Deadwood Academy

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Summary

Der frischgebackene Lehrer John Crawley erhält ein unerwartetes Stellenangebot: eine Vertretungsstelle an der geheimnisvollen Deadwood Academy. Trotz anfänglichem Bedenken nimmt er an – und begreift schnell, warum diese Schule in keinem Verzeichnis auftaucht. Denn hier lernen keine gewöhnlichen Schüler, sondern Vampire, Werwölfe, Geister und andere Wesen der Nacht und der Fabelwelt. Schon bald steht John vor seiner größten Herausforderung: als Vertretungslehrer der Omega-Klasse, dem hoffnungslosesten Haufen der gesamten Schule. Zwischen Chaos, Intrigen und dunklen Geheimnissen muss er entscheiden, ob er überleben kann – und seinen Schülern der Lehrer ist den sie brauchen.

Status
Complete
Chapters
66
Rating
4.9 8 reviews
Age Rating
13+

Kapitel 1 - Mr. Crawley geht nach Deadwood

Der Zug ächzte in eine weitere gesichtslose Verbindungsstelle und kam mit einem Ruck zum Stehen. Die Bremsen quietschten, als bedauerten sie zutiefst ihre Existenz.

John Crawley, der die graue, verschwommene Landschaft mit der gebannten Aufmerksamkeit eines Menschen beobachtet hatte, der etwas Schreckliches kommen sieht und es trotzdem nicht abwenden kann, blinzelte und sah zum siebten Mal binnen ebenso vieler Minuten auf die Uhr.

Der Stundenzeiger rückte widerwillig vor.

Der Waggon, eine triste, graue Metallkiste ohne jegliche Besonderheiten, war fast leer; die einzigen anderen Insassen waren ein älteres Paar, das in Grabesstille ein Kreuzworträtsel löste, und eine Frau mittleren Alters in dunkelblauem Hosenanzug, die unentwegt SMS bekam und dabei immer schrillere, ungläubige Schnauben ausstieß.

Johns Spiegelbild im Fenster wirkte zwischen ihnen fehl am Platz: ein schlaksiger Sechsundzwanzigjähriger mit braunen Haaren, die allen Unterdrückungsversuchen widerstanden, einer vom nervösen Atem beschlagenen Drahtgestell Brille und einem Secondhand-Anzug, der mit aller Macht „erstes Vorstellungsgespräch“ rief.

Nur war dies nicht sein erstes Vorstellungsgespräch.

Nicht einmal annähernd.

Die Zahl der abgelehnten Bewerbungen lag bei etwa vierzig, wenn er ehrlich zu sich selbst war (was er nicht war), und jede Absage hatte sein Selbstvertrauen weiter ausgedünnt.

Und doch war er hier: gerufen zu einem mysteriösen Posten an einer Schule, die er nicht einmal auf Google Maps finden konnte, unterwegs nach Norden, in der vagen Hoffnung, dass es sich nicht um einen ausgeklügelten Streich handelte oder, schlimmer noch, um die Rekrutierung einer Sekte.

Er sank tiefer in den Sitz und umklammerte den Brief, den er merkwürdigerweise kurz nach dem Gespräch im Kultusministerium bekommen hatte – so kurz danach, dass es noch seltsamer war als das altmodische Briefpapier. Es war dick und wirkte als wäre es Jahrhunderte alt, die seine Hände tagelang glitzern ließen. Die Schrift darin war elegant, aber knapp:

„Mr. Crawley,

wir freuen uns, Ihnen mit sofortiger Wirkung die Stelle als Vertretungslehrer für Sozialkunde an der Deadwood Academy anbieten zu können. Ein Ticket für Ihre Reise wurde beigelegt. Weitere Anweisungen erhalten Sie bei Ihrer Ankunft.

Hochachtungsvoll Hyram Schreier, Direktor und Schulleiter.“

Keine Telefonnummer, keine Absenderadresse und – ganz wichtig – keine Gehaltsangaben.

Hätte seine ehemalige Mentorin Dr. Gersten den Brief gesehen, hätte sie ihn wahrscheinlich schon aus Prinzip zerrissen.

Aber Johns Prinzip war zur Zeit, jede Stelle anzunehmen, die sich ihm bot, war das Letzte, was ihm noch blieb, also packte er seine Reisetasche und reiste trotzdem ab.

