Prolog
Maine, 1838
Ich habe sie verloren. Die Liebe meines Lebens. An einem Morgen, der zu hell war für das, was geschah. Sie starb bei der Geburt unseres heißersehnten Sohnes, und in meinem Schmerz habe ich ihn nicht mal angesehen. Ich konnte es nicht, brachte es nicht über mich. Die Hebamme sagte, er habe geschrien. Ich habe nichts gehört. Und nach nur wenigen Minuten verstummten auch diese Schreie – denn auch er war nicht lebensfähig.
Man sagte damals von mir, ich sei ein Mann der schönen Künste. Ich förderte Musiker, bezahlte Maler, las Gedichte, wenn niemand hinsah. Und ich liebte die Frauen, die mir oft das Bett wärmten, da meine kranke, zarte Gattin kaum dazu in der Lage war.
Doch meine Hände waren nie weich. Die Männer und Frauen, die mir gehörten, wussten das. Ich war kein Freund. Ich war ihr Herr – und zwar einer von der grausamen Sorte.
Nach ihrem Tod habe ich die Plantage verkauft, weil ich es nicht mehr ertrug, dort zu leben. Die Felder, das Haus – zusammen mit all den Erinnerungen. Ich wollte weg. Irgendwohin, wo niemand mich kennt. Wo keiner etwas von meiner traurigen Geschichte und dem Verlust ahnte. Ich war das Mitleid, die Sorge und den Tratsch so satt.
Maine erschien mir weit genug entfernt. Also habe ich dort großzügig gekauft. Geld war kein Problem. Land, das niemand sonst wollte – überwiegend Wald, der sich nicht bändigen ließ. Nicht allzu weit von der Küste, und doch wohltuend entfernt von jeglicher Ansiedlung. Cutler war erreichbar, gewährte mir aber die Distanz, die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, nach der ich mich sehnte.
Ich wollte keine Gesellschaft. Ich wollte Stille.
Ein Problem stellte die Neutralität Maines für mich dar. Seit seiner Gründung im Jahr 1820 hatte sich der Staat von der legalen Sklaverei losgesagt und blieb, dem Missouri-Kompromiss folgend, einer der sogenannten „Free States“. Mir blieb nur die Wahl, meinen Lebensstil illegal weiterzuführen.
Also nahm ich dennoch einige meiner stärksten und zuverlässigsten Sklaven mit. Nicht viele – nur genug, um auf dem neuen Grund zu bauen. Ich behauptete einfach, sie seien Vertragsarbeiter. Schuldner, die ihre Last bei mir abzuarbeiten hätten. So gab ich dem Ganzen den Deckmantel scheinbarer Legalität.
In Wahrheit ließ ich ihnen keine Wahl. Sie mussten hart für mich arbeiten, um mein neues Zuhause zu errichten – ein Herrenhaus, das dem Prunk des alten in nichts nachstand.
Es entstand auf einer Lichtung, mitten in einem endlosen, dichten Wald. Umgeben von Bäumen, die regelrecht den Himmel verschluckten, so hoch und dicht wuchsen sie. Ich hatte diesen Flecken einsamer Erde bewusst gewählt, weil es hier auch einen kleinen See gab. Stimmung, auf die ich eigentlich keinen Wert mehr legte – und doch gefiel sie mir.
Das Haus selbst? Es bekam den Namen Cold Hollow von mir, weil in mir alles nur noch kalt und leer war. Ganz im Stil der Südstaaten erbaut, natürlich. Vor dem Eingang dorische Säulen, wie man sie in Savannah kennt. Die Veranda zieht sich um das ganze Gebäude und lädt zum Verweilen ein – zumindest für jene, die dazu eingeladen sind. Über dem Portal erhebt sich ein Turm, zwei Stockwerke hoch, mit einem Zimmer unter dem Dach, das für mich noch von größter Bedeutung sein sollte. Damals ahnte ich das nicht.
Ich richtete mich schnell ein, fühlte mich sogar angekommen. Ich lernte, die düsteren Tage im Wald zu schätzen. Die dunklen, stillen Morgen, getaucht in wabernden Nebel, der vom Wasser aufsteigt. Wurde es mir zu einsam, sattelte ich mein Pferd und ritt nach Cutler. Aber während ringsum die Lage im Land sich immer weiter anspannte und dem Wahn verfiel, die Sklaverei müsse überall abgeschafft werden, fand ich eine zweite Art von Glück.
Eine meiner Sklavinnen. Jung. Hübsch. Ich begehrte sie so sehr wie schon lange nichts mehr. Und als sie nicht willig mein Bett mit mir teilen wollte, meinem Charme und meinem Werben widerstand, zwang ich sie. In dieser Hinsicht hatte ich keine Hemmungen. Schließlich war sie mein Eigentum.
Überall kam es zu Unruhen. Unterstützt von der Anti-Sklaverei-Bewegung, die die abolitionistische Stimmung zusätzlich befeuerte. Auch meine Sklaven ließen sich davon aufhetzen, und kurz nach meinem vierzigsten Geburtstag kam es auf meinem Land zum Aufstand.
Angeführt ausgerechnet von meiner eigenen Geliebten besetzten sie das Haus und nahmen mich gefangen. Ich wurde überwältigt und grausamer Folter unterzogen. Sie kannten keine Gnade – so, wie ich ihnen gegenüber nie Gnade gekannt hatte.
In meinem geliebten Turmzimmer wurde ich hingerichtet. Sie ließen mich zusehen, wie sie die Henkersschlinge über den Dachbalken warfen und alles für meinen Tod vorbereiteten.
Viel Leben war schon damals nicht mehr in mir, doch mein Herz brannte vor Hass. Ich schwor ihnen bittere Rache. Sie alle würden kein Glück finden, sondern einen jämmerlichen Tod. Und dieses Haus – für dessen Erbau sie geblutet hatten – würde immer mir gehören. Selbst über meinen Tod hinaus. Es war mein Haus. Mein Heim. Und das würde es bis in alle Ewigkeit bleiben. Sie bekämen keine Möglichkeit, sich an meinem Tod zu bereichern.
Wer hätte gedacht, dass sich der Fluch auf so absurde Weise erfüllen würde?
Ich starb. Aber ich ging nicht in die Ewigkeit ein. Ich existierte weiter – in einer Art Zwischenwelt. Ich wurde zum Geist. Cold Hollow blieb in meiner Gewalt, so wie ich es angekündigt hatte. Ich sorgte dafür, dass kein neuer Eigentümer es jemals lange darin aushielt. Aber ich übte Rache. Einen Sklaven nach dem anderen tötete ich, denn sie alle kehrten nach und nach hierher zurück, als würden sie einem inneren Zwang folgen.
Nur meine Geliebte nicht. Die widerstand wieder einmal. Und da meine Entität an das Haus gefesselt war, kam sie als einzige davon.
Die Jahrzehnte vergingen. Dann die Jahrhunderte. Ich wurde grausamer, verbitterter. Mein Wüten, wenn sich jemand in meinem Heim einnistete, wurde immer schrecklicher – bis ich nicht mehr davor zurückschreckte, Leben zu nehmen. Ich vertrieb nicht mehr nur. Ich tötete.
Und so bekam Cold Hollow nach und nach den Ruf, eines der ärgsten Spukhäuser in Nordamerika zu sein.
Bis heute ist es das.