Kinder der Nacht

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Summary

Sie wollten ihn brechen. Jetzt jagt er die, die andere zerstören. Die Kinder der Nacht sind keine Helden. Sie sind gebrochene Seelen, von Engeln berufen, um Dämonen zu jagen – und sich selbst zu retten. Flynn ist einer von ihnen. Gezeichnet von Gewalt und Schmerz, steht er am Rand der Welt. Doch als Gavin ihn in die Schatten ruft, beginnt eine Reise, die ihn nicht nur zu einem Krieger macht, sondern zu einem Suchenden. Zwischen Himmel und Hölle, Wahrheit und Täuschung, muss Flynn erkennen: Nicht alle Engel sind Licht. Nicht alle Dämonen sind Dunkelheit. Und manchmal ist der Abgrund der einzige Ort, an dem man sich selbst findet. Triggerwarnung: „Kinder der Nacht“ erzählt von tiefem Schmerz, Überleben und der Suche nach Wahrheit. Die Geschichte enthält explizite Darstellungen von Missbrauch, Gewalt, Folter, Suizidgedanken und sprachlicher Härte. Ich habe sie mit größter Sorgfalt geschrieben – doch wenn du dich mit diesen Themen unwohl fühlst oder eigene Erfahrungen damit hast, überlege bitte, ob du dich sicher fühlst, weiterzulesen. © Alle Rechte vorbehalten

Status
Complete
Chapters
25
Rating
5.0 7 reviews
Age Rating
18+

Prolog

„Flynn!“

Ein einziges Wort, das so nichtssagend war wie sein ganzes Leben.

Flynn sollte es bald nicht mehr geben. Er besaß keinen Lebenswillen mehr und wollte einfach aus diesem Leben verschwinden.

Wer davon Wind bekommen hatte, konnte er sich nicht erklären. Es war ein spontaner Entschluss gewesen und es gab auch keinen unsinnigen Abschiedsbrief, in dem er tränenreich erklärte, warum er von dieser Welt schied.

Er wollte einfach nur allem entkommen. Vor allem dem Schmerz, den man ihm schon seit Jahren zufügte.

„Komm sofort zurück, Flynn! Das ist doch nicht die Lösung.“

Flynn hörte nicht auf die Stimme hinter ihm. Warum auch? Er kannte niemanden von denen, die jetzt so fürsorglich wirkten.

Bisher kümmerte sich niemand für ihn. Warum also jetzt? Nur weil er endlich das tat, was er schon lange hätte tun sollen?

Er stand auf und balancierte den Steg entlang, der ihn zum Höhepunkt der Brücke brachte, die heute seine Befreiung bringen sollte.

„Flynn, bitte bleib stehen. Deine Eltern machen sich Sorgen.“

Einen Moment lachte er freudlos. Da gab es keine Eltern. Die gab es noch nie. Er war schon seit der Geburt unerwünscht gewesen. Diese Stimme meinte wohl seine Pflegeeltern. Also die machten sich keine bestimmt keine Sorgen um ihn, sondern nur um das Geld, das sie verlieren würden, wenn er seinen Plan durchzog.

„Komm herunter, Junge. Wir werden dir helfen.“

Er machte sich keine Illusionen mehr. Es würde nichts bringen, wenn er zurückging. Erst würden sich alle um ihn bemühen. Man würde ihn bei jemanden anderen unterbringen, wenn man die Narben sah, die ihm sein Pflegevater mit einem glühenden Zigarettenstummel bescherte. Man würde die Striemen auf seinem Rücken sehen, die er von dem leiblichen Sohn der Pflegeeltern bekam, der es lustig fand, Flynn mit einem Rohrstock zu quälen. Man würde auch seinen wunden Hintern sehen und das Blut bemerken, dass die verschiedenen Sexspielzeuge ihm einbrachten, welche eben dieser sogenannte Bruder in aller Regelmäßigkeit in seinen Hintern rammte. Je mehr Flynn heulte, desto mehr genoss es dieses Arschloch. Sie würden ihn bedauern, weil er sich nicht wehren konnte. Sie würden auch rätseln, warum die Pflegemutter so gleichgültig gewesen war. Man würde Flynn bei anderen unterbringen, die genauso waren. Er erlebte es schon so oft. Erst war alles gut und dann, wenn Flynn nicht mehr im Fokus stand, würde man wieder den Frust an ihm auslassen.

Die meisten waren nur hinter dem Geld her und kümmerten sich nicht mehr um einen Siebzehnjährigen, der laut Jugendamt schwer erziehbar war.