Der Zug setzte sich wieder ruckartig in Bewegung. Er stützte beide Füße auf dem Vinyl ab. Unter seinen Anzugschuhen, die schon bessere, weniger regnerische Tage gesehen hatten, lugten ungleiche Socken hervor.

Er versuchte, sich in der vorbeiziehenden hügeligen Landschaft, übersät mit Wäldern und kleinen Dörfern zu verlieren, doch selbst das brachte seine Gedanken nicht zum Schweigen. Wie so oft in letzter Zeit wünschte er sich, er hätte es besser verstanden, einfach mitzuspielen. Hätte er über differenzierten Unterricht und selbst gesteuertes Lernen geschwiegen, wären die Interviewer bei den Gesprächen vielleicht nicht so unbehaglich hin und her gerutscht. Vielleicht hätte er jetzt eine sichere Festanstellung in einem Gymnasium – wissbegierige Schüler, vernünftige Altersvorsorge.

Aber John Crawley war von Natur aus unfähig gewesen, den Mund zu halten, wenn ihm eine pädagogische Idee in den Sinn kam, und so war seine bisherige Laufbahn ein Denkmal aus zweiten Plätzen und Beinahe-Siegen.

Er kramte ein Notizbuch aus der ramponierten Tasche und begann, sich Notizen für eine Kennenlernaktivität zu machen; wenn es eine Konstante in seinem Leben gab, dann die Überzeugung, dass ein guter Unterrichtsplan jede Krise – auch existenzielle – abwenden konnte. Seine Handschrift war wie immer zunächst ordentlich, verkam dann allerdings zu krakeligen Schlangenlinien die selbst er manchmal nicht entziffern konnte. Er tippte sich mit dem Stift an die Lippen.

„Also gut … vielleicht schreiben sie ihre eigenen Klassenregeln“, murmelte er. „Empowerment, Beteiligung. Gruppencharta. Oder ein Aufwärmtraining fürs kreative Schreiben?“

Er verstummte, sich der Frau im marineblauen Anzug bewusst, die ihn nun leicht alarmiert ansah. John lächelte; statt beruhigend deutete sie es offenbar als Beweis dafür, dass er gefährlich war, und zog ihren Koffer ein paar Zentimeter näher heran.

Das ältere Paar war irgendwann beim letzten Halt verschwunden, wahrscheinlich vertieft in ihr Kreuzworträtsel. Er war nun offiziell die seltsamste Person in Wagen B.

Nachdenklich fuhr er sich durch die Haare – wodurch sie nur noch mehr abstanden, ein grausamer Scherz statischer Aufladung – und las den Brief erneut, in der Hoffnung, beim zweiten Durchlauf einen Geheimcode oder wenigstens einen Hinweis zu entdecken, dass er tatsächlich nicht entführt werden würde.

„Weitere Anweisungen bei der Ankunft.“

Sehr beruhigend. Auf dem Fahrkartenabschnitt stand nur: „DEADWOOD STATION – ENDSTATION“ Die Typografie wirkte, als hätte ein Bestatter sie gesetzt.

Aus Gewohnheit begann er, eine SMS an seine Mutter zu schreiben, stellte fest, dass er keinen Empfang hatte, und starrte finster auf das kleine „SOS“ in der oberen Ecke. Der Zug schien ein rollendes Funkloch zu sein.

Er legte das Handy mit einem leichten Seufzen weg und suchte draußen nach Anzeichen von Zivilisation, doch der Blick hatte sich auf eine Wand aus dunklen Tannen reduziert, die sich direkt an die Schienen drängten. John stellte sich vor, wie die Bäume in verschwörerischem Flüstern über ihn redeten.

„Der Mann der Gradewegs auf eine Ungewisse Anstellung zu steuerte? Absolute Lachnummer.”

Natürlich wusste er, dass es absurd war, sowohl die Flüsternden Bäume als auch das Angebot anzunehmen, ohne dass es zuvor zu einem Gespräch gekommen war.

Von der Deadwood Academy hatte er nie gehört.

Bis zu diesem Tag im Kultusministerium.

