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Summary

Während Sam und Jay versuchen, sich nach der Entführung und den dramatischen Ereignissen am See wieder im Alltag zurechtzufinden, rückt eine andere Geschichte in den Mittelpunkt: die von Caden, der mehr als nur Schuld mit sich trägt. Im Rudel aufgenommen, kämpft er um seinen Platz - und mit der Last seiner Vergangenheit. Doch er ist nicht allein. Als sein Weg sich mit dem von Ians Zwilling Henry kreuzt - einem jungen Mann, der ihm gegenüber zunächst sehr voreingenommen ist - beginnt eine emotionale Reise voller Zweifel, Annäherung und dem zarten Versuch, Vertrauen neu zu lernen. Während der Frühling Einzug hält, verändern sich nicht nur die Beziehungen, sondern auch das Rudel selbst - und eine unsichtbare Bedrohung wirft ihren Schatten voraus. Band 3 ist intensiver, erwachsener - und erzählt von der Kraft, die in Vergebung liegt. Und von der Liebe, die manchmal ausgerechnet da wächst, wo man sie am wenigsten erwartet.

Status
Complete
Chapters
27
Rating
4.8 5 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

Der Wind blies eisig durch die Straßen von Philadelphia, als die drei jungen Männer in das kleine, gemütliche Café an der Ecke traten. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und sofort umhüllte sie der warme Duft von Kaffee, Zimt und frischem Gebäck. Es war Anfang März, doch der Winter hatte die Stadt noch fest im Griff. Draußen wehte der Schnee in dichten Flocken über die Bürgersteige, und die Fenster des Cafés waren von innen beschlagen. Der 20-jährige Henry Michaels deutete auf einen freien Tisch am Fenster.

»Da drüben ist was.« Er, Mason und Ian setzten sich, und Mason ließ den Blick durch das Café wandern. Es war klein, fast ein wenig altmodisch eingerichtet, mit dunklen Holzmöbeln und karierten Tischdecken. In einer Ecke summte leise Musik aus einem Radio, das offenbar schon bessere Zeiten gesehen hatte. Henry zog sich die Mütze vom Kopf und strich sich durch sein glattes blondes Haar. Obwohl er ein Alpha war und mindestens einen Kopf größer als sein Zwillingsbruder, war die Ähnlichkeit zwischen ihm und Ian unübersehbar. Sie hatten dieselben intensiven grünen Augen und denselben Mund – diese weiche, fast jungenhafte Lippenpartie, die Ian immer ein wenig verletzlich wirken ließ. Bei Henry wirkte sie eher entschlossen. Sein Gesicht war kantiger als das seines Bruders, mit ausgeprägten Wangenknochen und einem markanten Kiefer. Ian hatte die Hände um seine heiße Schokolade gelegt und lächelte leicht.

»Ich vermisse dich, weißt du das?« Henry sah ihn an und nickte.

»Ich dich auch. Aber Boston ist gut. Ich lerne viel. Die Fakultät für Medizin ist eine der besten in Nordamerika.« Mason hob eine Augenbraue.

»Gibt’s eigentlich viele Werwölfe bei euch an der Uni?« Henry grinste.

»Nicht viele, aber genug. Es ist faszinierend, was die Wissenschaft inzwischen über unsere Genetik und das Hormonsystem weiß. Und wie wenig davon in der Praxis ankommt.« Ian nippte an seinem Becher.

»Das klingt, als hättest du Großes vor.« Henry lehnte sich zurück und sah nachdenklich aus dem Fenster.

»Vielleicht. Ich will einfach etwas verändern. Etwas beitragen. Es reicht nicht, dass wir akzeptiert werden – wir müssen auch verstanden werden.« Mason legte einen Arm um Ians Schultern.

»Dein Bruder ist klüger, als mir lieb ist.« Henry lachte leise.

»Und du bist größer, als mir lieb ist.« Für einen Moment saßen sie schweigend da, dann wurde Henry ernst. »Aber jetzt erzählt mir endlich, was passiert ist. Ich will alles wissen. Ich habe von der Entführung gehört, aber nur Bruchstücke. Und ich kenne Sam nicht – aber nach allem, was ich schon alles gehört habe, scheint er etwas Besonderes zu sein.« Ian sah ihn lange an, dann nickte er.

