Kater und Kadaver
Die Sonne hängt tief hinter dem kleinen Hügel und überlegt, ob es sich überhaupt lohnt, an diesem Sonntagmorgen im Oktober über Klein Plörnow aufzugehen. Pastorin Alexandra Martens knattert ihre grüne Schwalbe ans Ufer des Nebelsees, der nach großer Sage klingt, in Wahrheit aber nur ein Tümpel ist – umringt von Schilf, das zum letzten Mal von der LPG-Brigade in den Achtzigern geschnitten wurde. Seitdem darf es wuchern.
Am Fuß eines alten Baumstamms hat Xandra ihre Badestelle eingerichtet. Im hohlen Stamm liegen Handtuch und eine Flasche Korn – ihr kleines Notdepot. Bin ich die einzige Pastorin im Land, die ihren Gottesdienst mit einer Kornflasche im Baumstamm vorbereitet?
In ihrem Kopf dröhnt es, als würde ein Boxkampf stattfinden: Martin Luther gegen den Papst, zwölfte Runde. Sie rekapituliert: Hering, Pastorinnengedeck: Strammer Max, halber Liter Pils, ein Korn. Dann das Gleiche ohne Max. Danach … Dunkel. Hauptsache, einmal klar werden, bevor die Glocken läuten.
Sie wirft Jeans und T-Shirt auf den Stamm, Unterwäsche gleich hinterher. Schwarze Locken kleben ihr an der Stirn. Blasse Haut, ein Bauch, etwas weicher als ihr lieb ist. Egal. Sieht ja keiner außer den Fröschen.
Sie stapft den Pfad ins Wasser. Es riecht nach Algen, feuchtem Schilf – und dem süßlich-erdigen Dunst der Rübenmiete, die der Bauer hinterm Dorf aufgetürmt hat. Das Wasser zieht ihr die Haut zusammen, Luther versetzt dem Papst einen Kinnhaken. Knockout. Das Dröhnen ebbt ab.
Zwei, drei Züge, Kopf untertauchen. Danke, Herr – der Kater zieht sich zurück.
Der See ist still. Nur das Glucksen, wenn ihre Arme eintauchen. Dann stößt sie an etwas. Hart, aber nachgiebig. Ast, denkt sie – bis ihre Finger Haut fühlen. Glitschig, kalt.
Xandra erstarrt, dreht sich. Ein kahler Kopf treibt aus dem Nebel. Rund, glänzend, eine Glatze wie frisch poliert. Ihr Herz stolpert. Der Kopf dreht sich träge – das Gesicht schaut sie an. Blass, aufgedunsen, die Augen halb offen, der Mund schief verzogen.
„Paul.“ Das Wort entkommt ihr wie ein Schluckauf.
Sie schluckt Wasser, strampelt panisch. Jeder Stoß treibt die Leiche näher. Die Glatze blinkt zwischen den Wellen, als würde sie sie verfolgen. Keuchend robbt sie ans Ufer, Schlamm klebt an den Beinen. Nasse Haare hängen wirr ins Gesicht, die Wimperntusche von gestern verschmiert. Frau Pastorin, würdig siehst du gerade nicht aus.
Der Nebel verschluckt Paul langsam wieder. Nur die Glatze bleibt sichtbar, wie ein fahler Mond über Klein Plörnow – bis sie hinter dem Schilf versinkt. Am Feldweg bellt ein Hund, irgendwo kräht ein Hahn viel zu spät. Im Dorf beginnt der Sonntag, als wäre nichts gewesen.
„Heilige Maria …“ Xandra japst nach Luft, schüttelt den Kopf. Super. Erste Wasserleiche – und du wirst gleich katholisch.
Zitternd greift sie nach dem Handy. 110. „Polizei-Notruf?“
„Ja, hier ist … Pastorin Martens, Klein Plörnow. Ich habe eine Leiche gefunden. Im See.“
„Wo bitte?“
„Nebelsee. Direkt am Dorfrand.“
„Wir schicken jemanden.“
Xandra legt auf. Entgegen aller guten Vorsätze schraubt sie die Buddel auf, nimmt einen kräftigen Schluck. Der Brand läuft ihr heiß den Hals hinab, wärmt wenigstens von innen.
