Seelenverwandte
Ich frage mich oft, ob alle Menschen in dieser Welt einen Seelenverwandten haben. Der Gedanke lässt mir keine Ruhe, kratzt an den Wänden meines Herzens, als wolle er herausbrechen. Ich gehe schneller, doch er folgt mir, klebt an mir wie ein Schatten. Vielleicht ist da jemand. Jemand, der mein Innerstes kennt, ohne dass ich jemals ein Wort sagen muss. Jemand, der meine Narben sieht und sie nicht fürchtet. Aber was, wenn nicht? Was, wenn dieses ganze Gerede von Seelenverwandten nur eine Lüge ist, eine süße Geschichte, die man uns erzählt, damit wir die Leere nicht spüren? Ich sehe Gesichter, so viele Gesichter, doch keins hält mich fest. Keins ruft: Hier bin ich. Mein Herz hämmert, als wolle es sich Gehör verschaffen, schreit nach einer Antwort. Wo bist du? Warum finde ich dich nicht? Mein Leben lang haben es Menschen sich nicht mal die Mühe gemacht, meinen Namen - Selena - zu merken. Es brennt in mir, als sei ich unsichtbar, nur eine Silhouette im Hintergrund, austauschbar, namenlos. Ich trage ihn doch wie ein Versprechen, wie ein Erbe, und trotzdem zerfällt er in den Mündern anderer, verformt, vergessen, verschluckt.
In den Straßen von Austin, Texas, schlendere ich mit meinen Einkaufstüten, schwerer als sie eigentlich sind. Nicht wegen des Gewichts, sondern wegen der Leere, die sie in mir widerspiegeln. Menschen strömen an mir vorbei, lachen, reden, halten Hände, und ich gehe dazwischen wie ein Geist. Jeder Schritt ein stilles Gebet, irgendwann wirklich gesehen zu werden. Irgendwann geliebt zu werden. Denn jeder. Jeder sehnt sich danach. Liebe ist kein Luxus, sondern ein Atemzug, den niemand entbehren kann. Ich will nicht nur atmen. Ich will leben. Ich will fühlen, dass mein Name in einem anderen Herzen widerhallt, klar und unverfälscht, als wäre er von Anfang an dort eingeschrieben gewesen. Die Sonne sinkt tiefer, als ich endlich die Haustür aufschließe. Ein Schlüsselklirren, ein leises Knarren des Holzes – das Willkommen eines leeren Raumes. Ich stelle die Einkaufstüten ab, räume mechanisch ein, koche etwas Kleines. Nudeln, Sauce aus dem Glas, ein bisschen Gemüse.
Es schmeckt nach nichts, aber es füllt den Magen. Ich kaue langsam, als wolle ich mir selbst beweisen, dass es noch Rituale gibt, an denen man sich festhalten kann. Gegen Abend sitze ich auf dem Sofa, der Bildschirm meines Laptops wirft sein kaltes Licht auf mein Gesicht. Meine Finger gleiten fast automatisch über die Tastatur, bis ich mich einlogge. Ja, so ist es immer. Ich bin in einem Dating-Portal eingeloggt. Mein Bild – ein Versuch, unauffällig zu wirken: lange, glatte, hellbraune Haare, die einfach über meine Schultern fallen; meine Haut, braun vom texanischen Sommer; Augen, grün wie schattiges Glas. Keine Pose, kein auffälliges Lächeln, nur ich, so schlicht wie möglich. Und doch: die Nachrichten. Dutzende Männer. Namen, Gesichter, Worte, die sich wiederholen, wie ein endloser Refrain. Manchmal halte ich inne, denke: Der sieht nett aus. Aber dann öffne ich die Nachricht, und sie verrät mir sofort, dass er der Falsche ist. Zu direkt, zu plump, zu leer. Viele wollen nur eines. Sex. Ihr Begehren tropft zwischen den Zeilen, macht meine Haut kalt, statt sie warm werden zu lassen. Genau wie jetzt. Ein Chris schreibt mir. Seine Nachricht leuchtet auf dem Bildschirm, kalt und direkt.
Chris: Du siehst so unberührt aus. Was ist? Suchst du einen Lehrer? Ich habe eine Peitsche.
Mein Magen zieht sich zusammen. Ein bitteres Lächeln huscht über mein Gesicht, mehr Spott über die armselige Fantasie als Freude. Männer wie er riechen nach Schweiß, nach Dringlichkeit, nach Abgründen, die sie als Spiele tarnen. Ohne zu zögern, klicke ich auf Blockieren. Stille. Ein kurzer Triumph, dann die gewohnte Leere. Die nächste Nachricht wartet schon, ungeduldig blinkend, als wüsste sie, dass mein Herz nach etwas anderem verlangt. Ich atme tief ein, bewege den Cursor, und öffne sie.
Tom: Hey Schönheit, ich wette, du bist heißer im Bett als auf dem Bild.
Mein Finger zögert keine Sekunde. Blockieren. Ein kurzes Aufflackern, dann verschwindet er ins Nichts. Es dauert keine Minute, bis der nächste erscheint.
Mark: Du siehst aus, als würdest du gerne mal was Verrücktes ausprobieren. Willst du mich kennenlernen?
Blockieren. Ein dumpfes Pochen in meinen Schläfen. Meine Augen brennen vom Licht des Bildschirms, doch ich scrolle weiter, als suche ich ein Zeichen, das mich rettet. Noch eine Nachricht.
Zhm: Sende mir Fußfotos.
Und blockiert.
Ray: Würdest du dich von mir ficken lassen, während meine Frau zuguckt?
Und By!
Charles: Verkaufst du mir deine getragenen Socken?
Ja. Es gibt viele die einen Fetisch haben.
Karl1: Gibst du mir deine getragenen Slips?
Nein. Nein, Karl. Aber dafür einen Verstand!
Steve: Hi Baby, ich kann dir zeigen, was ein richtiger Mann ist.
Blockieren. Das Wort Baby hallt in mir wider, klebrig, wie ein Etikett, das man mir aufdrückt, ohne mich je zu sehen. Ich lehne mich zurück, atme schwer. Jede dieser Nachrichten zieht mich tiefer in ein Meer aus Stimmen, die alle gleich klingen: gierig, oberflächlich, blind. Und trotzdem… ich kann nicht aufhören, weiterzuklicken. Vielleicht. Nur vielleicht.
»Und wenn der Richtige zwischen ihnen ist?«, flüstert es in mir, obwohl ich mich mit jeder weiteren Blockierung mehr frage, ob er überhaupt existiert.
A-1: Hey.
Ich klicke neugierig auf sein Profil. Kein Bild, keine Details, nur ein nüchterner Name und das Zeichen, dass er schon lange hier registriert ist.
Selena23: Hey.
Es dauert kaum, bis die Antwort kommt.
A-1: Wie geht’s?
Selena23: Gut. Dir?
A-1: Bestens.
A-1: Bist du das auf dem Bild?
Selena23: Ja. Wer sonst?
A-1: Kenne genügend Typen, die sich hier als Frauen ausgeben. :)
Ich muss lächeln. Wenigstens jemand, mit dem ich locker schreiben kann.
Selena23: Ah echt? Und wieso machen die das?
A-1: Du weißt es nicht?
Selena23: Erkläre es mir.
Noch eine Nachricht erscheint, doch ich ignoriere sie. Ich habe mich entschieden, mich auf einen zu konzentrieren. Respekt fängt für mich genau hier an.
A-1: Sie wollen sich Männer klären.
Ich lache laut auf.
Selena23: Die Welt ist verrückt geworden.