»Okay. Aber es ist eine lange Geschichte.« Er atmete tief durch und begann. »Sam ist... unglaublich stark. Nicht körperlich, eher innerlich. Als er zu uns kam, war er völlig zerstört. Misshandelt, verängstigt, voller Narben – seelisch wie körperlich. Und trotzdem hat er nie aufgegeben. Er hat nie die Hoffnung verloren, dass es besser werden könnte. Und Jay ... Jay hat ihn gehalten. Bedingungslos. Ohne ihn zu bedrängen, ohne ihn zu drängen. Einfach nur da.« Henry runzelte die Stirn.

»Und dann wurde er entführt?«

»Ja.« Ians Stimme wurde leiser. »Cameron Asher hat ihn wieder an sich gerissen. Mit Gewalt. Caden, sein Sohn, selbst war an Sam Misshandlungen früher beteiligt. Aber er hat sich gewandelt. Er hat Sam geholfen. Sie sind gemeinsam geflohen, durch einen Schornstein. Im tiefsten Winter. Sam hatte eine Heat, Caden hat ihm da durch geholfen, obwohl er kaum noch, er selbst war – aber er hat ihn beschützt. Er hat sich auch vor ihn geworfen, als Cameron sie angreifen wollte.« Mason fügte hinzu: »Er hätte sterben können. Er war tot, für einen Moment. Sam hat ihn geheilt.« Henry schwieg einen Moment. Dann schob er die Tasse von sich und sah zwischen ihnen hin und her.

»Ich weiß, was Caden Asher Sam angetan hat. Du hast es mir erzählt, Ian. Ich weiß, wie tief Sam gebrochen war. Ich verstehe einfach nicht, wie ihr ihm das verzeihen könnt. Wie Sam ihm das verzeihen konnte.«

»Das war kein einfacher Weg«, antwortete Ian ruhig. »Und ich glaube nicht, dass es je ganz weggehen wird. Aber Caden hat sich verändert. Er hat sich allem gestellt. Seinem Vater, seiner Schuld, sich selbst. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde – aber ich glaube ihm.« Henry verzog das Gesicht.

»Ich hasse es, wenn dominante Alphas ihre Macht ausnutzen. Es ist genau das, wofür ich mich schäme, selbst einer zu sein, selbst wenn ich nicht dominant bin. Caden ... er war das Paradebeispiel. Und jetzt soll ich glauben, dass er plötzlich geläutert ist? Nur weil er Sam im letzten Moment beschützt hat?«

»Nicht nur deshalb«, sagte Mason leise. »Er hat Wochen in dieser Hölle mit Sam durchgestanden. Ihn gepflegt. Ihn nicht berührt, obwohl Sam in der Heat war. Und dann hat er sich geopfert. Vielleicht reicht das nicht für dich – aber es war echt.« Henry sah Ian an, sein Blick voller Zweifel und innerem Widerstand.

»Ich weiß nicht, ob ich das kann. Verzeihen. Vergessen schon gar nicht.« Ian legte ihm eine Hand auf den Arm.

»Du musst es nicht sofort. Aber vielleicht solltest du ihm irgendwann mal zuhören. Nicht für ihn. Für dich.« Henry schwieg. Dann sah er Ian direkt an.

»Warum sollte ich überhaupt mit ihm reden? Warum sollte ich ihm auch nur eine Sekunde meiner Zeit schenken?« Mason seufzte leise und stellte seine Tasse ab.

»Weil mein Vater entschieden hat, dass Caden – und seine Mutter – ins Rudel aufgenommen werden.« Henry riss die Augen auf.

»Was?! Das ist nicht dein Ernst.« Ian nickte.

»Doch. Es war nicht nur Richards Entscheidung allein. Die Gemeinschaft hat zugestimmt. Alle, die Caden erlebt haben, wie er jetzt ist, haben für ihn gesprochen. Und auch für Diana. Sie hat sich von Cameron gelöst. Sie will ein neues Leben. Und Caden ... er hat es verdient.« Henry schüttelte fassungslos den Kopf.

»Ich kann das nicht nachvollziehen. I-ich verstehe es einfach nicht.«

»Du musst es auch nicht sofort verstehen«, sagte Ian leise. »Aber du solltest wissen, dass es eine Entscheidung war, die nicht leicht gefallen ist. Wir alle haben gesehen, wie Caden sich verändert hat. Und jeder verdient eine zweite Chance.« Henry verschränkte die Arme.

»Und was ist mit Sam? Mit Jay? Was sagen die dazu?« Mason antwortete ruhig: »Die beiden haben sich sogar für Caden eingesetzt.« Henry schüttelte erneut den Kopf, diesmal langsamer.

