Prolog - Dunkle Zeiten in Para.
Zielsicher, aber vorsichtig bahne ich mir einen Weg durch die volle Menschenmenge. Nichts Neues.
Jeden Freitagnachmittag ist der Markt überfüllt von Leuten, leider muss das auch mein einziger freier Tag sein, und heute bin ich spät dran, die verschiedenen Stände fangen schon an zu schließen.
Gerade noch schaffe ich es, einer älteren Dame auszuweichen, die mir entgegengestolpert kommt.
An den Wochenenden ist dieses Verhalten nichts Besonderes, die Leute stressen sich einfach zu viel.
Wobei diese Dame noch nett wirkt. Die letzten Jahre zogen harte Zeiten mit sich und harte Zeiten formen nunmal harte Menschen.
Grausam würde ich sie nicht bezeichnen aber die Freundlichkeit und Freude sind verloren gegangen. Die Menschen haben den Elan zu leben verloren!
Der aromatische Duft frischer Kräuter holt mich zurück in die Realität.
Ich lasse meinen Blick über die Stände schweifen und finde den Stand mit Oregano, dann zu einem mit Petersilie.
Ein zufriedenes Lächeln huscht über mein Gesicht während ich die letzte Zutat in meiner Ledertasche verstaue.
Eilig bahne ich mir meinen Weg weiter durch die Menge. Ich bin heute auch eine von denen, die im Stress sind. Erst nach dem Termin bei diesem Zweimeter-Schrank mit Dauergrant, komme ich überhaubt zum eigentlichen Einkauf.
Und Morgen? Da geht sowieso nichts. Selbst schuld - dieses ereignisreiche Leben habe ich mir schließlich selbst ausgesucht. Und mal ehrlich: Ich würd's nicht mal gegen Ruhe und Ordnung eintauschen wollen.
Jeden Samstag helfe ich zusätzlich, zu meiner Arbeit unter der Woche, noch im Waisenhaus aus. Zu sehen, wie viele Kinder in dieser Gegend ohne Familie großwerden müssen, ist kaum zu fassen. Ein ziehen macht sich in meiner Brust breit, schon der Gedanke daran zerreißt einem fast das Herz.
Ich selbst bin am Rande des Dorfes namens Para aufgewachsen - das sich inzwischen zur Stadt entwickelt hat.
In meiner behüteten Wattebausch-Familie hatte ich jedoch nie mitbekommen, wie hart das Leben sein kann.
Bis vor fünf Jahren.
Unsere Hütte auf dem Land wurde damals durch diesen Sturm so schwer beschädigt, dass wir sie nicht mehr bewohnen konnten.
Unsere Felder waren komplett zerstört und mit ihnen auch die gesamte Ernte, einfach alles, was wir besaßen war von heute auf morgen fort.
Uns blieb keine Wahl - wir mussten in die belebte Innenstadt von Para ziehen.
Für jemanden wie mich, der die Natur lebt, war das ein Kulturschock: die frische Landluft, der Duft von Gras, das Rascheln der Bäume - das war meine Welt.
Von der Stadt hingegen war ich nie begeistert gewesen: enge staubige Straßen, Menschenmassen, Gebrüll rund um die Uhr. Und plötzlich sollte ich von einen Tag auf den anderen dort leben.
Aber mein Zorn und meine Enttäuschung hielten nicht lange an. Als wir in das neue, etwas kleinere Häuschen zu nahe der Stadtmitte eingezogen waren, bemerkte ich bald das Waisenhaus in der Nachbarschaft.
Man konnte es nicht übersehen, oder besser gesagt: nicht überhören.
Den ganzen Tag ging ein Lärm von diesem Haus aus, der mir schlimmer erschien als der klirrende Ostwind, der im Winter gegen das Fenster unserer alten, geliebten Hütte pfiff.
Zuerst machte mich der Lärm nur noch wütender. Doch alles änderte sich als meine viel zu liebe Mama, unsere Nachbarin Rosi, die Leiterin jener Einrichtung, die ich Respektlos als Irrenalstalt bezeichnete, zu uns Einlud.
Sie berichtete uns vom Zustrom der über 30 Kinder, die seit dem schrecklichen Sturm bei ihr Zuflucht gefunden hatten. Am selben Abend überdachte ich mein ganzes Leben.
Ich hatte Wut, Enttäuschung, Trauer empfunden für das was wir verloren hatten:
unser Haus, die Felder, der Besitz, alles Materielles, während andere die von diesem Sturm betroffen waren ihre Eltern verloren hatten.
An diesem Abend wurde mir mein Fehler der Undankbarkeit bewusst.
