Julia: Das Schaukelpferd
Zeitpunkt: 21.4.2228 (Julia 8 Jahre)
Ort: „Treasure Island“ = Sammelplatz der Scherbenkinder

Der Sammelplatz war wie ein riesiger Spielplatz, nur dass alle Spielsachen kaputt waren. Überall lagen Metallstücke rum, rostige Rohre und zerbrochene Sachen, die im Wind klapperten. Zerrissene Planen flatterten wie große, schmutzige Vögel, die nicht wegfliegen konnten.
Das Licht von der Arena machte alles hell und dunkel zugleich. Die Schatten waren scharf wie mit dem Lineal gezogen. Zwischen dem ganzen Schrott ragten verbogene Stangen hoch wie die Rippen von einem toten Tier.
Es stank. Nach verbranntem Zeug und altem Öl und nasser Erde, die schon zu lange nass war. Julia musste manchmal husten davon.
Sie hob den Blick. Irgendwo da oben hätte ein Mond sein sollen. Sie liebte den Mond. Stattdessen waren da die Glotzaugen von Mikael. Glotzaugen, die genauso eklig waren wie sein Atem. Als könnten sie alles vergrößern. Passte zu ihm; er hielt sich ja für den Größten.
Für den Größten unter den Scherbenkindern.
Er beugte sich über sie. Sein Hals war voller Narben, die aussahen wie verdorrte Würmer. Er starrte auf das, was sie in der Hand hielt.
„Was willst du mit dem Dreck? Nimm das, was glänzt, nur das bringt Cash!“
Wenn er so brausig redete, drehte er immer den Kopf, als wolle er seinen Wörtern mehr Drehmoment mit auf den Weg geben, wenn sie aus seinem Mund purzelten.
Wenn die Wörter wenigstens seinen miesen Atem sauberwirbeln würden, aber sie wirbelten meist nur Staub auf.
Julia schaute ihn nur an und sagte nichts. Heimlich hielt sie die Luft an, sie wollte ihn nicht riechen.
Er grinste wie ein Wiesel und dann stieß er sie mit dem Handrücken zur Seite, so beiläufig, als wäre sie eine Fliege, die man einfach wegfächert.
Seine Fingernägel waren lang wie Klauen. Doch er war kein Makelwesen. In der Arena hätten ihn die anderen zum Frühstück vertilgt, samt Glotzaugen und gelben Nägeln.
Er hob ein Titanfragment auf, hielt es nach oben. Jetzt war die Sicht frei zum Mond, und der Mond schien auf das Fragment. Und dazu kamen noch die Lichter von den Arenascheinwerfern. Es glitzerte wie eine Träne.
Dann drehte er sich schnell um und verschwand im Dunkel des Sammelplatzes.
Jetzt traute sich Julia, auch ihren Fund ins Licht zu halten. Es war ein, ja was eigentlich? Es flackerte. Nicht zufällig, sondern rhythmisch. Sie fühlte das Muster, wie sie alle Muster fühlte. Alles war Muster. Die Welt, das Schicksal, selbst der Zerfall folgte ihnen. Menschen auch.
Das Display in ihrer Hand pulsierte. Drei kurze Flacker. Pause. Zwei lange. Wieder Pause. Es wartete. Und irgendwo in ihr wartete etwas mit.
Ihre Finger berührten das Fenster. Es war warm. Wie die Stirn von jemandem mit Fieber. Die bunten Punkte hörten auf zu flackern. Stattdessen tanzten sie jetzt. Wie die Sterne, wenn sie nachts nicht schlafen konnte und aus dem Deckenfenster starrte. Und das passierte oft.
Die Zahlen sprangen herum und dann – klick – passten sie zusammen!
Ihre Finger wussten plötzlich, wo sie hingehörten. Als ob das Ding ihr zuflüsterte: „Hier drücken. Nein, hier. Ja, genau so.“
ACCESS GRANTED.
„Zugang gewährt“, plapperte ihre Assistant-AI, so hießen die Dinger, die man bei Geburt in den Kopf gepflanzt kriegt. Die KIs von reichen Kindern können die Kinder superklug machen, ihre verhinderte gerade mal, dass sie zu oft doof dastand. Aber irgendwie mochte sie ihre „Penolope“. So hatte sie ihre AAI getauft.
„Weiß ich selbst, Lopi!“
„Ich wollte nur helfen.“
„Weiß ich auch, Lopi. Sag mir lieber, was das ist?“
„Das ist ein Militär-Implantat“, sagte Lopi. „Stufe 7-Klassifizierung. Eigentlich sollte ich das nicht lesen können, aber...“ Eine Pause. „Du machst irgendwas Komisches mit deinem Gehirn, Julia. Das ist nicht normal.
„Bin ich denn normal?“
„Was ist denn normal? Wenn damit der Durchschnitt gemeint ist, liegst du oft weit darüber und gelegentlich aber auch weit darunter. Ersteres betrifft deine kognitiven, letzteres deine sozialen Fähigkeiten.“
Julia musste grinsen. Lopi log nie. Andere AAIs hätten gesagt: „Du bist wunderbar, wie du bist!“ Aber Lopi war ehrlich. Vielleicht war sie kaputt. Oder vielleicht war ehrlich sein einfacher als Lügen.
