Rusalka

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Summary

St. Petersburg: Zwischen den sieben Mafiafamilien des Landes herrscht seit Jahrhunderten ein fragiles Machtgleichgewicht. Eine jede Familie besitzt eine magische Fähigkeit, mit der sie sich gegenüber den anderen behaupten kann. Doch droht ein Ereignis dieses Equilibrium zu kippen, wodurch die Welt des jungen Herrschers der Zeit Viktor gänzlich aus den Fugen gerät. Zusammen mit der Eismagierin Danka deckt er ein dunkles Familiengeheimnis auf, das niemals hätte gelüftet werden dürfen. Nach und nach stellt sich ihm die Frage: wem kann er noch vertrauen, bei wem liegen seine Loyalitäten? Und ist die Zukunft wirklich vorherbestimmt und unabänderbar?

Status
Ongoing
Chapters
15
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

Prolog

„Ihr seid ja noch wach.“

Leise zog sie die Tür hinter sich ins Schloss und ging über knarrende Bodendielen herüber zu dem großen Bett, mit den aufgetürmten Deckenbergen darauf.

Der ungeübte Beobachter hätte meinen können, dass Bett sei verwaist. Doch sie war alles andere als ungeübt.

Langsam ließ sie sich auf die Kante der Matratze sinken und der Berg aus Kissen und Bettdecken begann leise zu Gackern und zu Kichern.

„Muss ich euch erst kitzeln, damit ihr rauskommt?“ fragte sie mit schlecht gespielter Verärgerung in der Stimme und begann blindlings in die Decken zu greifen.

Das Kichern wurde lauter und ging über in ein schrilles Quieken.

„Ich kann nicht schlafen!“, drang schließlich eine helle, durch die Decke jedoch gedämpft klingende Stimme zu ihr herüber

Ein dunkler, wuscheliger Haarschopf schob sich Sekunden später unter den Decken hervor.

Und kurz darauf ein zweiter.

„Und weil sie nicht schlafen kann, kann ich nicht schlafen.“

Der kleine Junge klang vorwurfsvoll.

„Herrje … was machen wir denn da bloß, wenn ihr zwei so überhaupt nicht schlafen könnt?“

„Liest du uns noch eine Geschichte vor?“

Mit einem Satz richtete sich das Mädchen im Bett auf und sah ihre Mutter mit großen Augen an. Diese seufzte leise.

„Welche denn?“, fragte sie gedehnt nach.

Das Mädchen überlegte kurz. In einer Geste, die wohl nach angestrengtem Nachdenken aussehen sollte, hielt sie sich den Finger ans Kinn. Wenig später hellte sich ihre Miene auf.

„Die Geschichte mit den acht Freunden.“

„Oh ja!“ Nun saß auch ihr Bruder aufrecht in den Laken.

„Du hast uns so oft versprochen, sie uns vorzulesen …“

„Ja, bitte, bitte.“

„Die Geschichte ist aber sehr lang“, gab die Mutter zu bedenken.

„Dann sind wir danach aber bestimmt auch sehr, sehr müde.“

Ihr Sohn Kolya grinste sie breit an, dass sein fehlender Schneidezahn sichtbar wurde. Er trug diese Zahnlücke stets wie eine kleine Trophäe vor sich her.

„Vorlaut, wie immer.“

Sie schüttelte den Kopf, erhob sich aber dennoch von ihrer Kante der Matratze und ging zum Bücherregal neben der Tür. Die Kinder warfen sich hinter ihrem Rücken aufgeregte Blicke zu.

Nach einigem Suchen zog ihre Mutter ein Buch mit einem dunkelblauen Einband und goldener Schrift hervor. Vorsichtig klappte sie den Einband auf, während sie sich wieder auf die Matratze sinken ließ.

„Sitzt ihr bequem?“, fragte sie und ihre Kinder nickten hektisch.

„Also gut. Das Märchen der acht Freunde.“

Es waren einmal … vor langer, langer Zeit acht Freunde. Vier Jungen und vier Mädchen. Diese wurden von ihren Eltern in den Wald geschickt, um Pilze zu sammeln.

