Prolog
Ich rieche Vanille, Zucker, Zimt.
Die Luft ist schwer davon, süß und warm, wie ein unsichtbarer Schleier, der sich über alles legt – über die kleinen bunten Lichterketten am Fenster, die sich in den Glasscheiben spiegeln, über die Tannenzweige, die ich viel zu früh aufgehängt habe, über Darians kleine Finger, die sich fest um den grünen Stift krallen, während er konzentriert malt.
Sein Kopf ist leicht zur Seite geneigt, die Zungenspitze schaut zwischen den Lippen hervor, und ich weiß, dass er mich völlig vergessen hat, solange er zeichnet.
„Mama, machst du Oofen aus?“, fragt er ohne aufzuschauen.
Ich lächle, obwohl mein Herz sich für einen Moment verzieht.
„Mach ich, Schätzchen.“
Ich streiche mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, spüre, wie sie an meiner Wange kleben bleibt, leicht nach Vanille riechend.
Mein Haar ist hellblond – zu hell. Ich erkenne mich manchmal selbst nicht, wenn ich morgens in den Spiegel sehe. Diese Frau, mit den hellblauen Kontaktlinsen, dem warmen Pulli, der nach Weichspüler riecht, soll ich sein.
Sie heißt Elena. Nicht Neyla.
Elena mit dem Kind, das in Spanien lebt, irgendwo zwischen Olivenbäumen und alten Häusern mit grünen Fensterläden. Eine Frau, die hier niemand kennt und die niemand sucht.
Ich drehe den Ofen ab, lehne mich kurz gegen die Arbeitsplatte, schaue zu ihm hinüber.
Darian. Mein Sohn. Damons Sohn. Ich sage seinen Namen nicht mehr laut. Ich denke ihn kaum. Aber manchmal kommt er mir über die Lippen, wenn ich träume. Dann erschrecke ich mich vor meiner eigenen Stimme.
„Für wen ist das Bild, mein Großer?“
Er blickt hoch, seine Augen leuchten. So sehr, dass es mich fast wehtut.
„Für Santa! Ich mal, wie ich mit Papa Fußball spiel. Santa bringt ihn bestimmt.“
Ich vergesse zu atmen. Das Wort trifft mich so unerwartet, so leise, dass ich kurz glaube, er hätte etwas anderes gesagt. Aber nein. Papa. Dieses Wort, das in meinem Mund wie ein Messer klingt.
„Das ist schön, Liebling.“ Meine Stimme klingt fremd.
Ich klinge, als würde ich aus einem anderen Raum sprechen, als wäre ich nicht hier. Ich lächle ihn an, weil er das verdient, weil seine kleine Welt unversehrt bleiben soll, auch wenn meine längst in Scherben liegt.
Er malt weiter. Ich sehe, wie die Buntstifte über das Papier gleiten, grüne Striche für das Gras, ein blauer Kreis, der ein Ball sein soll. Zwei Strichmännchen – eines klein, eines groß.
„Mama?“
„Hm?“
„Wie sieht Papa aus?“
Mein Herz setzt aus. Ich spüre, wie mir die Kehle trocken wird. Ich zögere, und diese Sekunde zu lang lässt ihn neugierig werden.
„Hat er Haare wie ich?“
Ich nicke langsam. „Fast.“
„Und Augen wie du?“
„Nein“, flüstere ich. „Nicht wie ich.“
„Wie denn?“
„Wie das Eis im Winter.“
Er kichert, unbeschwert, und ich lache mit, obwohl ich innerlich breche. Ich will ihm nichts sagen. Ich will ihn schützen vor allem, was dieser Mann war – und ist. Aber wie soll ich ihn schützen vor etwas, das in seiner DNA steckt, das durch seine Adern fließt, wie eine Erinnerung, die ich ihm nicht nehmen kann?
Als ich ihn später ins Bett bringe, riecht er nach Farbe und Keksen. Er kuschelt sich in seine Decke, seine Wimpern sind so lang, dass sie Schatten auf die Wangen werfen.
„Träum was Schönes, mein Schatz.“
„Von Papa?“, fragt er schläfrig.
Ich schlucke. „Von allem, was dich glücklich macht.“
Er lächelt, nickt, und schließt die Augen.
Ich bleibe noch einen Moment an seiner Tür stehen. Höre, wie sein Atem ruhig wird, wie das leise Pfeifen seiner kleinen Nase mich beruhigen sollte, es aber nicht tut.
Ich schalte das Nachtlicht ein – ein kleines, flackerndes Sternchen – und schleiche nach unten.
Das Haus ist still. Nur das Ticken der alten Uhr an der Wand begleitet mich. Ich lösche die letzten Kerzen, lege die Ofenhandschuhe auf die Anrichte, nehme mir ein Glas Wasser.