Ich war einfach nur froh, dass ich niemanden verloren hatte, und schwor mir, in Zukunft ein dankbarer Mensch zu sein und mich nicht zu beklagen – ahnungslos, wie schwer das noch werden würde.
Am nächsten Tag bettelte ich Rosi förmlich an, für sie arbeiten zu dürfen.
Für eine offizielle Anstellung im Heim war jedoch eine Ausbildung nötig – etwas, das wir uns unter den damaligen Umständen einfach nicht mehr leisten konnten.
Also half ich stattdessen jeden Samstag freiwillig bei der netten Dame aus – ob in der Küche, bei der Wäsche oder beim Bodenwischen.
Ich begann, das Leben hier immer mehr zu schätzen.
Klar, ich bin nicht auf dem Land, und mein geliebter Wald ist viel zu weit weg - aber das ist mittlerweile mein kleinstes Problem.
Wir haben unser letztes Erspartes in das Häuschen in der Stadt gesteckt und ein neues Leben begonnen.
Doch nicht jeder hatte dieses Glück: Viele mussten auf der Straße leben, weil sie sich keine neue Bleibe leisten konnten.
So brach durch die Obdachlosigkeit schließlich auch noch eine Krankheit aus, die sich rasch ausbreitete -
viele starben.
Es war eine schreckliche Zeit. Ein ganzes Jahr dauerte es, bis wir das Übel der Seuche endlich loswerden konnten.
Leider traf es in dieser Zeit auch meine Mama.
Sie wurde vermutlich beim Einkauf von Waren angesteckt. Sie durfte nicht zu uns nachhause und musste irgendwo unter den kranken alleine sterben, schreklich und nicht verdient für so einen liebenswerten Menschen.
Sie war ein klares Multitalent. Hat mir so vieles beigebracht. Vom normalen Nähen und sticken bis hin zu tricks zur Abwehr die wir im alten Hinterhof geübt haben. Sie war eine Besondere Frau. Talent, Intelligenz und Schönheit machten sie aus. Was will man mehr?
Auch wenn ihr Tod für mich ein harter Schlag ins Gesicht war, war mein Schmerz wohl nichts im Vergleich zu dem meines verzweifelten Vaters. Er war am Ende.
Zu sagen, er habe sich verändert, wäre eine Untertreibung auf höchstem Niveau.
Der liebe, stets lächelnde Vater war kaum noch zum Lachen zu bringen. Seine schlechte Laune ließ er an jedem aus, der ihm in der Stadt begegnete - an mir nicht.
Trotzdem würde Mama sich im Grab umdrehen, wenn sie sein Benehmen miterleben könnte.
Nicht nur mein Vater war schlecht drauf - das gesamte Volk ist dabei den Verstand zu verlieren.
Die ganze Situation scheint die Königsfamilie hingegen nicht im Geringsten zu interessieren.
Von ihr hört man rein gar nichts. Während all dieser Zeit hat sie unsere Existenz schlichtweg ignoriert.
Man merkt deutlich, dass sich die meisten von uns vernachlässigt und im Stich gelassen fühlen.
Oft hört man die Händler verächtlich über den Hochadel sprechen.
Meine Wut hält sich in Grenzen, ich habe gelernt! Hass bringt rein gar nichts.
Seit dieser schlimmen Krankheitswelle sind fast vier Jahre vergangen. Seitdem wächst die Kleinstadt wieder, und die Umstände verbessern sich drastisch.
Sich jetzt noch zu beschweren, ist wirklich nicht nötig – auch wenn wir die Besserung nicht dem König zu verdanken haben, sondern nur unserer eigenen Ausdauer und Mühe.
Ich muss leicht schnauben, als ich unvorbereitet mit dem Geruch von Fisch konfrontiert werde.
Ich hebe meinen Blick.
Die Holzfässer, Fischernetze auf dem Boden und Kisten voller Ware sind vor Menschenmassen kaum noch zu erkennen.
Heute ist noch mehr los als sonst, und das will etwas heißen. Sogar der eigentlich weniger besuchte untere Hafenplatz ist voll.
Meine Augen bleiben an einem kleinen Jungen hängen, der einen älteren Mann anrempelt. Und nicht irgendein Junge -
Julius! Dieser freche Bengel! Schnell schnalle ich meine Tasche zu und hetze dem Lausbuben hinterher.
Julius ist eines der zu jungen Kinder, die mit dem Verlust beider Elternteile leben müssen. Er war damals fünf Jahre alt, als seine Eltern wegen des Virus sterben mussten.
Als er ins Heim kam, hatte ich gerade meine Mama verloren, und der Fakt, dass er beide Eltern verloren hatte, quälte mein Herz.