A-1: Ja. :)
Dann hält er kurz inne, bevor die nächste Nachricht auftaucht.
A-1: Kann ich dich etwas fragen?
Selena23: Gerne.
A-1: Bist du unten rasiert?
Mir bleibt die Luft weg. Ein Schlag ins Gesicht, kalt und roh. Ohne zu zögern, klicke ich: Blockieren.
»Und tschüss«, flüstere ich, fast erleichtert, fast wütend. Die Stille danach ist ohrenbetäubend. Nur das schwache Summen meines Laptops bleibt, als wollte er mir sagen: So ist es immer, Selena. Ich starre noch auf den leeren Chat mit A-1, das letzte Gift, das er hinterlassen hat, als mir einfällt, dass da ja noch die Nachricht von dem anderen offen ist. Der, den ich ignoriert habe. Zögernd klicke ich sie an.
xGx: Ein Feuer brennt nur, wenn es Holz findet. Doch manchmal genügt ein Funke, um die Nacht in Glut zu verwandeln. Was glaubst du, was will das Feuer?
Ich lese es zweimal, dreimal. Ein Rätsel, denke ich. Etwas Poetisches. Ich tippe langsam, ernsthaft überlegend.
Selena23: Das Feuer will Wärme spenden? Vielleicht Licht in der Dunkelheit?
Die Antwort blinkt sofort auf.
xGx: Interessant, sehr unschuldig. Manche würden sagen: Es will nur verzehren.
Ich runzle die Stirn, verstehe nicht ganz, aber lächle trotzdem. Für mich klingt es, als würde er einfach dunkler denken als ich. Also schreibe ich zurück.
Selena23: Hast du noch einen?
xGx: Stell dir einen Hasen vor, mitten unter Wölfen. Alle haben Hunger, alle zeigen ihre Zähne. Und doch bleibt der Hase ruhig, als wüsste er etwas, das die Wölfe nicht wissen. Was glaubst du, warum?
Ich halte den Atem an. Meine Finger schweben über der Tastatur. Die Person hat kein Bild. Aber lange hier registriert. Irgendetwas in mir regt sich, etwas, das tiefer geht als all die dummen Anmachen zuvor. Es fühlt sich nicht an wie eine Floskel, nicht wie ein billiges Spiel. Es klingt wie… ein Spiegel.
Ich tippe langsam.
Selena23: Weil er weiß, dass er schneller ist?
Die Antwort kommt sofort, fast so, als hätte er darauf gewartet.
xGx: Nein. Weil er längst verstanden hat, dass nicht er der Gefangene ist, sondern die Wölfe. Sie sind Sklaven ihres Hungers. Der Hase aber kennt die Freiheit der Angst.
Mein Herz schlägt schneller. Diese Worte… sie schneiden durch mich hindurch, wie ein Lichtstrahl in der Nacht. Zum ersten Mal heute lächle ich nicht aus Spott, sondern weil ich überrascht bin. Überrascht, dass da jemand etwas schreibt, das sich anfühlt wie mehr.
Selena23: Noch eins. :)
Ein paar Sekunden Stille, dann taucht seine Antwort auf.
xGx: Ein Vogel sitzt in einem Käfig. Die Tür ist offen, doch er fliegt nicht hinaus. Draußen lauern Krähen, drinnen ist Leere. Was glaubst du, wer ist dieser Vogel?
Ich runzle die Stirn, lese die Zeilen wieder und wieder. Etwas daran zieht an mir, wie eine unsichtbare Hand.
Selena23: Wer?
Die Antwort kommt prompt, so scharf, dass sie mir den Atem nimmt.
xGx: Du.
Selena23: Ich?
xGx: Du gehörst nicht hier her.
Mein Herz stolpert. Doch da bleibt es. Kein neues Blinken, keine weiteren Worte. Sein Name verschwindet von der Chatliste. Offline. Ich starre auf den Bildschirm, als könnte ich ihn zurückrufen, wenn ich nur stark genug schaue. Doch die Stille breitet sich aus, schwer, endlos. Ich klappe das Laptop zu. Ein dumpfer Ton, als ob ich die Stimmen darin einsperre. Mein Herz pocht noch immer von dem Gespräch, von diesem letzten Satz: Du gehörst nicht hierher. Ich versuche, es von mir abzuschütteln, greife nach der Fernbedienung, starte irgendeinen Film. Bilder rauschen vorbei, Gesichter, Geschichten, doch ich nehme sie kaum wahr. Meine Gedanken kleben fest an den wenigen Worten. Der nächste Tag beginnt schon längst, bevor ich ihn wirklich fühle. Ich sitze im Büro, starre auf meinen PC, während um mich herum das Leben wie eine Maschine rattert. Stimmen überlagern sich – Kolleginnen, die mit Kunden telefonieren, Tastaturen, die hämmern. Ich richte mein feines Hemd, ziehe es glatt über die Brust, binde meine Haare straffer nach hinten. Alles ordentlich. Alles so, wie es sein soll. Ja, so läuft mein Tag immer ab. Zwischen endlosen Kundengesprächen und Rechnungen, die nie ein Ende finden. Vor mir dampft kalter Kaffee, der nach Insekten schmeckt, und trotzdem trinke ich ihn. Ich telefoniere, rechne, tippe. In der Mittagspause lehne ich mit dem Rücken gegen den Tisch im Pausenraum. Der Kaffee in meiner Tasse ist längst kalt, doch ich nippe trotzdem daran. Vor mir sitzen drei Kolleginnen, sie tuscheln, lachen, ihre Stimmen füllen den Raum wie helle Gläser, die aneinanderstoßen.
»Seht ihr das?« – Megan streckt ihre Hand in die Mitte, ein glitzernder Ring funkelt unter dem Neonlicht.
»Den hat mir Travis geschenkt.« Ihr Gesicht strahlt vor Stolz. Sofort beugt sich Jessica nach vorne.
»Wow, der sieht echt teuer aus. Der muss ihn ein Vermögen gekostet haben, oder?«, fragt sie.
»Typisch Travis. Immer einer, der übertreiben muss.« Rachel kichert, hält sich eine Strähne aus dem Gesicht. Die drei lachen, und dann drehen sich alle Augen zu mir. Megan mustert mich mit diesem neugierigen Lächeln, das eigentlich nur eine Tarnung ist.
»Und was ist mit dir, Selena? Immer noch kein Freund?«, fragt sie. Ich hebe die Tasse, trinke einen Schluck, obwohl der Kaffee schal und bitter schmeckt. Meine Arme verschränke ich fest vor der Brust, als würde ich mich schützen.
»Es gibt viele Männer, die etwas von mir wollen«, sage ich leise.
»… aber ich bin noch nicht soweit.« Ein kurzes Schweigen, dann kichern sie wieder untereinander, wechseln rasch das Thema. Von Travis, von Urlaub, von Kleidern. Sie gehen lachend hinaus, als wäre die Welt nur für sie gemacht. Ich bleibe zurück, spüre die Hitze in meinen Wangen. Wut brodelt in mir. Mit festen Schritten gehe ich ins Badezimmer, drehe das Wasser auf, wasche mir die Hände so heftig, als könnte ich damit all die Stimmen abspülen. Vor dem Spiegel richte ich mich auf, ziehe mein Hemd glatt und binde meine Haare noch straffer nach hinten. Das Spiegelbild sieht streng zurück, beinahe fremd. Zurück am Schreibtisch versuche ich, mich auf Zahlen, Rechnungen, Kundenstimmen zu konzentrieren. Doch meine Gedanken sind ein wilder Schwarm. Sie flattern, schlagen, kehren immer zurück zu gestern Nacht. Du gehörst nicht hierher. Der Satz brennt sich ein, frisst sich in jede freie Sekunde, in jeden Atemzug. Was hat er gemeint? Warum gerade ich? Ich schaue mich um. Alle arbeiten, alle sind versunken in ihrem Alltag. Niemand achtet auf mich. Also bewege ich leise die Finger über die Tastatur, logge mich wieder in den Chat ein. Er ist online. Sein Name steht da, klar, leuchtend. Ich warte. Vielleicht schreibt er mir sofort. Vielleicht hat er auf mich gewartet. Doch nichts passiert. Stille. Ich beiße mir auf die Lippe, dann schreibe ich selbst.