Artig machten sie sich mit ihren Körbchen auf den Weg in den Wald.

Auf einer Lichtung fingen sie an, nach Pilzen zu suchen, bis sie das laute Rufen einer hellen Frauenstimme vernahmen.

Kurz darauf erschien eine wunderschöne Frau mit langen, goldenen Haaren vor ihnen. Und sie weinte bitterlich.

„Warum weinst du?“, fragte eines der Mädchen und ging eilig auf die Frau zu.

„Ich habe eines meiner goldenen Haare verloren“, schluchzte die weiße Dame und rieb sich mit dem Handrücken über die blasse Wange. „Ich darf sie nicht verlieren.“

Das kleine Mädchen legte den Kopf schief und zupfte eines ihrer hellblonden Haare aus dem Scheitel.

„Hier, nimm das“, lächelte es und hielt der weißen Frau die offene Hand hin. „Es ist auch golden. Niemand wird den Unterschied bemerken.“

Die weiße Dame nahm das goldene Haar entgegen und ihre Tränen waren sofort getrocknet. Sie lächelte und gab dem Mädchen einen Kuss auf die Stirn.

„Zum Dank, dass du einer Vila geholfen hast, wird fortan ein Teil meiner Magie in dir sein.“

Kolya fing an zu lachen und begann an den dunklen Strähnen seiner Schwester zu ziehen.

„Da hättest du schon verloren“, foppte er sie und zog etwas fester.

„Autsch, spinnst du? Mama! Kolya zieht mir an den Haaren!“

Energisch klappte die Mutter das Buch zu. „Lass das, Kolya, sonst lese ich nicht weiter.“

Theatralisch stöhnend ließ Kolya die Haare los und verschränkte mit vorgeschobener Unterlippe die kurzen Arme vor der Brust.

„Schon besser“, lächelte sie und klappte das Buch wieder auf.

Freudig lief das Mädchen zurück zu ihren Kammeraden. Sie gingen tiefer in den Wald. Sie waren noch nicht weit gekommen, da hörten sie das erbärmliche Miauen einer Katze.

Der mutigste der acht Freunde ging voran und fand eine schwarze Katze, eingeklemmt in einem Baumstumpf.

„Oh bitte, so hilf mir doch! Ich habe meinen Schwanz eingeklemmt und kann ihn nicht mehr befreien“, wimmerte die schwarze Katze und jaulte ganz erbärmlich.

Eilig machte sich der Junge daran, das Holz des Baumstumpfes mit seinem Taschenmesser abzuschlagen und endlich gelang es ihm, die schwarze Katze zu befreien.

Mit wohligem Schnurren streifte die Katze um seine Beine.

„Mein Name ist Bajun und als Dank für deine Hilfe, soll fortan ein Teil meiner Magie auf dich übergehen“, schnurrte sie, ehe sie sich vor den Augen der Kinder in Luft auflöste.

Kaum war dies geschehen, so hörten die Kinder –

„Das Jammern von ganz vielen, süßen Katzenbabies?“

Die Augen des kleinen Mädchens wurden riesig.

„So ein Quatsch!“ Kolya schlug sich hörbar gegen die Stirn und warf seiner Schwester einen genervten Blick zu. „Warum sollte ein Kater Katzenbabies haben? Die sind doch immer bei der Mama.“

Die Mutter räusperte sich hörbar und warf ihrem Sohn einen tadelnden Blick zu.

So hörten die Kinder über ihren Köpfen lautes Geflatter und Geschrei.

„Unsere Eier … unsere Eier sind aus dem Nest gefallen.“

Die Kinder hoben die Köpfe und sahen auf dem obersten Ast einer Kiefer zwei Vögel sitzen. Doch nicht irgendwelche Vögel.

Auf ihren gefiederten Köpern saßen die Köpfe zweier wunderschöner Frauen. Und auch sie weinten.

„Unsere Eier sind aus dem Nest gefallen“, wehklagten sie und hüpften unruhig auf ihrem Ast hin und her. Am Fuße des Baumes lagen drei goldgesprenkelte Eier im hohen Gras.