Ich verstand seinen Kummer - und er meinen. Kaum hatte ich ihn kennengelernt, war er schon wie ein kleiner Bruder für mich geworden. Zwischen uns entstand einfach eine unausgesprochene Bindung.
Als er mich bemerkt, fängt er an zu kichern und will davonrennen. Doch zu spät – ich habe ihn schon am Arm. Zu meiner Erleichterung wehrt er sich nicht groß.
Ich sehe ihm in seine sündhaft süßen Kinderaugen, in denen man seine schlimme Vergangenheit nicht herauslesen kann.
„Was hast du denn am Hafenplatz zu suchen?“
Meine Frage war eher von Neugier als von Strenge geprägt.
Der Hafenplatz war wirklich kein Ort für Kinder. Nach dem Irenenviertel würde ich ihn als den gefährlichsten Ort in Para bezeichnen.
„Ups.“ Mehr kommt ihm nicht über die Lippen – das überrascht mich inzwischen nicht mehr. Wenn Menschen um uns sind, ist er nie jemand, der große Reden schwingt.
Gemeinsam bahnen wir uns vom Hafenplatz durch die Marktstraße, und von dort direkt weiter in die vertraute Wohngegend.
Die Sonne ist bereits im Begriff unterzugehen.
In der ruhigen Gasse angekommen, übernimmt Julius das Wort:
„Hast du gesehen, hast du gesehen?!“
„Was soll ich gesehen haben?“
Ich kann mir ein Grinsen über seine wechselnde Persönlichkeit mir gegenüber nicht verkneifen.
„Das große Schiff, das heute angekommen ist! Das war soooo groß!“
Mit ausgestreckten Armen veranschaulicht er das vermutlich etwas größere Schiff.
„Wooow, echt?“
Wir grinsen wie Honigkuchenpferde um die Wette. Nur weil so viele ihr Lachen irgendwo zwischen Alltag und Sorgen verlegt hatten, hieß das ja nicht, dass wir damit auch aufhören mussten.
Das leben ist auch für uns grausam genug, wir lassen es nur nicht an uns herankommen.
Am Waisenhaus angekommen, empfängt uns Rosi bereits mit ausgebreiteten Armen. Diese Frau ist das Sinnbild von Herzlichkeit!
Ihr Blick fällt auf Julius.
„Na, wie war dein Tag? Hattest du Spaß?“
Julius, der wieder in seine stumme Persönlichkeit zurückgeschlüpft ist, gibt nur ein stummes Nicken von sich, geht zur Haustür und lässt sie hinter sich ins Schloss fallen.
„Hhh, dieses Kind bleibt mir ein Rätsel. Schön, dass ihr euch so gut versteht.“
Ich nicke ihr zu, genau wie es mein kleiner Freund gerade eben getan hat, und ihr entweicht ein herzerwärmendes Kichern. Dann ersetzt sie das Kichern durch einen flehentlichen Blick.
„Bevor ich es vergesse – darf ich dich um einen riesigen Gefallen bitten?“
Sie bittet mich oft um Gefallen, aber auch wenn sie dabei das Wort „riesigen“ immer besonders in die Länge zieht, ist es meiner Meinung nach nie wirklich ein großer Gefallen. Meistens möchte sie einfach, dass ich ihr auf dem Markt eine Kleinigkeit besorge.
„Sicher doch.“
„Wärst du so lieb und könntest morgen noch schnell Zwiebeln holen, bevor du mit dem Aushelfen anfängst?“
Ha, wusste ich’s doch.
Grinsend nehme ich ihr den Zettel mit der Anzahl an Zwiebeln ab, den sie mir entgegenhält.
„Wird erledigt.“ Ich zwinkere ihr freudig zu.
„Danke, Aurora, du bist ein Schatz!“
Sie drückt mich zärtlich. Ihre Umarmungen sind jedes Mal so voller Geborgenheit - wie eine warme Bettdecke, die sich über einen legt. Nur besser.
Als sie mich loslässt, sehe ich Sorge in ihren Augen.
„Und, Aurora …“ Sie macht eine kurze Pause, sucht nach Worten.
Der zerreißend mitleidende Ton in ihrer Stimme sagt mir bereits, was jetzt kommt.
„… Wie sieht es aus, wird etwas unternommen?“
Ich schlucke schwer. Ein Gefühl von Ekel steigt in mir auf, als ich an den heutigen Termin denke.
Dieser schlechte Witz der sich „Leitender Wache“ nennt, und den Raum so vollgeraucht hat, dass man es kaum noch darin aushält, hat mich einfach abgewimmelt.
Mein Vater ist nun schon seit einen Monat verschwunden.
Zwei Tage, nachdem er nicht zu Hause erschienen war, bin ich zum ersten Mal zum Oberhaupt der Wachen von Para spaziert, die diesen Ort und seine Bewohner schützen sollten.