Flynn war nicht schwer erziehbar. Er wollte einfach überleben.

Heute gab er es aber auf.

Sein Pflegebruder hatte ihn wieder gequält und erwartet, dass er Tränen in Flynns Augen bemerkte.

Doch heute weinte Flynn nicht und das machte seinen Pflegebruder unsicher. Mehr noch. Flynn hatte ihm den Bambusstock über das Gesicht gezogen und dann seine Faust in die Fresse gerammt, bevor er davon gerannt war.

Er wusste, dass er nichts mehr zu verlieren hatte.

Er wollte nicht mehr.

Er gehörte nicht hierher.

„Flynn. Mach keine Dummheiten, Junge.“

Dummheiten?

Wieder lachte Flynn.

Das war keine Dummheit.

Es war das Beste, was er je tun konnte.

Er stieg die Leiter nach oben, die ihn auf den höchsten Punkt der Brücke bringen sollte. Er hörte nicht mehr das schwere Atmen, das ihn noch vor einiger Zeit verfolgte.

Offensichtlich gab man auf.

Wir haben dich nie aufgegeben, Flynn.

Er schüttelte unwillig den Kopf.

Diese Stimmen kannte er.

Sie waren einschmeichelnd und gleichzeitig grausam.

Sie versprachen alles und nichts.

„Verschwindet! Ihr haltet mich auch nicht auf.“

Er hörte ein Kichern.

Wir wollen dich nicht aufhalten, mein Lieber. Du bist so weit. Endlich. Wir haben so lange auf dich gewartet. Er hat auf dich gewartet.

Unbeirrt kletterte er weiter nach oben. Er hörte die Stimmen unter ihm etwas murmeln. Das waren nicht die Stimmen, die ihn schon seit einiger Zeit verfolgten. Das waren die Leute, die vor ein paar Minuten noch versprachen, dass alles besser werden würde. Doch nun gab man ihn wohl auf. Man beratschlagte, was man mit der Pflegefamilie machte, die nicht einmal hierher gekommen war. Nur ein Mann schien ihn nicht aufgeben zu wollen. Zumindest hörte Flynn wieder jemanden, der ihn wieder verfolgte.

Oh, Gavin versucht, dich aufzuhalten. Zu spät, Idiot!

Die Stimmen lachten und kicherten. Es hörte sich auf einmal an, als ob mehrere Männer und Frauen neben Flynn stehen würden.

„Verpisst euch gefälligst! Er gehört zu uns.“

Das war wohl dieser Gavin. Seine Stimme war tief und er klang sehr verärgert.

Nein! Er wird zu uns in die Hölle kommen. Und wir werden ihn weiter quälen. Das ist das Gesetz.

„Er kennt mein Angebot noch nicht. Also haltet einen Moment eure Fresse, damit ich mit ihm reden kann.“

Zu spät, Gavin! Er ist schon seit Jahren von unserem Herrn auserwählt.

„Sagt Gauna, er soll sich nicht so anstellen. Was will er mit der halben Portion? Nein! Ihr haltet jetzt eure Fresse. Vielleicht habt ihr Glück und er will gar nicht mit mir kommen.“

Flynn setzte sich auf einen der hohen Brückenpfeiler und starrte nach unten. Nur ein kleiner Schritt.

HAHAHA, du bist ein Loser, Gavin! Zu spät! Wie immer!

Flynn schüttelte den Kopf und hielt sich die Ohren zu, als ob er so die Stimmen ausblenden könnte.

Erschrocken schaute er auf, als sich jemand neben ihn setzte. Das musste Gavin sein.

Er sah aus wie ein normaler Mann. Nun, nicht ganz. Er sah sehr gut aus. Wie ein Surfer. Eine Baseballkappe trug er verkehrt herum und er richtete nun seine Sonnenbrille, die etwas übertrieben war, denn es war stockdunkle Nacht. Sein Shirt spannte sich über seinen mächtigen Oberkörper und Flynn sah bedauernd an sich hinunter. Er war einfach nur dünn. An ihm würde nie etwas spannen. Er würde auch nie solche Muskeln bekommen. Er war einfach nur hässlich mit seinen Pickeln und seiner Hühnerbrust.

Als ob es nicht schon genug wäre, langte Gavin an seine Jeans und richtete sich offensichtlich sein Gemächt.

