The Last Choice

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Summary

Nach dem Tod ihrer Mutter bleibt Aurora allein in Verona zurück. Die Schulden lasten schwer auf ihr, die Stadt wirkt plötzlich fremd, und selbst die warmen Sommernächte bringen keinen Trost. Als sie eines Abends nach Hause kommt, liegt ein Brief auf dem Tisch. Er lädt sie zu einer Wahl ein, von der sie noch nie gehört hat: zwanzig Männer, eine Entscheidung und ein Schicksal, größer, als sie je geahnt hätte.

Genre
Fantasy
Author
VitaMia
Status
Complete
Chapters
63
Rating
5.0 25 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

Der Regen fällt warm und schwer, fast träge, als gehöre er zum Sommer. Er tropft mir in die Haare, über die Stirn, über die Wangen, sammelt sich in kleinen Rinnsalen an meinem Hals und verschwindet irgendwo unter dem dünnen Stoff meines Kleides. Die Luft riecht nach nasser Erde und welken Rosen, süßlich und dumpf, und alles an diesem Ort klebt an mir wie Schweiß. Selbst der Himmel über Verona wirkt müde, als hätte er selbst genug von diesem Tag.

Ich stehe da, mitten zwischen schiefen Grabsteinen und flackernden Kerzen, und starre auf den frisch aufgeworfenen Hügel vor mir. Die Erde ist noch dunkel, riecht feucht, und der Dampf steigt davon auf, als wäre sie noch lebendig. Der Stein darüber ist schwarz und glatt, die goldenen Buchstaben glänzen so hell, dass ich kaum hinsehen kann.

Lucia De Santis.

Geliebt und unvergessen.

Meine Mutter. Meine Familie. Mein Zuhause. Und jetzt nichts mehr als ein Name auf einem Stein, eingraviert zwischen all den anderen, die der Regen schon längst ausgewaschen hat. Ich lese ihn immer wieder, während die Stimmen hinter mir zu einem einzigen leisen Rauschen verschwimmen.

Meine Hände hängen schlaff an den Seiten. Ich spüre, wie der Regen mein Kleid an den Rücken klebt, wie Wasser an meinen Armen entlangläuft und über meine Finger tropft. Unter meinen Füßen verwandelt sich der Kies in Matsch. Aber ich bewege mich nicht. Ich kann nicht.

Hinter mir murmeln sie. Menschen mit ihren Schirmen, in sauberen Schuhen, mit Blicken, die mich streifen wie Klingen. »So jung, so allein …«, höre ich eine Tante flüstern, und jemand anderes sagt: »… und diese Schulden …« und dann: »… niemand bleibt ihr mehr.« Ich presse die Lippen zusammen, bis sie wehtun, und halte den Griff meiner Handtasche so fest, dass die Knöchel weiß werden. Ich drehe mich nicht um. Ich sehe sie nicht an. Ich will ihre Gesichter nicht sehen.

Der Priester spricht etwas über Staub und Himmel und dass wir alle wieder eins werden, irgendwann. Seine Worte gleiten an mir ab wie der Regen auf dem Stein. Dann höre ich das dumpfe Geräusch der ersten Schaufel Erde, die auf den Sarg fällt. Ein Schlag. Noch einer. Jeder so schwer, dass mein Herz sich dabei verkrampft. Jeder wie ein Tritt gegen meine Rippen.

Ich beiße mir auf die Zunge, nur um die Tränen noch einen Moment länger zurückzuhalten. Sie kommen trotzdem. Warm, salzig, vermischen sich mit dem Regen, und ich spüre sie auf meiner Haut, wie sie den Hals hinunterlaufen. Ich habe alles getan. Jede Rechnung bezahlt, jede Nacht an ihrem Bett gewacht, jede Schicht gearbeitet, die ich kriegen konnte. Und doch stehe ich jetzt hier.

Allein. Ohne sie.

»Ich hätte mehr tun müssen«, flüstere ich in die schwere Luft, so leise, dass nur der Wind es hören kann. »Es tut mir leid.«

Der letzte Schaufelschlag deckt den Sarg zu, und die wenigen Menschen hinter mir beginnen zu gehen. Ich höre das Rascheln ihrer Schritte auf dem Kies, das leise Schließen der Schirme, den Gruß des Priesters, der mir zunickt und verschwindet. Ich bleibe stehen. Noch immer. Weil ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen soll. Weil ich nicht weiß, wie ich sie hier zurücklassen soll.

Langsam gehe ich in die Hocke, lege meine Hand auf den kalten Stein, spüre, wie das Wasser daran herabläuft, wie die Buchstaben unter meinen Fingern rau sind. »Ich hab’s versucht, Mama«, sage ich, und meine Stimme bricht. »Mehr konnte ich nicht. Es tut mir leid.«

Die Worte bleiben in der warmen, schweren Luft hängen, und niemand antwortet. Der Friedhof ist still, nur der Regen tropft weiter. Meine Knie tun weh, aber ich bleibe noch einen Moment so, bis die Kerzen auf den Gräbern erlöschen, bis die Stadt um mich nur noch eine ferne Ahnung ist.