»Wie kann man so jemandem... vertrauen? Menschen wie Caden ändern sich nicht wirklich. Nicht in der Tiefe.« Ian sah ihn ernst an.

»Vielleicht hast du recht. Vielleicht ändern sich die meisten wirklich nicht. Aber Caden ist nicht die meisten. Und ich glaube, bei ihm liegst du falsch.« Mason lehnte sich vor und klopfte mit den Fingern gegen die Tischplatte.

»Okay. Genug davon. Ich will jetzt was anderes hören. Wie sieht’s eigentlich in deinem Liebesleben aus, Henry?« Henry verzog das Gesicht und winkte ab.

»Ach, bitte. Nicht schon wieder.«

»Na komm schon«, drängte Mason grinsend. »Irgendwas muss es doch geben.« Henry schüttelte nur den Kopf.

»Ich hab jedes Mal Angst, dass ich irgendwo in der Bahn sitze, mich umdrehe – und da ist sie. Meine Gefährtin. Und natürlich ist es eine Frau. Ich bin so was von schwul. Was soll ich dann machen, hä?« Ian prustete los.

»Erstens: In Philadelphia leben nicht so viele Werwölfe. Und zweitens: Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering.«

»Und drittens«, warf Mason ein, »hat dir die Mondgöttin bestimmt längst einen männlichen Gefährten auserkoren. Hat bei Jay ja auch funktioniert.« Henry hob eine Augenbraue.

»Na wenigstens das mit den Kindern ist geklärt. Ihr zwei seid ja zuständig – zur Beruhigung von unseren Eltern.« Mason lachte leise, beugte sich vor und drückte Ian einen Kuss auf die Wange.

»Bis dahin ist aber noch etwas Zeit.« Ian grinste und schüttelte leicht den Kopf.

»Aber nur, wenn wir weiterhin gut aufpassen – und du nicht wieder vergisst, meine Verhütungsspritze rechtzeitig abzuholen.« Mason verdrehte spielerisch die Augen.

»Das war ein einziges Mal!« Ian schnippte ihm eine Serviette zu.

»Konzentrieren wir uns lieber auf dich. Wie läuft dein Praktikum in Jackson ab?« Henry nahm einen Schluck von seiner mittlerweile lauwarmen Schokolade, ließ den Becher aber in der Hand.

»Es ist ziemlich umfangreich. Ich bin dem medizinischen Zentrum zugeteilt, das sich auf seltene genetische Erkrankungen und hormonelle Besonderheiten bei Werwölfen spezialisiert hat – insbesondere im Hinblick auf Alphas. Ich bin bei Visiten dabei, darf bei Behandlungen zusehen, Proben analysieren und sogar an einer Forschungsarbeit mitwirken.«

»Wow«, sagte Mason. »Klingt anspruchsvoll.«

»Ist es auch«, bestätigte Henry. »Aber ich liebe es. Und das Beste: Ich bin bis Oktober zurück im Rudel. Sieben Monate, in denen ich mal wieder ein bisschen echtes Leben spüren kann.« Ian strahlte.

»Sieben Monate! Du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich freue.« Henry nickte.

»Ich mich auch. Es ist schön, zu wissen, dass ich für eine Weile wieder zu Hause bin.« Mason beugte sich vor.

»Und wann genau kommst du nach Jackson?«

»Wie geplant in drei Wochen«, antwortete Henry. »Wenn ich noch meine Abschlussberichte fertig habe und die Uniunterlagen eingereicht sind. Dann pack ich alles und fahr los. Ich kanns kaum erwarten.«

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Zwei Wochen waren vergangen, seit das Eis auf dem See unter den Kämpfenden geknackt und die Welt für einen Moment den Atem angehalten hatte. Der Winter, der so lange über allem gelegen hatte wie ein bleischwerer Schleier, begann sich langsam zurückzuziehen. Die Tage wurden heller, die Luft roch nicht mehr nach Frost, sondern nach nasser Erde, und an den Rändern des Waldes reckten sich die ersten Schneeglöckchen aus dem tauenden Boden. Für Sam bedeuteten diese zwei Wochen vor allem eins: vorsichtige Rückkehr. In den Alltag. In ein Leben, das noch immer zerbrechlich war. Er und Jay waren wieder in der Schule. Der versäumte Stoff war ein Berg, der sich wie eine Wand vor ihnen auftürmte, doch Jay half ihm geduldig. Sam selbst kämpfte mit der Konzentration – nicht nur wegen des Rückstands, sondern auch wegen seines Körpers. Seine nächste Heat kündigte sich bereits an. In weniger als einer Woche würde sie ihn vollständig einnehmen, und das machte jeden Versuch, sich auf Mathematik oder Geschichte zu konzentrieren, zu einer Herausforderung. Jay wich kaum von seiner Seite. Er war da – beim Frühstück, in der Schule, bei den Hausaufgaben, in der Nacht, wenn Sam unruhig schlief. Zwischen ihnen war in den letzten Monaten eine tiefe, unerschütterliche Verbindung gewachsen. Und doch stand etwas Neues, Ungewohntes im Raum: Caden.

