Ich sehe Dich

All Rights Reserved ©

Summary

Franziska Korzen fällt nicht auf. Sie achtet darauf, nichts Falsches zu sagen, niemandem im Weg zu sein, alles richtig zu machen. Nur auf dem Reiterhof, zwischen Pferden und vertrauten Gesichtern, kann sie so sein, wie sie wirklich ist. Noah Sandermann ist das Gegenteil: beliebt, laut, Handballkapitän – ein Junge mit Charme, Witz und der großen Klappe, die alle lieben. Doch seine Coolness ist Fassade. Hinter dem Lächeln steckt jemand, der sich längst selbst verloren hat – zwischen dem Druck seines Vaters und der Angst, zu versagen. Als Noah plötzlich Franzi um Nachhilfe bittet, treffen zwei Menschen aufeinander, die gelernt haben, sich zu verstecken – der eine hinter Sprüchen, die andere hinter Schweigen. Was als Pflicht beginnt, wird zu Freundschaft, zu Vertrauen und schließlich zu etwas, das keiner von beiden geplant hat. Franzi zeigt Noah, dass er sich nicht hinter seiner Maske aus Rebellion und Spott verstecken muss, um Anerkennung zu bekommen. Und Noah hilft Franzi zu begreifen, dass es wichtiger ist, sich selbst im Spiegel ansehen zu können, als von allen gemocht zu werden. Gemeinsam entdecken sie, dass man niemand anderes sein muss, um beliebt zu sein – und dass es Mut braucht, man selbst zu sein. Changing Keys ist eine Geschichte über Freundschaft, erste Liebe und den Mut, echt zu bleiben, wenn alles andere einfacher wäre.

Status
Complete
Chapters
13
Rating
5.0 1 review
Age Rating
13+

Prolog

„Du schaffst das schon!“

Die Worte hallten in meinem Kopf nach, als ich mit langsamen Schritten auf die kleine Bühne zuging, die nur wenige Meter von unserem Tisch entfernt aufgebaut war. Ich hätte nicht mal sagen können, ob sie von meinem Vater gekommen waren, Noah sie mir zugeflüstert hatte oder ich mir nur selbst Mut machen wollte. Meine Hände durchfeuchteten den mehrfach gefalteten Zettel in meiner Hand und zitterten mit meinen Knien um die Wette. Das Herzklopfen klang in meinen Ohren so laut, dass ich mir sicher war, auch Alina in der hintersten Ecke würde es deutlich hören können. Während ich darauf wartete, dass Moritz das Mikrofon auf meine Höhe einstellte, ließ ich den Blick durch den großen Raum im Obergeschoss der Stadthalle gleiten.

Erwartungsvolle Gesichter sahen mir von den langen Tischreihen entgegen, durch die vereinzelt Kellner eilten, um Getränke zu verteilen. Meine Mutter warf mir ein beruhigendes Lächeln zu und beugte sich dann zu Daniela Sandermann hinüber, die ihr schräg gegenüber saß.

„Du kannst“, sagte Moritz mit einem Augenzwinkern und sprang von der Bühne. Die Sohlen seiner schwarzen Sneaker gaben ein dumpfes Geräusch von sich, als sie auf den Holzboden der Tanzfläche trafen. Ich zuckte erschrocken zusammen, schloss kurz die Augen und trat dann ans Mikrofon. Ein pfeifendes Geräusch entstand, als ich mich räusperte und dabei meine Zettel auseinanderfaltete. Das Stimmengewirr wurde leiser und verstummte dann schließlich ganz.

Was hatte ich mir nur dabei gedacht, zuzusagen, die Rede beim Abschlussball zu halten? War ich von allen guten Geistern verlassen worden? Doch jetzt war es zu spät. Jetzt musste ich da durch - ob ich es wollte, oder nicht. Ein letzter Blick auf Noah, der an unserem Tisch den Stuhl neben meinem hatte und mir jetzt aufmunternd zunickte. Dann drückte ich meinen Rücken durch, hob den Kopf und lächelte, als würde ich Geld dafür bekommen.