„Komm, wir beide können gut klettern. Lass uns ihnen helfen“, sprach die Ältere der Zwillingsschwestern zur Jüngeren. Diese wirkt ängstlich, nickte jedoch. Die ältereSchwester packte sich zwei Eier in die Schürzentaschen, die jüngere Schwester das übrige und zusammen erklommen sie den Baum bis zum Nest der zwei seltsamen Vögel. Behutsam legte die ältere Schwester die Eier zurück an ihren Platz. Ein helles, fröhliches Gurren tönte durch den Wald.

„Wir sind die Vögel des Pechs.“ „Und des Glücks. Habt Dank für eure Hilfe.“

Die beiden Vögel mit den lächelnden Frauengesichtern breiteten ihre weiten, weißen Schwingen aus, dass sie über die Köpfe der Mädchen strichen.

„Fortan soll ein Teil unserer Kräfte mit euch sein.“

Die Schwestern freuten sich, dass sie den Vögeln helfen konnten und kletterten den Baum wieder herab, wo ihre Freunde schon auf sie warteten.

„Wir müssen uns langsam beeilen“, rief der älteste der acht Freunde und mahnte die Schwestern zur Eile an.

Doch wieder einmal kamen sie nicht weit.

Ein lautes Wehklagen hallte durch den Wald und eilig lief der älteste Junge dem Rufen entgegen.

Am Ufer eines kleinen Sees saß eine wunderschöne Frau mit langen, grünen Haaren. Je näher sie kamen, desto mehr erkannten sie, dass die Frau nur bis zur Körpermitte ein Mensch war. Anstelle ihrer Beine plantschte ein blauer Fischschwanz im Wasser.

Neugierig beobachtete die Mutter ihre Kinder über den Einband des Buches hinweg. Sie musste lächeln, die zwei wurden zusehends unruhig.

„Endlich … das sind wir! Das sind wir!“, flüsterte Kolya seiner Schwester aufgeregt zu und auch seine grünen Augen wurden groß vor Aufregung. Seine Schwester würdigte ihn jedoch keines Blickes, wie festgenagelt klebte ihr Blick an dem Einband des dunkelblauen Buches, das neben verschlungener Goldschrift auch angedeutete Fischschwänze zeigte.

„Psst … lass Mama weiter vorlesen.“

„Oh bitte, so helft mir doch“, weinte die Nixe und strich sich die grünen Haare aus dem Gesicht. „Koschtei war so gemein zu mir. Er hat mir meinen Spiegel weggenommen und dort in das hohe Gras geworfen. Er weiß genau, dass ich ihn nie erreichen werde. Mein Vater wird außer sich sein, wenn er es erfährt.“

„Das kann ich mir vorstellen …“, hörte die Mutter das hohe Flüstern ihrer Tochter. „Stell dir mal vor, wie wütend Papa wäre, wir würden etwas Wertvolles verlieren.“

Kolya nickte hastig und allein bei dem Gedanken musste er sich unwillkürlich schütteln.

„Ich würde das Papa glaube ich gar nicht erst erzählen“, sinnierte Kolya leise und legte nachdenklich den Kopf in den Nacken, bis er gegen das Kopfteil des Bettes stieß. „Höchstens Mama. Und die könnte es dann Papa sagen und-“

„Aber die Sagengestalten im Märchen haben doch meistens gar keine Mama mehr“, fuhr ihm seine Schwester belehrend dazwischen. „Das weiß doch jeder. Bestimmt hat die Rusalka nur noch ihren Papa.“

Die Mutter nickte zustimmend.

„Die kleine Rusalka ist die Lieblingstochter des Königs der Meere und ihre Mutter ist schon vor langer Zeit gestorben.“

„Wenn ihr Papa der Herrscher der Meere ist … was macht sie dann in einem ollen Tümpel?“

Irritiert zog Kolya die schmalen Augenbrauen hoch.

„Das ist eine sehr kluge Frage. Aber manchmal geben uns Märchen nicht auf alles eine Antwort.“ Seine Mutter sah ihn entschuldigend an und zog die schmalen Schultern hoch.

