Mörderische Träume
Kühles Vollmondlicht durchdringt die vergitterte schmale Lichtöffnung, wirft kaum erkennbare Schatten und legt sich dann wie ein bläulich-silbriger Schleier über den mit allerlei Gerümpel bedeckten feuchtkalten Steinboden.
Nur schemenhaft lassen sich die Gegenstände im nebligen Lichteinfall erahnen: An manchen Stellen durchdringt Farn am Boden liegende verrottende und von Moos bewachsene Holzbretter, die vor langer Zeit von der Decke gefallen zu sein scheinen.
Lange bis zum Boden reichende Schlieren von eingetrocknetem Schmutzwasser werden unterhalb der rechteckigen Lichtluke sichtbar. Wie Jahresringe eines alten Baumes, welcher bereits ganze Menschenleben überdauerte, ziehen sich die Kalkränder in immer kleiner werdenden Parabeln zusammen.
Es muss bereits stark und häufig schlammiges Wasser in dieses unterirdische Verlies hineingespült haben. In den Ecken des Raumes hat sich eine dicke dunkle Schimmelschicht auf dem bröckelnden Gestein gebildet – mit dicken Haaren, als würde dort der Pelz eines wilden Tieres wachsen. Ein halb zerfallener Stuhl verfault in einer Ecke.
Das Kreischen einer Eule durchdringt die Stille: «Huuu-hu-huuuh». Als eine kleine Kreatur mit leuchtenden Augen, wie von wilder Panik getrieben, nah vor der Luke draußen vorbeihuscht und dabei abgestorbenes Laub aufwirbelt, trägt es einen unbehaglich feuchtkalten Luftzug in diesen Kerker, so dass ein leicht modriger Verwesungsgeruch aufstiebt.
«Tropf, tropf, tropf» triefen Tropfen fast wie im Takt des Herzschlags von der hohen Decke und hallen in der Stille wider. Verrostete Abwasserrohre schlängeln sich wie Adern ohne Puls an den schmutzverkrusteten Wänden entlang bis zur Decke hoch bis ihre Umrisse von der Dunkelheit verschluckt werden.
Zwei alte Werktische mit abgeblätterter Farbe kauern an einer der drei fensterlosen Wände – der eine überhäuft mit verrostetem Werkzeug, zerbeulten Dosen und altem Metall, von dem Rost in Schichten abblättert; der andere steht leer, beinahe bedrückend in seiner Verlassenheit.
«Tropf, tropf, tropf» schlagen Wassertropfen wieder nieder auf die eingefallenen Wangen einer Gestalt, die halb schlafend auf einer harten Holzpritsche kauert. Die schimmelnde Pritsche aus massiven Bohlen streckt sich wie eine Zunge in den gespenstischen Raum hinein – gerade den Werktischen gegenüber.
Schwere Eisenketten, vom Rost in den äusseren Schichten aufgedunsen, führen von Kopf- und Fußende je an einer Seite des alten Holzes in das Gestein hinauf – fest verankert in großen augenförmigen Ösen, unter welchen sich Schlieren von Rost am Gemäuer wie eingetrocknete blutige Tränen gebildet haben.
An der türlosen Wand gegenüber des Lichteinfalls bäumt sich ein hoher zerbeulter Spind auf, welcher mit einem zerbrochenen Schloss versehen ist. Ketten halten den Spind an der Wand und lassen ihn im klammen Mondlicht wie eine übermenschlich große Spinne wirken, die auf ihre Beute lauert. Die Dellen wölben sich nach außen, als ob sich im Inneren eine wütende Bestie ihren Weg nach draußen freizuschlagen versucht hätte.
Abstoßend wirken die nach Urin und Ausdünstungen miefenden dreckigen Kleiderfetzen, die an dem ausgemergelten Körper auf der Pritsche herunterhängen. Tiefdunkle Augenringe zeugen von einer schweren Erschöpfung dieses Menschen. Sein Gesicht ist von nervösem Zittern der Lider und um die Mundwinkel gezeichnet.
Ein dickflüssiger Speichelfaden seilt sich an einem Mundwinkel wie ein Rest Lebens von dem zerschundeten Körper auf den kalten Boden ab. Er scheint jung zu sein, nur Flaum ist auf der Oberlippe leicht sichtbar, und gleichzeitig wirkt er wie gealtert und ausgemergelt von einer langen Gefangenschaft. Nassgeschwitzt kleben ihm die mittellangen Haare an Stirn und Wangen.