Er war noch nie zuvor in einem Kultusministerium gewesen, hatte es sich aber weniger furchteinflößend vorgestellt. Der Empfangsbereich strahlte die Autorität einer Kreuzung aus Finanzamt und Kathedrale aus. Jede Oberfläche war aus Glas oder Marmor, jeder Laut wurde von einem dichten, düsteren Teppich gedämpft. Selbst die Luft fühlte sich an, als wäre sie durch mehrere Schichten Genehmigungen gereinigt worden. Der Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft und vermittelte den Eindruck einer sterilen und makellosen Umgebung. Es war, als wäre jedes Molekül gründlich geprüft und für würdig befunden worden, sich in diesem prestigeträchtigen Gebäude aufzuhalten.

Er meldete sich bei einer Sekretärin, die seinen Namen, Ausweis und Zeugnisse notierte. Sie deutete mit einem so flüchtigen Blick auf einen Platz, dass John kurz unsicher war, ob er tatsächlich gesehen oder nur markiert und in eine Datenbank eingegeben worden war. Der Stuhl war unverhältnismäßig kalt und etwas zu klein.

Die Vorladung kam auf die Minute.

„Mr. Crawley? Zimmer 441.“ Die Stimme der Sekretärin war höflich, aber zurückhaltend, als wäre Freundlichkeit rationiert.

Er dankte (sie antwortete nicht) und ging einen Korridor entlang, gesäumt von Ölgemälden von Männern, die ihn allesamt wegen unpassender Krawattenknoten zu verurteilen schienen.

Zimmer 441 war kein Büro, sondern ein Konferenzraum, dominiert von einem Tisch von der Größe und Beschaffenheit eines Wikinger-Langboots. Am anderen Ende saß ein Mann, offenbar von einem Komitee entworfen, das auf „Neutralität“ geachtet hatte: grauer Anzug, graues Haar, graue Augen und ein Lächeln, das mehr Aufrichtigkeit als Wärme ausstrahlte.

Er stand auf und streckte die Hand aus. „John Crawley, nehme ich an. Englund, Ministerium für besondere Bildungsangelegenheiten.“

„Crawley, ja“, sagte John und schüttelte. Seine Handfläche war leicht feucht.

„Seien Sie nicht nervös“, sagte Englund und setzte sich. „Wir interviewen nur die Besten.“

John überlegte, zu fragen, wie sie ihn gefunden hatten – zuletzt zwei Monate Mutterschaftsvertretung an einer Vorstadt-Gesamtschule –, beschloss aber, das Schicksal nicht herauszufordern. Er nahm Platz, versuchte, sowohl interessiert als auch nicht verstört zu wirken.

„Sie fragen sich, warum Sie hier sind“, sagte Englund.

„Ja, tatsächlich. Ich habe den Brief erhalten, aber …“ John zögerte. „Es standen nicht viele Details darin. Über die Schule, meine ich. Oder die Schüler.“

Englunds Lächeln flackerte; zum ersten Mal sah John die tiefen Fältchen um seine Augen. „Wir legen Wert auf Diskretion, Mr. Crawley. Die Deadwood Academy betreut eine einzigartige Gruppe von Schülern. Schüler, die in konventionellen Umgebungen nicht aufblühen würden.“

John nickte. „Das ist … eigentlich perfekt. Ich wollte immer mit Schülern arbeiten, die nicht ins übliche Raster passen.“

„Gut“, sagte Englund, ein kurzer Anflug von Zustimmung in der Stimme. „Ihr Aufsatz über adaptive Lehrpläne war überzeugend. Sagen Sie, glauben Sie an universelle Standards?“

John wand sich. „Nein – nicht in der aktuellen Form. Jeder Schüler braucht einen anderen Einstieg. Man kann nicht von einem Kind, das drei Klassen zurückliegt, dasselbe verlangen wie von jemandem, dessen Familienleben …“ Er brach ab.