„Lies weiter, Mama. Kolya erzählt nur Blödsinn.“ Ihre Tochter wippte unruhig auf der Matratze hin und her. „Ich will wissen, wie der Junge der Rusalka hilft.“

„Also schön …“

Ihr ganzer Körper bebte bei ihren Worten.

Eilig lief der älteste Junge in die Richtung, die ihm die Nixe gezeigt hatte. Verborgen zwischen Gräsern und Moos fand er einen bronzefarbenen Spiegel. Eilig brachte er ihn zurück zur weinenden Nixe.

Vor lauter Freude fiel ihm die kleine Nixe um den Hals und flüsterte ihm mit ihrer glockenhellen Stimme ins Ohr:

„Hab vielen Dank. Für deine Hilfe soll fortan ein Teil meiner Magie auf dich übergehen.“

Sie winkte dem Jungen noch einmal kurz zu und mit einem lauten Platschen verschwand sie in den Tiefen des Sees.

Die Kinder wollten sich grade abwenden, als ein großer, ausgemergelt aussehender Mann auf sie zukam. Er schien sehr wütend zu sein.

„Wo ist die Rusalka abgeblieben?“, rief er, deutete auf den See und seine Haare schienen bei seinen Worten zu Berge zu stehen. „Sie hatte mir versprochen, mir ein unauffindbares Versteck zu verraten.“

„Was für ein Versteck?“, fragte der Kleinste der acht Freunde und trat auf den seltsamen Mann zu.

„Ein Versteck. Ein gutes. Für meine Seele. Auf dass sie niemals jemand finden möge. Du verstehst?“

Der kleine Junge legte nachdenklich den Kopf schief.

„Warum willst du denn deine Seele verstecken?“, fragte er verwundert.

„Ist das nicht offensichtlich?“ Der skelettartige Mann wirkte erstaunt. „Damit ich unsterblich werde, natürlich.“

„Wie groß ist denn so eine Seele?“

„Winzig. Winzig klein.“

„Wenn sie so klein ist, dann würde ich sie in einer Nadel verstecken, welche sich in einem Ei befindet, das in einer Ente ist, welche wiederum in einem Hasen steckt, der in einer eisernen Kiste sitzt, die unter einer Eiche auf einer Insel weit draußen im Meer vergraben liegt.“

Der Junge hatte das gesagt, was ihm -

„Was ist das denn bitte für ein bescheuertes Versteck?“

Kolya sah seine Mutter mit einem Ausdruck auf dem schmalen Gesicht an, den sie bei ihrem altklugen Sohn bereits kannte. „Wie kommt man denn auf so eine Idee?“

„Der Junge hat eben das ausgesprochen, was ihm als erstes in den Sinn kam. Was hättest du denn als Versteck vorgeschlagen?“

„Papas Safe“, entgegnete Kolya ohne zu Zögern.

„Die hatten aber damals noch keine Safes“, zischte seine Schwester. Kolya winkte ab.

„Ich finde, das war keine gute Idee für ein Versteck. Und wie willst du die Nadel denn in das Ei kriegen? Das wär mir viel zu viel Arbeit.“

„Ja, weil du einfach stinkfaul bist.“

Die Mutter verbiss sich ein Grinsen beim Kommentar ihrer Tochter. „Das ist deine Meinung, Kolya. Koschtei fand, das war eine wunderbare Idee. Denn genau so hat er seine Seele versteckt und-“

„Und wurde dadurch unsterblich!“, fiel ihr ihre Tochter ins Wort, die das Märchen von Koschtei dem Todeslosen bereits kannte. Sie nickte zustimmend.

„Genau, denn nur wenn man seine Seele findet und vernichtet, kann man Koschtei töten. Und die Seele ist jetzt ja … gut versteckt.“

„Ich hätte trotzdem den Safe genommen“, grummelte Kolya und ließ sich weiter in die Kissen fallen.

Der Junge hatte das gesagt, was ihm als erstes in den Kopf gekommen war, doch der seltsame Fremde schien von dem Vorschlag begeistert zu sein.