Selena23: Hallo?
Sekunden vergehen. Erst bleibt der Bildschirm still. Dann, endlich, eine Antwort.
xGx: Du bist wieder da.
Selena23: Was hast du damit gemeint, dass ich nicht hierhergehöre?
Ich sehe sofort, wie drei kleine Punkte aufblinken. Er tippt. Mein Herz hämmert, während ich starre, als hinge mein Atem von diesen wenigen Buchstaben ab. Doch da reißt mich eine Stimme zurück.
»Selena?«, der Chef steht neben meinem Schreibtisch, Akten in der Hand.
»Kannst du noch diese eine Aufgabe erledigen? Die Rechnungen müssen unbedingt heute raus«, sagt er. Ich zucke zusammen, logge mich aus.
»Natürlich«, sage ich, und meine Stimme klingt härter, als ich wollte. Er nickt, verschwindet, und ich sehe den Bildschirm nur noch schwarz, als hätte ich eine Tür zugeschlagen. Keine Chance mehr, nachzusehen. Keine Gelegenheit, zu antworten. Also stürze ich mich in die Arbeit, tippe, rechne, telefoniere, bis der Tag mich zermürbt. Und als endlich Feierabend ist, stehe ich mit schweren Beinen im Bäcker und kaufe mir ein Stück Kuchen – ein süßes Alibi gegen die Bitterkeit. Zuhause. Ich schlüpfe aus meinen Arbeitsklamotten, lasse das Hemd auf den Boden gleiten. Meine Finger suchen das schwarze, spitzen Nachtdessous, das viel zu reizvoll für einen Abend allein ist. Ich ziehe es an, setze mich mit nackten Beinen auf das Sofa, das Laptop auf den Knien. Der Bildschirm leuchtet auf. Er ist da. Immer noch online. Eine Nachricht wartet bereits.
xGx: Du gehörst nicht hier in den Chat.
Ich beiße mir auf die Lippe, tippe sofort zurück.
Selena23: Warum nicht?
Die Antwort lässt auf sich warten.
xGx: Du bist naiv, weil du glaubst, dass dieser Chat etwas mit Beständigkeit zu tun hat. Dass hier jemand wartet, um sich für immer zu binden. Hier geht es nicht um Heirat, nicht um Versprechen, nicht um das, was bleibt. Dieser Ort ist für Menschen, die einmal nehmen, was sie wollen, und dann verschwinden. Schnell, ohne Spuren, ohne Rückblick.
Selena23: Und das erkennst du allein an meinem Profilbild? Dass ich nach etwas Festem suche?
Ein stiller Moment. Dann blinkt seine Antwort auf – kühl, nüchtern, wie ein Schlag ins Gesicht.
xGx: Schau dir dein Profil an. Du schreibst selbst, dass du deinen Seelenverwandten suchst. Aber kein Seelenverwandter dieser Welt taucht nur für eine Nacht auf. Das, was du beschreibst, gehört nicht hierher.
Seine Worte stehen wie kalte Steine im Raum. Ich lese sie wieder, einmal, zweimal, dreimal – jedes Mal schwerer. Etwas in mir zieht sich zusammen. Er hat recht, und doch trifft mich seine Kälte, als hätte er mich entblößt.
Selena23: Aber ich bin doch auch hier. Und ich suche nicht nur das Eine. Wieso sollte es also nicht noch jemanden geben, der genauso wie ich auf der Suche ist?
Ich spüre, wie mein Puls schneller wird, während ich die Nachricht abschicke. Für einen Moment hoffe ich, dass er innehält, dass er nachdenkt, vielleicht sogar zustimmt. Doch die Antwort kommt gnadenlos, fast sofort.
xGx: Weil Menschen wie du Ausnahmen sind. Und Ausnahmen gehen in der Masse unter. Dieser Ort ist ein Markt – und auf diesem Markt zählt nur das schnelle Geschäft. Wer wie du etwas Echtes sucht, geht leer aus. Immer.
Seine Worte bohren sich in mich, kühl und endgültig. Keine Spur von Hoffnung, kein Raum für Zweifel. Nur ein hartes Urteil.
Selena23: Also suchst du auch etwas Einmaliges?
Er antwortet nicht sofort.
xGx: Dachtest du etwa, ich bin dein Seelenverwandter?
Mein Atem stockt. Meine Finger verharren über der Tastatur. Für einen Moment bin ich still, als hätte er mir die Sprache genommen. Dann zwinge ich mich zu einer Antwort.
Selena23: Nein. Ich dachte nur, man könnte eine nette Unterhaltung führen. Man muss sich ja nicht immer binden.
Sein nächster Satz trifft mich wie Eiswasser.
xGx: Wenn du glaubst, du kannst dich hier einfach normal mit einem Mann unterhalten, muss ich dich enttäuschen. Sie werden es nur so lange mitmachen, bis du dich mehr öffnest. Und mit: öffnen - meine ich nicht deine Gedanken. Ich meine Stellen, die du sonst nicht öffnen würdest.
Ich beiße mir auf die Lippe, meine Hände zittern leicht. In mir rauscht es. Ein intimes Gespräch… Jetzt hätte ich eigentlich blockieren müssen. Alles in mir schreit danach. Doch mein Finger rührt sich nicht. Ich starre auf den Bildschirm, seine Worte brennen in mir nach. Jetzt blockieren. Sofort. Der Gedanke hämmert in meinem Kopf, doch meine Finger rühren sich nicht. Stattdessen tippe ich, fast trotzig.
Selena23: Vielleicht bleibe ich, weil ich nicht so bin wie die anderen. Weil ich nicht sofort verschwinde, wenn mir jemand unbequem wird.
Ich halte inne, lese die Worte, ehe ich sie abschicke. Ein Teil von mir schreit, dass ich mich verrate, dass ich mich in eine Richtung bewege, die ich gar nicht will. Doch ein anderer Teil… will wissen, was er darauf antwortet.
xGx: Du redest dir nur selbst etwas ein. Du bleibst, weil du neugierig bist. Und weil du innerlich hoffst, dass ausgerechnet ich nicht so bin wie die anderen. Aber ich bin es.
Die Kälte dieser Worte läuft mir wie Eiswasser über die Haut. Kein Zögern, keine Rücksicht. Nur ein Urteil.
Selena23: Du bist ein Arsch.
xGx: Wäre es dir lieber, wenn ich lüge? ;)
Verdammt. Der ist so schlau. Er schreibt nicht wie die anderen. Keine abwertenden Sprüche, keine dummen Anmachen. Er klingt klar, fast gefährlich klar.
xGx: Hast du schon deinen Kuchen gegessen?
Ich blinzle irritiert, wende meinen Blick zum Tisch. Da steht er noch, der Zitronenkuchen vom Bäcker. Unangerührt.
xGx: Beim nächsten Mal hol dir den mit Sirup. Zitrone schmeckt nicht empfehlenswert.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken.
