Zieh dich aus!
Sein großer Körper, sein breiter Rücken, die schulterlangen Haare - auch wenn ich ihn nur im Mondschein erkennen kann: Dieser Mann ist eindeutig Pierre, ein Söldner, der von der Befreiungsarmee beauftragt wurde. Mir wird warm ums Herz.
Seit mehr als zwanzig Jahren werden wir Armaner von der radikalen und korrupten Kleptokratie des Landes Ninoba unterdrückt, ausgebeutet und schon für kleinste Vergehen gefoltert und eingesperrt. Die Befreiungsarmee fordert dieses Gebiet hier als ihr eigenes. Ich selbst bin eine Armanerin, doch ich verberge es hinter einer falschen Identität. So habe ich überlebt und konnte ganz normal die Schule abschließen und mache nun seit fast zwei Jahren eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung der Kreisstadt Heritas.
Mein Papa war ebenfalls Söldner. Ich habe von diesem harten Beruf viel gesehen, dufte ihn aber nie erlernen. Und mein hübscher Pierre war Vaters Schützling, bis er von ihm vor fünf Jahren verstoßen wurde. Ich kenne Pierre schon so lange ich denken kann, ja, und ich liebe ihn von ganzem Herzen.
Leider musste ich meinem Papa am Sterbebett schwören, auf meine Volljährigkeit zu warten, bis ich Pierre kontaktieren darf und das habe ich.
Aus einer Deckung hinter einem Baum heraus beobachte ich Pierre dabei, wie er um den Metallzaun des Staudamms herum schleicht. Er sucht Zugänge und Schwachstellen, die später genutzt werden können, um in das Gelände einzudringen. Obwohl dieser Damm so wichtig ist, wird in das Grenzgebiet kaum investiert und wenn doch, verschwinden die Gelder sehr schnell in den tiefen Taschen der Verantwortlichen. Pierre wird kaum Sicherheitsmaßnahmen vorfinden.
Ich weiß, dass bei der Stadt die Zugangsschlüssel zur Anlage im Lager aufbewahrt werden. Zudem weiß ich, dass die Überwachungskameras schon lange nicht mehr funktionieren. Pierre wird sich darüber freuen, wenn ich ihm das erzähle.
Als ich mich bewege, um Pierre im Auge zu behalten, knackt ein Zweig unter mir, was der breitschultrige Mann bemerkt. Er wirbelt zu mir herum, eine Hand an der Pistole, die er langsam zieht. In der Dunkelheit hinter den Bäumen bin ich sicher schlecht zu erkennen.
Nur eine falsche Bewegung und er schießt, das ist mir klar. Pierre ist ein hervorragender Nahkämpfer, dagegen aber kein überragender Schütze. Gefährlich ist es trotzdem. Ich muss mich zu erkennen geben. Der beste Schutz ist, mich aus der Deckung zu wagen.
Ich rufe ihm zu:
“Bitte nicht schießen, Pierre. Ich bin es, Julie.”
Er kann die Richtung deuten, aus der ich spreche und richtet die Waffe nun direkt auf mich. Es ist so dunkel, dort, wo ich stehe, dass er mich wahrscheinlich überhaupt nicht sehen kann. Ich hebe die Hände und laufe aus dem Schatten der Bäume hinaus.
Pierre zielt auf meinen Kopf. Mein Herz rast. Auch von ihm sehe ich nur eine große, düstere Silhouette im Schein des Halbmondes. Mit beiden Händen an der Waffe schreitet er schweigend auf mich zu.
Ich laufe einen weiteren Schritt zu ihm, bis auch mich das Mondlicht trifft. Dann bleibe ich stehen.
“Julie Marseille. Erinnerst du dich an mich?”
“Wieso sollte mir die Tochter meines Meisters mitten in der Dunkelheit auflauern?”, sind seine ersten Worte an mich.
“Weil ich dich … weil ich euch unterstützen will!”