„Koschtei bedankt sich“, sagte er und wuschelte dem Jungen einmal mit seiner knöchrigen Hand über die kohlrabenschwarzen Haare. „Als Dank soll fortan ein Teil meiner Magie mit dir sein.“

Und mit diesen Worten eilte der seltsame Alte davon – wohl auf der Suche nach einer Nadel und Ente.

Die Kinder blieben ratlos zurück.

„Nun kommt, wir haben noch keinen einzigen Pilz gefunden“, rief das älteste der Mädchen und raffte ihren Rocksaum, um querfeldein wieder tiefer in den Wald zu gehen.

Eilig stapfte sie durch das hüfthohe Gras, immer auf der Suche nach Pilzen, doch etwas anderes fiel ihr ins Auge.

Eine rot glimmende Feder, so hell leuchtend, als bestünde sie aus schwelender Glut, lag vor ihr auf dem Boden.

Andächtig hob sie die Feder auf und bewunderte sie einen Augenblick lang, ehe sie sich suchend umblickte.

Oben auf einer Kiefer sah sie einen großen Vogel, sein Gefieder schimmerte je nach Lichteinfall rötlich und golden. Er schien zu schlafen.

„Entschuldigen Sie…“, rief das Mädchen und trat näher unter den Baum. Das Gefieder über ihrem Kopf raschelte.

„Herr Vogel, ich glaube, Sie haben die hier verloren.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte dem Vogel die leuchtende Feder entgegen.

Ein Kopf mit einem paar giftgrüner Augen erhob sich aus dem goldenen Gefieder.

„Das habe ich in der Tat“, krächzte er und wandte sich ihr zu. „Willst du die Feder nicht behalten? Sie bringt Glück und unermesslichen Reichtum, weißt du?“ Er legte fragend den Kopf schief.

Doch das Mädchen schüttelte nur abwehrend mit dem Kopf.

„Sie gehört mir nicht. Bitte nehmt Eure Feder wieder.“

Der goldene Vogel war verwundert, brach dann jedoch in ein heiseres Krächzen aus, das wohl ein Lachen sein sollte.

„Du bist ein seltsames Mädchen.“

Er breitete seine weiten Schwingen aus, dass sie das Licht der untergehenden Sonne reflektierten und glitt zu ihr herab. Er war beinah so groß wie sie, als er vor ihr auf dem Boden aufkam.

„Hab Dank für deine Ehrlichkeit“, sagte er, ehe er die ihm angebotene Feder in seinen Schnabel nahm. „Als Zeichen meines Danks soll fortan ein Stück meiner Magie auf dich übergehen.“

„Das verstehe ich nicht.“ Es war wieder Kolya, der seine Mutter unterbrach. „Warum bekommt das Mädchen jetzt die Fähigkeiten von Feuervogel Zhar-Ptitsa? Sie hat ihm doch gar nicht geholfen.“

Seine Schwester nickte zustimmend. „Er hätte die Feder ja auch selbst aufheben können.“

Mit einer fahrigen Geste strich sich ihre Mutter eine auf Abwege geratene Haarsträhne aus der Stirn und sah in die fragenden Gesichter ihrer Kinder.

„Nun, weil das Mädchen ehrlich war. Sie hätte die Feder ja auch einfach nehmen und behalten können. Aber das hat sie nicht getan.“

Die Kinder stöhnten unisono.

„Wie langweilig“, maulte Kolya und verdrehte die Augen.

„Ehrlich sein ist nicht langweilig“, gab seine Mutter zu bedenken. „Wie du siehst, wird Ehrlichkeit oftmals belohnt.“

„Was Mama damit meint, ist: du sollst nicht immer so viel flunkern“, wisperte ihm seine Schwester ins Ohr und Kolya verzog die Miene zu einem sauertöpfisch aussehenden Gesichtsausdruck.

„Das sagt die Richtige …“

Krächzend erhob er sich in den Himmel und flog davon.

Die Kinder blieben zurück. Und es dämmerte bereits.

