Der Tag an dem sich alles änderte
Da war Licht. Und Finsternis. Die Ewigkeit.
Zwei Atemzüge lang schien die Welt zu halten.
Alles war still – nur das leise, endlose Beben des Universums, das sie in sich verschlang.
Etwas glühte auf – ein letzter Schimmer, heller als jede Sonne, schneidend wie eine vernichtende Erinnerung.
Er sah es. Den Schatten. Die Zeit. Das Licht. Sich selbst.
Und verstand es – zu spät. Das Firmament brach. Das Sein verlosch.
Ein Laut, kein Schrei, zerriss das All – und dann war nichts mehr.
Kein Oben, kein Unten. Nur Schweigen.
Und irgendwo darin – ein Herzschlag, der aufhörte, Gott zu sein.
Die Nacht der Ewigen hatte begonnen.
Die Sonne brannte gnadenlos auf den steinigen Boden von Per-Djat. Sie ließ das Licht flimmern wie flüssiges Gold, das über der Wüste tanzte.
Der Wind trug den Geruch von Rauch und verbrannter Erde mit sich, als Auron im Schatten der halbverbrannten Hütte seines Vaters lehnte – erschöpft, den Rücken an die Lehmwand gepresst, als könne sie ihn tragen.
Er hatte das Feuer gerade noch löschen können – das Feuer, das die Reiter gelegt hatten, als sie am Morgen durch das Dorf gezogen waren.
Seine Hände zitterten noch von der Hitze und vom Wasser, das er über die Balken gegossen hatte. Der Ruß hatte sich in seine Haut gefressen, und jeder Atemzug schmeckte nach Asche.
Er sah an sich hinab, über die Spuren des Rußes, die seine Haut dunkler färbten, als sie wirklich war.
Einige nannten ihn schön. Er selbst fand sich zu blass, zu anders. Er hob sich zu sehr ab von den Menschen, die hier lebten – seine Haut war nicht von der Sonne gebräunt oder vom Staub des Lebens gefärbt.
Sie blieb hell, fast wie feine Seide, obwohl er Tag für Tag unter der Sonne arbeitete. Häufig verbarg er sein Haar unter einem Leinentuch, doch nun fiel es ihm über die Schultern, lange Strähnen, die im Licht schimmerten, als hätte die Sonne selbst sie berührt. Und seine Augen waren blau, klar, tief wie der Himmel über der Wüste. Manchmal, an stillen Tagen, fragte er sich, ob er wirklich hierher gehörte.
Ein dumpfes Grollen riss ihn aus dem Gedanken. Hufschläge. Er erkannte sie sofort. Die Reiter kamen zurück.
Der Boden vibrierte unter ihren Tritten, der Wind wirbelte Staub auf, und das ganze Dorf hielt den Atem an.
Niemand sprach. Niemand bewegte sich. Als die Reiter anhielten, senkten die Menschen ringsum die Köpfe, gingen in die Knie. Nur Auron nicht. Er hob den Blick – wütend, fassungslos.
Die Hütte seines Vaters, sein Zuhause, sein Leben – sie hatten es einfach angezündet.
Der Mann an der Spitze des Trupps saß aufrecht im Sattel. Breit gebaut, die Haut goldbraun glänzend im Sonnenlicht, die Augen kalt und prüfend.
Auf seinem Arm prangte das Zeichen der königlichen Garde – der Falke auf der goldenen Sonne. Das Siegel des Kronprinzen. Er trug den Willen des Thrones mit sich.
Auron spürte, wie der alte Krämer, der Nachbar seines Vaters, an seinem Gewand zupfte, als wolle er ihn niederzwingen.
„Kopf runter, Junge!“, flüsterte er heiser, voller Panik.
Doch Auron rührte sich nicht. Der Befehlshaber grinste – ein schmales, schneidendes Lächeln.
„Hab ich dich endlich gefunden“, sagte er leise.
Auron verstand nicht. Zwei Männer stiegen auf seinen Wink hin ab, der Sand knirschte unter ihren Schritten. Auron wich einen halben Schritt zurück. „Was… was soll das?“
Die Hände der Männer griffen grob nach seinen Armen. Er wollte sich losreißen. „Lasst mich! Ich hab nichts getan!“
„Es stimmt!“, rief der alte Mann neben ihm. „Er ist nur der Sohn des Heilers! Bitte – nehmt, was ihr wollt, aber lasst ihn in Frieden!“
Weitere Stimmen erhoben sich, flehend, ängstlich.
Der Befehlshaber schickte ihnen nur einen bösen Blick, und sie verstummten. Dann nickte er. Die Wachen zerrten Auron vor sein Pferd.
Der Mann beugte sich herab, griff in Aurons Haar und zog seinen Kopf hoch, zwang ihn, ihn anzusehen. Auron presste die Lippen zusammen, das Licht stach in seine Augen, aber er wich nicht zurück. Der Blick des Mannes glitt langsam über sein Gesicht – abschätzend, als prüfe er ein Stück Ware. Dann sagte er leise, fast belustigt: „Oh, du wirst dem Kronprinzen gefallen.“
Auron blinzelte. Er verstand immer noch nicht – oder wollte es nicht verstehen.
„Lasst mich los!“, stieß er hervor, doch der Wind trug seine Worte davon.
Jemand lachte. Grob wurden ihm die Handgelenke gepackt, Seile schnitten in seine Haut. Panisch riss er sich los, trat nach den Männern, aber der Schlag eines Ellenbogens traf ihn in die Seite, ein dumpfer Schmerz raubte ihm den Atem. Ein Tritt in die Kniekehlen ließ ihn zu Boden sinken. Die Sicht verschwamm. Dann presste ihm jemand ein Stück Stoff in den Mund – grob, schmerzhaft, damit er still war.
Der Befehlshaber wandte den Blick ab, als sei die Sache entschieden. Einer der Reiter schwang sich in den Sattel, packte Auron am Arm und zog ihn vor sich aufs Pferd.
Dann griff er in seine Tasche, warf dem alten Krämer ein kleines Säckchen vor die Füße. Es fiel in den Staub, klimperte dumpf. Ein paar Goldstücke sprangen heraus und funkelten im Sonnenlicht. „Sagt dem Heiler. Der Horus dankt für die hervorragende Ware.“ Ein schmutziges Lächeln begleitete die Worte.
Auron erstarrte. Ware? Das Wort schnitt wie ein Messer. Er verstand. Langsam – mit der Klarheit eines Schlages. Deshalb waren sie hier. Sie hatten nach ihm gesucht. Und sein Vater… hatte ihn hergegeben? Verkauft?
Der alte Kremer schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Götter, erbarmt euch…“, flüsterte er, kaum hörbar.
Einer der Reiter hielt kurz inne, sein Blick kalt, die Stimme von Spott durchzogen. „Spart euch das Gebet, alter Mann — der Gott, dem dieser Sklave nun gehört, ist nicht für sein Erbarmen bekannt.“
Dann griffen sie in die Zügel, stießen die Fersen in die Flanken der Tiere. Auron spürte den Ruck, die Bewegung. Er sah ein letztes Mal zurück – sah den Rauch über der Hütte seiner Eltern, das flirrende Licht über dem Sand. Dann trieb der Reiter das Pferd an und der Boden unter ihm wich zurück – wie der letzte Rest eines Lebens, das ihm genommen worden war.