Doch die selbe Klatschnase, der das Amt als Leiter wohl dermaßen zu Kopf gestiegen ist, meinte, ich solle erst einen Termin machen, sonst wird mein Anliegen nicht bearbeitet.
Ja, und jetzt stehe ich hier und mache mir seit einem Monat Gedanken darüber, was wohl mit meinem Vater passiert ist.
Und dann dieses Gefühlskalte verhalten einer ehrenswürdigen Wache des Königreichs.
Wirft mir doch allen ernstes gegen den Kopf: „Es verschwinden sowieso andauernd Menschen, akzeptiere den Verlust.“
Einem derart verhaltensniedrigen Kleiderschrank mit zwei Ohren bin ich auch noch nie begegnet.
Als ob das nicht genug des Grauens wäre, wagten sie es noch, mich rauszuschmeißen, weil ich nicht gehen wollte, ehe sie den Fall meines Vaters aufnahmen.
„Sie werden nichts unternehmen.“ Was soll ich sonst noch sagen? Die Ungerechtigkeit in diesem Königreich war nun mal nichts Neues.
„Dafür habe ich absolut kein Verständnis!“, sagt Rosi, sichtlich erschüttert. Die sonst so ruhige Frau ist jetzt rot vor Ärger und kaum noch zu bremsen.
„Wie konnte sich unser einst so friedliches Königreich nur so barbarisch entwickeln? Der König selbst wäre entsetzt!“
Ich nicke nur.
Rosi ist fest davon überzeugt, dass dem König etwas zugestoßen sein muss – schließlich hat er sich damals so plötzlich zurückgezogen.
Für mich klingt das wenig glaubwürdig. Was könnte schon so Wichtiges passiert sein, dass er sein Königreich seit sieben Jahren völlig im Ungewissen lässt?
Langsam beenden wir das Gespräch und ich mache mich auf dem restlichen Weg nach hause
,,Tschüss bis Morgen! Die zwiebeln nicht vergessen bitteeee!!"
Beim anlehnen an die Haustür fällt sie mit einem Klicken ins Schloss. Erschöpft atmete ich tief aus. Ein ganzer Monat.
Tränen steigen mir in die Augen.
Kann jemand so lange verschwinden und noch am Leben sein? Hatte er vielleicht etwas angestellt?
Der Vater, den ich kannte, ist lange weg.
Der Mann, der verschwunden ist, ist nur eine Hülle seiner selbst. Vielleicht ist er in eine Schlägerei geraten? Er könnte sich auch mit Banditen angelegt haben.
Der Gedanke, dass er irgendwo alleine verletzt liegt, schmerzt in meinem Herzen.
Die letzten drei Jahre mit ihm waren schwer.
Er brachte nichts als Ärger, zerstörte oft Sachen in der Stadt, maulte jeden an, der ihn rempelte, und machte jeden klein, der ihm Hilfe anbot.
Seine Arbeit verlor er vor zwei Monaten, als er seinen eigenen Chef zur Schnecke machte.
Da wäre ich gerne dabei gewesen.
Diesen selbstverliebten Hirnakrubaten mochte ich noch nie.
Was ich ihm auch immer wieder unter die Nase reiben durfte, wenn er mir wieder mit einem Zwinkern Anbot seine rechte Hand zu werden.
An diesem Abend hatte mein alter Herr mich das erste Mal zusammengeschrien und meinte, dass alles meine Schuld sei und wir ein besseres leben gehabt hätten, wenn ich das Großzügige Angebot dieses armeligen Gockels mit selbstüberschätzung angenommen hätte.
Das Ende vom Lied? Ich empfinde nicht mehr die Liebe für ihn, die mal da war, dennoch ist er mein Vater. Und nicht zu wissen, was mit ihm geschieht, bereitet mir Unbehagen.
Ich trete an den Esstisch.
Der sonst helle Raum versinkt langsam in die Dunkelheit, die letzten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch das Fenster.
Einsamkeit breitet sich im ganzen Zimmer aus.
Das Einzige, was zu hören ist, ist das Summen einer Fliege, die sich wohl in eines der Fenster verirrt hat.
Es war ein langer Tag. Logischerweise stehe ich seit dem Gespräch mit diesem Holzbalken auf zwei Beinen völlig neben mir.
Nach einem einfachen Brot mit Käse beschließe ich noch, ein Bad zu nehmen - Entspannung muss manchmal erzwungen werden.
Das Wasser tut gut.
Frisch gebadet werfe ich mir ein leichtes Shirt über. Die Sommernacht ist warm, fast beruhigend.
Erschöpft falle ich ins Bett und bin im nächsten Moment schon eingeschlafen.