Caden, der sich seit ihrer Rückkehr nahezu unsichtbar gemacht hatte. Der morgens früher aufstand als alle anderen, half, bevor jemand aufwachte, und sich dann im Hintergrund hielt. Er arbeitete im Stall, im Lager, half den älteren Rudelmitgliedern beim Tragen, beim Reparieren. Was immer getan werden musste – er war da, wortlos, ausdauernd. Es war seine Art, zu zeigen, dass er bleiben wollte. Dass er bereit war, Verantwortung zu übernehmen. Dass es ihm ernst war. Er hatte angekündigt, im Sommer wieder in die Schule gehen zu wollen, um sein letztes Highschooljahr zu wiederholen. Niemand hatte ihn dazu gedrängt. Die Entscheidung kam von ihm. Vielleicht war es ein Versuch, sich selbst zu beweisen, dass er noch ein Recht auf ein Leben hatte. Vielleicht auch ein stiller Wunsch, irgendwann mehr als nur der gebrochene Sohn eines Monsters zu sein. Und dann war da Diana. Sie lebte nun ebenfalls im Rudel. Richard hatte ihr Schutz und Unterkunft gewährt, und sie hatte das Angebot angenommen – nicht stolz, aber ehrlich. Ihr Kontakt zu Sam war vorsichtig, fast unbeholfen. Sie hatte sich entschuldigt, mit zitternder Stimme, in einem Moment, als Sam es am wenigsten erwartet hatte. Für das, was sie getan hatte – und für das, was sie nicht getan hatte. Sam hatte genickt. Mehr nicht. Es fiel ihm schwerer, ihr zu vergeben als Caden. Vielleicht, weil sie die Mutter war. Weil sie hätte sehen müssen. Hätte eingreifen müssen. Und es nicht getan hatte. Doch sie blieb. Bemühte sich. Suchte keine Nähe, die nicht erwidert wurde. Und vielleicht war genau das der erste Schritt.

An diesem Mittwoch saßen Sam, Jay, Tyler, Ethan, Ava, Miles und Zara in der Cafeteria der Highschool. Sie hatten einen der Tische in der hinteren Ecke erwischt, halb abgeschirmt vom Lärm der anderen Schüler. Das Tablett mit dem Mittagessen vor sich, stocherte Sam lustlos in den Nudeln herum. Tyler lehnte sich vor, den Ellenbogen auf dem Tisch.

»Habt ihr Caden heute gesehen?« Die Frage stand plötzlich im Raum und ließ einen Moment lang alle verstummen. Jay schüttelte den Kopf.

»Heute früh kurz. Er war am See, glaub ich.« Ethan schnaubte.

»Der Typ arbeitet mehr als unser Hausmeister hier.«

»Vielleicht will er Buße tun«, meinte Zara trocken und trank einen Schluck von ihrem Saft. »Oder er traut sich einfach nicht, sich unter Menschen zu zeigen.« Ava, die als Mensch nicht direkt zum Rudel gehörte, warf einen kurzen Blick zu Sam, sagte aber nichts. Auch Miles schwieg. Tyler, der eng an Ethan lehnte, sah Sam schließlich direkt an.

»Und du? Wie ist das für dich? Dass er wieder in deinem Leben ist?« Sam zuckte mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht. Es ist ... kompliziert.« Jay legte ihm eine Hand auf den Rücken, stützend, beruhigend.

»Er bemüht sich.«

»Das tut er wirklich«, sagte Ethan, diesmal mit unerwartet ernstem Ton. »Meine Mom meinte, er hat bei Mr. Rogers die ganze alte Veranda repariert. Einfach so.«

»Und mit keinem ein Wort geredet dabei«, ergänzte Miles. Für einen Moment war nur das Klappern von Besteck in der Cafeteria zu hören. Dann sagte Tyler: »Vielleicht ist das auch das Beste. Dass er erst mal den Mund hält.« Sam hob langsam den Blick.