„Wenn sich also ein Schüler weigert, an einer standardisierten Prüfung teilzunehmen, würden Sie …?“

„Herausfinden, warum“, sagte John. „Vielleicht ist der Test das Problem, nicht der Schüler.“

„Viele Schüler in Deadwood haben besondere Bedürfnisse. Sie werden improvisieren müssen.“ Englund hielt inne. „Und detaillierte Aufzeichnungen führen.“

John merkte sich: Aufzeichnen. Improvisieren. Standardisierte Prüfungen vermeiden. „Ich lerne schnell. Papierkram schreckt mich nicht.“

„Ausgezeichnet.“ Eine winzige Pause. „Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Deadwood Academy kein öffentliches Profil pflegt. Wir wollen keine falsche Aufmerksamkeit.“

„Stimmt“, lachte John zu unsicher. „Mein einziger Treffer war eine Zahnklinik in Nebraska.“

Englund lächelte schmal. „Die Diskretion ist einmalig. Sie werden die dortige Kultur … zunächst gewöhnungsbedürftig finden. Aber Sie werden sich anpassen.“

„Gibt es einen Grund für die Geheimhaltung?“, fragte John und bereute es sofort.

„Es gab in der Vergangenheit Schwierigkeiten. Nichts Gravierendes, aber wir wollen die Schüler nicht belasten.“ Er neigte den Kopf. „Die Schule liegt abgelegen; Außenstehende kommen selten hin.“

„Ein Institut mit Wohnanlage, nehme ich an?“

„Kann man so sagen.“

Stille. John füllte sie reflexhaft: „Gibt es Referenzen anderer Mitarbeiter?“

„Nein. Die meisten werden intern rekrutiert. Wir bekommen eigentlich so gut nie Anfragen.“

„Oh. Also bin ich—“

„Ein Pilotprojekt“, sagte Englund. „Wärmstens empfohlen.“

John versuchte sich vorzustellen, wer ihn empfohlen haben könnte, und ihm fiel nur Dr. Gersten ein, die immer gesagt hatte, er sei „ein Risiko, das es wert ist, eingegangen zu werden“. Ein Anflug von Dankbarkeit durchzog ihn.

„Ich werde Sie nicht enttäuschen“, sagte er, überrascht von seiner eigenen Zuversicht.

„Wir erwarten keine Perfektion. Nur Engagement.“ Englund stand, reichte die Hand. „Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, schickt Ihnen der Schulleiter die Einzelheiten per Post. Ihre Reise beginnt nächste Woche.“

„Einfach so?“

Englunds Lächeln wurde wieder unergründlich. „Einfach so. Und, Mr. Crawley? Packen Sie etwas Warmes ein. Die Akademie kann … kühl sein.“

Er verließ das Ministerium benommen, aber leicht beschwingt und schrieb bereits E-Mails an Freunde, von denen er vermutete, dass er sie nie abschicken würde.

Im Zug wurde es kühler, und John bereute, keinen Pullover angezogen zu haben und ihn stattdessen ganz unten in seiner Reisetasche verstaut zu haben. Das Handy verlor den letzten Funkkontakt; die Deckenbeleuchtung flackerte einmal und beruhigte sich. Für einen Moment fühlte sich die Welt wie ein Bühnenstück an, das auf den nächsten Einsatz wartete.

Er presste die Stirn ans Fenster und hielt Ausschau nach einem Bahnhof, nach irgendwas. Die Landschaft war still und gespenstisch, die Bäume so dicht gedrängt, dass er sich fragte, ob überhaupt Licht den Waldboden erreichte. Das Einzige, was sich bewegte, war der Zug, und selbst der schien unsicher, als könnte er jeden Moment eine Panne haben und zwischen den Kiefern stranden.

Johns Gedanken schweiften zu seinen zukünftigen Schülern. Wer würden sie sein? Die Art von Kindern, die er selbst gewesen war? Er sah sich am ersten Highschool-Tag: Rucksack voller Fantasyromane, soziales Kompetenzprofil „experimentell“. Es war nicht gut gelaufen. Aber irgendwann war es vorbei. Vielleicht war das alles, was man heutzutage von den Schulen erwarten konnte: die Schüler durchzubringen und ihnen – mit Glück – zu helfen, ihren Weg hinauszufinden.

Eine Ideologie die ihm gar nicht gefiel.

Der Zug verlangsamte endlich, das Heulen der Lokomotive wurde zu einem widerwilligen Knurren. John packte seine Sachen zusammen – Tasche, Reisetasche, Mappe – und stand auf; die Knie blockiert vom langen Sitzen. Er stolperte, fing sich und versuchte, cool zu bleiben. Niemand sah zu, doch er hatte das Gefühl, zum Wohle des Universums sein Gesicht wahren zu müssen.