Selena23: Woher weißt du, dass ich Zitronenkuchen habe?
xGx: Ich habe dich gesehen.
Na super. Mein Bild. Natürlich. Ich atme aus, tippe zurück.
Selena23: Ah echt? Du bist also auch mal offline? Sah nicht so aus. Ich dachte schon, du lebst hier.
xGx: Eifersüchtig?
Ich blinzle auf den Bildschirm. Was denkt dieser Typ eigentlich, wer er ist?
Selena23: Auf wen soll ich eifersüchtig sein? Auf jemanden, der nicht mal ein Profilbild hat?
xGx: Ich benutze kein Profilbild. Ich will ja nicht, dass du gleich in Ohnmacht fällst.
Ein spöttisches Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus.
Selena23: Meistens sind es die unattraktiven Männer, die sich hinter solchen Sprüchen verstecken.
xGx: Dann bin ich wohl die Ausnahme. Ich bin ziemlich attraktiv.
Ich rolle mit den Augen, tippe neckisch zurück.
Selena23: Ach ja? Dann sende mir ein Bild. Dann sehen wir mal, wie attraktiv du wirklich bist.
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten.
xGx: Ich sende Bilder. Aber nicht die, die du meinst. Ich denke nicht, dass sie dir gefallen würden. ;)
Sofort begreife ich, welche Art von Bildern er meint. Mein Magen zieht sich zusammen. Ohne ein weiteres Wort klappe ich das Laptop zu. Die Stille danach ist fast ohrenbetäubend. Ich schiebe es von mir weg, als könnte ich ihn damit aus meinem Leben stoßen. Dann schneide ich mir ein Stück Zitronenkuchen ab, setze mich hin und esse. Jeder Bissen schmeckt bitterer als zuvor. Ich verbringe etwas Zeit damit, einen Film zu schauen, doch die Bilder rauschen nur an mir vorbei. Gegen Mitternacht greife ich wieder nach dem Laptop. Zwölf Uhr. Ich logge mich ein. Da ist es. Eine Nachricht von ihm. Er ist online. Sein Name leuchtet, doch ich klicke nicht drauf. Ich will nicht. Nicht jetzt. Stattdessen öffne ich die Nachricht von einem anderen Mann.
Calvin: Hey.
Ein kurzes, schlichtes Wort. Nichts Besonderes. Aber es ist neutral, unbedrohlich. Ich atme auf und tippe zurück.
Selena23: Hey.
Die Antwort kommt schnell.
Calvin: Schön, dass du mir schreibst. Wie geht’s dir?
Selena23: Ganz gut. Und dir?
Calvin: Kann mich nicht beklagen. Hatte einen langen Arbeitstag, jetzt bin ich froh, einfach hier zu sein.
Ich lehne mich zurück. Arbeitstag. Das klingt… normal. Irgendwie erleichternd normal.
Selena23: Was machst du beruflich?
Calvin: Ich bin im Marketing. Viel Stress, aber es hält mich auf Trab. Und du?
Meine Finger schweben kurz über der Tastatur, dann tippe ich.
Selena23: Ich arbeite im Büro. Rechnungen, Kundengespräche – nichts Spannendes.
Calvin: Oh, das kenne ich. Aber hey, langweilig ist manchmal besser als Chaos.
Ich lächle. Zum ersten Mal heute fühlt sich ein Chat leicht an. Kein Druck, kein Rätsel, keine kalten Sprüche. Nur ein Gespräch.
Calvin: Darf ich fragen… was du hier suchst?
Ich beiße mir auf die Lippe, denke kurz nach.
Selena23: Vielleicht einfach jemanden zum Reden. Und du?
Calvin: Ganz ähnlich. Ich mag echte Gespräche. Nicht dieses ganze oberflächliche Zeug.
Ein kurzer Stich in meiner Brust. Meine Augen wandern unwillkürlich zu der ungelesenen Nachricht. Sein Name, immer noch online.
Calvin: Was ist eigentlich dein Lieblingstier?
Selena23: Hm… Katzen. Sie sind eigen, aber trotzdem anhänglich. Und du?
Calvin: Hunde. Treu und unkompliziert.
Ich lächle schwach, tippe.
Selena23: Klassiker.
Calvin: Und deine Lieblingsfarbe?
Selena23: Grün. Es erinnert mich an Ruhe. An Wälder.
Calvin: Interessant. Meins ist Blau. Himmel, Wasser, Freiheit.
Wir tauschen weiter Belanglosigkeiten, Worte, die leicht sind, wie Kieselsteine im Bach. Und doch… mein Blick wandert immer wieder zum anderen Fenster. Zu seiner Nachricht. Zu ihm. Schließlich klicke ich kurz aus dem Chat mit Calvin heraus. Öffne das Fenster.
Eine Bildmitteilung.
Man kann den Inhalt erst sehen, wenn man sie öffnet. Mein Herz schlägt schneller. Ich halte den Atem an. Ich lasse sie ungeöffnet und tippe stattdessen.
Selena23: Hast du mir wirklich ein Bild von deinem Schwanz gesendet??
Es dauert. Sekunden, die sich endlos ziehen. Dann erscheint die Antwort.
xGx: Hast du immer so Vorurteile?
Selena23: Wenn du sagst, dass du nur Schwanzbilder sendest, wird mich anscheinend nichts anderes erwarten.
xGx: Meinst du, ich habe es nötig, eine Frau mit meinem Geschlechtsteil zu überzeugen?
Ich beiße mir auf die Unterlippe, spüre, wie meine Gedanken sich überschlagen. Verdammt. Warum bringt er mich schon wieder zum Nachdenken?
xGx: Es gibt genug Frauen hier, die ihn sich freiwillig ansehen. Und es gibt genug, die mir sagten: Ich bin anders. Aber nach ein paar Gesprächen haben auch sie die Hüllen fallen lassen.
xGx: Warum also sollte ich meine Zeit damit vergeuden, noch eine Frau zu knacken?
Selena23: Weil ich nicht zum Knacken bin?
xGx: Das bist du.
Eine kurze Pause. Ich starre auf den Bildschirm, als könnte ich in seine Gedanken sehen. Dann erscheint die nächste Nachricht.
xGx: Vielleicht würdest du mir keine Nacktbilder senden, aber du würdest zubeißen, wenn ich Interesse an deiner Seele hätte.
Ich lege eine Hand an meine Brust, spüre mein Herz wild schlagen. Verdammt… er redet so gut. Worte, die tiefer schneiden als jede plumpe Anmache. Worte, die ich nicht einfach blockieren kann.
Selena23: Ich muss dich leider enttäuschen. Auch dann würdest du mich nicht knacken können. Denn ich unterhalte mich gerade schon mit jemandem, der sehr charmant und nett ist. Wir lernen uns kennen.
xGx: Und warum bist du dann hier – in meinem Chat? ;)
Ich beiße mir auf die Lippen, das Herz schlägt unruhig. Ich tippe hastig zurück.
Selena23: Ich bin weg. Bye!
Doch ich bleibe. Mein Blick hängt an seinem Fenster, selbst als ich mir einrede, dass ich längst draußen bin. Seine Nachricht erscheint.
xGx: Falls du dich doch dazu entscheidest, das Bild zu öffnen, kannst du mir ruhig sagen, ob ich deinen Geschmack getroffen habe. Und jetzt entschuldige mich. Wie du weißt, habe ich meinen Grund, warum ich hier bin. Schwanzbilder senden. ;)
Danach nichts mehr. Keine weiteren Worte. Aber er bleibt online. Das kleine grüne Licht brennt wie eine Versuchung. Ich weiß genau, dass er gerade seine Spielchen mit anderen Frauen treibt. Und trotzdem… bleibe ich hängen.