Die Lichter des Weihnachtsbaums werfen goldene Muster auf den Boden, flimmernd, fast lebendig.
Ich bin müde, aber Schlaf ist nichts, was mich findet. Seit Jahren nicht. Immer, wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn.
Manchmal erinnere ich mich an die Musik. An den Jungen, der Songs schrieb, bevor seine Hände zu Waffen wurden. An den Jungen, der mich geliebt hat, bevor er mich gebrochen hat. Ich weiß nicht, wann er aufgehört hat, Damon zu sein, und zu jemand anderem wurde. Jemand, den man fürchten muss. Vielleicht war er das immer schon, und ich wollte es nur nicht sehen.
Ich drehe mich zur Treppe, will gerade das Licht löschen – und halte inne.
Etwas ist anders.
Ein Schatten bewegt sich in der Dunkelheit, dort, wo der Baum steht.
Ich blinzle, bleibe reglos stehen, mein Herz stolpert. Ich denke zuerst, es ist Einbildung, eine optische Täuschung.
Doch dann rieche ich es. Tabak. Stark. Bitter. Vertraut.
Ich friere augenblicklich. Der Geruch zieht wie ein Geist durch den Raum, trifft mich im Bauch, im Nacken, überall.
Meine Finger umklammern das Glas so fest, dass es mir fast aus der Hand gleitet. Ich spüre, wie mein Atem flacher wird, wie meine Gedanken stolpern, wie alles in mir fliehen will, während mein Körper sich weigert, sich zu bewegen.
Er sitzt da.
Im Halbdunkel.
Ein Mann, zu groß für das Sofa, das plötzlich zu klein wirkt unter seinem Gewicht.
Das Licht des Baumes schimmert über seine Haut, über Tattoos, die sich bis an seinen Hals ziehen, schwarz und gefährlich, wie Schatten, die nie verschwinden. Seine Haare sind kürzer, dunkler, der Bart dichter, seine Schultern breiter.
Und doch erkenne ich jede Linie, jede Bewegung, jeden Atemzug.
In seiner rechten Hand glüht eine Zigarre, dünne Rauchfäden tanzen in der Luft. In der anderen hält er das Blatt Papier.
Darians Bild.
Mir wird schwindlig.
Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was ich sehe.
Er hat das Bild aus der Küche geholt.
Er hat es gefunden.
Er hat uns gefunden.
Ich will etwas sagen, einen Laut, ein Wort, irgendetwas – aber meine Stimme hat mich verlassen. Mein Körper reagiert wie damals: erstarren, warten, hoffen, dass es vergeht. Doch nichts vergeht.
Er hebt den Kopf, langsam, als hätte er es eilig und doch alle Zeit der Welt.

Sein Blick trifft mich, und in diesem Blick liegt nichts Menschliches. Nur Leere.
Diese eisblauen Augen, die mich einmal angesehen haben, als wäre ich der Mittelpunkt seiner Welt, sehen jetzt durch mich hindurch, als wäre ich Luft.
Und trotzdem spüre ich, dass er mich erkennt.
„Du hast dich verändert“, sagt er leise. Seine Stimme ist rauer geworden, tiefer.
Ich kann kaum atmen. „Wie hast du—“
„Glaubst du wirklich, du könntest dich verstecken?“
Er lächelt, aber es ist kein Lächeln. Es ist eine Erinnerung an eines.
Ich taste hinter mich, spüre die Wand. Alles in mir schreit, dass ich rennen soll, dass ich Darian packen soll, dass ich fliehen muss. Aber ich bewege mich keinen Zentimeter.
„Er ist schön“, murmelt er, sein Blick wandert wieder zu dem Bild. „Er malt dich gut.“
Seine Finger streichen über das Papier, vorsichtig, fast zärtlich. Der Rauch kringelt sich um seine Hand, legt sich auf das bunte Bild wie Staub.
Mir schnürt es die Kehle zu. Ich sehe ihn an und erkenne nichts mehr von dem Jungen, der damals Songs für mich geschrieben hat. Nur noch den Mann, der sich verloren hat, irgendwo zwischen Macht, Gewalt und Schmerz.
Er hat nichts mehr mit dem Damon zu tun, den ich einmal kannte. Und trotzdem schlägt mein Herz, als würde es ihn wiedererkennen.
„Warum bist du hier?“, flüstere ich.
„Weil du es warst, die gegangen ist.“
Er sagt es, als wäre das eine Antwort.
Ich will schreien, dass ich musste. Dass er mich dazu gezwungen hat. Dass ich gegangen bin, um zu überleben. Aber kein Laut verlässt meine Lippen.
