Vorwort
Das Feuer loderte hoch, fraß sich unaufhaltsam durch das Holz der Aurora und setzte die Segel in Brand. Hitze legte sich auf seine Wangen, mischte sich mit der Gischt und dem Regen zu einer heißen Flüssigkeit. Ein wütender Schrei formte sich in seiner Kehle und es kostete ihn alle Mühe, die Manifestation seiner Niederlage nicht in die Nacht hinauszuschreien, sondern sie hinter zusammengebissenen Zähnen zu halten.
Im Flackern der Flammen drehte er sich zu dem verstörten Publikum um, das sich an Bord seiner Fregatte eingefunden hatte. Adam Bolitho ließ seinen erbarmungslosen Blick über den Pöbel gleiten und stellte voller Genugtuung fest, wie ein jeder von ihnen erschauderte.
Um die Anspannung zu lösen, dehnte er seinen Nacken nach rechts und nach links, ehe er seine Feuerwaffe entsicherte und sie in das Futteral an seinem Gürtel gleiten ließ.
Dann räusperte er sich und erhob das Wort.
“Ganz Recht. Die Teufelsbrut konnte entkommen. Mit meinem verkommenen Weib.” Er straffte die Schultern, verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und doch konnte er nicht verhindern, dass ein wütender Muskel an seinem Mund vor unterdrücktem Zorn zu zucken begann. “Was werden sie mir noch alles nehmen, ehe ich endlich meine Vergeltung erhalte?” Bitterkeit legte sich in seine Worte.“Ich werde Sie jagen. Über den gesamten Ozean. Ich werde diesen menschlichen Abschaum ausbrennen wie ein Geschwür.” Seine Rechte ballte sich zu einer Faust. Dann verengte er die Augen zu Schlitzen. Hatte er tatsächlich ein schüchternes Buh aus den Reihen der Anwesenden vernommen? “Wer von euch niederen Kreaturen wagt es…” Es gelang ihm nicht, den Satz zu Ende zu sprechen, sobald ihm der Auftrag einfiel, den er von den Autorinnen erhalten hatte.
Zähneknirschend räusperte er sich erneut.
“Ihr habt es begriffen!”, spuckte er dem Publikum entgegen. “Bösewichte verdienen ein Buh, den Heldinnen und Helden der Geschichte gebührt tosender Applaus!” Ein jeder von ihnen wand sich unter seinem steinharten Blick. “Oh… Gefällt euch der Anblick meiner brennenden Fregatte etwa nicht? Habt ihr gedacht, ihr werdet an anderer Stelle wieder in die Geschichte gelassen? An einer Stelle, an der mein abtrünniges Weib womöglich wieder sicher an meiner Seite weilt?” Er gestattete sich selbst ein abfälliges Lachen. “Ihr habt euch geschnitten! Es geht genauso grauenhaft weiter, wie es endete.”
Dann blickte er gen Himmel, als hätte er einen Befehl einer höheren Macht erhalten, den nur er hatte hören können. Das Holz des Schiffes knarrte ungehalten unter seinen Schritten, sobald er sich dem Publikum näherte. Als würde es lediglich von der Macht seines Zorns zusammengehalten werden. Sobald der erste Anwesende vor ihm zurückwich, blieb er stehen und begann erneut zu sprechen.
“Ihr kennt das Konzept bereits aus den anderen beiden Teilen der Geschichte. Diese Erzählung floss aus der Feder von zwei Autorinnen gleichermaßen.” Er machte eine Pause. “Ich bin angehalten worden, Sie alle darüber in Kenntnis zu setzen, dass sich Realität und Fiktion in dieser Geschichte vermischen. Echte, historische Persönlichkeiten treffen auf erfundene Personen in einem Szenario, das dieses Mal tatsächlich zum Teil als belegt gilt. Weil wir uns im frühen neunzehnten Jahrhundert befinden, müsst ihr mit all den Unannehmlichkeiten rechnen, die dieses Jahrhundert zu bieten hat. Allem voran harter Sprache, sexuellen Handlungen, seien sie freiwilliger oder unfreiwilliger Natur, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Mord, Verrat, Tod, einer gewaltigen Menge Blut und vor allem geht es inzwischen um Alkohol- und Drogenmissbrauch…” Ein finsteres Lächeln legte sich auf seine schmalen Lippen, dessen er sich nicht erwehren konnte. “Für jene von euch, die weinerliche Memmen sind…” Jemand räusperte sich tadelnd im Hintergrund. “Die zart besaitet sind, stehen am Beginn eines jeden Kapitels Warnungen ausgeschrieben.”
“Aber es wird auch um Liebe, Zusammenhalt und Treue gehen, oder?”, wagte sich eine mutige Stimme aus dem Publikum vor.
Bolitho schnalzte mit der Zunge.
“Was ist Liebe ohne Schmerz? Was ist Zusammenhalt ohne Separation und was ist Treue ohne Verrat?”
Die Furcht, die ihm aus den Blicken des Publikums entgegenschlug, befeuerte seine plötzlich aufgetretene gute Laune und inspirierte ihn in seiner Erzählung noch weiter.“ Womöglich ist dies das Ende der Geschichte Anne Bonnys und Calico Jacks. Die Piraterie ist tot. Untergegangen in den warmen Wassern der Karibik. Nicht Mal der König der Piraten hat dies überlebt, obgleich seine Leiche niemals gefunden wurde.” Er machte eine theatralische Pause, ließ die Kulisse hinter ihm wirken. “Aber ihr braucht euch nicht zu sorgen. Ich kann einem jeden von euch eine Begnadigung vorlegen, wenn ihr einwilligt, fortan unter meiner Flagge zu segeln.” Erneut ließ er seinen Blick auffordernd über die Anwesenden gleiten. Keiner von ihnen meldete sich.
“Es wundert mich nicht. Aber seit euch gewiss, dass ich mein Angebot bis Kapitel 2 aufrechterhalten werde. Danach…” Er wandte sich ab. “Sehen wir uns auf dem Schafott.” Er breitete die Arme aus. Ein brennendes Segel löste sich von einer der Rahen und schwebte wie von Geisterhand getragen hinter ihm in einer gewaltigen Flammenwand hinunter. “Herzlich willkommen im letzten Teil der Geschichte. Herzlich willkommen zu Hearts & Graves.”