Fenster der Seelen

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Summary

In den rauchigen stinkenden Gassen von Nimadan tummelt sich Abschaum, verkrüppelte Bettler, herrenlose Kinder und zahllose Diebe. Sie munkeln Geschichten von schwarzäugigen Kreaturen, die wahllos töten. Runa ist eine von ihnen, eine Diebin und doch eine Aussenseiterin. In einem Staat, in dem die Regierung Menschen wie sie jagt, vertraut sie keinem. Verrat kennt sie nur zu gut. Doch als eine dunkler Dämon droht, die Menschen zu seinen Marionetten zu machen, wird aus der Flucht ein Kampf. Runa muss sich entscheiden: Bleibt sie verborgen, oder riskiert sie alles, um ihrem Land zu beweisen, dass sie auch ein Mensch ist?

Status
Ongoing
Chapters
24
Rating
n/a
Age Rating
13+

1 - Diebe in der Nacht

Phileas hatte die flinksten Finger, wenn es darum ging, Schlösser zu knacken. Er bewegte den Draht vorsichtig und biss sich auf die Unterlippe, was er immer tat, wenn er konzentriert war. 

Runa löste den Blick von seinen Händen. Es machte sie nervös, ihm dabei zuzusehen, während sie nichts anderes tun konnte, als zu warten. Stattdessen beobachtete sie die Umgebung, um sich zu versichern, dass die Wachposten ihnen den Rücken deckten. Vertrauen war leichtsinnig.

Wie immer hatte Jasper eine wolkenbedeckte Nacht ausgewählt. Seine Silhouette lehnte ein Stück entfernt an einer Steinmauer in der dunklen Gasse.

Ein kalter Wind stellte Runas Armhärchen auf. Der Himmel war so schwarz wie Kohle, das Dach auf der anderen Straßenseite nicht mehr als ein dunkler Umriss. Ein Schatten verriet, dass hinter einem der Schornsteine ein weiterer Mann postiert war. Von seiner Position konnte er die Fenster des Hauses sehen, in das sie gleich eindringen würden. Falls in einem von ihnen eine Öllampe angezündet wurde, war es seine Aufgabe, sie zu warnen.

Zwar hatte Phileas seinen Revolver dabei, aber der Knall würde die gesamte Nachbarschaft wecken. Sie mussten still und unbemerkt hinein und wieder hinausgelangen.

Runa lauschte. Kein Hund bellte. Natürlich nicht, sie hatte ihre Nachforschungen gründlich erledigt und Jasper von dem Köter berichtet. Danach war das Tier aus dem Weg geräumt worden. Der Beweis, dass man auch ein nützliches Mitglied der Bande sein konnte, ohne im Umgang mit Messern und dem Knacken von Schlössern geschickt zu sein. Und das war gut so. Es bedeutete, dass sie nicht verstoßen werden konnte.

Es klickte leise, und das Schloss gab nach. Endlich. Phileas öffnete die Tür, ohne ein Geräusch zu machen. Schnell warf Runa einen letzten Blick über die Schulter. Jasper war noch auf seinem Posten. Alles blieb still.

Sie schlich auf leisen Sohlen an Phileas vorbei. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft. Es erinnerte sie an den Geruch in den Straßen. Nicht an den Gestank von Urin und Smog im Sommer, sondern den an den süßlichen Geruch des Todes im Winter. Sie huschten die Treppe hinauf. Hier oben war der Geruch stärker. Runa atmete durch den Mund. Etwas stimmte nicht. Am besten sie holten, wofür sie gekommen waren, und verschwanden wieder.

Runa wusste, in welchem Zimmer sie fündig werden würden, obwohl sie noch nie hier gewesen war. Zielstrebig steuerte sie auf die letzte verschlossene Tür zu und drückte die Klinke nach unten. Sie ließ Phileas eintreten und schloss hinter sich die Tür.

Das fahle Licht der Straßenlaterne fiel durch das Fenster auf den massiven Eichenschrank. Der Schlüssel steckte im Schloss. Als Phileas die Tür aufzog, wurde ein Tresor sichtbar, der ein Zahlenschloss besaß. Phileas drehte sich zu Runa. Überraschung spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Ein Schloss, für das man keinen Schlüssel brauchte, konnte er nicht knacken.