Die Schaffnerin, eine streng wirkende Frau mit der Haltung eines pensionierten Feldmarschalls, erschien am anderen Ende des Waggons und musterte ihn.

„Deadwood Station“, verkündete sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Er nickte, trat in den Gang und stolperte beinahe über das Rad seines eigenen Koffers. Die Frau im Hosenanzug beobachtete seinen Abgang mit einem Gesichtsausdruck, der nahelegte, dass sie immer gewusst hatte, dass er als Erster gehen würde.

Er dankte der Schaffnerin (Grunzen) und betrat den schmalen, unkrautüberwucherten Bahnsteig. Die Zug Türen schlossen sich zischend; mit einem letzten, verzweifelten Seufzer fuhr die Lokomotive ab.

John Crawley blieb allein zurück.

Der Bahnhof bestand aus kaum mehr als einer überdachten Bank und einem schiefen, ramponierten Schild, als wäre es von Zeit und Wetter tödlich verwundet, lag ein Teil auf dem Boden, so das von dem Ursprünglichen DEADWOOD nur noch das DEAD übriggeblieben war.

Äußerst ermutigend. Abgesehen von ihm gab es Keine Lebenszeichen. Der Wald drängte von allen Seiten, dunkel und harzig duftend – direkt wie ein verwunschener Wald aus einem Märchen.

Irgendwo in der Ferne erklang ein langes Heulen.

Er überprüfte den Brief noch einmal – kein Nachtrag wie: „Vorsicht vor den Wölfen“. Er wollte gerade aufgeben und ein Taxi rufen, als hinter der Baumgrenze das leise Klingeln von Geschirrglöckchen zu hören war.

John erstarrte und sein Blick folgte einer nicht befestigten Straße die sich im Wald verlor.

Und da tauchte aus der Dunkelheit eine Pferdekutsche auf, glänzend schwarz, gezogen von einem einzigen, gewaltigen Zugpferd. Der Fahrer, eine hagere Gestalt in einer Jackett artigen Frackvariante, zog zur Begrüßung den Hut.

„Mr. Crawley?“, rief er mit einer Stimme so dünn und papieren wie der Brief in Johns Hand.

„Ja. John Crawley. Ich bin … äh … wegen der Stelle hier?“

Der Fahrer nickte ernst, als bestätige das einen lang gehegten Verdacht. „Wir haben Sie erwartet. Bitte, wenn Sie so freundlich wären.“

John hob die Taschen und stieg nach kurzem Zögern ein. Innen war es unerwartet bequem, mit Samtsitzen und einem schwachen Lavendelduft, der einen tieferen, fremden Moschus überdeckte. Die Tür schloss mit einem befriedigenden Klicken. Als die Kutsche anfuhr, war der Zug bereits eine ferne Erinnerung, vom Wald verschluckt.

Er gestattete sich einen letzten Moment des Zweifels. Er war unvorbereitet, unsicher und möglicherweise verrückt, diesen Schritt zu wagen. Aber war das nicht auf seltsame Weise der Sinn von Bildung? Etwas Unbekanntes ergründen.

Der Wald schloss sich um die Kutsche. Der Weg schlängelte sich, weniger effizient, die Laternen leuchteten wie finstere Augen. Alle paar Meter drohte das Geäst den Pfad zu verschlucken, nur um sich im letzten Moment zurückzuziehen, als erinnerte es sich an einen alten Waffenstillstand.

Der vor dem Kutschenfenster liegende Wald erinnerte John an seine alte Schule, einen weitläufigen Monolithen aus gegossenem Beton, der wie ein verlassenes Raumschiff über dem Rand seiner Kindheitsstadt thronte.

In der Cafeteria stank es immer nach gekochtem Gemüse und Ernüchterung. Die Schließfächer bildeten eine Art eisernen Korridor, durch den sich die Starken wie eine eingestimmte Herde bewegen, während die Schwachen in Ehrfurcht beiseite traten. John gehörte zu Letzteren.

Er sah damals so aus, als würde er sich gleich für seine Existenz entschuldigen wollen. Selbst jetzt, Jahrzehnte später, erinnerte er sich an den Gestank von Bohnerwachs und das Summen der Neonröhren über ihm, das mit dem Hintergrundgemurmel jugendlicher Feindseligkeit harmonierte.