Dann stehe ich auf. Meine Beine sind schwer, meine Haut klebt, mein Kleid haftet an meinem Rücken, als wäre es zu einem Teil von mir geworden. Ich wische mir übers Gesicht, obwohl ich längst nicht mehr weiß, ob es Regen oder Tränen sind.

Ich gehe. Langsam, Schritt für Schritt, den schmalen Kiesweg zurück zum Tor. Die Steine glitzern von den Tropfen, und in jeder Pfütze spiegelt sich der Himmel, schwarz und zerrissen. Ich drehe mich nicht noch einmal um, als ich das schwere, schmiedeeiserne Tor hinter mir zuziehe.

Die Luft draußen ist nicht besser. Immer noch klebrig, immer noch warm, immer noch voller Regen. Die Stadt liegt da, als hätte sie den Atem angehalten. Etwas in mir ist zerbrochen, leise, endgültig. Aber ich weiß, dass ich weitermachen muss. Irgendwie. Denn was bleibt mir anderes übrig?

Mit gesenktem Kopf und nassen Haaren gehe ich los, zurück durch die Gassen Veronas, zurück in ein Leben, das sich plötzlich so fremd anfühlt, als hätte es mir nie gehört.

Die Tür fällt schwer ins Schloss hinter mir, mit einem dumpfen Knall, der durch die kleine Wohnung hallt. Für einen Moment lehne ich den Rücken dagegen und schließe die Augen. Der Regen hat nachgelassen, nur noch ein leises Tropfen gegen die Fenster. Mein Kleid klebt kalt an meiner Haut, der nasse Stoff schmiegt sich unangenehm an meine Schultern. Der Geruch von nasser Erde hängt noch immer an mir, süßlich und schwer, wie der Friedhof selbst.

Langsam schlüpfe ich aus den Sandalen, stelle sie achtlos neben die Tür und streife das Kleid über den Kopf. Es landet auf dem Boden in einem dunklen, feuchten Haufen. Ich stehe im Flur, barfuß, in Unterwäsche, und spüre den kühlen Stein unter meinen Füßen. Überall riecht es nach Staub und billigem Waschmittel.

Im Bad drehe ich das Wasser auf, so heiß ich es ertrage. Der Dampf füllt die kleine Kabine sofort, legt sich wie ein Vorhang um mich. Ich steige unter die Dusche, schließe die Augen und lasse das Wasser über mich rinnen. Minutenlang stehe ich einfach nur da, während der Schmutz, der Regen und der süßliche Geruch von Erde von mir abfließen. Es fühlt sich an, als würde ich erst jetzt wieder atmen.

Als ich fertig bin, trockne ich mich ab und gehe ins Schlafzimmer. Ich ziehe mir etwas Trockenes aus dem Schrank: eine schwarze Leggings, ein altes graues T‑Shirt. Die Kleidung klebt nicht mehr, aber der Druck in meiner Brust bleibt. Der Raum ist still, nur draußen huscht das leise Rattern eines Motorrollers durch die enge Gasse.

In der Küche zünde ich das kleine Licht über der Spüle an, greife nach der offenen Flasche Wein auf dem Tisch. Sie steht seit vorgestern da, der Korken steckt nur noch lose drin. Ich ziehe ihn ab, gieße mir ein Glas ein. Dunkelrot, fast schwarz.

Ich setze mich an den Tisch, die nackten Füße auf die Querstrebe gelehnt, und nehme einen tiefen Schluck. Er ist zu warm, zu schwer, aber das ist egal. Der Wein brennt in meiner Kehle, und für einen Moment spüre ich nichts außer Hitze.

Mein Blick wandert über den Tisch. Dort liegen sie noch immer, fein säuberlich gestapelt: Rechnungen. Gelbe Umschläge. Mahnungen. Der dickste Brief von der Bank liegt ganz oben. Ich schiebe ihn mit der Fingerspitze ein Stück zur Seite, als könnte das die Zahl darauf kleiner machen.

»Wie?«, frage ich halblaut in den Raum. Meine Stimme klingt brüchig, fremd. Wie soll ich das jemals bezahlen? Es sind nicht nur die letzten Krankenhausrechnungen. Es ist alles. Miete. Kredite. Zinsen, die ich längst nicht mehr verstehe. Ich könnte zehn Jahre lang Tag und Nacht arbeiten, und es würde trotzdem nicht reichen.

Ich nehme noch einen Schluck Wein, größer diesmal. Es fühlt sich an, als hätte ich all die Schulden, all die leeren Versprechen, all das Versagen zwischen den Rippen, und der Wein würde nicht reichen, um es wegzuspülen.

Wenn Mama mich jetzt sehen könnte, würde sie wieder diesen leisen Blick haben, der gleichzeitig stolz und traurig ist. »Du bist stark, Aurora«, hat sie immer gesagt. Aber ich glaube nicht mehr daran.