Runa schob sich an ihm vorbei. Der Teppich dämpfte ihre Schritte, der einzige Nutzen dieser teuren Bodenbeläge. Sie kniete sich hin und drehte die Zahlenräder, bis die richtigen Nummern übereinanderstanden und die Tür aufsprang. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sich zu Phileas umdrehte.

Sein Mund klappte auf, und er starrte Runa perplex an. Sicherlich fragte er sich, woher sie den Code kannte. Zahlenschlösser waren nicht weit verbreitet.

Runa grinste. Sie war niemals unvorbereitet.

Schnell ließ sie die Geldscheine in dem Rucksack verschwinden, den Phileas ihr hinhielt, gefolgt von einer funkelnden Kette. Was für eine Verschwendung während andere hungerten. Trotzdem konnte sie den roten Steinen ihre Schönheit nicht absprechen.

Als Letztes zog Runa einen Dolch aus dem Tresor. Der Griff war mit Gesichtern verziert, einige davon hatten Hörner. Auch ein winziger Zentaur blitzte zwischen den eingravierten Ranken hervor.

Sie konnte sich sehr genau vorstellen, wie der Dolch in den Besitz der Adelsfamilie gelangt war. Es war nur gerecht, dass sie ihn stahl. Diese kleine Rache erfüllte sie mit Schadenfreude.

Ihr Großvater hatte ihr früher immer von den Wesen erzählt, die in den nordischen Wäldern lebten. Sie liebte sie alle, auch wenn Runa bis auf Gnome nie eines zu Gesicht bekommen hatte, weil die Geschichten das Einzige waren, was ihr von ihrem Großvater geblieben war.

Runa steckte sich die Waffe in den Gürtel. Vielleicht würde Jasper ihr dieses Messer wieder wegnehmen. Aber er wusste sicher nicht, wie viel es Wert war. Für ihn war es eine gewöhnliche Waffe. Sie würde ihm einen Teil ihres heutigen Verdienstes dafür geben.

Phileas Blick bohrte sich in sie. Er wollte ihr wohl stumm davon abraten. Als sie den Dolch nicht zu dem Rest der Beute legte, registrierte sie Verwirrung in seinem Gesicht. Es war nicht ungefährlich, sich mit dem Anführer anzulegen. Doch das hatte sie auch nicht vor. Sie stahl diese Waffe nicht von der Ausbeute. Runa war vieles aber nicht lebensmüde.

Einmal hatte Jasper den Hals eines kleinen schlaksigen Jungen aufgeschlitzt, weil er einen Goldring von der Ausbeute entwendet hatte. Runa würde sich den Dolch mit Geld von Jasper erkaufen.

Phileas öffnete die Tür des Zimmers. Schwaches Licht aus dem Fenster erhellte das Parkett des Korridors, welches zuvor in der Dunkelheit gelegen hatte. Schwarz schimmerte eine Flüssigkeit, die unter der gegenüberliegenden Tür hervorgekommen war. Runa runzelte die Stirn und zeigte darauf. Phileas ging hin und öffnete die Tür. Er hatte sein Hemd über die Nase gehoben. Jemand lag dort auf dem Boden.

Runa zog ihre Streichholzschachtel aus ihrer Tasche und entzündete eins mit einem Zischen. Das Licht der flackernden Flamme erhellte ein schwarzes Kleid einer Dienerin. Die weiße Schürze war Blut durchtränkt. Blaue Flecken zierten die blassen Arme. In dem Licht war das Blut auf dem Boden nicht mehr schwarz, sondern dunkelrot. Einige Spritzer waren schon eingetrocknet. Das Blut musste von den Stichen, die den Stoff durchgetrennt hatten, gekommen sein. Es war kein feinsäuberlicher Schnitt am Hals, so wie ihn Jaspers Männer zufügten, damit es schnell ging.

Das Gesicht starrte mit blankem Entsetzen an die Decke. Der Blick, die Augen. Alles an diesem Ausdruck lies es Runa kalt über den Rücken fahren. Was hatte sie gesehen?

Runa drehte sich um. Sie hatte das Verlangen dieses Haus so schnell wie möglich zu verlassen.

»Lass uns gehen«, flüsterte sie.

Ohne laut zu sein, hastete sie den Korridor entlang. Eine Treppenstufe knarrte unter ihrem hastigen Auftritt. Es spielte keine Rolle. Hier waren alle tot. Sonst hätte jemand das tote Mädchen gefunden. Aber vielleicht war das, was sie getötet hatte, noch hier.