»Ich hab ihm verziehen. Das hab ich wirklich. Aber... ich mach mir Sorgen um ihn. Er kann sich selbst nicht verzeihen. Und solange das so ist, wird er nie wirklich wieder frei sein.« Tyler seufzte.

»Das ist auch schwer. Ich mein, bei allem, was er getan hat ... das vergisst man nicht einfach.« Überraschend war es Jay, der sich nun aufrichtete und mit fester Stimme sagte: »Hass schürt nur neuen Hass. Irgendwo muss man anfangen, loszulassen. Caden versucht es. Und er hat mehr verdient als ständiges Misstrauen.« Ethan nickte langsam.

»Jay hat recht. Es bringt niemandem was, wenn wir ihm für immer alles nachtragen.« Nach einem Moment der Stille fragte er dann: »Gibt’s eigentlich Neuigkeiten vom Rat?« Jay schüttelte den Kopf.

»Bisher nicht. Aber nach zwei Wochen kann man auch nicht viel erwarten.« Ein kurzer Blick auf die Uhr ließ Tyler aufspringen.

»Okay, Leute – Zeit für den nächsten Block«, sagte er und griff nach seiner Tasche.

»Jay und ich müssen zu Physik.« Jay stand ebenfalls auf.

»Jap.« Tyler beugte sich zu Ethan hinunter, küsste ihn flüchtig auf die Lippen und schnappte sich seine Tasche. Jay beugte sich zu Sam, doch sein Kuss war länger, inniger. Sam schloss kurz die Augen, als wolle er die Welt für einen Moment ausblenden. Ava seufzte leise und stützte den Kopf auf die Hand.

»So süß.« Miles verdrehte die Augen.

»Kommt, Leute. Literatur wartet nicht.«

Später am Nachmittag herrschte ungewöhnliche Ruhe im Literaturunterricht. Der Lehrer war gerade nicht im Raum, und die Klasse arbeitete schweigend an einem Arbeitsblatt über metaphorische Sprache. Die Fenster standen einen Spalt offen, und die kühle Frühlingsluft trug das ferne Zwitschern von Vögeln herein. Sam saß zwischen Zara und Ava, den Kopf leicht geneigt, den Stift zwischen den Fingern drehend. Auf seinem Blatt standen nur ein paar angefangene Sätze. Zara beugte sich zu ihm herüber und flüsterte: »Wie geht’s dir eigentlich wegen ... du weißt schon. Deiner nächsten Heat?« Sam zuckte leicht mit den Schultern.

»Sie kommt wohl nächste Woche. Ich spür’s schon ziemlich deutlich. Schlafen fällt mir schwer.« Ethan, der das mitgehört hatte, sah von seinem Blatt auf und schob sich ein Stück näher.

»Ganz schön unpraktisch, oder?«

»Mehr als das«, murmelte Sam. »Vor allem für Jay. Er verpasst dann wieder Unterricht, um bei mir zu sein. Wir haben sowieso schon so viel nachzuholen und Jay ist in seinem Abschlussjahr.« Miles, der bis dahin nur stumm gearbeitet hatte, warf nun einen Blick über sein Blatt.

»Jay schafft das schon. Er ist zäh. Und ehrgeizig.« Sam lächelte matt.

»Ich hoffe es. Ich will nicht, dass er meinetwegen noch mehr zurückstecken muss.« Zara schüttelte sanft den Kopf.

»Ich glaube nicht, dass Jay das so sieht. Für ihn ist das kein Zurückstecken. Es ist seine Entscheidung. Und die trifft er aus Liebe, nicht aus Pflicht.« Sam senkte den Blick.

»Ich weiß das. Wirklich. Aber... es tut mir trotzdem weh. Jay hat seine Familie seit Monaten nicht mehr gesehen – nur telefoniert. Seinen Vater, seine Mutter, seine kleine Schwester... und das alles nur meinetwegen.« Ava legte ihm kurz eine Hand auf den Arm.

»Habt ihr denn vor, sie bald zu besuchen?« Sam nickte.

»Ja. Wir wollen demnächst hinfahren. Jay hat es gestern erwähnt. Vielleicht nach der Heat über ein Wochenende.« In dem Moment öffnete sich die Tür, und der Lehrer kehrte zurück. Die Gespräche verstummten augenblicklich, Stifte wurden eilig zur Hand genommen, Hefte zurechtgerückt. Miles beugte sich noch schnell zu Sam und flüsterte: »Lass mich mal eben abschreiben, ja?« Sam seufzte, schob ihm aber stumm sein Blatt rüber, bevor der Lehrer vorne das Pult erreichte.