„Wir müssen zurück. Es wird bald dunkel.“ Es war der jüngste der Kinder, der sich ängstlich an seinem Körbchen festklammerte. „Mutter wird sehr ärgerlich sein, dass wir keine Pilze gefunden haben.“

Die Kinder stimmten ihm traurig zu und machten sich auf den Heimweg. Das war ein seltsamer Nachmittag gewesen.

Sie konnten den Rauch der Schornsteine schon riechen als sie noch ein letztes Mal aufgehalten wurden.

Eine alte Frau und ein alter Mann saßen am Wegesrand. Sie wirkten erschöpft. Sie saßen vor einem großen Bündel Reisig.

„Mütterchen, Väterchen, was fehlt euch?“, fragte der Jüngste und eilte auf sie zu.

Das Väterchen hatte einen Bart so weiß wie Schnee. Das Mütterchen Haare so rot wie Feuer.

Die Kinder hielten den Atem an. Sie wussten genau, wer die beiden Alten in dem Märchen waren.

„Das ist Baba Yaga“, wisperte Kolya aufgeregt und zog sich die Decke weiter vor das Gesicht.

„Ja und der Opa ist bestimmt Väterchen Frost …“, gab seine Schwester mit erstickter Stimme zurück, auch sie vergrub sich schutzsuchend hinter ihrer Decke.

„Ach Junge … wir sind alt und schwach und schaffen es nicht, diesen Haufen Reisig in mein Häuschen zu tragen“, lamentierte die Alte und lehnte sich Haltsuchend an das Väterchen.

„Meine Kräfte sind im Sommer leider nicht sehr stark, sodass ich auch keine Hilfe bin“, stöhnte der Alte und ging sich mit der Hand über den weißen Bart.

„Wo ist denn Eure Hütte? Ich will Euch helfen“, sagte der Junge, der bisher noch keine Gelegenheit hatte, sich nützlich zu machen.

„Tief, tief im Wald …“, kam es einhellig gestöhnt.

Eilig warf sich der Junge das Bündel Reisig über die Schulter.

Es war schwer wie Blei und gefühlt wurde es bei jedem Schritt schwerer.

„Geh da nicht mit!“ Ihre Tochter sprang beinah aus dem Bett vor Aufregung.

„Die Hexe frisst dich!“

„Und Väterchen Frost verwandelt dich zu Eis!“, wimmerte Kolya mit erstickter Stimme. Mit einem Mal war er gar nicht mehr so vorlaut wie bei den freundlichen Märchengestalten.

Geräuschlos klappte die Mutter das Buch zu.

„Herrje, ihr seid ja wacher als zu Beginn des Märchens. Ich denke, das reicht für heute.“

„Das ist aber noch nicht das Ende der Geschichte, oder?“

Über den Rand ihrer bis zur Nasenspitze hochgezogenen Bettdecke hinweg, blickten sie zwei Paar weit aufgerissener Augen an.

„Das ist richtig“, entgegnete sie in bedächtigem Tonfall. „Aber wir sollten für heute Schluss machen.“ Sie warf einen schiefen Blick auf die Uhr an der Wand. „Es ist schon spät.“

„Ich will aber wissen, wie die Geschichte ausgeht!“

Mit einem Satz richtete sich das kleine Mädchen kerzengrade in den Weiten des Bettes auf, dass die dunklen Haare nur so flogen.

„Bitte, Mama. Bitte, bitte.“

Die Mutter lachte.

„Kolya hat doch jetzt schon Angst.“

„Habe ich gar nicht“, drang es dumpf aus dem Berg Kissen neben ihrer Tochter. Augenblicklich zog diese eines der Kissen zur Seite, sodass der kohlrabenschwarze Haarschopf sichtbar wurde.

„Natürlich hast du Angst. Die hattest du schon bei den Vögeln des Pechs“, stichelte sie und streckte ihrem Bruder die Zunge raus, obwohl er es nicht sehen konnte. Die Hand ihres Bruders kam wie aus dem Nichts und versuchte blindlings nach dem Kissen zu angeln, was ihm jedoch misslang. Missmutig rappelte er sich schließlich aus seinem Deckenverhau auf und setzte sich im Schneidersitz hin. Die Wangen rot gefleckt.