Er legt das Bild neben sich, löscht die Zigarre im Aschenbecher und steht auf.
Langsam, mit dieser kontrollierten Ruhe, die mir immer mehr Angst macht als jedes laute Wort, das er je gesprochen hat. Sein Schatten breitet sich über den Boden aus, schneidet durch das warme Licht des Weihnachtsbaums und verschluckt die kleinen goldenen Punkte, die eben noch getanzt haben.
„Damon“, flüstere ich, kaum hörbar. Der Name schmeckt nach Asche, nach Vergangenheit, nach allem, was ich versucht habe zu vergessen.
Er bleibt stehen, und sein Blick findet mich – diese eisblauen Augen, leer und unergründlich, und doch flackert da für den Bruchteil einer Sekunde etwas auf, das ich einmal gekannt habe. Erinnerung vielleicht. Schmerz. Etwas, das ihn fast menschlich macht. Dann ist es wieder fort, als hätte ich es mir eingebildet.
„Ich finde immer, was mir gehört“, sagt er, und es klingt gefährlicher als jede Drohung, die je aus seinem Mund kam.
Er setzt sich in Bewegung, nur ein Schritt, und mein Körper reagiert sofort, bevor mein Kopf überhaupt begreift, was geschieht.
Ich weiche zurück, instinktiv, Schritt für Schritt, bis mein Rücken die Wand berührt und mir klar wird, dass ich in die Enge getrieben bin. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen, als wolle es fliehen, aber der Rest von mir bleibt wie gelähmt.
Seine Bewegungen sind ruhig, präzise, jede Faser in ihm kontrolliert, und genau das macht sie so gefährlich.
Ich sehe zur Kommode hinüber, nur einen kurzen Augenblick, dorthin, wo in der unteren Schublade zwischen Stoffservietten und alten Briefen die Waffe liegt, die ich mir im Darknet besorgt habe. Eine kleine, unscheinbare Pistole, kalt, metallisch, und doch so schwer, dass sie mir jedes Mal die Hand hinunterzieht, wenn ich sie halte. Ich denke an sie, an die Sicherheit, die sie mir geben sollte, und weiß trotzdem, dass ich sie nie benutzen könnte. Nicht gegen ihn. Nicht gegen Damon.
Er steht jetzt direkt vor mir, so nah, dass ich seinen Duft riechen kann – eine Mischung aus Rauch, Leder und etwas Dunklem, Gefährlichem, das schon immer in ihm war. Ich habe diesen Geruch aus meinem Gedächtnis gestrichen, aber mein Körper erinnert sich. Er erinnert sich an alles.
„Bitte geh“, flüstere ich, aber meine Stimme ist nur ein Hauch.
Er reagiert nicht. Sein Blick wandert über mein Gesicht, langsam, prüfend, als wolle er jedes Detail neu lernen, als müsse er sich davon überzeugen, dass ich echt bin.
Ich schließe die Augen, weil ich sonst zerbreche, weil ich den Ausdruck in seinen Augen nicht ertrage. Ich will ihn nicht sehen, will nicht, dass er sieht, was diese Begegnung mit mir macht. Vielleicht verschwindet er, wenn ich ihn nicht ansehe. Vielleicht ist das hier nur ein Traum.
Aber dann spüre ich seine Hand an meiner Wange. Warm. Schwer. Fordernd.
„Mach die Augen auf“, sagt er leise, und in seiner Stimme liegt diese gefährliche Ruhe, die alles in mir lähmt.
Ich schüttele kaum merklich den Kopf, aber er wiederholt es, fester, dunkler, so wie früher, wenn Nein für ihn nie ein Nein war. Seine Finger bewegen sich nicht, sie bleiben, zwingen mich, ihn anzusehen.
Also öffne ich die Augen.
Er steht so nah, dass ich seine Pupillen erkennen kann, dieses helle Eisblau, das mich einmal gefesselt und dann zerstört hat.
Mein Körper zittert, jeder Atemzug bricht in meiner Kehle, und ich weiß nicht, ob ich friere oder brenne.
„Ich hab dich vermisst, Baby“, flüstert er, und in dem Moment, in dem er das sagt, zieht sich in mir alles zusammen.
Das Wort klingt, als käme es aus einem anderen Leben.
Ein Leben, das ich hinter mir lassen wollte.
Aber er steht hier, leibhaftig, und mit jedem Atemzug, den ich tue, spüre ich, dass er mich gefunden hat – nicht nur hier, in diesem Haus am Rande eines spanischen Dorfes, sondern dort, wo ich ihn nie mehr haben wollte: in mir.









das fängt schon wieder sooooo gut an!
Ich freue mich riesig dass ich dich als Autorin gefunden habe 🥳😍😍