Prolog
Der Schlรผssel zittert in meiner Hand, als wรผrde er mich warnen. Dreh nicht. Aber meine Finger gehorchen nicht. Metall trifft Metall, das Schloss klickt, und die schwere Tรผr schwingt auf.
Gideons Haus. Nein โ unser Haus, wie er es nennt. Ich habe diesen Begriff nie benutzt. Fรผr mich war es nie ein Zuhause. Fรผr mich war es ein Kรคfig.
Die Tasche auf meinem Rรผcken schneidet mir in die Schultern. Zu schwer. Sie trรคgt alles, was ich habe, alles, was ich retten wollte, bevor er es mir nehmen konnte. Doch jetzt drรผckt sie wie ein Beweisstรผck meiner Schuld, meiner Angst.
Ich gehe hinein. Meine Schritte hallen auf dem Marmorboden, laut, wie kleine Gestรคndnisse. Der Kamin im Wohnzimmer brennt, Flammen tanzen, Holz knackt. Es riecht nach Rauch, nach Whiskey โ nach ihm.
Und da sitzt er. Natรผrlich. Gideon Thorne. In seinem Ledersessel, die Beine รผbereinandergeschlagen, ein Glas in der Hand. Er sieht nicht รผberrascht aus. Er sieht nie รผberrascht aus.
โDu bist spรคt." Seine Stimme schneidet durch den Raum. Ruhig. Zu ruhig.
Mein Herz hรคmmert. Ich hasse es, dass allein der Klang seiner Stimme meine Haut elektrisiert. Ich balle die Fรคuste. โDaniel..." Meine Kehle verengt sich. Ich zwinge die Worte heraus. โEr liegt auf der Intensivstation. Ein Unfall. Du... du warst es, oder?"
Er hebt den Blick. Grau-blaue Augen fixieren mich. Augen, die jede Wahrheit verzerren, bis ich selbst nicht mehr weiร, was echt ist.
Ein leises Lรคcheln. Kalt. โInteressant, dass du sofort zu mir kommst. Dass du glaubst, ich hรคtte etwas damit zu tun." Er neigt den Kopf. โOder hoffst du das?"
โHoffen?" Mein Atem stockt. โEr kรถnnte sterben, Gideon!"
โUnd dennoch stehst du hier." Er nippt an seinem Glas, als sei ich nur eine weitere Figur in seinem Schachspiel. โMit einer Tasche auf dem Rรผcken."
Sein Blick wandert hinab. Mein Kรถrper spannt sich an. Die Tasche. Ich fasse unbewusst an den Riemen, als kรถnnte ich sie verschwinden lassen.
โWolltest du etwa gehen?"
Meine Kehle ist trocken. โDas... das hat nichts damit zu tun."
Sein Lรคcheln wird breiter. โAlles hat damit zu tun. Du lรคsst Daniel in dein Leben, du packst deine Tasche โ und jetzt stehst du hier und verlangst Antworten. Als wรคrst du das unschuldige Opfer."
โEr ist nur ein Freund!" Meine Stimme รผberschlรคgt sich. โEin Freund, der nichts mit uns zu tun hat!"
Er lacht. Tief, gefรคhrlich. โNur ein Freund? Der dich ansieht, als wรคrst du sein Ein und Alles? Du nennst das Freundschaft?"
โJa!" Ich schreie. โNicht jeder will besitzen, Gideon! Nicht jeder ist so krank wie du!"
Stille. Schwere, tรถdliche Stille. Dann stellt er sein Glas ab. Steht auf. Langsam. Berechnend. Jeder Schritt ist ein Schlag gegen meine Rippen, bis er vor mir steht.
So nah, dass ich seinen Duft rieche. Teures Aftershave, Rauch, etwas Dunkles, das ich nur mit ihm verbinde.
Seine Hand streift die Tasche. โFlucht", murmelt er. โIch wusste, dass du es irgendwann versuchen wรผrdest. So lรคcherlich vorhersehbar."
Ich presse die Lippen zusammen. Ich will es nicht sagen, aber es brennt in mir, reiรt sich heraus wie eine Wunde.
โIch bin schwanger."
Sein Gesicht verรคndert sich kaum. Nur ein Blinzeln. Ein kaum sichtbarer Riss. Dann โ ein Lรคcheln. Eines, das mir das Blut in den Adern gefrieren lรคsst.
โNatรผrlich bist du das."
Die Welt kippt. โWas?"
โIch wusste es lรคngst." Seine Stimme ist samtig, grausam. โDu dachtest wirklich, ich merke es nicht? Elise... ich sehe alles. Immer."
Meine Beine zittern. โDu wusstest es... und hast nichts gesagt?"
โWarum sollte ich?" Seine Hand streift meinen Bauch. Zรคrtlich, besitzergreifend. โDu gehรถrst mir. Und jetzt erst recht."
โDu hasst Kinder." Meine Stimme ist ein Flรผstern. โDu hast immer gesagt, sie sind schwach, eine Lastโ"
โKinder sind irrelevant." Seine Augen glitzern. โAber du bist es nicht. Dieses Kind macht dich untrennbar von mir."
