Kapitel 1- Zwischen Licht und Schatten
Der schönste Moment während des Aufwachens ist der Dämmerzustand.
Die Zeit, in der dein Bewusstsein im Dazwischen hängt.
Es zählt nur das Jetzt.
Nicht das Gestern.
Nicht das Heute.
Alles fühlt sich irgendwie leicht an –
als würdest du schweben.
Wie eine tanzende Feder in den Armen des Windes.
Mehr brauchte es nicht.
Zumindest nicht für mich.
Ich hielt die Augen geschlossen.
Spürte das kühle Laken auf meiner nackten Haut.
Und hörte den melodischen Klang unzähliger Zikaden.
Es roch nach Sommerblumen.
Nach Sommerregen.
Nach Frieden.
Ich hätte ewig so liegen bleiben können. In diesem Schwebezustand, in dem du nur existierst und niemand etwas von dir erwartet.
Kein Verbiegen, auch nicht für ihn.
Nur fühlen.
Pur.
Bis die ungebetenen Gedanken anklopften.
Die, die ich nicht wollte. Die am besten für immer vergraben geblieben wären.
Hitze kroch in mir hoch und mein Herz schlug schneller.
Noch weigerte ich mich, der Stimme zuzuhören, die in meinem Kopf immer lauter wurde.
Die Stimme, die flüsterte: Das war ein Fehler.
Doch irgendwann erwacht jeder.
Auch aus dem schönsten Traum.
Langsam, fast widerwillig, öffnete ich die Augen.
Fahles Mondlicht fiel durch das Fenster und tauchte den kleinen Raum in silbernes Licht.
Meine Kleidung lag verstreut auf dem Boden – ein stummer Zeuge der Nacht. Genauso wie die leere Whiskeyflasche, die wenige Zentimeter daneben stand.
Fremdkörper inmitten der kargen Einrichtung.
Dabei hatte ich hier schon so viele Stunden verbracht.
Auch glückliche.
Ich blinzelte.
Rieb mir mit beiden Händen übers Gesicht –
als könnte ich die Erinnerungen einfach fortwischen.
Doch sie blieben – brannten leise weiter.
Worte in Rage gesprochen.
Worte, die wehtaten.
Worte, die dennoch der Wahrheit entsprachen.
Und die ich nicht länger ignorieren konnte.
Genauso wenig, wie den muskulösen Arm, der schwer auf meiner Taille lag.
So vertraut.
Luke.
Reglos blieb ich liegen.
Spürte das Echo unserer gemeinsamen Stunden bis in die Zehenspitzen. Seine Wärme – seinen
Körper.
Ihn, den ich wollte.
Den ich begehrte.
Den ich brauchte.
Für den Moment.
Jetzt war alles anders. Der Traum der Realität gewichen.
Ich presste die Lippen aufeinander und richtete mich auf. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken.
Lukes Hand, die locker auf meiner nackten Brust lag, rutschte hinunter. Nur sein Arm, hielt mich weiter eng umschlungen.
Zu eng – seine Hand schien mich zu versengen.
Kurz betrachtete ich sein markantes Gesicht. Ein leichter Bartschatten überzog seine Wangen und verdeckte die blasse Narbe an seinem Unterkiefer. Insgesamt wirkten seine Züge jetzt viel entspannter, als gestern.
Fast friedlich.
Sanft strich ich ihm eine dunkelblonde Strähne aus der Stirn, die vorwitzig über seiner rechten Braue schwebte.
Er fühlte sich gut an. Zu gut.
Und das machte alles nur noch komplizierter.
Für ihn, war es immer so viel mehr gewesen.
Tiefer.
Mehr als körperliches Begehren. Etwas, das ich ihm nicht geben konnte.
Ich liebte Luke.
Aber nicht so, wie er es brauchte.
Nicht so, wie er es tat.
Auf diese tiefe, alles verzehrende Art, die du mit jeder Faser deines Körpers spürst.
Kompromisslos und voller Hoffnung.
Wir beide hatten eine Geschichte – über Jahre gewachsen.
Etwas, das bleibt.
Nächte mit Leidenschaft.
Mit Nähe.
Mit Vertrautheit.
Trotzdem blieb eine Distanz in mir, die ich nicht schließen konnte.
Ich konnte ihm mein Herz nicht geben, denn wie soll man etwas verschenken, was man schon längst nicht mehr besitzt?
Und das war vielleicht das Schlimmste daran. Ihn zu halten – obwohl ich weiß, dass er mit mir verhungern wird.
Und deswegen sollte ich gehen.