Also ignoriere ich ihn. Klicke zurück zu Calvin.
Calvin: Wie siehst du die Welt eigentlich? Ich meine, was ist dir wichtig? Was treibt dich an?
Ich lehne mich zurück, meine Finger zögern über der Tastatur. Es ist eine intime Frage, tiefer. Und doch schreibe ich, fast ohne nachzudenken.
Selena23: Die Welt ist… kompliziert. Aber ich glaube, sie wird erträglicher, wenn man nicht nur an sich denkt. Mir ist Ehrlichkeit wichtig, Verlässlichkeit. Ich denke, dass man nicht perfekt sein muss, solange man jemanden hat, der das versteht. Und dass Menschen viel stärker sind, wenn sie nicht alles alleine tragen.
Es dauert keine Sekunde, da kommt schon seine Antwort.
Calvin: Wow. Genau das denke ich auch. Ich glaube auch, dass wir alle Fehler machen, aber das Entscheidende ist, jemanden zu haben, der einem zuhört. Ich finde, wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass das Zuhören verloren geht.
Ich lächle leicht, tippe.
Selena23: Ja… die meisten reden nur, um zu antworten. Aber kaum jemand hört wirklich zu. Und eigentlich ist das, was man am meisten braucht, doch genau das: gehört zu werden.
Calvin: Absolut. Weißt du, ich denke oft: wir rennen alle durch die Welt, als würden wir ständig gegen die Uhr kämpfen. Aber am Ende sind es die kleinen Momente, die zählen. Ein Gespräch wie dieses, ein echtes Lachen, ein ehrlicher Blick. Das ist für mich Glück.
Meine Brust wird warm, als ich das lese. Er denkt wirklich wie ich. Keine große Pose, kein Zynismus, nur… Klarheit.
Selena23: Vielleicht ist das das Geheimnis? Nicht nach den großen Dingen suchen. Sondern die kleinen erkennen. Und jemanden haben, mit dem man sie teilen kann.
Calvin: Genau. Ich glaube, die Welt wird nicht besser, weil man sie verändern will. Sie wird besser, wenn man für einen einzigen Menschen wichtig ist. Wenn man einem Menschen das Gefühl gibt, dass er nicht allein ist.
Selena23: Weißt du was? Ich habe gerade das Gefühl, dass wir beide die Welt ziemlich gleich sehen. :)
Calvin: Das denke ich auch. Und weißt du, das macht mich gerade sehr glücklich.
Ich lehne mich zurück, sehe auf die leuchtenden Worte auf meinem Bildschirm – und für einen Moment ist da kein Schatten, kein anderer. Nur wir beide, die dieselben Gedanken teilen. Und ja – ich verstehe mich super mit Calvin. Wir vertiefen unser Gespräch, lachen sogar über Kleinigkeiten. Obwohl Calvin so nett ist, denke ich immer wieder an den Fremden. Seine Worte – verdorben, aber dennoch so ehrlich. Ein Mann, der nicht versucht, mich einzuwickeln. Nicht wie die anderen, die mir Komplimente ins Ohr tropfen, um mich gefügig zu machen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, versuche, mich auf Calvins Smalltalk zu konzentrieren, doch mein Kopf schweift ab. Immer wieder zu ihm.
Calvin: Ich mach mir schnell ein Sandwich, bin gleich wieder da.
Selena23: Okay.
Ich bin längst in der Küche, trinke einen Schluck Wasser, während mein Blick unruhig auf meinem Laptop haftet. Dieses Chatfenster. Dieses Bild, das noch ungeöffnet auf mich wartet. Schließlich gehe ich hin. Hebe die Hand, scrolle hoch. Mein Finger schwebt über dem grauen Balken, kurz davor, das Bild zu öffnen. Eine Nachricht ploppt auf. Calvin.
Calvin: Bin wieder da :) Was machst du gerade?
Ich ziehe die Hand zurück, atme tief durch. Fast so, als hätte er mich in letzter Sekunde von einem Abgrund weggezogen.
Selena23: Kaffee. Und du?
Calvin: Mit Sandwich und Saft überlebe ich die Nacht schon.
Ich grinse, fast erleichtert.
Selena23: Was für ein Sandwich?
Calvin: Ganz langweilig. Schinken, Käse, ein bisschen Mayo. Nichts Besonderes.
Selena23: Klingt trotzdem gut. Ich bin mehr so der Avocado-Typ.
Calvin: Dann bist du wohl gesünder drauf als ich. Ich ess alles, was ich kriegen kann.
Ein kleines Lachen entweicht mir. Zum ersten Mal seit Stunden fühlt es sich leicht an.
Calvin: Sag mal, reist du eigentlich gern?
Selena23: Wenn ich die Zeit hätte, ja. Mein Traum wäre Italien. Rom, Venedig… vielleicht Florenz.
Calvin: Das klingt schön. Ich war schon in Spanien, aber Italien fehlt noch. Vielleicht irgendwann. :)
Wir wechseln hin und her – über Länder, Filme, Musik. Leichte Worte, wie ein Gespräch auf einer Bank im Park. Keine Fallen, keine Provokationen. Und doch… während ich tippe, bleibt irgendwo in der Tiefe das andere Fenster. Ungelesen, flackernd, wie ein stiller Schatten im Hintergrund.
Calvin: Bist du morgen online?
Selena23: Ja. Gegen 20 Uhr.
Calvin: Ich werde da sein. Freue mich jetzt schon. Gute Nacht. <3
Sein Name verschwindet. Offline. Kein endloses Blinken, kein grünes Licht, das mich noch verfolgt. Es fühlt sich an wie ein gutes Zeichen – als würde er es ernst meinen. Ich lehne mich zurück, ein Lächeln auf den Lippen. Meine Hand bewegt die Maus zum Kreis oben rechts. Ausloggen. Doch ich tue es nicht. Stattdessen öffne ich wieder das andere Chatfenster. Gee. Ja, ich gebe ihm diesen Namen. Er ist immer noch online. Stumm, wach, gegenwärtig. Ich atme tief ein, mein Finger schwebt über dem grauen Balken mit dem Bild. Doch ich lasse es. Schalte alles aus. Ohne es zu öffnen.
Die Nacht vergeht, doch am nächsten Morgen verschlafe ich. Mein Wecker piept zu spät in meinem Bewusstsein, und plötzlich bin ich im Chaos. Zu spät. Ich hetze zur Bahn, stolpere fast die Stufen hinunter. Die Türen schließen direkt vor meiner Nase.
»Scheiße!«, entweicht mir laut, während mir die Papiere aus der Tasche rutschen und über den Bahnsteig flattern. Ich knie mich hin, sammle sie hastig ein, mein Herz rast. Und da ist plötzlich eine Hand. Tätowiert. Schwarz und kantig. Viele Goldringe. Auf dem Handrücken prangt Maul und Nase eines Skeletts.
»Danke«, murmle ich hastig, reiße ihm die Papiere aus den Fingern, ohne aufzusehen. Keine Zeit. Keine Ruhe. Ich klemme alles an mich und renne weiter. Im Büro schütte ich mir sofort Kaffee in meine Tasse, setze mich an meinen Schreibtisch und beginne die Routine. Rechnungen, Mails, Kundentelefonate. Alles verschwimmt, alles klingt gleich. Da lehnt sich plötzlich Rachel an meinen Tisch, die mit der endlosen Stimme. Sie verdreht die Augen, schiebt sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Gott, ich kann es nicht mehr hören«, zischt sie, bevor sie überhaupt: Hallo - sagt.