In seinem ersten Jahr dort war er „der Neue“ gewesen, eine Spezies für sich: markiert, bemitleidet, ignoriert, bis man ihn für einen Witz brauchte.

Er war mitten im Semester angekommen, da der Lehrauftrag seiner Mutter einen hektischen Umzug mitten im Winter erforderlich machte.

Die Vertrauenslehrerin, die geblümte Blusen trug und die harten, glitzernden Augen einer Elster hatte, stellte ihn der Klasse als „John, der leidenschaftlich gern liest und im kreativen Schreiben brilliert“ vor.

Die Information wurde aufgenommen wie ein Wolfsrudel die Nachricht von einem verletzten Hirsch. Er hatte schnell gelernt, den Kopf gesenkt zu halten, aber sein Enthusiasmus – sein Drang, Fragen zu beantworten – hatte ihn trotzdem zur Zielscheibe gemacht.

Die Spitznamen kamen vor den Freundschaften: „Wörterbuch“, „Android“, „Streber“. Seine primäre Verteidigung bestand darin, stets höflich zu sein, was die Sache nur noch schlimmer machte.

John Crawley war, im ökologischen Sinne, ein obligates Beutetier und doch war er nicht unglücklich. Nicht direkt. Es gab Momente der Wärme: die Bibliothekarin, die Neuerscheinungen seiner Lieblings-Fantasy-Reihe nur für ihn aufhob; der Mathelehrer, der in den Rand jedes zurückgegebenen Tests schrieb: „Hab keine Angst, deine Arbeit zu zeigen“; der Klassenkamerad, der sich in einer verregneten Mittagspause ein halbes Erdnussbuttersandwich mit ihm geteilt hatte.

Unter der Oberfläche brodelte auch eine Art Hoffnung, das Verständnis, dass dies alles nur vorübergehend war, eine Phase, die man eher überstehen als leben musste.

Sein Trost waren Bücher und die Überzeugung, eines Tages derjenige mit dem Stift in der Hand sein zu können, der die Kinder aufrief, die aufgerufen werden sollten.

Johns eigene Lehrer hatten die ganze Bandbreite von gelangweilt bis brillant abgedeckt, aber die, an die er sich am meisten erinnerte, waren diejenigen, die ihn sehen konnten, die ihn wirklich sehen wollten.

Für sie war er nicht nur ein Gesicht unter vielen, ein Name in einem Buch, den man bei bedarf aufrief und nur die Stimme wahrnahm. Für sie war er John Crawley.

Er zuckte leicht zusammen. Die Kutschenräder holperten über eine Spurrille, und seine Reisetasche prallte gegen sein Knie.

Sein Spiegelbild im Waggonfenster betrachtend, erwartete er beinahe, die jüngere Version seiner selbst zu sehen, doch er sah nur dieselben Gesichtszüge mit demselben unzähmbaren Haar, nun gemildert durch ein paar feine Fältchen und die unerschütterliche Hoffnung auf eine erfüllende Aufgabe.

Aber John verspürte echte Vorfreude – keine Furcht, sondern die vorsichtige Spannung eines Menschen, der gleich sehen will, ob das Ende die Reise wert war.

Er rückte seine Krawatte zurecht, übte ein beruhigendes Lächeln für die wartenden Schüler und beschloss, sich am ersten Tag die Namen aller Kinder zu merken. Besonders die derjenigen, die aussahen, als wünschten sie sich, unsichtbar zu sein. Das war er ihnen schuldig, und vielleicht am Ende auch sich selbst.

Er hatte seit sie losgefahren sind, einmal versucht, mit dem Kutscher zu reden. „Das ist ein wirklich schönes Pferd“, hatte er gesagt.

Der Kutscher – ein Gesicht wie aus Wachs geschnitzt – hatte ihn mit der Geduld eines Menschen betrachtet, der wartet, dass eine Leiche verwest. „Sie heißt Clipper. Streicheln Sie sie nicht.“

Danach herrschte Stille. Hufklappern, Zweige am Dach, gelegentliches Ausatmen von Clipper, die weder von der Reise noch der Fracht beeindruckt schien.