Runa wollte solch eine Begegnung vermeiden. In der Stadt gab es Gerüchte von einer Kreatur mit schwarzen Augen, die kaltblütig mordete. Wahllos. Ob reich oder arm, es konnte jeden treffen. Kein Wunder gingen die Menschen nachts nicht mehr nach draußen. Was für Diebe, wie Runa einer war, nicht ungelegen kam. Sie hatte bisher nie viel von diesen Geschichten gehalten. Aber der Ausdruck im Gesicht der Toten ließ sie erneut immer frösteln.

Runa verließ das Haus. Phileas folgte ihr. Kaum waren sie draußen, rannten sie.

Auf der Straße trafen sie auf Jasper und Bill.

»Lauft«, zischte Phileas.

Sie taten es. Ohne zu zögern. Ohne Erklärung. Zu viert huschten sie durch die nächtliche Stadt und verliessen das Viertel mit den majestätischen Steinhäusern.

Die Gassen wurden schmutziger und enger. Es stank nach Pferdemist und Rauch. Die Häuser waren schief. Fensterläden hingen lose in den Angeln. Der Rauch der Schornsteine verdichtete sich zu einem stickigen Dunst.

Sie traten in eine Bar, die mittlerweile fast leer war. Ein letzter Mann schlief unter einem Tisch seinen Rausch aus. Seine Backen waren gerötet und Speichel rann aus dem geöffneten Mund auf den verfilzten Bart. Er hatte nur noch eine Hand. Dort wo einmal seine Zweite gewesen war, lag ein vernarbter Stummel. Runa verzog das Gesicht bei dem Anblick und dem Geruch von Bier und Schweiß. Dieser Mann war häufig hier zu Gast. Er trank immer, bis der Barmann ihm nicht mehr einschenkte. Seine Hand hatte er in einer Maschine der Waffenfabrik verloren. Bald würde er als Bettler auf der Straße enden. So wie es den Krüppeln eben erging.

Der Gnom, den Japser für den üblichen Spottlohn eingestellt hatte, kam hinter dem Tresen hervor. Er wischte den klebrigen Boden, dabei zog er sein linkes Bein nach. Sicherlich hatte man ihn wieder geschlagen. Runa schenkte ihm einen mitleidigen Blick. Sie wusste, wie elend diese Arbeit war. Manchmal gehörte es zu Runas Aufgaben Bier auszuschenken. Jasper schrieb ihr dann vor, ein Kleid mit Ausschnitt zu tragen. Sie hasste es, ebenso sehr wie die gierigen Blicke der Männer. In Kleidern fiel sie auf. Sie fühlte sich in ihnen bloßgestellt und schutzlos.

Die kleine Gestalt mit der Knollennase humpelte auf Runa zu.

»Alles gut gelaufen?«, fragte er und neigte den großen Kopf leicht.

Runa nickte. »Wie man es sieht. Ich erzähl es dir später.«

Sie würde ihm wie immer ein Stück Brot und ein Bier bringen, so wie sie es oft nach der Arbeit tat.

Die anderen drei Männer waren schon an ihnen vorbei in den Keller verschwunden. Sie alle beachteten den Gnom nur selten.

»Bis später.«

Runa ging durch den Schankraum zu der kleinen Tür in der hinteren Wand und folgte den anderen mit genügend Abstand. Dahinter führte eine schmale Holztreppe hinunter in ihr Versteck. Die Bar brachte zwar Geld ein, aber sie diente mehr als Fassade, damit die Gendarmen ihren Schlupfwinkel nicht finden konnten. Die Gendarmen verhafteten nur zu gerne Diebe. Auch wenn sie nur Brot stahlen, um nicht zu verhungern. Aus ihren Zellen kam man selten wieder frei.

Runa trat in den niedrigen Raum der einmal, als Weinkeller gedient haben musste. Die Steinwände waren kalt und feucht. Dicke Balken hielten die Decke. An einem langen Tisch setzten sie sich. Nach und nach kamen weitere Jungen und Männer dazu. Bill stellte ihnen Bierkrüge hin. Runa nahm keinen der gefüllten Krüge. Stattdessen stand sie auf und füllte ihren Becher direkt vom Fass. Sie nahm niemals Essen oder Trinken an, dass sie sich nicht selbst zubereitet hatte. Runa setzte sich ein Stück entfernt auf einen Hocker. Sodass sie die Tür im Blick hatte.

»Was war vorhin los?«, fragte Jasper.