»Jetzt hat Travis ihr auch noch eine Einladung nach Paris geschenkt«, redet sie. Ich weiß sofort, von wem sie redet. Megan. Der Ring, das Strahlen, das ewige Geplapper.
»Und rate mal – sie redet die ganze Zeit davon, dass er ihr dort bestimmt einen Antrag machen wird. Paris! Kannst du es glauben? Sie sieht sich schon vor dem Eiffelturm im weißen Kleid stehen.« Rachel fährt fort, ohne Atem zu holen. Sie rollt theatralisch mit den Augen, als würde allein Megans Stimme sie körperlich verletzen. In diesem Moment schwebt Megan durch den Flur, als hätte sie uns gehört. Ihr Lächeln leuchtet heller als jede Schreibtischlampe, und schon steht sie bei uns.
»Mädels, ihr glaubt es nicht!«, ruft sie, als hätte die ganze Etage nur auf ihre Stimme gewartet. Sie wedelt mit ihrem Handy, als wäre es ein Mikrofon.
»Travis hat mir gestern Abend die Tickets gezeigt – nach Paris!«, sagt sie.
»Wir haben es schon gehört.« Rachel stößt ein gespielt entsetztes Lachen aus. Doch Megan lässt sich nicht bremsen. Sie strahlt, die Hand mit dem Ring streckt sie so aus, dass das Licht sich darin fängt.
»Und ich weiß, dass er mir dort den Antrag machen wird. Ich spüre es einfach. Paris ist die Stadt der Liebe!« Sie dreht sich einmal im Kreis, als würde sie schon in einem Brautkleid schweben.
»Stellt euch das vor: Ich, auf dem Eiffelturm, Travis auf den Knien… und überall diese funkelnden Lichter.« Ihre Stimme überschlägt sich fast, als sie sich auf den Tischrand stützt.
»Oh mein Gott, ich bin so nervös!«, redet sie. Rachel sieht mich an, ihr Blick sagt alles: Wenn ich das noch länger hören muss, erschieße ich mich. Ich zwinge ein Lächeln auf meine Lippen, nippe an meinem Kaffee, der längst kalt ist.
»Weißt du was, Selena?«, sagt Megan plötzlich, ihre Augen glänzen verschwörerisch.
»Ich werde versuchen, dir einen Kumpel von Travis zu klären. Aber ich kann für nichts garantieren«, redet sie. Ich hebe die Augenbrauen, der Kaffee stockt mir im Hals.
»Naja, du bist halt so… so… du weißt schon. Eher zurückgezogen. Still. Manchmal ein bisschen… langweilig vielleicht. Nicht böse gemeint. Aber Männer mögen es eben, wenn eine Frau auffällt. Und du bist eher die, die sich im Hintergrund hält.« Die Worte treffen mich wie Nadelstiche. Ich presse die Lippen aufeinander, zwinge mich zu einem knappen Nicken, während in mir etwas lodert. Bitterkeit, heiß und kalt zugleich. Ich stelle die Tasse mit einem dumpfen Schlag auf den Tisch.
»Ich brauche keine Hilfe, danke. Ich lerne schon jemanden kennen.« Ein kurzer Moment der Stille. Megan und Rachel tauschen einen Blick, als hätten sie gerade etwas Unglaubliches gehört.
»Wirklich? Und woher? Sag mir jetzt bloß nicht, aus diesem Dating-Portal, wo sich nur ekelhafte Männer herumtreiben.« Megan zieht die Unterlippe vor, ihr Gesicht wirkt plötzlich beleidigt.
»Nein«, sage ich schnell, der Blick fest auf meinen Bildschirm gerichtet.
»Von draußen.« Eine Lüge. Aber sie klingt fest genug, dass ich selbst fast daran glaube.
»Und? Was ist er? Wie heißt er?« Megan lässt nicht locker. Meine Finger klammern sich an die Maus, ich suche verzweifelt nach einer Antwort, doch bevor ich lügen muss, legt Rachel ihre Hand auf Megans Arm.
»Wir sollten gehen. Der Chef kommt«, sagt sie. Megan rollt die Augen, murmelt etwas Unverständliches und stöckelt davon. Rachel folgt ihr. Zurück bleibt Stille. Bittere, nagende Stille. Ich starre auf den Monitor, zwinge mich zur Arbeit, tippe Rechnungen ein, telefoniere, schreibe Mails – wütend, hektisch, als könnte ich meine Gefühle in Zahlen ertränken. Nach der Arbeit setze ich mich in ein kleines Restaurant. Die Luft ist frisch, und der Milchkaffee vor mir dampft in der kühlen Abendluft. Ich nippe gerade daran, als mein Handy vibriert.
»Mutter«, flüstere ich und gehe ran.
»Wie geht es dir, Schatz?«, fragt sie.
»Alles gut, Mutter. Ich gehe gleich nach Hause. Und ihr? Wie läuft es in México?«, frage ich.
»Deine Großmutter fragt andauernd, ob du endlich jemanden kennengelernt hast.« Ein Druck legt sich sofort auf meine Brust. Es ist wie ein Gewicht, das man mir von außen aufdrückt, als wäre ich weniger wert, wenn ich mein Leben allein verbringe.
»Mutter, so einfach läuft das alles nicht«, rede ich.
»Ja, weil du niemandem eine Chance gibst. Was hat denn mit Alessandro nicht gestimmt, den ich dir empfohlen habe?«, fragt sie.
»Mutter, der Kerl war nicht mein Typ. Hast du seine Krawatte nicht gesehen?«, erinnere ich sie.
»Schönheit ist vergänglich, Selena. Du musst auf andere Dinge achten. Ein guter Mann gibt dir Sicherheit, und Sicherheit ist wichtiger als dieser ganze Unsinn von Seelenverwandten«, sagt sie. Ich verdrehe die Augen, starre in meinen Milchkaffee und rufe den Kellner zu mir.
»Mutter, ich muss Schluss machen. Wir reden später. Grüße an alle.« Ich lege auf, seufze tief.
»Die Rechnung, bitte«, sage ich, doch der Kellner lächelt höflich.
»Es wurde schon bezahlt«, sagt er. Mein Kopf hebt sich abrupt.
»Von wem??«, frage ich.
»Ein Herr«, sagt der Kellner knapp.
»Aber er ist bereits gegangen«, beendet er. Ich schaue mich um. Die Straße, die Tische, die Menschen – niemand, den ich kenne. Ein flüchtiger Schatten bleibt zurück, nichts Greifbares. Mit einem Knoten in der Brust gehe ich schließlich nach Hause. Dort angekommen, bade ich lange. Das Wasser ist heiß, mein Kopf aber bleibt kalt. Nach dem Bad streife ich mein rotes Dessous über, durchsichtig, darunter der rote Slip. Meine Haare noch nass, die Haut noch warm. Ich esse eine Kleinigkeit, dann setze ich mich vor das Laptop. 19:45. Gleich wird Calvin online kommen. Kurz gehe ich in das Profil von Gee. Er ist online. Mein Herz schlägt schneller, als ich unser Chatfenster öffne. Immer noch dieselbe letzte Nachricht. Normalerweise, wenn ich einen Typen auf „gelesen“ lasse und ihn nicht sofort blockiere, folgen Dutzende weitere Nachrichten, aufdringlich, nervig. Aber er… er scheint es nicht nötig zu haben, einer Frau hinterherzurennen. Das macht mich neugierig. Zu neugierig. Langsam scrolle ich hoch. Mein Finger zögert, schwebt über dem grauen Balken – und dann klicke ich. Das Bild öffnet sich.