Minuten später: Sirenen wecken das Dorf mit heiserem Heulen.
Die Freiwillige Feuerwehr rückt als erste an: ein klappriger roter Robur, aus dem Löschmeister Passow steigt, gefolgt von graumelierten Rentnern und halbwüchsigen Burschen und Mädchen, die sonst nur beim Osterfeuer anpacken.
„Na, Frau Pastorin, brennt’s?“ Er grinst, sieht ihren Blick, verstummt. „Oh.“ Wenn das meine Brandschutzengel sind, bete ich lieber selber.
Kurz darauf tuckert Dorfpolizist Markus an. Mitte dreißig vielleicht, Augen noch halb im Schlaf. Die Uniform hängt wie frisch vom Stuhl gezogen, die Krawatte schlenkert wie ein Seil am Glockenzug. Er blinzelt in den Nebel.
„Na, was haben wir denn hier?“ Ein Mann, sein Notizbuch und sein Moped – im Kampf gegen das Unrecht.
Blaulicht und Sirenen locken die Neugierigen an. Frau Krüger vorneweg. Rosa Bademantel, Lockenwickler.
„Wat is n hier los? Ach du meine Güte!“
Hanne daneben, ihre Pfeife im Mundwinkel, als wär’s Theater.
Petersen stapft mit der Angel an. „Na, da kann ich ja wieder einpacken. Hier beißt heute nichts.“
Immer mehr Dorfbewohner strömen heran. Ein Chor aus Tuscheln: „Leiche im See! Paul, der Paul! Hab ich’s nicht gesagt?“
Zuletzt rollen graue Wagen aus der Stadt an. Zwei Kommissare und andere Polizisten steigen aus: Kriminaloberkommissar Frensen, akkurat im Auftreten, aber kramend in seinen Taschen, bis er das richtige Notizbuch findet. Und sein Kollege, glatzköpfig, der beim Nachdenken ständig seine Platte massiert – als wolle er einen Geistesblitz herausreiben oder wenigstens das Haar zurückholen.
Die Spurensicherung spannt Flatterband, stapft mit Plastikkoffern durchs Schilf.
„Meine Damen und Herren, bitte treten Sie zurück. Das hier ist ein Tatort“, ruft Frensen, das falsche Notizbuch in der Hand. So viel Frisur und so wenig Wirkung – willkommen in Klein Plörnow.
„Wat hat er gesagt?“, tönt Frau Krüger.
„Tatort!“, schreit Frensen, diesmal ins richtige Heft blickend.
„Tatort?“ Petersen schüttelt den Kopf. „Kenn ich nur ausm Fernseher.“ Gelächter. Na toll. Eben noch Gruselfilm, jetzt Dorfposse.
Frensen, pedantisch: „Wir sichern den Bereich nun gemäß § 163 StPO, Absatz 1, Satz 1 – erste Maßnahmen der Polizei bei Straftaten.“
Frau Krüger hebt die Stimme: „Wat? Strompreis? Geht dat wieder um die Windräder? Hab ich gleich gesagt, die machen nur Ärger!“
Kichern im Dorf, vereinzeltes Kopfnicken.
Petersen meckert: „Hab ich auch gehört, die brummen nachts schlimmer als’n Mähdrescher.“
Der Glatzkopf verzieht das Gesicht, Frensen blättert hastig im Notizbuch, als könne er sich hinter Paragraphen verstecken.
„Bitte, Ruhe.“
Hanne pustet Rauch. „Ruhe gibt’s hier nur auf dem Friedhof.“
Markus versucht’s: „Nu los, Leute, lasst die Herren mal ihre Arbeit machen.“
„Du auch noch, Markus?“ – Gelächter.
Die Spurensicherung spannt das Band. Frau Krüger hängt schon drüber. „Von hier hinten seh ich nix. Machen Sie das Band mal ein Stück nach links.“
„Das ist eine Absperrung, kein Vorhang!“ faucht der Techniker. „
Na, sieht aber so aus“, kichert sie.
