Im Schatten der Drachen

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Summary

Was wenn du alles hinter dir lassen musst und ein Neuanfang ganz anders als gedacht verläuft.

Genre
Thriller
Author
Swantje
Status
Ongoing
Chapters
26
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Der Himmel über Chicago war grau, als Emilia zum letzten Mal aus dem Fenster ihres Zimmers sah. Die vertrauten Geräusche der Stadt hallten dumpf durch das dichte Fensterglas. In ihrem Bauch nagte das Unbehagen – kein Abenteuergefühl, kein Aufbruch ins Ungewisse. Nur Abschied.

„Emilia, kommst du? Der Fahrer wartet!“, rief ihre Mutter von unten. Ihre Stimme klang aufgeregt – zu aufgeregt für jemand, der gerade das eigene Leben hinter sich ließ.

Emilia schnappte sich ihren Rucksack, ein letztes Mal glitten ihre Finger über den kleinen Lichtschalter auf dem Nachttisch. Das Nachtlicht, das sie seit zwölf Jahren begleitete. Ein schwaches Leuchten gegen das Dunkel in ihr. Gegen die Erinnerung, die sie niemandem zeigte.

Der Flug war lang. Zu lang. Zwischen Turbulenzen und Flugzeugessen dachte Emilia an das Messer, das damals ihr kleines T-Shirt zerschnitten hatte, an die Schreie ihrer Mutter – und an das Dunkel, in dem sie stundenlang gelegen hatte, halb bewusstlos, das kleine Licht ihrer Rettung kaum fassbar.

Als sie endlich in Spanien landeten, war es schon Nacht. Ein Fahrer mit dunkler Sonnenbrille trotz Dunkelheit holte sie ab. Die Straßen waren fremd, die Luft zu warm, das Meer rauschte irgendwo im Hintergrund.

Das Anwesen war riesig. Mehr ein Palast als ein Zuhause. Marmor, Glas, Stille. Jaron Walton stand in der Eingangshalle, groß, gepflegt, zu perfekt. Emilia musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Also das ist er“, dachte sie, „der Typ, für den wir alles hinter uns lassen.“

„Schön, dich endlich kennenzulernen, Emilia“, sagte Jaron mit einer Stimme, die freundlich sein wollte, aber kalt blieb. Emilia nickte knapp und ging an ihm vorbei, ohne die Hand zu nehmen, die er ihr reichte.

„Dein Zimmer wird dir gefallen“, meinte ihre Mutter und öffnete eine der weißen Flügeltüren. Und tatsächlich: Das Zimmer war riesig, modern, hell – mit einem riesigen Fenster, das direkt auf das dunkle, endlose Meer blickte. Emilia trat ans Fenster. Der Anblick war schön, ja – aber es war nicht Zuhause.

Beim Abendessen war die Spannung greifbar. Jaron redete höflich, die Mutter strahlte, Emilia schwieg. Bis Jaron beiläufig sagte: „Ich denke, hier wirst du dich schnell eingewöhnen.“

Da explodierte es in ihr. „Ich will mich gar nicht eingewöhnen! Ich will zurück! Zu meinem Leben, zu meiner Schule, zu meinen Freunden – aber das interessiert hier ja niemanden!“

Stille. Dann stürmte sie auf, rannte aus dem Esszimmer, durch die schwere Eingangstür, die in der Nacht fast lautlos ins Schloss fiel. Ihre Füße trugen sie über die Auffahrt, hinunter zur Straße an der Küste. Das Meer rauschte lauter jetzt, der Wind wehte ihr Haar ins Gesicht. Sie lief, ohne Ziel, nur weg. Weg von der Villa. Weg von der Erinnerung. Weg von allem.