Dann passierte etwas Seltsames. Der kleine Bildschirm (der mit dem Fieber) wurde schwarz. Und aus dem Schwarz kroch ein Bild hervor. Langsam, irgendwie schleppend, als würde es gar nicht rauskommen wollen.
Ein Schaukelpferd.
Es war pixelig, als hätte es jemand mit groben Klötzen gebaut. Rosa und weiß. Mit einer Mähne, die sich bewegte, obwohl kein Wind da war. Das Pferd schaukelte langsam vor und zurück, vor und zurück.
Julia kannte dieses Pferd.
Sie hatte davon geträumt. Immer wieder. Seit sie denken konnte. In ihren Träumen saß sie darauf und schaukelte und schaukelte, und jemand sang ihr ein Lied vor. Eine Frauenstimme. Warm und weich.
„Lopi“, flüsterte sie. „Kennst du das Pferd?“
Stille. Längere Stille als sonst.
„Lopi?“
„Ich … das sollte ich nicht sehen können, Julia. Das ist nicht in meinen Dateien. Aber es ist … vertraut.“
Unter dem Schaukelpferd erschienen neue Wörter. Nicht wie die anderen. Diese waren in einer anderen Schrift. Verspielter. Wie Kinderschrift:
Hallo, kleine Julia. Du warst so ein braves Baby. So klug. So besonders. Mama und Papa haben dich sehr lieb gehabt.
Julia starrte auf die Wörter, bis sie verschwammen.
„Lopi?“
„Ja?“
„Ich habe Angst. “
„Musst du nicht, Julia, atme ganz ruhig, denk erst mal an etwas anderes. Zähle ein paar Primzahlen auf.“
Julia atmete tief ein, blickte sich um. Sie wollte gerade nicht zählen. Irgendwo klirrte was. Jemand hustete. Die anderen Scherbenkinder flüsterten miteinander, aber so leise, dass man die Wörter nicht verstehen konnte. Es klang wie das Meer, nur ohne Wellen.
Julia fror. Ihre Finger zitterten, als sie das warme Ding in der Hand hielt. Es pulsierte wie ein kleines Herz. Das einzige warme Ding in dieser kalten Welt aus kaputten Sachen.
Und irgendwo da drin war eine Spur ihrer Eltern.
Und sie hatte Angst, die Spur zu verfolgen.
Plötzlich erschienen neue Wörter unter dem Schaukelpferd. Diese waren anders. Größer. In einer Schrift, die aussah wie mit Buntstiften gemalt:
Plötzlich erschienen neue Wörter unter dem Schaukelpferd. Diese waren anders. Größer. In einer Schrift, die aussah wie mit Buntstiften gemalt:
AKTE: 137
KOCHINGER, ELENA & MARCUS
MAKELWESEN, ARENAKÄMPFER
SEI STOLZ, KLEINE JULIA.
SEI STOLZ.
SEI TREU, KLEINE JULIA.
SEI TREU.
Julia starrte auf die Zahl. 137. Eine Primzahl. Lopi hatte sie gebeten, Primzahlen aufzusagen, und jetzt stand da eine. Aber warum fühlte sie sich so... falsch an? Zu klein für eine Aktennummer. Zu kalt. Als hätte jemand ihre Eltern auf drei Ziffern reduziert und dann weggeworfen.
Nur drei Zahlen. Für zwei Menschen.
„Lopi“, flüsterte Julia. „Das ist gruselig.“
„Ja“, sagte Lopi. Seine Stimme klang anders als sonst. Vorsichtiger. „Das ist es.“
Das Schaukelpferd schaukelte schneller. Vor und zurück, vor und zurück. Und Julia hörte etwas. Eine Melodie. Ganz leise, wie von weit weg. Eine Frauenstimme, die ein Lied summte, das sie kannte, aber nicht kannte.
„Mach das weg“, sagte Julia zu dem kleinen Bildschirm. „Ich will das nicht sehen.“
Aber das Schaukelpferd hörte nicht auf. Es schaukelte und schaukelte, und die Melodie wurde lauter.
Dann, ganz plötzlich, war alles weg. Der Bildschirm wurde schwarz.
„Was guckst du so komisch?“ Mikael war zurückgekommen. Er riss ihr das Ding aus der Hand.
„Das ist –“, Julia wollte es ihm erklären, aber dann sah sie sein Gesicht.
Er wurde ganz still. Auf dem kleinen Fenster stand immer noch ihr Name. Ihr echter Name.
„Du hast das… aufgemacht.“ Seine Stimme war plötzlich anders. Leise und ängstlich. „Du hast die Soldaten-Geheimnisse aufgemacht.“
„Gib her!“, schrie Julia und sprang auf. Sie wollte das Ding zurückhaben. Aber Mikael hielt es hoch, über seinen Kopf, da kam sie nicht ran.
„Mikael! Das ist meins!“
„Nichts gehört dir, Kochinger!“ Aber er sagte es anders als sonst. Nicht gemein. Mehr… erschrocken.
Von oben kamen plötzlich die Lautsprecher. So laut, dass das rote Zeug unter ihren Füßen vibrierte:
„UND JETZT – AUS DEN EDELKAMMERN DES CHIMERA COLLECTIVE – AKYLOS! 21 JAHRE ALT, UNGESCHLAGEN, DER PRINZ DER FINSTERNIS!“
Alle Leute schrien vor Freude. Julia schaute nach oben zu den großen Bildschirmen.
Und da war er.
Der schönste Mensch, den sie je gesehen hatte.