Kapitel 1
Kapitel 1
Lauren
Ich rannte. Die Treppen hinunter, Stufe für Stufe, so schnell, dass ich beinahe stürzte. Doch ich konnte nicht anhalten. Ich durfte nicht anhalten. Seine Wut hallte wie ein Echo in meinem Rücken wider, seine Stimme brannte sich in mein Bewusstsein. Ich rannte, bis ich die Haustür aufriss, hinaus in die Dunkelheit der frühen Morgenstunden. Der Asphalt war nass, der Himmel grau. Meine Schuhe spritzten Wasser auf, doch ich merkte es kaum. Ich hechtete zu meinem Auto, meine Hände zitterten, meine Beine fühlten sich an wie Pudding.
Für einen Moment stand ich da, unfähig zu atmen. Dann wühlte ich mit zitternden Fingern in meiner Tasche, fand endlich den Schlüssel, riss die Autotür auf, stieg ein und verriegelte sofort alle Türen. Mein Atem ging stoßweise. Tränen liefen mir über die Wangen. Ich legte die Stirn auf das Lenkrad. Mein ganzer Körper bebte, als würde die Angst in mir nachhallen.
Ich wagte kaum zu atmen. War ich in Sicherheit - oder würde er mich noch einholen?
Ein paar Tage zuvor:
„Kennst du das Gefühl, wenn dein Leben sich wie ein sicherer Hafen anfühlt und du plötzlich merkst, dass es nur eine Illusion war?“
„Ja, perfekt. Dieser Satz klingt gut“, murmelte ich vor mich hin und lächelte, während ich die Zeilen tippte. Bald würde mein zweiter Roman veröffentlicht werden und ich musste endlich zum Ende kommen. Meine Protagonisten verdienten ihr Happy End, nach all dem Drama, das ich ihnen zugemutet hatte. Ich glaubte an die wahre Liebe. Daran, dass sie Hindernisse überwinden kann. Dass sie wächst, wenn man an sie glaubt. Genau dieses Gefühl wollte ich meinen Lesern mitgeben. Liebe war für mich der Schlüssel zu allem.
Ich starrte auf den Bildschirm und überlegte, wie es im nächsten Kapitel weitergehen sollte, als mein Handy vibrierte.
„Hey Schatz, ich komme auch heute leider zu spät. Wir haben ein wichtiges Meeting. Es tut mir leid.“
Ich las die Nachricht von Liam, meinem Verlobten. In zwei Monaten war unsere Hochzeit. Ich war aufgeregt und hatte alle Hände voll zu tun. Liam war dabei keine große Hilfe. Meistens arbeitete er bis spät in die Nacht.
Er war Bauleiter in einer mittelständischen Firma und die rechte Hand des Oberbauleiters. Sein Terminkalender war voll.
Ich betrachtete die Nachricht und dann schweifte mein Blick durch die Wohnung. Wie still es ohne ihn einfach war, wie leer sich alles anfühlte. Es war bereits das dritte Mal in dieser Woche, dass er abends absagte.
Ein leiser Stich fuhr mir durchs Herz. Ich bemühte mich, ihn zu verstehen. Er hatte viel Verantwortung, und ich wollte ihn unterstützen. Wir würden das gemeinsam schaffen. Davon war ich überzeugt.
Mit einem vorsichtigen Lächeln schrieb ich zurück:
„Alles gut. Pass einfach auf dich auf.“
Nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte, ging ich in die Küche, um mir einen Tee zu machen. Während das Wasser aufkochte, war ich wieder ganz in Gedanken bei meinem Roman.
Plötzlich klingelte mein Handy erneut. Ich stellte die Tasse ab und lief hastig in mein Arbeitszimmer.
Vielleicht war es Liam, der mir noch etwas sagen wollte.
Doch als ich auf das Display sah, war es nicht sein Name, der aufleuchtete. Christopher, mein bester Freund seit Kindertagen, mit dem ich alles geteilt hatte.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich nahm sofort ab.
„Hey Kleines“, hörte ich ihn laut und deutlich.
„Hey Chris, was verschafft mir die Ehre?“, neckte ich ihn, während ich mich in meinen Sessel fallen ließ.
„Ich wollte dir sagen, dass ich in drei Tagen da bin. Ich habe endlich den Flug gebucht.“
Mein Herz machte einen Sprung. Nach drei Jahren würden wir uns endlich wiedersehen. Wie sehr hatte ich ihn vermisst.
„Wie lange wirst du bleiben?“
Ein hörbares Seufzen.
