Prolog
Unter dem scharlachroten Mond traf ich dich zum ersten Mal. Eine unsterbliche Schönheit, gekleidet in silbriges Licht.
Die Welt, getaucht in der Farbe des Schicksals, hielt für einen Moment an. Liebster, oh Liebster, lass uns diese Nacht purpurn färben. Die Vergeltung der Götter wartet morgen auf uns.
Unter dem scharlachroten Mond traf ich dich ein letztes Mal.Mit silbernen Tränen in den Augen, blieb nicht mehr als der Hauch deiner zarten Flügel auf meiner Haut zurück.
Liebster, oh Liebster, eingesperrt in einem goldenen Käfig, gestraft mit Hass und Verachtung jener, die mir bedingungslose Liebe beteuerten. Warte ich auf den Tag, an dem wir frei sind.
Lass den Mond heute Nacht in Scharlachrot erscheinen. Liebster, oh Liebster, wenn nicht in diesem, dann im nächsten Leben. Ich folge dir aus der menschlichen Hülle mit ausgebreiteten Flügeln über Seen, Meere und tausend Reiche, bis ich wieder deine Arme erreiche.
Lass uns tanzen im scharlachroten Mondenschein, ohne Beine, aber mit kräftigen Flügeln, die uns tragen. Weit über die Missgunst dieser Welt hinaus.
Gao Xiaobai saß in einer Ecke auf der Empore des Gasthauses, das er gewählt hatte, und lauschte mit geschlossenen Augen der Melodie der kunstvoll gezupften Zither und der Stimme der jungen Frau.
Das Lied war eine Klage, ein Hilfeschrei der Ungerechtigkeit, und klang doch so melancholisch wie eine zum tausendsten Male durchlebte Liebesgeschichte.
Das Wirtshaus roch nach kräftigen Gewürzen wie Chili, Ingwer und Curry. Vermischt mit dem Räucherwerk der Weihrauchbrenner lag ein schwerer, süßlicher Geruch in der Luft.
Das Gasthaus selbst war recht groß, dreistöckig mit einem weiten Empfangssaal. Musik, Tanz und Kunst wurden hier zelebriert, ohne die unangenehmen, süßen Umschmeichelnden von Freudenmädchen.
Seit drei Tagen schon besuchte er das Gasthaus und lauschte der Musik. Dieses Lied schien das Einzige zu sein, das die junge Frau beherrschte, oder es war das einzige, das sie spielen wollte.
Sie saß vor der Zither, gekleidet in hellen, farbenfrohen Pastelltönen, mit Blumen im Haar und einem abweisenden Blick.
Ein Mann kam auf Sie zu, recht beleibt, aber freundlich. Er wischte sich seine Hände an seiner dunklen, bereits fleckigen Kleidung sauber und wechselte einen Blick mit der jungen Frau, die sofort verstummte.
Gao Xiaobai öffnete die Augen.
»Mein Herr, wir haben eine reichliche Auswahl an Musik, Tanz und Unterhaltung. Vielleicht wollt ihr einmal ein anderes Separee besuchen?«, fragte der dicke Mann.
Xiaobai setzte sich gerade hin und sah den Gasthausbesitzer geradewegs an.
»Aber ich mag dieses Lied. Sagt werter Herr, warum spielt sie nur das eine?« Er warf sich eine Handvoll gesalzener Nüsse in den Mund.
Der Mann räusperte sich, seine Schürze spannte sich um seinen Bauch und der Schweiß rann ihm von der Stirn. Es musste anstrengend sein, all die Treppen zwischen den Stockwerken hoch und herunter zu hetzen.
»Lisha diente früher als Kind im kaiserlichen Palast. Ich weiß nicht, ob ihr die Gerüchte kennt, Herr, aber sie hat das Lied von ... von dem ehemaligen dort hausenden Unglück«, wich er aus.
Sofort wurde Gao Xiaobai hellhörig. Der ausgefranste Pony seiner langen, schwarzen Haare fiel ihm ins Gesicht und wie ein seidener Vorhang über seine dunklen Augen, die aufblitzten, als sich seine vollen Lippen zu einem schelmischen Grinsen verzogen.
»Was für ein Zufall. Ich diene den sechs Meistern des Beishan und bin in ihrem Auftrag unterwegs, Geschichten zu sammeln. Ich bin ganz Ohr, erzählt mir von dem Übel des kaiserlichen Palastes«, raunte er aufgeregt.
Gao Xiaobai liebte aufregende Geschichten, traurige Geschichten, dramatische oder auch Romanzen. Kurzum: Er liebte Erzählungen jeder Art. Und so hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, durch das Land zu ziehen und sie zu sammeln.
So konnte er den staubigen Lehrbüchern und dicken Wälzern seiner Meister ein wenig Auflockerung verschaffen. Der Gasthausbesitzer sah ihn skeptisch an.
»Seid ihr sicher? Junger Herr, diese Tragödie bringt dem Kaiserhaus bis heute Unglück!«
Xiaobai zückte nun erst recht einen Stapel Reispapier hervor, stellte Tinte auf den Tisch und rollte seine Pinsel aus.
»Jede Geschichte ist es wert, erzählt zu werden«, sagte er und tauchte den Pinsel in die Tinte.
Der Wirt seufzte schwer, bevor er Lisha bedeutete, weiterzuspielen, und sich Xiaobai gegenübersetzte.
»Hört aufmerksam zu, mein Herr, ich werde euch diese Legende nur einmal erzählen, manche Geschichten haben kein Happy End und einige Schicksale sind von den Göttern verdammt.«