„Liebe Mitschüler, liebe Eltern, liebe Lehrer der MGG Osterode - und Herr Hartmann“, begann ich meine Rede und fixierte dabei einen mannshohen Ficus neben der Bar.

„Als man mir sagte, dass ich in diesem Jahr die mit dem besten Abschluss sein würde, hat mich das natürlich gefreut. Allerdings hätte ich mir dafür eine weniger aufregende Belohnung gewünscht, als diese Rede zu halten. Es fühlt sich ziemlich seltsam an, heute hier oben zu stehen. Vor sechs Jahren hätte ich eher daran gedacht, den Abend damit zu verbringen, irgendwo am Rand zu sitzen und nicht aufzufallen.“ Ich lachte verlegen und registrierte vereinzeltes Gekicher aus den hinteren Reihen.

„Sechs Jahre Max-Gundlach-Gesamtschule. Sechs Jahre, in denen wir uns nicht nur durch unzählige Arbeiten, Projekte und Sportstunden gequält, sondern auch gelernt haben, was es bedeutet, zusammenzuhalten, uns gegenseitig zu unterstützen und uns unserem persönlichen Endgegner zu stellen. In meinem Fall hieß der Algebra. Unsere Lehrer haben uns dabei mehr unterstützt, als uns vermutlich bewusst war. Und uns mehr ertragen, als wir zugeben würden. Frau Müller, die sich nach den Ferien immer erst nach unseren Erlebnissen erkundigte, weil sie genau wusste, dass vorher ohnehin niemand arbeiten würde. Und die mit ihren Kommentaren dazu oft besser war als jede Comedy-Show.“ Ich hörte ein verhaltenes Glucksen vom Tisch der Lehrer.

„Oder Frau Krüger, deren Standardsatz „Please answer in complete sentences“ so manchen zur Verzweiflung gebracht hat.“ Ich sah Noah mit den Augen rollen und hörte Mirja Krügers melodisches Lachen irgendwo rechts von mir, bevor ich den Faden wieder aufnahm. „Jochen Rawe, der Mann, der sein Fahrrad wie ein Puzzle nach Hause getragen hat, als es in Einzelteilen am Ständer hing. Andere hätten geschimpft, er hat’s einfach wieder zusammengebaut und nie ein Wort darüber verloren.

Und wer erinnert sich nicht an unsere Abschlussfahrt nach Berlin, die dank des Hostels eher einem Survival Training glich. Aber durch Frau Müller und Herrn Rottmann hatten wir trotzdem eine richtig tolle Woche und mindestens einen Moment, der unvergessen bleiben wird. Und genau das war es, was uns als Klasse ausgemacht hat. Wir haben gestritten, uns genervt, wieder vertragen - aber am Ende ist niemand zurückgelassen worden. Wir haben zusammengehalten, auch dann, wenn es mal schwierig wurde.“

„Genau so ist es“, hörte ich Luca Moreno von irgendwo rufen. Einige Mitschüler klopften zustimmend auf die Tische. Ich holte tief Luft und schaute kurz auf meinen Zettel, bevor ich ihn wieder zusammenfaltete.

„Diese sechs Jahre haben uns alle irgendwie geprägt. Den einen mehr, den anderen weniger. Einige negativ, aber die meisten von uns positiv. Und wenn ich auf mich selbst blicke, dann sehe ich eine schüchterne, graue Streber-Maus, die sich lieber hinter ihren Büchern versteckte und erst lernen musste, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Und dass Mut immer belohnt wird.“

Ich senkte den Kopf und ließ den Satz für einen Moment so stehen. Während ich die Rede in die Tasche meiner Strickjacke gleiten ließ, dachte ich daran zurück, wie sich die letzten zwei Schuljahre vor allem für mich entwickelt hatten und was in dieser Zeit alles passiert war…