„Ich komme endgültig zurück. Kanada macht mich nicht glücklich. Ich vermisse meine Freunde. Meine Familie. Alles hier.“
Dann hörte ich sein Grinsen in der Stimme. Ich hatte vergessen, wie seine Stimme klang, wenn er lachte. Wie schnell sie Räume füllen konnte. Und meine Brust mit einem Gefühl, das ich lange nicht gespürt hatte.
„Und wer weiß, was noch alles auf mich wartet, wenn ich erst mal zurück bin.“
„Oh, ich bin mir sicher, dass du einigen Frauen das Herz brechen wirst“, konterte ich.
„Ach komm schon, Laurie. Du kennst mich. Die Frauen lieben mich. Und ich liebe sie. Bis ich meinen passenden Deckel gefunden habe, muss ich wohl weitersuchen. Stimmt’s?“
Ich lachte. Diese Gespräche hatten mir gefehlt.
„Stimmt wohl. Aber das heißt, du kannst dann auch zu meiner Hochzeit kommen. Ich freue mich riesig. Du kannst mir bei den Vorbereitungen helfen.“
Eine kurze Stille entstand.
„Ich glaube, ich habe es mir anders überlegt. Ich bleibe doch noch eine Weile hier“, sagte er grinsend. „Warum hilft dir eigentlich nicht dein zukünftiger Ehemann? Es ist schließlich auch seine Hochzeit.“
Ich war diejenige, die nun seufzte. „Weißt du, er hat sehr viel zu tun mit seinen Baustellen. Meine Arbeit ist planbarer, deshalb habe ich die Organisation übernommen. Und er unterstützt mich, wo er kann.“
Beim letzten Satz musste ich bitterlich feststellen, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Ich machte alles alleine, weil Liam von Anfang an nicht begeistert von der Idee gewesen war, eine Hochzeit zu feiern. Ich war diejenige, die unbedingt ein Fest und ein großes Brautkleid wollte. Schon als Kind hatte ich davon geträumt, ein weißes Prinzessinnenkleid zu tragen.
„Hey Bunny …“ Bevor er weitersprechen konnte, unterbrach ich ihn. „Nenn mich nicht so. Du weißt, ich hasse es.“
Sein Lachen wurde lauter, und ich konnte nicht anders, als mitzulachen. „Ich weiß, deshalb mach ich’s ja. Aber was ich eigentlich sagen wollte: Ich werde dir helfen, wo ich kann. Ich lass dich nicht hängen.“
Diesmal klang seine Stimme ernst, und ich spürte sofort Ruhe in mir. Ganz egal, wie nervig Christopher manchmal sein konnte, auf ihn war immer Verlass. Er war schon immer mein Ruhepol gewesen.
„Danke, bester Freund. Ich habe dich wahnsinnig vermisst und freue mich, dich wiederzusehen.“
„Ich weiß, Kleines. Niemand kann dem Christopher widerstehen. Das ist diese besondere Energie, die ich ausstrahle“, neckte er weiter, und ich verdrehte die Augen.
„Okay, genug geprahlt. Schick mir deine Flugdaten, ich hole dich vom Flughafen ab.“ „Geht klar, Laurie. Ich schicke sie dir gleich.“
Nachdem wir aufgelegt hatten, spürte ich eine warme Vorfreude in mir aufsteigen. Christopher hatte mir wirklich gefehlt. Ich erinnerte mich noch an den Tag, an dem er mir sagte, dass er nach Kanada gehen würde, um dort seinen Master zu machen. Er hatte sein Studium abgeschlossen, war noch ein weiteres Jahr geblieben, und nun – nach drei Jahren – würde er endlich zurückkommen.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Als ich den Schlüssel im Schloss hörte, blickte ich von meinem Bildschirm auf und sah, dass es draußen bereits dunkel war. Sofort verließ ich mein Arbeitszimmer und ging in den Flur, um Liam zu empfangen.
Er legte gerade seine Jacke auf das Sofa, als ich kam. „Hey“, lächelte ich ihn an.
Er sah mich nicht an und murmelte nur ein leises „Hey“ zurück. Dann ging er direkt ins Bad, während ich irritiert stehen blieb.
Dieses desinteressierte Verhalten hatte sich in letzter Zeit gehäuft und verunsicherte mich zunehmend. Ich wusste, dass er im Moment sehr viel zu tun hatte und oft müde war, aber dass er sich so deutlich von mir abwandte, gefiel mir nicht. Jedes Mal, wenn ich ihn darauf ansprach, reagierte er genervt und warf mir mangelndes Verständnis vor. Also beschloss ich, keine neue Diskussion anzufangen und es einfach hinzunehmen.