Draußen rauscht der Regen wieder an, heftiger jetzt. Er prasselt gegen die Scheiben, füllt die Stille im Raum. Ich lehne mich zurück, den Blick an die Decke gerichtet. »Morgen«, sage ich leise. »Morgen mache ich irgendwas. Morgen …«

Doch dann fällt mein Blick auf den Boden. Zwischen den Briefen liegt ein Umschlag, den ich zuvor übersehen habe. Weiß. Schwer. Ohne Absender. Das goldene Siegel, das ihn verschließt, glänzt im matten Licht der Küchenlampe, als würde es sich bewegen.

Lange sitze ich einfach nur da und starre ihn an. Als müsste ich mich erst davon überzeugen, dass er wirklich da ist. Dass ich ihn nicht nur träume. Schließlich lege ich das Weinglas ab, beuge mich vor und nehme ihn auf. Das Papier fühlt sich kühl und fest an, das Siegel unter meinen Fingern glatt, fast weich. Ich drehe ihn in den Händen, neige ihn gegen das Licht. Die goldene Prägung sieht aus wie ein Kreis, durchzogen von feinen Linien, deren Bedeutung ich nicht verstehe.

Langsam fahre ich mit dem Daumen darüber, und das Wachs bricht mit einem leisen Knacken. Für einen Moment zögere ich noch. Dann ziehe ich das dicke, cremefarbene Papier aus dem Umschlag. Es duftet seltsam süß, wie Rosenblätter, die zu lange in der Sonne gelegen haben.

Die Handschrift darauf ist elegant, dunkelblau, leicht geschwungen:

Sehr geehrte Frau De Santis,

herzlichen Glückwunsch. Sie wurden für die Teilnahme an unserem exklusiven Auswahlverfahren ausgewählt.

Im Rahmen dieses Wettbewerbs haben Sie die Gelegenheit, zwanzig ausgewählte Männer kennenzulernen und während eines einzigartigen Prozesses Ihre Wahl zu treffen. Jeder der Teilnehmer bringt besondere Qualitäten mit, die Sie im Laufe der Zeit entdecken werden.

Für Ihre Teilnahme erhalten Sie ein Honorar in Höhe von 20.000 €, das Ihnen vor Beginn des Programms ausbezahlt wird. Der verbleibende Betrag wird nach Abschluss der Sendung überwiesen.

Bitte erscheinen Sie morgen bei Sonnenuntergang am südlichen Zugang der Ponte Pietra. Ein Mitarbeiter erwartet Sie dort, um Sie zu empfangen und Ihnen den weiteren Ablauf zu erklären.

Bringen Sie bitte nichts weiter mit als sich selbst und die Bereitschaft, sich auf das Unerwartete einzulassen.

In Erwartung Ihrer Ankunft

Der Kreis der Wahl

Meine Augen wandern über die Worte. Immer wieder.

Zwanzig Männer.

Eine Wahl.

Zwanzigtausend Euro.

Ich lese die Zeilen noch einmal. Langsamer diesmal. Die Zahlen stehen da, klar und unverrückbar. Und doch wirkt das alles so absurd, dass ich kurz auflache — ein trockenes, brüchiges Geräusch. Vielleicht ist das hier irgendein geschmackloser Scherz. Vielleicht ein Fehler.

Ich wende das Blatt, sehe nach, ob auf der Rückseite noch etwas steht, aber da ist nur Weiß. Ich halte es gegen das Licht, als würde irgendwo eine versteckte Botschaft erscheinen, doch es bleibt ein Brief. Ein seltsamer Brief, der nach Rosen riecht und in meiner Hand zittert.

Langsam lege ich ihn wieder auf den Tisch. Meine Finger verweilen auf dem Papier, als könnte ich so herausfinden, ob das alles echt ist. Aber die Müdigkeit in meinen Gliedern wird schwerer, drückt mich immer tiefer in den Stuhl.

Ich schließe die Augen, atme tief ein. Es ist zu viel für heute. Zu viel Tod, zu viel Regen, zu viel Stille. Zu viele Fragen.

Mit einer fahrigen Bewegung schiebe ich den Umschlag und das Blatt etwas von mir weg, schiebe den Stapel Rechnungen darüber, als könnten sie ihn verstecken. Dann stoße ich mich vom Tisch ab, erhebe mich, fast mechanisch, und gehe ins Schlafzimmer.

Ich lasse mich aufs Bett sinken, ohne das Licht zu löschen, und ziehe die Beine an, bis ich kaum noch Platz brauche. Die Worte aus dem Brief kreisen weiter in meinem Kopf, brennen sich dort fest, während draußen der Regen gegen die Fenster schlägt.

Vielleicht ist es ein Scherz. Vielleicht nicht. Vielleicht ist es egal.

Mit einem letzten Blick zur Tür schließe ich die Augen.

Und diesmal wehre ich mich nicht mehr gegen den Schlaf.