PROLOG
Silvester. Der Lärm der Stadt hallt bis hoch in das Penthouse, dumpf und fern, als würde er nicht zu Marcus’ Welt gehören. Er steht am Fenster, ein Glas Whiskey in der Hand, und sieht auf die glitzernden Straßen von Dallas hinab. Funken sprühen, Raketen steigen in den Himmel – ein neues Jahr, das Verheißungen trägt, aber auch Schatten.
Vor kaum zwei Monaten hatte Sasha in einem Krankenzimmer mit tränennassen Augen sein Ja gehaucht, und Marcus weiß: Es war das größte Geschenk, das er je erhalten hat. Ein Versprechen, das stärker ist als Blut, als Macht, als all die Fesseln seiner Vergangenheit.
Doch in seiner Brust zieht sich alles zusammen, wenn er an das Jahr denkt, das hinter ihnen liegt. Owen, der Verrat, das beinahe Unwiederbringliche, das Sasha zerstört hätte. Mayra, deren Gift noch immer in den Mauern des Penthouse zu haften scheint, obwohl man sie längst in eine geschlossene Einrichtung gebracht hat. Und über allem: die Blackwoods, sein altes Leben, das wie ein Schreckgespenst über ihm thront.
Sein Unternehmen ist angeschlagen, die Schlagzeilen der Presse zerren an seinem Namen, an Redworth Logistics, an dem Vertrauen, das er sich in Dallas so mühsam aufgebaut hatte. Niemand vertraut einem Blackwood. Nicht einmal, wenn er mit jedem Atemzug beweisen will, dass er kein Teil dieses Erbes mehr ist.
Marcus drückt die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe, schließt die Augen für einen Moment. Er hat alles riskiert – und doch auch alles gewonnen. Sasha. Sein Engel.
Die Tür springt auf und Sasha hüpft förmlich ins Zimmer, voller Energie, als hätte er den ganzen Flur entlang Anlauf genommen. Sein Grinsen breitet sich sofort aus wie Sonnenlicht, das durch einen Vorhang bricht. Er wirft den Kopf leicht zurück, die langen Haare wippen dabei, und mit ausgestreckten Armen dreht er sich einmal um die eigene Achse, als wolle er eine Bühne betreten.
An ihm hängen die neuen Sachen, die Marcus ihm in New York besorgt hat, und er trägt sie mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er nie etwas anderes angehabt. Der Designer-Hoodie, noch ein wenig zu groß, wirkt fast wie eine Rüstung, die ihn größer und mutiger erscheinen lässt. Die zerrissene Jeans gibt ihm dieses unruhige, wilde Etwas, und bei jedem Schritt klacken die nagelneuen Jordans leise auf dem Holzfußboden – noch so sauber, dass sie fast spiegeln.
"Na?", ruft er mit funkelnden Augen und stellt sich breitbeinig hin, die Hände in die Hoodie-Taschen vergraben, so als würde er ein Fotoshooting eröffnen. "Seh ich nicht aus wie jemand, der endlich angekommen ist?" Seine Stimme überschlägt sich vor Stolz, und er kann das Lachen kaum zurückhalten.
Die Freude ist so echt, so ungebremst, dass sie sofort den Raum erfüllt, als hätte Sasha das Licht gleich mit hereingebracht.
Marcus’ Lächeln wird weich, warm, fast ein wenig überwältigt, als er Sasha so strahlend im Zimmer sieht. "Mein Baby sieht zum Anbeißen aus", sagt er leise, fast ehrfürchtig, und seine Augen bleiben an Sasha hängen, als könnte er den Anblick nie wieder loslassen.
Sasha lacht hell, ein freies, gläsernes Lachen, das sofort ansteckt. Er hüpft die letzten Schritte hinüber, schwingt die Arme fest um Marcus’ Hals und drückt sich an ihn, als könne er ihn in diesem Moment verschlucken. "Frohes Neues Jahr, Marcus", haucht er, und während draußen die Raketen den Himmel zerreißen, blitzt das Licht durch das Fenster hinein.
An Sashas linker Hand fängt der silberne Ring den Schimmer des Feuerwerks ein, schlicht und makellos, ein Band aus purem Versprechen. Er funkelt, als wüsste er genau, dass er nicht nur Schmuck ist – sondern ein Symbol für all das, was Marcus in diesem Engel gefunden hat.
Marcus senkt den Kopf, fängt Sashas Lächeln mit einem sanften Kuss ein. Nur ein Hauch, doch voller Tiefe und Versprechen. Seine Hand gleitet behutsam über Sashas Rücken, als wolle er ihn in diesem Moment für immer bei sich festhalten.
"Frohes Neues Jahr, mein Engel", murmelt er gegen Sashas Lippen, die Worte weich und ernst zugleich. Draußen explodieren Funken am Himmel, doch für Marcus gibt es nur den Jungen in seinen Armen – sein Licht, sein Beginn, sein Alles.