„Schön hier. Könnte mir hier gefallen. Aber du hast ein verdammt schlechtes Timing, Kleiner. Ich war gerade dabei, eine Elfe zu vögeln, als man mir sagte, dass du endlich so weit bist.“

Er sah zu Flynn und zog grinsend seine Sonnenbrille herunter. Strahlend blaue Augen sahen ihn schelmisch an und zwinkerten ihm zu.

„Ist dir klar, wie lange man braucht, bis man diese Elfen endlich so weit hat, dass sie sich von einem wie mir vögeln lassen?“

Flynn senkte den Kopf.

„Tut mir leid.“, murmelte er.

Gavin schob die Sonnenbrille wieder zurück.

„Ach, schon okay, Kumpel. Irgendwann werde ich schon das Vergnügen haben. Jetzt aber zu dir.“

Das ist unfair, Gavin. Das kannst ihm doch nicht erzählen, dass er vielleicht eine Elfe vögeln könnte.

Gavin lachte.

„Ach, kann ich nicht? Nur weil ihr nicht darauf gekommen seid? Und jetzt haltet eure Fresse. Ich bin dran.“

Flynn sah ihn verwirrt an.

„Du hörst diese Stimmen auch?“

Gavin lachte lauthals los.

„Ob ich sie hören kann? Ich sehe diese Arschlöcher. Und das ist kein schöner Anblick.“ Er sah an Flynn vorbei. „Ihr könnt froh sein, dass ihr im neutralen Bereich seid. Ich hätte nicht übel Lust, euch in die hässlichen Fressen zu schießen.“

Flynn zog leicht sein Genick ein.

„Wer sind die?“

Gavin grinste ihn an.

„Ah, ich sehe also, dass ich Chancen habe. Du bist interessiert und nicht ganz hoffnungslos.“ Er zeigte grinsend seinen Mittelfinger in die Richtung, aus der die Stimmen kamen und streckte frech seine Zunge heraus. Dann wandte er sich wieder an Flynn. „Es sind Dämonen. Und zwar von der ganz miesen Sorte. Sie gehören zu Gauna, einem wirklichen Arsch von Dämon.“

Man hörte die Dämonen schimpfen und fluchen, doch Gavin zuckte nur mit den Schultern.

„Was denn? Ist es nicht so? Gegen Gauna sind die anderen Dämonen doch wahre Engel.“

Er kicherte über den Witz, den er offensichtlich gerade machte, doch gleich darauf wurde er wieder ernst und blickte Flynn fest an.

„Ich sag dir jetzt mal, was dich erwartet, wenn du da runter springst, ohne mich angehört zu haben. Du landest in der Hölle.“

Flynn schluckte hart.

„Ich werde ein Dämon?“

Gavin starrte wieder in die Richtung der Stimmen.

„Das habt ihr ihm gesagt? Euch ist ja wirklich gar nichts heilig, ihr miesen Arschgeigen. Ihr lügt sogar einen Sterbenden an. Wie mies seid ihr denn?“

Wieder hörte man die Stimmen murmeln, aber es war nicht mehr so laut wie vorher. Sie schienen auf einmal weit weg zu sein.

Gavin sah ihn wieder an.

„Nein, du wirst kein Dämon. Du wirst ein Sklave. Sie werden ihren Spaß mit dir haben, denn in der Hölle bist du Freiwild, wenn du deinem Leben freiwillig ein Ende setzt.“ Er sah zu Flynns Hintern und schnalzte mit der Zunge. „Ich sehe, was man dir antat. Das könnte dir da unten sehr oft passieren. Egal, was sie dir versprochen haben, sie werden es nicht einhalten. Dämonen sind dreckige Lügner. Die meisten zumindest.“

Flynn nickte.

„Und was bist du?“

Gavin richtete sich stolz auf.

„Ich bin ein Kind der Nacht.“

Flynn hob zweifelnd eine Augenbraue. Kind? Wollte Gavin ihn verarschen?

Gavin lächelte etwas verlegen.

„Ich weiß, ich sehe nicht wie ein Kind aus. Ich habe den Namen auch nicht ausgesucht. Und Kinder werden nun mal auch erwachsen.“ Er sah an sich herunter. „Obwohl ich echt sagen muss, dass ich mit meinen dreihundert Jahren noch echt klasse aussehe.“

Flynn schluckte.

„Dreihundert Jahre? Bist du ein Vampir oder so was?“

Gavin verzog angeekelt das Gesicht.