Seine Schwester legte wissend den Kopf schief.

„Jetzt schmoll doch nicht, Angsthase.“

„Ich schmolle gar nicht und ich bin kein Angsthase“, flüsterte er kaum hörbar und gab es auf, das von seiner Schwester geklaute Kissen zurückerobern zu wollen. Stattdessen schlang er die Arme eng um seine angewinkelten Knie.

„Siehst du, Mama? Kolya möchte auch wissen, wie es weitergeht.“ Sie kuschelte sich bei diesen Worten enger an ihren Bruder und hätte selbst zu Weihnachten nicht erwartungsvoller aussehen können. Die blauen Augen waren mittlerweile riesig.

Die Mutter seufzte resigniert.

„Nun gut. Dann lese ich euch das Märchen noch zu Ende vor.“

„Geh nicht zurück in den Wald!“, riefen die anderen Kinder. „Es wird bald dunkel und du findest den Weg nicht mehr zurück.“

Doch der Junge hörte nicht auf sie. Tapfer trottete er Schritt für Schritt tiefer in den Wald, die beiden Alten folgten ihm auf dem Fuße …

Die Kinder blieben einen Moment lang verwundert stehen, entschieden sich dann jedoch auf ihren Freund zu warten.

Es war bereits tiefste Nacht als sie Schritte hörten.

Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht kam ihnen ihr Freund entgegen.

„Ihr werdet es nicht glauben, aber mir wurden als Dank sogar zwei Dinge geschenkt.“

Die anderen Kinder freuten sich für ihn und waren gleichzeitig erleichtert, dass ihr Freund den Weg zu ihnen zurückgefunden hatte.

„Nun kommt endlich, unsere Mütter werden außer sich sein vor Sorge!“

Und das waren sie auch.

Als sie in ihr Dorf zurückkehrten, war dieses hellwach und in ebenso heller Aufregung. Männer mit Fackeln wollten sich so grade auf den Weg in den Wald machen, als ihnen die acht Kinder entgegenkamen.

Lautes Schluchzen und Weinen, Wehklagen und Schimpfen ertönte durch die Nacht als Mütter und Väter ihre Kinder an sich pressten. Gott sei Dank war alles gut gegangen.

Natürlich wollten die Eltern wissen, was die Kinder den Nachmittag über im Wald getan hatten. Ein Blick in die leeren Körbchen genügte, um zu wissen, dass sie keine Pilze gesammelt hatten.

Eines nach dem anderen erzählten die Kinder von ihren Erlebnissen mit den Sagengestalten. Und eines nach dem anderen zeigte, dass die Wesenheiten nicht gelogen hatten.

Das blonde Mädchen wirkte fortan so charmant auf jedermann, dass sich niemand ihrem Willen entziehen konnte und selbst die anderen sieben Kinder kaum dagegen ankamen.

Die Zwillingsschwestern beherrschten fortan den Wind und die Angst, der mutige Junge verwandelte sich vor den geschockten Augen seiner Eltern in eine Katze.

Der älteste Junge konnte das Wasser beherrschen, das älteste Mädchen das Feuer.

Sie alle machten sich fortan nützlich und benutzen ihre Fähigkeiten, um Gutes im Dorf zu tun. Grade Feuer, Wind und Wasser waren sehr begehrte magische Gaben.

Doch je mehr die Kinder den Menschen des Dorfes halfen, desto gieriger wurden sie. Immer häufiger kamen die Menschen auf sie zu und baten um magische Hilfe und Unterstützung.

So zogen die Jahre dahin. Aus den Kindern wurden Erwachsene und alsbald wurde klar, dass auch ihre Kinder die magischen Fähigkeiten geerbt hatten.

„So wie Kolya und ich“, unterbrach die hohe Stimme ihrer Tochter die Geschichte. Die Mutter lächelte.