«Tropf, tropf, tropf» perlt das Wasser von der Decke an seinem Kinn herab. Wimmernd dreht sich die Gestalt schlaftrunken auf die andere Seite und fällt dabei von der Pritsche auf den harten Steinboden.
Erschrocken wachst du dabei auf - das Gesicht bleich wie das Licht des Mondes.
Du wischt dir den Speichelfaden vom Kinn und versuchst dich ruckartig aufzusetzen. Leicht wankend stützt du dich auf deine zitternden Arme und spürst Schrammen und verletzte Stellen sowie dumpfen Schmerz an den lädierten Gliedern.
Es gelingt dir nicht, klare Gedanken zu fassen. Stattdessen fühlst du schmerzhaftes rhythmisches Pochen im Inneren deines Schädels, als wäre dein Herz plötzlich in deinen Kopf gewandert. Du fühlst dich benommen und dir ist übel vom ruckartigen Erwachen aus dem kurzen Tiefschlaf. Deine Umgebung kannst du nur verschwommen wahrnehmen bis sich dein Blick langsam wieder fokussieren lässt.
Das schmerzhafte Pochen in deinem Kopf lässt allmählich nach und geht in dröhnende Kopfschmerzen über, als hättest du schon lange keinen gesunden Schlaf mehr gehabt. Als du versuchst dir den Schlaf aus den Augen zu reiben, spürst du dabei wie deine Hand eine glitschige warme Spur in deinem Gesicht hinterlässt.
Du versuchst, sie mit Speichel wegzuwischen, und schmeckst dabei den eisernen Geschmack deines eigenen Blutes. Ein bedrückendes Gefühl macht sich in dir breit. Du musst dich beim Aufprall verletzt haben.
Außerdem riechst du den Gestank von Urin, Schweiß und Erbrochenem. Du fragst dich, wo und wie lange du hier schon bist.
Hektisch irren deine weit aufgerissenen gelblichen Augen, durchzogen von vielen kleinen blutroten Äderchen, ziel- und orientierungslos durch den Raum. Du suchst in der Dunkelheit nervös nach einem Anhaltspunkt, doch die silbergrauen Schatten scheinen sich zu bewegen, als lebten sie.
Du versuchst deine schaurige Umgebung besser zu verstehen. Durch die kleine Fensterluke dringt Mondlicht und erhellt die Geräte auf den Werkbänken, die dir gegenüber neben einem grossen Metallschrank stehen. "Folterwerkzeuge?" fragst du dich gleichzeitig ungläubig und erschreckt.
Ein lautes klirrendes Scheppern, als würde Metall auf Metall fallen, durchschneidet die Nacht und schreckt dich wie ein gejagtes Tier auf. "BA-BUM-BA-BUM-BA-BUM-BA-BUM" hörst du dein Herz in der Brust pochen. Deine Sicht verdunkelt sich kurzzeitig von den Rändern her. Wie von Sinnen drückst du dich panisch an die Wand und suchst den Ursprung des Geräusches. Angsterfüllt blickst du auf den Spind am anderen Ende des Raumes, aus dem das Geräusch gekommen zu sein scheint.
Starr vor Angst nimmst du wahr, wie sich die Tür des Spinds langsam öffnet. "BABUM-BABUM-BABUM-BABUM-BABUM" hörst du das Hämmern in deiner Brust bis zum Hals hoch. Ein tiefer Angstschrei, oder eher ein lautes tiefes Wimmern entgleitet deiner Kehle.
Trotz lähmender Furcht realisierst du, dass deine Umgebung nichts mit der Realität zu tun haben kann. Du bist in einem Albtraum gefangen. Die Spindtür öffnet sich nun vollends, und grau-schwarzer Qualm wabert langsam heraus und kriecht dir entgegen.
Du möchtest auf dich aufmerksam machen, damit dich jemand weckt und aus diesem unerträglichen Zustand befreit; dich von diesem schrecklichen Alptraum erlösen kann.
Doch dein Mund ist wie gelähmt und bringt keine Worte hervor, so sehr du dich auch bemühst. Auch den tiefen Wimmerton kannst du nur mit Mühe quälend-langsam und leise ächzend hervorbringen, da auf deiner Brust nun plötzlich schwere Ketten liegen, die sich wie kräftige Pythons aus der Wand kommend um dich schlingen und deinen Brustkorb einengend gegen die kalte feuchte Steinwand drücken.
Unzählige kleine Schatten wie menschlich gekrümmte Gestalten lösen sich langsam aus den Qualm. Ihre Bewegungen sind langsam, fast bedächtig, aber unaufhaltsam bewegen sie sich auf dich zu.