Johns Handy zeigte weiterhin „SOS“, was hier vermutlich „etwas außerhalb der Zivilisation“ bedeutete. Er hielt es höher, dachte kurz darüber nach, es aus dem Fenster zu halten, gab dann auf und machte ein verwackeltes Foto der vorüberziehenden Stämme – Beweisstücke für später, dass er sich das alles nicht eingebildet hatte.

Andererseits, wer konnte sich so etwas schon einbilden? Den fast leeren Zug? Möglich. Der Gespenstische Wald? Noch wahrscheinlicher. Eine Kutsche aus dem viktorianischen London das von einem Pferd namens Clipper gezogen wurde... . Da hörte es dann auf.

Insgeheim vermisste er den Zug. Der hatte immerhin eine Heizung und das implizite Versprechen, dass irgendjemand irgendwo verantwortlich war. Hier fühlte sich Verantwortung wie ein Märchen an.

Der Weg führte bergab, Nebel sammelte sich am Fuß der Bäume und wand sich wie unentschlossene Katzen durch das Gebüsch. Nach einer gefühlten Stunde konzentrierten Schweigens räusperte sich der Fahrer: „Dann unterrichten Sie die Sonderklasse.“

„Das kann ich nicht sagen. Soweit ich es verstanden habe: Sozialkundelehrer. Der Brief war … minimalistisch.“

„Die werden Sie bei lebendigem Leibe fressen“, intonierte der Fahrer mit einer absoluten Gewissheit in der Stimme.

„Nichts für ungut“, sagte John und versuchte, lustig zu klingen. „Ich glaube, ich schmecke nicht sehr gut.“

Ein beinahe Lächeln. „An Ihrer Stelle würde ich mir nicht um die Schüler Sorgen machen.“

Nicht beruhigend. „Ist es noch weit", versuchte John das Thema auf ein normales Gespräch zu lenken

„Nicht mehr. Der Wald hält meistens die falschen Leute fern.“ Ein Seitenblick. „Nicht ganz so effizient darin, die Richtigen drinnen zu halten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

John beschloss, nicht zu verstehen, jedenfalls nicht ohne Mahlzeit und starken Drink.

Der Wald teilte sich ohne Vorwarnung, gab einen schlammigen Teich frei und eine schmale, uralte Steinbrücke. Die Kutsche überquerte sie in ruckelnden Schlägen; einen Moment lang sah John sie schon in die grün-schwarze Suppe stürzen. Stattdessen rollten sie gelassen weiter, als hätte eine höhere Macht ihnen einen weiteren Abend gewährt.

Hinter dem Teich veränderten sich die Bäume: größer, älter, Stämme mit tiefen, unerklärlichen Wunden. Und durch den Nebel sah er sie schließlich: die Deadwood Academy. Am Ende des Weges erhob sich ein Verbund aus Gebäuden, überdachte Gänge, Türme. Der Haupteingang von zwei Statuen gerahmt, vom Wetter so erodiert, dass ihre ursprüngliche Form verloren war – und doch hätte John schwören können, dass sie ihn mit spöttischer Belustigung ansahen. Ein alter gusseiserner Zaun umgab das Gelände und ließ es mehr wie ein Anwesen wirken als wie eine Schule.

Mit einem leichten Ruck hielt die Kutsche vor einer Granittreppe. John kletterte heraus, den Koffer in der Hand, und versuchte, nicht zu aufgeregt zu wirken. Es funktionierte nicht. Der Ort war ehrfurchtgebietend – und merkwürdig still. Wolken verdunkelten den frühen Nachmittag.

Das Hauptgebäude, ein großer Bau mit vier Etagen und gotischem Architektur erstreckte sich vor ihm in den wolkenbehangenen Himmel. Mehrere Erker zierten die Fassade und gaben dem Bau einen erhabenen Touch. Die Vertäfelungen und die kleinen spitzen Türme verliehen dem Gebäude etwas erhabenes.

„Sie werden erwartet“, sagte der Kutscher, ohne aufzusehen. „Direktorat.“

„Ich danke Ihnen“, sagte John. Ein Nicken, ein Zügelschnippen, und die Kutsche rollte davon. John blieb allein auf der Treppe, während die letzten Reste des Lichts hinter dem Wald versickerten. Er holte tief Luft, straffte die Schultern und stieg hinauf.