Sie hatten vergessen, den Chef über die Geschehnisse ins Bild zu setzen.

»Wir sind auf eine Leiche gestossen«, murmelte Phileas.

Japser sah ihn entgeistert an und verlangte, eine detailliere Erzählung.

Runa trank ein Schluck kaltes Bier. Der Blick des Mädchens tauchte wieder in ihrem Kopf auf. Sie hatte doch nicht zum ersten Mal eine Leiche gesehen. Warum konnte sie den Anblick nicht vergessen?

»Ich sag dir, etwas war falsch an der Sache«, sagte Phileas gerade. »Vielleicht sogar unnatürlich.«

Runa hob den Kopf und lauschte dem Gespräch wieder.

Jasper lachte.

»Du mit deinem Aberglauben. Das sind doch nur alberne Gerüchte. Schauermärchen für Kinder.«

Phileas war wirklich ein wenig abergläubisch. Er glaubte, dass es nach dem Tod eine neue Welt gab. Er glaubte sogar das der Tod, eine Person war. Mit Sichel wie auf den makaberen Bildern. Wie absurd. Menschen erfanden das Paradies und den Gott, um ihr Leben erträglicher zu machen. Wenn es einen Gott gab, warum verhungerten dann Kinder auf den Straßen?

Aber es war schon möglich, dass ein nicht menschliches Wesen an dem Tod dieses Mädchens beteiligt gewesen war. Schließlich gab es auch Gnome. Es war Runa ein Rätsel, warum sie nicht ebenfalls in den Norden geflüchtet waren, wie die anderen Wesen aus den Geschichten ihres Großvaters. Hier unter den Menschen führten sie ein erbärmliches Leben.

»Mhm, ich halte die Ohren offen. Aber jetzt lasst uns feiern«, sagte Jasper nun.

Er erhob sich und schüttete den Sack mit der Beute auf dem Tisch aus.

»Heute war wieder ein Erfolg«, sagte er und hob seinen Bierkrug.

»Auf Reichtum.«

»Auf Geld«, grölten die Männer und tranken.

Runa nippte an ihrem Bier und beobachtete die anderen. Phileas hatte seinen Revolver herausgeholt und polierte den silbernen Lauf.

Jasper kam auf sie zu und fixierte sie mit seinen eisblauen Augen. »Hast du etwas vergessen?«

Runa zog den Dolch aus ihrem Gürtel und legte ihn auf den Tisch.

»Nein«, sagte sie und versuchte ihre Stimme fest klingen zu lassen. »Kann ich ihn haben? Als Teil meiner heutigen Bezahlung?«

Er grinste und strich mit seinen Fingern über ihre Wangen.

»Süsse, wofür brauchst du so ein grosses Messer?«

Runa starrte ihn an. Sie hatte geglaubt, dass ihr kurzes Haar, welches sie unter der Mütze trug, sie schützte und versteckte. In den Hosen wurde sie von Fremden oft als Junge wahrgenommen. Aber manchmal genügte es nicht. Sie war immer noch ein Mädchen mit Brüsten, auch wenn sie klein waren und für gewöhnlich unter weiten Hemden verborgen. Jasper hatte sie in dem roten Kleid gesehen, dass sie an der Bar tragen musste. Zudem wurde es immer schwieriger zu verbergen, dass sie kein Junge war. Sie wurde älter und bekam breitere Hüften. Runa stieß seine Hand weg.

»Wegen Männern wie dir«, zischte sie.

Er lachte laut auf. Es klang kratzig und tief.

»Dir wird keiner etwas zu leide tun.« Er zog sein eigenes Messer aus der Scheide.

»Siehst du diese Klinge?«

Runa starrte ihn an.

»Wenn einer meiner Jungs dich anfasst, schlitze ich seine Kehle auf.«

»Habt ihr das gehört Männer?«, sagte er so laut, dass die anderen Verstummten. Er hatte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, wie immer, wenn der danach verlangte.

»Wenn einer von euch die Kleine anfasst, schlitze ich eure Kehlen auf.«

Einer der Männer lachte. »Wer will schon einen halben Jungen?«

»Siehst du, du brauchst kein Messer«, sagte er leiser an Runa gewandt.

Die anderen nahmen ihre Gespräche wieder auf. Sie lachten über schmutzige Witze. So wie jede Nacht.

»Und wer beschützt mich vor dir?«, fragte Runa.

Jasper grinste.