„Was? Nein! Ich bin bestimmt kein Blutsauger. Ich versuche es mal, dir alles zu erklären. In Kurzfassung natürlich, falls du immer noch mit den Dämonen gehen willst.“

Er stellt seinen Fuß auf, legte sein Kinn auf das Knie und sah in den dunklen Himmel.

„Wie ich schon sagte, nennt man uns die Kinder der Nacht. Wir sind gequälte Seelen, genau wie du. Wir alle sind Selbstmörder, doch wir wurden von unseren großen Brüdern oder Schwestern aufgehalten.“ Leise schnaubte er. „Nun, das ist auch nicht richtig.“

Er verzog das Gesicht.

„Ich bin das erste Mal ein großer Bruder. Ich fange es wahrscheinlich ganz falsch an. Nun ja! Es ist mein erstes Mal.“ Er kicherte. „Du entjungferst mich gerade, ist dir das klar?“

Du schindest Zeit, Gavin. Bald gehört er uns.

Gavin fluchte laut.

„Ich hab gesagt, ihr sollt die Fresse halten. Ihr hattet eure Chance.“

Er sah zu Flynn.

„Ich mache es jetzt wirklich kurz. Willst du dich rächen an den Klappspaten, die dir das alles angetan haben? Hast du Lust, einige böse Deppen zu jagen? Willst du Spaß haben?“ Er lehnte sich zu ihm. „Willst du ein mystisches Wesen ficken?“ Der letzte Satz klang verrucht und mysteriös.

Flynn keuchte auf.

„Ja.“

Er würde leben und vielleicht etwas wie Gavin sein. Warum sollte er das nicht wollen?

Gavin hob die Hand.

„Vorsicht. Es hat alles seinen Preis. Du wirst einige Jahre ausgebildet und da ist erstmal nichts mit Vögeln. Du wirst ziemlich hart ran genommen und glaub mir, da hast du keine Lust darauf an Sex zu denken. Nach der Ausbildung wirst du ein Jäger für weitere zehn Jahre. Erst dann kannst du deine Rache bekommen. Das gibt allerdings wieder ein paar Minuspunkte bei den Typen da oben.“ Er zeigte zum Himmel. „Sehe das alles als so eine Art Punkte sammeln an. Die da oben sind mit Selbstmördern ziemlich streng, auch wenn du das im Prinzip nicht mehr bist. Schon alleine der Gedanke daran zählt offenbar. Aber je mehr böse Kerle du jagst, desto größer sind deine Chancen auf einen Platz im Himmel.“

Flynn starrte ihn an.

„Ich brauche Sammelpunkte für Gott?“

Gavin lachte.

„Hört sich schlimm an, oder? Aber du musst auch nicht in den Himmel. Du kannst auch hierbleiben und weiter jagen. Glaub mir, die Arbeit geht hier nie aus. Doch das bereden wir später, wenn du dich dazu entschließt den Pakt mit mir einzugehen.“

Flynn sah nach unten.

Die Menschen starrten zu ihm hinauf. Jeder erwartete, dass er sprang. Er sah sogar schon den Leichenwagen.

„Gut. Was muss ich tun?“

Gavin stand auf und reichte ihm seinen Arm.

„Wenn du mir folgen willst, dann berühre meinen Arm. Damit schließt du den Pakt mit uns und der Spaß kann sofort losgehen.“

Flynn zögerte keine Sekunde. Was hatte er schon zu verlieren?

Sobald Flynn seinen Arm berührte, fuhr ein stechender Schmerz durch seinen Unterarm. Sobald der Schmerz vorbei ging, starrte er auf die Stelle. Eine Brandnarbe zierte nun seinen Unterarm. Es war sogar schon verheilt. Es sah seltsam aus. Wie eine Rune. Aber er konnte es absolut nicht einordnen.

„Willkommen, Kind der Nacht.“

Gavin grinste ihn an.

„Und was jetzt?“

Gavin lachte.

„Wie ich schon gesagt habe, beginnt nun der Spaß. Aber erst einmal müssen wir springen.“

Er drehte sich um.

„Vertraust du mir?“

Flynn erstarrte.

„Was?“

Gavin ließ sich nach hinten fallen und packte ihn am Kragen des dreckigen Shirts.

Flynn begann zu schreien, während Gavin lachte.

„Ich sag doch, dass es spaßig wird.“

Das ausgetrocknete Flussbett kam immer näher.

„Ich sterbe.“, brüllte Flynn.

Gavin nickte.

„Ja! Aber nur kurz.“

Kaum sagte er es, prallte Flynn auf und es wurde dunkel um ihn herum.