Er liegt auf einem Bett. Kopf bis freier Oberkörper. Schwarze Locken, tief und wild, die Seiten kurz rasiert. Seine Augenbrauen schwarz und kantig, darunter Augen, so hellblau, dass sie beinahe weiß wirken – ein Blick, der durchdringt, ohne dass er etwas dafür tun muss. Die Wimpern dunkel und dicht, fast wie gezeichnet. Den Rest seines Gesichts verdeckt er mit einer Hand. Einer tätowierten Hand. Maul und Nase eines Skeletts, so gestochen, dass es aussieht, als würde es mit seinem Gesicht verschmelzen. Ein silberner Ohrring blitzt an seinem rechten Ohr. Sein Oberkörper – muskulös, makellos definiert. Sixpacks, die im Licht glänzen, eine Haut, hell, weiß, und gespannt über die Muskeln. Über seiner Brust prangt ein Tattoo: shadow 666. Weitere Schriften ziehen sich über seinen Bauch und die Seite, doch sie verschwimmen, unentzifferbar, geheimnisvoll. Die schwarze Jogginghose sitzt tief, zu tief. So weit nach unten gerutscht, dass der Bund der Boxershorts sichtbar ist… und darunter fast schon mehr, als er zeigen sollte. Sein Penis.
Ich atme scharf ein, zoome näher an sein Gesicht. Auch wenn er es halb verbirgt – dieser Blick, dieses Gesamtpaket, diese Aura… sie sagen mir alles. Dieser Mann hat es nicht nötig, Frauen nachzujagen. Ich kann nicht anders, als einen Grund zu suchen, damit er mir schreibt. Also tue ich so, als würde ich einfach auf seine letzte Nachricht reagieren.
Selena23: Man sieht nicht dein ganzes Gesicht. Ich kann es nicht beurteilen.
Ich spiele die Unberührte, tue so, als würde mich das Bild kaltlassen. Aber mein Herz rast, obwohl ich genau weiß: Das ist ein Mann für eine Nacht. Nichts weiter. Dann keine Antwort. Unruhig gehe ich die Liste durch. Wer alles online ist. Dutzende bildhübsche Frauen, ihre Profilbilder viel zu freizügig, die Lippen rot, die Haut knapp bedeckt. Wahrscheinlich schreibt er gerade mit einer von ihnen. Dann blinkt eine Nachricht auf. Mein Herz schlägt schneller, ich klicke sofort hinein – doch es ist nur Calvin. Meine Schultern sinken. Ich atme tief durch und antworte.
Calvin: Du bist ja schon da. Ich dachte, ich komme lieber früher online, damit du siehst, dass ich pünktlich bin. Aber du warst wohl schneller.
Selena23: Ja. Beim nächsten Mal vielleicht.
Calvin: Heute war ein schöner Tag. Habe an dich gedacht.
Ein Bild ploppt auf. Ich öffne es. Ein Sonnenuntergang.
Calvin: Dachte mir, dass wir vielleicht eines Tages hier sitzen könnten.
Ich will gerade tippen, da reißt mich eine neue Nachricht weg. Von ihm. Von Gee.
xGx: Mit ein wenig Fantasie könntest du dir mein Gesicht gut vorstellen.
Dann, eine Sekunde später.
xGx: Stellst du dir nachts nie Szenarien vor? Mit Gesichtern, die eigentlich gar nicht existieren?
Ich halte inne. Mein Finger erstarrt über der Tastatur.
Selena23: Was für Szenarien sollte ich mir vorstellen?
Die Antwort folgt kühl, ohne Zögern.
xGx: Die Art Szenarien, die einen nicht schlafen lassen. In denen man die Nähe spürt, die Hände, den Atem. Szenarien, die so echt sind, dass man sie fast riechen kann. Obwohl sie nur im Kopf stattfinden.
Mein Brustkorb hebt und senkt sich schneller. Für einen Moment ist es still in mir, so still, dass mein eigenes Herz wie ein Schlagzeug klingt.
Selena23: Ich habe so etwas nicht nötig.
Ich zwinge die Finger wieder in Bewegung, tippe hastig hinterher.
Selena23: Und abgesehen von deinem hässlichen Gesicht – bist du arbeitslos? Noch nie einen Typen gesehen, der jedes Mal online ist wie du.
Eine neue Nachricht von Calvin blinkt unten auf, doch ich ignoriere sie. Ich bleibe in diesem Chat. Bei ihm.
xGx: Ich habe viel Freizeit. :)
Selena23: Ah echt? Und als was arbeitest du, dass du so viel Freizeit hast? Vielleicht sollte ich kündigen und meinen Beruf wechseln.
Seine nächste Antwort ist anders. Kalt, aber seltsam persönlich.
xGx: Wieso reden wir nicht über den Druck von außen?
Ich blinzle, verwirrt.
Selena23: Druck?
xGx: Beim nächsten Mal solltest du die Lautstärke deines Handys etwas runterstellen. Man hört nicht nur dich, sondern auch die Person am anderen Ende der Leitung.
Mein Herz rast, Schweiß legt sich auf meine Handflächen. Ich tippe wild.
Selena23: Stalkst du mich?
xGx: Die Welt ist groß. Anscheinend aber nicht groß genug.
Mir schnürt es die Kehle zu. Kurz weiß ich nicht, was ich schreiben soll. Dann tippe ich, fast trotzig.
Selena23: Mein Eiskaffee. Du hast ihn mir bezahlt.
Doch diesmal bleibt es still. Keine Antwort. Das Chatfenster blinkt nicht mehr. Er ist online – immer noch. Aber er schweigt. Andere Frauen scheinen jetzt wichtiger zu sein. Schließlich zwinge ich mich, den Tab zu wechseln. Calvin. Dort warten schon mehrere Nachrichten.
Calvin: Alles gut bei dir?
Calvin: Ich hoffe, ich nerve nicht, wollte nur hören, ob du noch da bist.
Calvin: Hab grad wieder an unseren Sonnenuntergang gedacht. :)
Ein schlechtes Gewissen kriecht in mir hoch. Ich tippe schnell.
Selena23: Sorry, war kurz abgelenkt.
Calvin: Kein Problem. Ich wollte dich nicht verlieren.
Ein warmer Stich fährt mir durchs Herz. So einfach, so harmlos, so anders als Gee.
Selena23: Ich bin noch hier.
Calvin: Schön. Weißt du, ich habe selten das Gefühl, dass ich jemanden wirklich kennenlernen will. Aber bei dir… ich habe das Gefühl, wir könnten uns stundenlang unterhalten.
Ich lächle, fast automatisch. Meine Finger schreiben zurück.
Selena23: Ja, das Gefühl habe ich auch.
Calvin: Sag mir etwas über dich, was sonst keiner weiß.
Selena23: Ich liebe es, nachts draußen zu sitzen, wenn alles still ist. Da fühle ich mich frei.
Calvin: Wow. Das ist schön. Ich stell mir gerade vor, wie wir zusammen draußen sitzen, und alles um uns herum schläft.
Ein Teil von mir schmilzt unter seinen Worten. Und doch… in meinem Kopf bleibt ein anderes Bild. Blaue Augen, kalt wie Eis. Eine tätowierte Hand, die ein Gesicht verdeckt.
Calvin: Hast du eigentlich Geschwister?
Selena23: Nein. Ich bin Einzelkind. Und du?
Calvin: Eine Schwester. Älter. Sie hat schon Familie. Zwei Kinder. Manchmal beneide ich sie – so ein richtiges Zuhause, weißt du?