»Niemand. Aber das macht dir doch nichts aus. Du solltest dankbar sein. Ich habe dich aufgenommen. Hier wirst du nicht mehr grün und blau geschlagen. Du hast immer genug zu essen und mehr Geld als jede andere Waise deines Alters und deiner Herkunft. Habe ich da nicht ein kleines Dankeschön verdient?«

Niemand schien ihnen zuzuhören. Es interessierte sie nicht. Runa war auf sich allein gestellt. Sie hatte keine Freunde. Sie alle würden sie für genügend Geld verraten.

Runa war hier doch nicht sicher, wie sie geglaubt hatte. Es war zwar ein gutes Versteck. Im Untergrund mitten unter Jungen und Männern würde niemand sie suchen. Solange keiner von ihrem Geheimnis wusste, konnte sie nicht verraten werden. Nicht so wie es schon einmal geschehen war. Aber Jasper konnte trotzdem eine ernste Bedrohung werden.

Runa bemerkte, dass Phileas Jasper beobachtete. Er lies ihn nicht aus den Augen. Aber sie machte sich nichts vor. Auch er würde sie verraten, wenn er dadurch seine eigene Haut retten konnte. Sie musste selbst für ihre Sicherheit sorgen.

Jaspers Hand fuhr ihren Hals entlang und glitt unter ihr Hemd. Runa sass einen Moment wie erstarrt da. Die Berührungen brannten wie Feuer. Ihr war übel. Sie musste sich zusammenreißen. Sie konnte nicht erstarren. Niemand würde sie verteidigen, wenn sie es nicht selbst tat. Sie musste Jasper ein für alle Mal von sich fernhalten.

Runa schlugt seine Hand fort.

»Lass deine Finger von mir, sonst beisse ich dein wertes Stück ab. Darauf kannst du Gift nehmen.«

Seine Faust landete in ihrem Gesicht. Ihr Kiefer knackte. Sie schmeckte Blut. Er schlug erneut zu. Runa stürzte von dem Schlag zu Boden. Der Raum drehte sich. Sie sah Sterne. Sie versuchte die aufsteigende Angst zurückzudrängen. Jasper hatte schon für weniger, seine Klinge herausgeholt. Er würde mich nicht töten. Oder?

»Du kleine dreckige Schlampe«, schrie er.

Hatte er nicht gesagt, dass Runa hier nicht geschlagen wurde? Schon jetzt hatte er sein Wort gebrochen.

Langsam stand sie wieder auf und hielt sich an der Tischkante fest.

Die anderen beobachteten Runa. Phileas war aufgestanden. Japser hob die Hände.

»Keine Angst ich tu ihr nichts. Dafür bringt sie mir zu viel Geld ein.«

Phileas nickte und setzte sich wieder.

»Wie machst du das nur? Woher beschaffst du all deine Gold werten Informationen?«

Runa antwortete ihm nicht. Das war ihr Geheimnis.

Sie nahm den Dolch und einen kleinen Stapel der Scheine. Es war weniger, als ihr Anteil, aber sie wollte weg von Jasper und wagte es nicht zu viel zu nehmen.

»Ich werde deine Methoden schon noch herausfinden«, zischte Jasper.

Runa ignorierte ihn. Sie verließ den Raum und rollte sich in dem Hinterzimmer auf eine der fünf Matratzen, die hier lagen. Ihr Bett.

An Schlaf war nicht zu denken. Aber sie wollte allein sein. Wenn sie allein war, konnte niemand sie schlagen. Verraten. Es war ihr egal, wenn sie das Abendessen verpasste.

Jaspers Worte hallten in ihrem Kopf nach. Was wenn er es herausfand?

Runa hielt den Dolch in ihrer Hand und strich über seine Klinge. Sie könnte sie Jasper in den Hals rammen. Runa wäre in der Lage ihn als Anführer zu ersetzen.

Das Risiko war es ihr nicht wert. Sie war nicht so geübt mit Messern wie er. Jasper wäre schneller. Sein Stich wäre präzise und tödlich. Runa könnte ihn vergiften. Sie lächelte bei dem Gedanken. Vielleicht tue ich das irgendwann.

Runa seufzte. Sie hatte vergessen, dem Gnom ein Stück Brot zu bringen.

Während sie über die Klinge strich und nachdachte, begann sie bläulich zu leuchten. Sie hatte richtig vermutet, was dieses Messer anging. Es musste einst von anderen Wesen geschmiedet worden sein.