War das feige?
Ja.
Aber ich täte ihm mehr weh, wenn ich bliebe.
Vorsichtig begann ich, mich aus dem Bett zu schälen. Meine Hände zitterten, als ich das Laken zurückschlug – und der graue Stein unter meinen Füßen fühlte sich härter an als sonst.
Lukes Hütte war nicht besonders groß. Das Mondlicht reichte, um den spärlichen Raum ganz zu beleuchten.
Die Eingangstüre war nur wenige Meter entfernt, direkt neben einer kleinen Küchenzeile. Ihr moosgrüner Anstrich, war kaum noch zu erkennen und an den Rändern war er sogar komplett verwittert.
Luke wollte sie schon längst überarbeiten. Vielleicht fand er jetzt die Zeit dazu. Ich würde es mir für ihn wünschen.
Langsam setzte ich mich in Bewegung. Mein Herz pochte dumpf in meiner Brust.
Die Kälte kroch meine Beine hinauf. Jeder Schritt hallte wie ein stiller Vorwurf laut in meinen Ohren nach.
Zu laut.
Ich stockte, als meine Augen an einem kleinen Stofffetzen hängen blieben.
Mein BH.
Unscheinbar hing er an der windschiefen Stehlampe neben dem Sofa.
Wie ein stilles Mahnmal.
Keine Ahnung, wie er dorthin gekommen war.
War es Luke?
War ich es selbst?
Vielleicht.
Vielleicht wollte ich’s auch gar nicht erst wissen.
Ich ließ ihn zurück. Genauso wie den Slip, der direkt daneben auf der Sofalehne lag.
Nur mein Kleid und meine Schuhe sammelte ich ein.
Routiniert wie immer.
Die Handgriffe kannte ich auswendig.
An der Türe angekommen, blieb ich kurz stehen und atmete tief durch. Das war es jetzt.
Nur noch ein kleiner Schritt.
Dann war ich draußen.
Dann war es vorbei.
Endgültig.
Bist du wirklich bereit dafür, Harley?
Ja.
Und das war das Schlimmste daran.
Ein letztes Mal atmete ich durch.
Griff nach dem messingfarbenen Knauf und drehte ihn um.
Die Tür sprang mit einem leisen Knarren auf und ich trat, mit einem letzten Blick auf Luke, hinaus auf die Veranda.
Sie war nicht besonders groß. Rechts und links wurde sie nur von einem altersschwachen Holzgeländer eingefasst. An der Wand hing eine windschiefe Lampe, die auch schon mal bessere Zeiten erlebt hatte. Das Metall war von Rost überzogen. Zwei der Schutzscheiben waren zerbrochen und der Schein der Glühbirne warf nur ein schummriges Licht auf meine Füße. Luke störte es nicht.
Er liebte diese Bruchbude.
Ich zog mein Kleid über die Schultern und setzte mich auf die erste Stufe der Verandatreppe.
Die Knöpfe ließ ich offen. Wen sollte es schon stören?
Außer den Moskitos verirrte sich um diese Uhrzeit kaum jemand nach draußen –
es sei denn, er war verrückt.
Oder lebensmüde.
Was davon bist du, Harley?
Gute Frage.
Irgendwann würde ich vielleicht darauf eine Antwort finden.
Ein Windhauch streifte meine Haut – so zart wie eine flüchtige Liebkosung.
Lenkte mich ab.
Ich spürte, wie sich die feinen Härchen auf meinen Armen aufrichteten.
Sich eine Gänsehaut ausbreitete.
Eine einzelne Welle.
Gemächlich,
sanft.
Und meine Haut prickelte dort, wo sie mich erfasste – Zentimeter für Zentimeter.
Automatisch zogen sich meine Brustwarzen zusammen – als würde mein Körper für eine Sekunde ganz allein entscheiden, was er fühlt.
Ich schloss die Augen.
Nur für einen Moment.
Nur für mich.
Verbannte die Zweifel und Gedanken in einen dunklen Winkel meines Bewusstseins.
Spürte, wie die Anspannung langsam wich. Und mit ihr die Taubheit, die mich wie ein Korsett umschnürte hatte.
Ich konnte atmen.
Mehr wollte ich nicht.
Nur die vertraute Leere blieb in meiner Brust.
Aber das war in Ordnung.
Sie war ein Teil von mir.
„Ernsthaft, Lee?“
Luke.
Seine Stimme klang noch rau vom Schlaf, aber sie durchschnitt die Stille wie eine messerscharfe Klinge.
„Einfach abhauen? Ohne ein Wort?“