Nach einigen Minuten kam er aus dem Bad, und ich wartete im Schlafzimmer auf ihn – in der Hoffnung, wenigstens ein paar Worte miteinander wechseln zu können.
Er zog sich um und legte sich sofort ins Bett. „Liam …“, fragte ich leise.
„Was ist, Lauren? Ich bin müde und will einfach nur schlafen. Ich muss morgen früh raus, es gibt Probleme auf der Baustelle.“ Seine Stimme war gereizt.
Für einen Moment schloss ich die Augen und versuchte ruhig zu bleiben. Die Frage hatte sich erübrigt. Wie so oft hatte er es vergessen.
Morgen wollten wir die Location besichtigen, und ich hatte ihn gebeten, sich freizunehmen, damit wir diesmal gemeinsam hingehen konnten. Er hatte die Location bisher noch gar nicht gesehen. Morgen hätte es das erste Mal sein sollen.
„Ist okay. Gute Nacht“, flüsterte ich und drehte mich auf die Seite. Ich versuchte zu schlafen, aber die Enttäuschung war zu groß.
Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Leise stand ich auf, weil ich nicht wollte, dass er bemerkte, dass ich weinte. Ich ging hinaus auf die Terrasse und atmete tief die frische Nachtluft ein.
Die Tränen, die ich bis eben unterdrückt hatte, liefen nun langsam über meine Wangen. Ich verstand einfach nicht, warum er meine Interessen nicht teilte.
Während ich aufgeregt war und mich auf jeden einzelnen Schritt freute, schien es ihm völlig gleichgültig zu sein, wie weit die Hochzeitsvorbereitungen waren.
Und das verletzte mich zutiefst. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, ab wann sich Liam so verändert hatte.
Früher war er gelassener gewesen, aufmerksamer, neugieriger auf das, was mich beschäftigte. Jetzt redeten wir kaum noch miteinander, gemeinsame Unternehmungen gab es so gut wie keine mehr. Ich konnte mich nicht einmal erinnern, wann wir zuletzt ein richtiges Date gehabt hatten.
Als ich vor zwei Jahren entschieden hatte, meinen Job aufzugeben, um mich voll und ganz auf meine Karriere als Autorin zu konzentrieren, hatte er mich zunächst unterstützt. Doch wirklich überzeugt war er nie. Er war der Erste gewesen, der meine Entscheidung belächelt hatte.
Der Anfang war nicht leicht. Es gab viele offene finanzielle Fragen, und ich hatte keine Ahnung, ob ich mit meinen Büchern je Erfolg haben würde. Aber als mein erstes Buch sich gut verkaufte und die ersten positiven Rückmeldungen kamen, schien er meine Entscheidung zu akzeptieren. Zumindest tat er so.
Trotzdem hatte er nie wirklich mein Buch gelesen. Er hatte nie gefragt, woran ich gerade arbeitete. Es interessierte ihn einfach nicht.
Ich fragte mich, ob das nur eine Phase war. Ob es irgendwann wieder besser werden würde. Vielleicht war der Stress gerade einfach zu viel. Vielleicht würden wir nach der Hochzeit, wenn alles etwas ruhiger war, wieder zueinanderfinden.
Langsam wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich wollte daran glauben, dass alles nur eine stressige Phase war. Ich wollte glauben, dass nach der Hochzeit wieder Ruhe einkehren würde. Dass wir wieder lachen und uns nah sein würden, so wie früher.
Die Nachtluft war kühl, aber sie tat gut. Ich atmete tief ein, ließ den Blick über die dunklen Häuserdächer schweifen und versuchte, die Gedanken zu vertreiben. Für einen Moment war es still. Nur der Wind bewegte die Blätter der Bäume, und das ferne Rauschen der Straße drang bis zu mir.
Dann vibrierte mein Handy auf dem kleinen Terrassentisch. Ich griff automatisch danach und entsperrte den Bildschirm.
Eine Nachricht über Instagram. Kein Name, den ich kannte. Kein Profilbild. Keine erkennbaren Informationen. Nur ein kurzer Satz.
No Info: Du solltest wissen, dass du nicht die Einzige bist, die er heiraten will.
Ich starrte auf die Nachricht. Mein Herz begann zu rasen. Für einen Moment war alles um mich herum still. So still, dass ich meinen eigenen Atem hörte.
Ein Scherz? Ein Irrtum? Oder war das, was ich tief in mir längst befürchtet hatte, nun Wirklichkeit?
Ich konnte den Blick nicht von dem leuchtenden Display lösen.