Die Sonne schien auf den zugefrorenen See des Red Lake Rudels, und obwohl die Luft noch kühl war, versprach der Tag einen Hauch von Frühling. Die Eisdecke war bereits sehr löchrig, und am Ufer glitzerten winzige Pfützen in der Morgensonne. Caden stand gebeugt über einem der alten Holzboote, das kopfüber auf zwei Holzböcken lag. Mit konzentriertem Blick strich er mit einem breiten Pinsel die Farbe über das Holz. Der Geruch von Lack mischte sich mit dem kalten Seeuferduft, seine Finger waren taub vor Kälte, aber er arbeitete weiter. Er hörte die Schritte, bevor er die Stimme vernahm.

»Wenn du noch eine halbe Stunde so weitermachst, frierst du dir die Hände ab«, sagte Richard Scott und hielt ihm eine dampfende Thermoskanne entgegen. Caden richtete sich auf, ließ den Pinsel sinken.

»Ich bin gleich fertig.«

»Jetzt nicht. Pause.« Richard ließ keinen Widerspruch zu und klopfte auf eines der umgedrehten Boote. »Setz dich.« Zögerlich folgte Caden der Aufforderung. Sie setzten sich nebeneinander auf das kalte Holz, die Füße Richtung Wasser. Richard schenkte aus der Kanne zwei Becher heißen Tee ein und reichte einen davon weiter. Eine Weile sagten beide nichts. Der Tee dampfte, Krähen kreischten irgendwo über dem Wasser. In der Ferne knackte das Eis, als würde der See selbst langsam erwachen. Dann fragte Richard ruhig: »Wie geht es dir, Caden?« Caden nahm einen Schluck, wärmte seine Finger an dem Becher.

»Ich weiß es nicht. Ich funktioniere. Ich tue, was ich kann. Aber ob es mir gut geht? Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch weiß, wie sich das anfühlt.« Richard nickte, als hätte er genau das erwartet.

»Ich bin froh, dass meine Mutter auch hier sein darf«, sagte Caden schließlich leise. »Dass sie... bleiben darf. Sie bemüht sich, weißt du? Ich sehe das. Und trotzdem ... ist da so viel Schweigen zwischen uns.«

»Das ist doch selbstverständlich, also dass sie bleiben kann.« Caden schüttelte leicht den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ob es selbstverständlich ist. Sie hat so viel weggesehen. Und manchmal frage ich mich, ob sie mich wirklich kennt. Oder ich sie.« Richard blickte ihn von der Seite an, sagte aber nichts dazu. Stattdessen wechselte er das Thema, ohne es ganz zu verlassen.

»Hast du noch mal überlegt, zur Schule zurückzugehen? Ich meine – schon jetzt? Nicht erst im Sommer. Du könntest auch einen Jahrgang tiefer anfangen. Niemand würde dich daran hindern.« Caden starrte auf den See.

»I-ich weiß nicht, ob das gut wäre. Ich hab so lange nicht mehr in einem Klassenzimmer gesessen. Und der Gedanke, zwischen all den Stimmen, all den Blicken zu sein...«

»Was macht dir am meisten Angst?«

»Dass sie mich ansehen und nur den sehen, der ich war. Nicht den, der ich versuche zu werden. Dass sie Sams Gesicht sehen und denken, ich hätte kein Recht, hier zu sein.« Richard lehnte sich ein wenig zurück.

»Im Sommer wird das nicht viel anders sein. Aber der Unterschied ist: Die, die mit dir hier leben – die Schüler aus dem Rudel – die wissen, was du durchgemacht hast. Und dass du bereust. Und das zählt. Und was Sam denkt, zählt auch. Er hat dich nicht aus Mitleid verteidigt.« Caden senkte den Blick.

»Ich weiß. Aber ich weiß nicht, ob ich mir selbst schon vergeben kann.«

»Vielleicht musst du das auch nicht sofort. Vielleicht reicht es, wenn du bereit bist, es irgendwann zu versuchen.« Caden schwieg. Dann nickte er kaum sichtbar. Die Sonne wärmte sein Gesicht, aber in ihm war es noch immer Winter. Ein Winter, der sich erst zurückziehen würde, wenn er es zuließ.