Frensen presst die Lippen zusammen. „Wir brauchen hier Ruhe und Ordnung.“
„Ordnung?“ brummt Petersen. „Ham wir in Klein Plörnow nie gehabt. Und wir leben noch.“
Applaus, Kichern, Raunen. Jegliche Autorität endet am Ortsschild – der Nebelsee ist das Sonntags-Spektakel.
Xandra sitzt wieder auf dem Baumstamm. Die Locken hängen ihr feucht ins Gesicht, die braunen Augen sind müde, aber wachsam. Frensen tritt zu ihr, drei Notizbücher unter dem Arm.
„Frensen, Kriminaloberkommissar. Sie sind Alexandra Martens? Sie haben den Notruf gewählt?“
„Ja.“
„Kannten Sie den Toten?“
„Ja. Paul Klotz. Aus dem Dorf.“
„Vielleicht noch etwas mehr?“
„War Tischler. Hat geholfen, wenn’s was zu werkeln gab.“
„Hatte er Feinde?“
„Keine Ahnung. Er war ein Rechter. Das fanden bestimmt nicht alle gut. Ist er umgebracht worden?“
„Wissen wir noch nicht. Wir gehen von einem Unfall aus, ermitteln aber in alle Richtungen. Wer kannte ihn aus dem Dorf?“
„Jeder. Hier kennt jeder jeden.“
„Ist Ihnen etwas aufgefallen in letzter Zeit?“
Die Pastorin schüttelt den Kopf. Mir fällt nur auf, wie sehr ich jetzt einen Zug aus der Buddel vertragen könnte.
Frensen notiert, erst im falschen, dann im richtigen Heft. Er reicht ihr seine Karte. „Wenn Ihnen etwas einfällt, melden Sie sich bitte.“
Sie dreht sie zwischen den Fingern. Schönes Souvenir. Aber nützt mir gerade weniger als der Korn im Baumstamm.
Da steht sie auf, nimmt die Buddel, hebt die Stimme:
„Paul ist gestorben. Möge er Frieden bei Gott finden. Auf Paul!“
Einen Moment Zögern – dann geht die Buddel in die Runde. Feuerwehr, Dorfbewohner, Jugendliche – alle setzen ganz selbstverständlich an, nehmen einen kräftigen Schluck und reichen sie weiter. Selbst Frau Krüger, Lippenstift verschmiert, säuft wie bei einer Kaffeerunde.
Schließlich landet die Flasche bei Markus. Er hält sie fest, als hätte er gerade den Heiligen Gral erwischt. Sein Blick huscht zu Xandra, er wird rot bis in die Ohren – und nimmt einen zaghaften Schluck. Markus. Als wär’s ein Kuss. Nur eben Korn.
Am Ende bleibt die Buddel beim Glatzkopf hängen. Er runzelt die Stirn, zieht ein sauberes Taschentuch aus der Jackentasche, wischt demonstrativ die Öffnung ab – und nimmt erst dann einen Schluck. Raunen und Kichern in der Runde.
Xandra streicht sich über den Mund, blinzelt zu Frensen. Siehst du – so kriegt man die Leute hier.
Sie nimmt selbst noch einen Schluck, dann:
„So. Nun wollen wir alle nach Hause gehen und die Polizei ihre Arbeit machen lassen.“
Und wie auf Befehl zerstreut sich das Dorf. Murrend, lachend, tuschelnd. Aber sie gehen.
Xandra verstaut die Buddel, setzt den Helm auf, schiebt ihre Schwalbe. Der Glatzkopf tritt noch einmal zu ihr.
„Sagen Sie mal, Sie haben doch getrunken.“
Sie nickt brav. „Ach ja … ich schiebe.“ Er wirkt erleichtert.
Kaum außer Sichtweite, tritt sie auf den Kickstarter. Bröff… pfröt… pfrött-pfrött… däng-däng-däng-däng… brömm-brömm! Der Herr segne diesen Zweitaktmotor. Ohne ihn wär ich längst abgehauen.
Der Motor erwacht hustend, knatternd. Xandra tuckert davon, als sei nichts geschehen. Am See bleiben Blaulicht, Flatterband – und das Murmeln von Klein Plörnow, das schon weiß, wie die Geschichte heute Abend im Letzten Hering klingen wird. Und jeder wird schwören, er habe Paul noch gestern quicklebendig gesehen.