dann, ein Gedanke. Unvermeidlich.
Sein Brustkorb.
Hart. Warm. Lebendig. Er hatte sich angefühlt wie ein Amboss.
In ihrem Kopf flackerte ein Bild auf. Ungebeten. Zaidens nackter Oberkörper. Die Narben. Die Kraft. Die dunkle Anziehung.
Und dann: Jason. Die Wucht. Die Härte.
Zwei Männer. Zwei Schatten. Beide verboten.
Sie wurde rot. Heftig. Ihre Wangen brannten. Sie klatschte sich mit beiden Händen ins Gesicht.
"Reiß dich zusammen, Joy..."
Als sie vor die Tür trat, fuhr gerade ihr Bus ab. Sie rannte, humpelte mehr. Zu spät. Der Bus war weg.
Zwei Stunden bis zum nächsten.
Sie setzte sich auf die Bank. Frühsommerabend. Die Luft war warm. Der Himmel glomm rosa-orange. Alles wirkte zu ruhig. Zu friedlich für das Chaos in ihrem Kopf.
Dann rollte er an.
Ein silbergrauer Porsche. Tönungsfolie. Leise.
Die Scheibe senkte sich.
Am Steuer: Zaiden. Sonnenbrille. Schwarzes Hemd. Frisch umgezogen. Kein Blut mehr.
"Miss Joy? Warten Sie auf den Bus?"
Seine Stimme. Ruhig. Vertraut. Wie dunkle Schokolade mit einem Hauch Gift.
Laras Magen krampfte. Sie nickte.
"Ja, Herr Graves."
"Zwei Stunden? Und es wird dunkel. Ich fahre sowieso Richtung Innenstadt. Ich meine, Sie wohnen in der Nähe von Greenstreet, oder?"
Sie zögerte. Ihr Instinkt rief: Nein. Aber...
"Nicht nötig, Herr Graves. Ich kann warten."
Er lächelte. Nicht breit. Aber weich.
"Wenn Sie zu spät kommen, haben Sie keine Zeit mehr für die Hausaufgaben. Steigen Sie ein."
Seine Stimme hatte diesen Unterton. Diesen Sog. Wie ein Magnet.
Lara schluckte. Und stieg ein.
Der Innenraum roch nach Leder und etwas Bitterem. Der Sitz war weich. Zu weich. Wie ein Sessel. Hinten: Koffer. Hundekäfig. Rucksack.
"Sie scheinen etwas Interessantes entdeckt zu haben", bemerkte Zaiden.
Sie schüttelte den Kopf. "Ich wusste nur nicht, dass Sie einen Hund haben."
"Hab ich nicht. Gehört einem Kollegen."
Still. Für Sekunden.
Dann fuhren sie.
Und bei jedem Gangwechsel berührte sein Arm ihr Bein. Nur ganz leicht. Aber direkt. Haut auf Haut. Ihre Socken endeten knapp über dem Knie.
Sie wagte nicht, sich zu rühren. Aber in ihr tobte es.
Kribbeln. Hitze. Fragen.
Was ist das für ein Gefühl? Warum... warum genau da?
Und wie... wie wäre es, wenn...
Ein abruptes Bremsen.
Ihr Haus.
Sie waren da.
Zaiden sah sie an.
"Woran haben Sie während der Fahrt gedacht, Miss Joy? Sie haben gelächelt."
Sie erstarrte.
Dann: "Nur an die Endklausur... Das Schuljahr ist fast vorbei."
"Sie werden bestehen. Da bin ich sicher."
Sie nickte. Leise. Dann stieg sie aus.
Der Porsche fuhr davon, langsam, lautlos, wie ein Schatten, der sich vom Licht trennt. Die Rücklichter verschwanden in der Dämmerung
und mit ihnen ein Stück Sicherheit.
Lara stand da.
Allein auf dem gepflasterten Weg, das leise Summen der Straßenlaterne über ihr, das Pochen ihres Herzens in den Ohren. Zittern in den Knien. Und ein flüchtiges Brennen auf der Haut, dort, wo seine Hand sie berührt hatte.
Ein Moment, der sich eingebrannt hatte wie ein Kuss, den man nie bekam, aber spürte.
Und doch war es vorbei.
Sie hob den Blick.
Vor ihr erhob sich das Anwesen der Familie Bloom.
Ein düsteres Monument aus weißem Marmor, von außen elegant fast schön aber innen leer, kalt, wie das Herz ihres Vaters.
Drei Etagen, symmetrisch, perfekt gepflegt. Rosenranken wucherten über eiserne Gitter, doch kein Duft kam durch als hätten selbst die Blumen hier gelernt, sich zurückzuhalten.
Die Fenster waren vergittert, aber dezent Luxus, der Gefangenschaft verbarg. Der Vorgarten: akkurat gestutzt, kein Halm zu lang. Die Hecke: ein künstliches Lächeln, das den Schrei dahinter verbarg.
Über der Tür prangte das Familienwappen: ein goldener Phönix. Ironisch. Denn nichts an diesem Ort hatte je gebrannt, außer ihrer Hoffnung.
Das schwarze Tor schwang langsam auf, automatisch, wie ein Maul, das bereit war, sie zu verschlingen.
Sie schluckte.
Ein letztes Mal drehte sie sich um, als könne sie die Erinnerung an Zaiden noch einfangen, noch festhalten. Doch da war nur die leere Straße.
Keine Musik.
Kein Duft.
Kein Schutz.
Lara trat durch das Tor.
Der Kies knirschte unter ihren Schritten. Ihre Hände zitterten, als sie zur Tür griff.
Was auch immer heute war es war erst der Anfang.
Und nun...
erwartete sie eine andere Hölle