„Genau, so wie Kolya und du. Und Papa und ich.“

„Mama kann aber kein Wasser herzaubern“, flüsterte sie ihrem Bruder verschwörerisch zu, als würde sie ihm ein ausgesprochenes Geheimnis verraten.

„Natürlich nicht. Mama kommt doch aus einer anderen Familie“, herrschte Kolya sie an, richtete sich auf und drückte den Rücken durch, als habe er in diesem Moment etwas sehr Kluges und Weises gesagt.

„Kolya hat recht. Weil ich nicht aus der Familie der Gebieter des Wassers komme, kann ich kein Wasser beherrschen. Ich kann dafür andere Dinge.“

Das kleine Mädchen neigte den Kopf und verschränkte nachdenklich die Arme vor der Brust.

„Warum können Kolya und ich dann nicht zwei Sachen? So wie der jüngste Freund in der Geschichte?“

Die blauen Augen wurden groß.

Die Mutter seufzte leise. Nun kam der traurige Teil der Geschichte. „Weil die Geschichte noch nicht zu Ende ist … also hört zu, ihr zwei:

Der achte Freund hatte nicht gelogen. Ihm waren von Väterchen Frost und Baba Yaga gleich zwei Fähigkeiten geschenkt worden. Die Kraft des Winters und die Kraft des Fliegens. Schrecklich starke Kräfte. Und im Gegensatz zu seinen sieben Freunden, setzte er sie nicht zu Gunsten seiner Mitmenschen ein. Die immer weiter aufkeimende Gier der Menschen wurde ihm irgendwann zuwider. Er verstand, dass er aus seinen magischen Fähigkeiten Vorteile für sich herausschlagen konnte. Und die fürchterlich gierigen Dorfbewohner hatten es schließlich auch nicht anders verdient. So begann er die Menschen auszuspähen und damit zu drohen, ihre schlimmsten Geheimnisse aufzudecken, oder gar die Ernte verfrieren zu lassen, wenn sie nicht taten, was er wollte.

Das Dorf geriet mehr und mehr unter die Herrschaft des achten Freundes. Bis sich die verbliebenden Sieben dazu entschlossen, dass sie es nicht weiter hinnehmen konnten, sich seiner Tyrannei zu beugen.

Sie stellten sich auf die Seite der Dorfbewohner und begannen sie vor den Mächten des achten Freundes zu schützen, wo es nur ging.

„Wenn ihr nicht für mich seid, dann seid ihr gegen mich“, sprach dieser voller Wut und griff die sieben Freunde mit seinen magischen Kräften an.

Sie mussten sich alle zusammentun, um gegen ihn anzukommen, doch es gelang ihnen schließlich. Nach einem schrecklichen Kampf töteten sie schweren Herzens ihren Freund.

Endlich hatte der Spuk ein Ende. So glaubten sie.

Als sie nach ihrem Sieg über den achten Freund ins Dorf zurückkamen, war dieses samt und sonders geflohen. Und fortan: egal wohin sie auch kamen, es wurde ihnen mit Argwohn und Feindschaft begegnet. Niemand glaubte ihren Beteuerungen nur zum Wohle des Dorfes gehandelt zu haben und so spürten sie mehr und mehr, dass sie nicht mehr vollends zu den Menschen gehörten. Und auch sie begannen die Gier und die Schlechtigkeit der Menschen zu sehen und begannen sich zu fragen, ob ihre magischen Fähigkeiten erst diese Begehrlichkeiten in den Menschen erweckten.

So zogen die sieben Freunde immer weiter und weiter und wurden letztlich in alle Winder verstreut. Weil sie es nicht mehr wagten, ihre Kräfte öffentlich zu zeigen, taten sie dies nur noch heimlich. Und das ist der Grund, warum ihr niemals eure Fähigkeiten außerhalb unserer Familien zeigen dürft. Und warum es fortan nie wieder einen Menschen mit zwei magischen Fähigkeiten gab, der das Gleichgewicht der Kräfte stören könnte.

Mit einem leisen Geräusch klappte sie den Einband des Buches zu und sah herüber zu ihren Kindern, denen langsam die Augen zufielen.