Seine Worte haben etwas Sanftes. Ich tippe, fast vorsichtig.
Selena23: Ja… das klingt schön. So eine Art Sicherheit, die einem sonst fehlt.
Calvin: Genau. Ich sehne mich auch nach so etwas. Nicht nach Spielchen. Sondern nach jemandem, der bleibt.
Ich halte inne, mein Blick schweift wieder zu Gees grünem Licht im anderen Fenster. Spielchen. Genau das. Und doch… tippe ich zurück.
Selena23: Ich sehne mich auch danach.
Calvin: Vielleicht haben wir Glück. Vielleicht trifft man sich manchmal genau im richtigen Moment.
Ein Lächeln huscht über meine Lippen, schwach, aber echt. Ich nippe an meinem kalten Kaffee, während ich weiterschreibe.
Selena23: Und was machst du, wenn du nicht gerade Sandwiches baust und mit mir schreibst?
Calvin: Haha, erwischt. Ich liebe Spaziergänge. Vor allem im Herbst. Die Luft, die Farben – das macht den Kopf frei.
Selena23: Das mag ich auch.
Calvin: Du machst mich neugierig. Ich könnte dir stundenlang zuhören.
Mein Herz pocht, diesmal weich, ruhig. Und trotzdem… ein Teil von mir bleibt unruhig. In der Stille zwischen Calvins Nachrichten höre ich fast Gees Stimme. Sehe seine Augen. Dieses Bild, das mehr verbirgt, als es zeigt. Dann ein neues Blinken. Gee.
xGx: Du hast so verloren ausgesehen bei dem Druck, einen Schwiegersohn zu finden. Dachte, eine Geste würde dir den Tag retten.
Mein Herz stolpert. Ja. Das hat es. Aber das lasse ich ihn nicht wissen.
Selena23: Danke, aber das musste nicht sein. Ich will dir das Geld wieder überweisen. Gib mir deine Bankdaten.
Ich starre auf den Bildschirm, ignoriere Calvins neue Nachrichten, warte. Sekunden dehnen sich endlos, dann erscheinen drei Punkte. Eine Nachricht kommt – verschwindet wieder. Er tippt neu. Schließlich steht es da.
xGx: Du willst mir das Geld zurücksenden?
xGx: Süß.
Kurz ist es still. Weder er noch ich tippen. Ich beiße mir auf die Unterlippe, zwinge meine Finger in Bewegung.
Selena23: Also. Deine Daten.
Seine Antwort kommt nach einer Pause.
xGx: Weißt du, wie man Männer nennt, die Geld von Frauen nehmen?
Ich halte den Atem an. Verdammt… er redet so eiskalt, und doch bringt es mich zum Schmunzeln.
xGx: Man nennt sie Parasiten. Und glaub mir – ich bin keiner. Du schuldest mir nichts. Oder hast du mich gebeten, dir etwas zu bezahlen? ;)
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Meine Finger schweben über der Tastatur, aber kein Wort will heraus. Stattdessen starre ich auf das Display, den kleinen Smiley am Ende seiner Nachricht, der so unschuldig aussieht und doch alles aufwühlt.
Schließlich tippe ich.
Selena23: Danke. Mach es aber nicht wieder.
Die Antwort lässt auf sich warten. Länger, als mir lieb ist. Endlich erscheint sie.
xGx: ;)
Das war’s. Und ich weiß genau, was das bedeutet. Wenn nach einem Gespräch nur ein Smiley bleibt, bedeutet es, dass die Person keine Lust mehr hat zu schreiben. Ich schließe den Chat, lasse ihn online zurück. Stattdessen öffne ich Calvins Fenster. Er hat mir mehrere Nachrichten geschickt. Wieder einmal. Und diesmal antworte ich.
Calvin: Alles okay bei dir? Ich habe das Gefühl, du bist kurz weg gewesen.
Calvin: Ich wünschte, ich könnte dich einfach anrufen und deine Stimme hören.
Ein weicher Knoten schmilzt in meiner Brust. So anders. So frei von Kälte.
Selena23: Es geht mir gut. Sorry, dass ich nicht sofort geantwortet habe.
Calvin: Mach dir keinen Kopf. Ich weiß, du hast dein Leben, deine Gedanken. Ich bin nur froh, dass du da bist.
Meine Lippen ziehen sich zu einem Lächeln. Ich tippe.
Selena23: Das ist lieb. Ich bin auch froh, dass wir schreiben.
Calvin: Selena… darf ich dich etwas fragen?
Selena23: Frag ruhig.
Calvin: Würdest du mir deine Nummer geben? Ich meine… nur wenn du willst. Ich würde dich gern hören. Deine Stimme. Nicht nur lesen.
Mein Herz macht einen Sprung, und für einen Moment spüre ich, wie leicht es wäre, ihm die Zahlen einfach hinzuschreiben. Leicht und gefährlich zugleich. Ich atme tief ein, meine Finger tippen langsam.
Selena23: Ich überstürze ungern Dinge. Hoffe, du verstehst das.
Calvin: Natürlich verstehe ich das. Ehrlich. Ich wollte dich nicht drängen. Ich freue mich auch einfach, hier mit dir zu schreiben.
Ein sanftes Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Kein Druck. Keine Forderung. Nur Geduld. Wir schreiben noch ein wenig. Leichte Themen, kleine Fragen, ein Lächeln hier, ein Emoji dort. Alles fühlt sich weich an, fast so, als würde ich in eine warme Decke gewickelt. Irgendwann verabschieden wir uns.
Calvin: Schlaf gut, Selena. Träum was Schönes.
Selena23: Du auch. Gute Nacht.
Ich klappe das Laptop zu. Der Klick klingt endgültig. Nach einer Stunde Schlaf schrecke ich hoch. Die Nacht ist still, mein Zimmer dunkel. Ich gehe barfuß in die Küche, fülle mir ein Glas Wasser und trinke in langen Zügen. Doch als ich zurückgehen will, bleibt mein Blick am Laptop hängen. Er liegt stumm auf dem Tisch, schwarz, unschuldig – und doch tobt in mir ein Sturm. Ich bleibe stehen. Atme. Sekundenlang. Dann gehe ich langsam hin, als würde mich etwas Unsichtbares ziehen. Meine Finger berühren den Deckel. Zögern. Schließlich klappe ich ihn auf. Das helle Licht trifft mein Gesicht. Ich setze mich hin, die Hände zittern leicht, während ich das Passwort eingebe. Der Bildschirm leuchtet auf. Und da ist er wieder. Der Chat.
Keine Nachrichten. Aber an der Seite sehe ich die Zahl: 200 Leute sind online. Und ganz oben, bei den VIPs, leuchtet sein Name. Gee. Immer noch online. Ich lasse mich nach hinten auf die Couch fallen, kaue auf meiner Unterlippe. Was genau tut er? Mit wem schreibt er gerade? Und was schreibt er? Die Gedanken brennen in mir, wie kleine Nadeln, die mich nicht loslassen. So halte ich es nicht länger aus. So setze ich mich aufrecht. Ich logge mich aus. Ein Klick. Dann ein neuer Login. Ein Fake-Profil. Name: Cindy. Das Bild lade ich hastig hoch: eine Blondine. Sehr attraktiv, mit viel zu freizügiger Kleidung, glänzender Haut, ein Lächeln, das mehr verspricht, als es sagen will. Ein Gesicht, das Männer wie ihn anzieht wie Motten ins Licht. Ich starre auf den Bildschirm. Mein Herz hämmert. Jetzt will ich wissen, wie er wirklich ist, wenn er nicht mit mir schreibt.