Trรคnen steigen mir in die Augen. Ich reiรe mich los. โDas stimmt nicht! Ich wollte... ich wollte Liebe, Gideon. Eine normale Liebe!"
Er lacht. Ein Laut ohne Freude. โEs gibt keine normale Liebe. Nicht fรผr uns."
Etwas in mir zerreiรt, so lautlos, dass es niemand hรถren kann โ nur ich. Ich sehe mich wie aus einer fremden Perspektive: eine Frau mit dieser verdammten Tasche, gefangen neben einem Mann, der alles, was ich war, vergiftet hat. Und in diesem Riss meiner selbst wรคchst ein Gedanke, schneidend und klar: Es reicht.
Ein Funken schneidet ins Blickfeld. Ich drehe den Kopf, und da liegt es: das Messer. Auf dem niedrigen Tisch, gleich neben dem Glas. Whiskey und Stahl, zwei Spiegel derselben Wahrheit. Das Feuer im Kamin kriecht รผber die Schneide und zeichnet Adern aus Licht, als wรคren sie mit Blut gefรผllt. Es atmet, es lebt โ oder ich bilde es mir nur ein.
Meine Brust schmerzt, als wรคre dort ein Hohlraum, der zu kollabieren droht. Ich starre auf die Klinge, nicht weil ich weiร, was ich tun soll, sondern weil diese Mรผdigkeit mich auffrisst, von innen her, Knochen und Haut.
Mรผde von seinen Spielen. Mรผde von den Schatten, die er auf jeden wirft, den ich liebe. Mรผde davon, wie Daniel in sterile Laken gelegt wurde, sein Werk, sein Stempel. Mรผde von diesen Nรคchten, in denen sein Blick mich durchbohrt, bis nicht einmal meine Trรคume mehr mir gehรถren.
Meine Hand bewegt sich, bevor ich es bewusst entscheide. Finger um Metall. Kรคlte in der Haut. Und auf einmal halte ich etwas, das nur mir gehรถrt.
โElise."
Seine Stimme durchschneidet den Raum, leise, rau, ein Befehl. Nur mein Name โ und doch ein Anspruch. Normalerweise reicht das, um mich innehalten zu lassen. Doch nicht heute.
Ein Stoร. Wรคrme schieรt durch meine Brust, mein Atem bricht. Die Welt kippt.
โNein!"
Sein Schrei fรผllt den Raum, tief, wรผtend, nicht verzweifelt โ wรผtend. Das Glas zerspringt, Splitter fliegen. In Sekundenbruchteilen ist er bei mir. Hรคnde auf meiner Brust, Druck, Gewalt, als kรถnne er mit purem Willen das Blut zurรผckzwingen.
โNicht du." Seine Zรคhne sind gefletscht, die Stimme dunkel, gefรคhrlich, ein Mann, der es nicht gewohnt ist, dass ihm etwas entgleitet. โNicht du, verdammt!"
Blut sickert durch seine Finger. Sein Gesicht ist nah, steinern, verzerrt โ nicht von Angst, sondern von Raserei, dass die Welt ihm nicht gehorcht.
โDu bist mein," knurrt er. โNiemand nimmt dich mir weg. Nicht mal du selbst."
Seine Augen brennen. Keine Trรคnen, kein Flehen โ nur ein irrer Glanz, ein Funken von etwas, das wie Angst aussieht, aber tiefer sitzt: der Horror, Kontrolle zu verlieren. Zum ersten Mal ist er nicht der unantastbare Herrscher, sondern ein Mann, der kรคmpft wie ein Tier im Kรคfig.
Meine Stimme ist schwach, doch sie bricht durch. โEs... tut mir leid."
โHalt den Mund!" Seine Hรคnde pressen fester, hรคrter, er zwingt den Atem in meine Lungen zurรผck, als kรถnnte er mich mit Gewalt ans Leben ketten. โDu stirbst nicht. Hรถrst du mich? Du stirbst mir nicht weg."
Das Feuer knackt. Mein Kleid klebt an meiner Haut, nass, kalt. Ich sehe, wie sein Gesicht bebt, wie der Riss in seiner Fassade immer grรถรer wird. Er ruft nach Hilfe, nach Mรคnnern, nach รrzten โ Befehle, die sonst Berge versetzen. Jetzt nichts als Echo.
Mein Baby. Ein einziger, leiser Gedanke, heller als alles andere. Es tut mir leid, Kleines.
Seine Hand streift mein Gesicht, blutverschmiert. โBleib", zischt er, und zum ersten Mal ist es nicht ganz ein Befehl. Zum ersten Mal klingt es wie nackte Angst.
Und das ist mein Trost.
Denn Gideon, der mรคchtigste Mann der Stadt, verliert gerade.
Nicht an Feinde, nicht an Rivalen.
An mich.
Meine Lider werden schwer. Mein letzter Atemzug ist endlich nur meiner.
Er schreit meinen Namen, aber ich lasse los.
Vielleicht bin ich frei.








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ach du liebe gรผte, hier geht ja ordentlich die post ab (ich liebs)