Du weißt, dass das alles nicht real sein kann. Doch die lähmende Angst ist so echt wie das Ausbleiben der Sprache und wie der ekelerregende Geruch.
Eine Kreatur fängt an zu wachsen vor einer Vielzahl von Silhouetten, die wie eine stumme Gemeinschaft im Hintergrund lauern und das Geschehen beobachten.
Hilfesuchend blickst du nach der Lichtluke. Doch diese hat sich wie von Geisterhand nach oben bewegt, als ob die Wand still und heimlich noch oben gewachsen wäre und du noch viel tiefer im Kerker liegen würdest.
Neben der wachsenden geisterhaften schwarzen Gestalt erscheint in zurückweichenden Rauchschwaden ein Sarg mit deinem Namen darauf. Dein Herz hämmert bis zum Hals hoch, als sich in der schemenhaften Gestalt langsam ein menschenähnliches Gesicht formt. Du erkennst ihn im tiefen Inneren und doch weißt du nicht, wer es ist.
Die Gestalt tritt näher, ihre Hand hebt sich und etwas Metallisches erscheint. Du schleuderst deinen Kopf nach rechts und links und versuchst dich aus dem Würgegriff der Ketten zu befreien. Aber du musst mit Schweiß auf der Stirn feststellen, dass sich der Rauch an deinen Handgelenken und Knöcheln sowie um deinen Hals zu rostigen Schellen mit Ketten, die zur Wand führen materialisiert.
Du willst schreien, doch deine Kehle wird vom immer enger werdenden Metallband an die Wand gedrückt. Da ist eine Pistole. Die Kreatur zielt auf dich. Kein Laut entkommt deinen Lippen, und die Panik ergreift dich mit voller Wucht.
In deinem Inneren hallt ein Gedanke wider: “Ich werde mundtot gemacht. Ich kann nicht mehr sprechen.” Die Gestalt zielt mit einer unheimlichen Präzision und drückt ab.
Du siehst wie die Kugel aus dem Rohr pfeift und auf dich zuschnellt. Doch anstatt dich zu töten, friert die Szene, die in einer unterirdischen Gruft spielt, plötzlich ein.
Ein ohrenbetäubender Knall zerreißt die Stille, und Magnus spürt, wie die Welt um ihn herum in einem Strudel aus Blut und Schmerz versinkt. In der Wand formt sich eine Türe aus dem Nichts, öffnet sich und das Verlies verwandelt sich in einen sterilen Raum mit hellen Wänden.
Mit einem Ruck fährt Magnus hoch. Sein Körper ist schweißgebadet, und sein Atem geht stoßweise. Erleichtert holt Magnus tief Luft. Er blinzelt in das grelle künstliche Licht. Die Schatten des verstörenden Traumes sind noch immer in seinen Gedanken. Ist es nur ein Traum gewesen? Oder hat er einen Blick in die tiefsten Abgründe seines innersten Ichs geworfen?
Eine junge Krankenpflegerin steht in der Türe. «Magnus, aufstehen. Zeit zum Frühstücken. Die Visite wird bald da sein.» Magnus versucht zu antworten, doch er hat einen Kloss im Hals. Hustet, versucht zu sprechen.
Unwillkürlich greift er sich an den Hals und zieht die Finger gleich wieder überrascht zurück: Die eben berührte Stelle ist leicht geschwollen und druckempfindlich. Der Schrecken lässt ihn fast erstarren. Also doch kein Traum? Mit Mühe und brüchiger Stimme und Schmerzen beim Sprechen krächzt er «Guten Morgen» und «Wo bin ich?».









Du gehst direkt in die Vollen. Sehr atmosphärisch und eindringlich. Immersiv und Mitgefühl erzeugend. Der Schocker sitzt. Gut platziert. Nicht schlecht. Jetzt bin ich auf den Plot gespannt...
Vielen Dank für die tolle Rückmeldung! Das motiviert sehr beim Schreiben :-)
Super stimmungsvoller und spannender Anfang. Sehr gut geschrieben! Es ist interessant, diese Verwirrung zwischen Realität und Traum. Ich mag auch die Stielistische Wiederholung des Wassertropfens.
(Das einzige, ich denke ein anderer Name für das erste Kapitel könnte mehr Spannung erwecken. Ich dachte bei dem Titel es wird vielleicht eine langweiligere aufwach szene. Aber das ist nur meine Meinung XD und weiss nicht, ob du kritik magst.)