Pierre macht große Schritte auf mich zu, bedroht mich zunächst noch mit der Waffe, packt dann aber eins meiner Handgelenke und steckt die Pistole zurück in den Holster. Scheinbar genau von dort holt er einen Kabelbinder, den er mir in einer fließenden Bewegung erst um das eine und dann auch das andere Handgelenk legt.
Er packt mich hart am Oberarm und schubst mich an, damit ich schräg vor ihm loslaufe. Ich stolpere in der Dunkelheit über einen Stein, doch sein straffer Griff stabilisiert mich. Er ist so groß und ich so klein, dass ich ihm kaum bis zur Brust reiche. Ich spüre, wie stark er ist. Ob ich ihm wirklich eine Hilfe sein kann?
Er führt mich auf einen Waldweg.
“Es ist nicht nötig, mich zu fesseln, Pierre”, hauche ich eingeschüchtert, doch das beeindruckt ihn nicht.
Er schiebt mich bis zu einem am Waldweg geparkten, schäbigen Van. Noch immer den harten Griff um meinen Arm, der inzwischen schmerzt, öffnet er die Hecktür.
“Schuhe aus und einsteigen!”
Ich schlüpfe aus meinen Turnschuhen und setzte dann zuerst vorsichtig ein Knie in das Fahrzeug, weil ich so gut wie nichts sehe. Der Boden ist weich. Ich krabbele mit meinen gefesselten Händen hinein und schon schlägt Pierre hinter mir hart die Hecktür zu. Es riecht etwas muffig, aber nicht unangenehm. Schon damals, als er mit meinem Papa trainiert hat, mochte ich Pierres Körpergeruch.
Einen Augenblick später höre ich, wie Pierre die Fahrertür öffnet. Ich sehe, wie er einsteigt, allerdings leuchtet das kleine Licht an seinem Rückspiegel nicht. Vermutlich ist es kaputt. Zwischen ihm und mir befindet sich ein Gitter.
Er startet den Wagen, der etwas rattert und nicht besonders gesund klingt. Dann fährt Pierre los.
“Wohin bringst du mich, Pierre?”
“Das siehst du, wenn wir da sind.”
Den trockenen Humor hat er behalten, aber ich habe ihn noch nie so kühl und schroff erlebt. Ich denke, er hält mich für eine Betrügerin.
Da es auf dem Waldweg stark schaukelt, setze ich mich auf den Schaumstoffboden. Es ist stockdunkel. Ich ertaste eine Decke, dann etwas aus Kunststoff und erschrecke. Solange ich nichts sehe, sollte ich das lassen.
Pierre biegt auf eine Straße ab und fährt einige Minuten, bis er irgendwo anhält. Er steigt wieder aus und öffnet eine der Hecktüren, durch die orangegelbes Licht einer Laterne hinein scheint. Hinter Pierres großen schwarzen Umrissen sehe ich einen beleuchteten Rastplatz.
Er steigt zu mir ins Fahrzeug. Ich zucke zusammen, doch er geht zu einer Seite und schiebt dort einen Vorhang beiseite, der nun das warme Licht hineinfallen lässt.
Nun sehe ich endlich sein Gesicht, seine schulterlangen, strähnigen Haare und seinen Drei-Tage-Bart an seinem kantig, männlichen Kinn.
Als Kind fand ich, dass er riesig war, so wie auch mein Papa. Pierre ist ein Muskelberg. Ich hingegen bin nicht besonders groß und sehr zierlich. Was wird er wohl von mir denken? War es wirklich eine gute Idee, ihn zu suchen?
Er beugt sich zu mir herab, packt meine gefesselten Hände und schneidet den Kabelbinder mit einem Kampfmesser auf.
“Zieh dich aus!”
“Was?”, fiepe ich. Wieso soll ich …?
Er wedelt mit dem Messer herum.
“Mach schon!”
Ich sehe seinen Gesichtsausdruck nicht genau, aber ich glaube, er macht keine Späße.
“Ich bin es, Pierre!”
Er macht einen Schritt auf mich zu, packt sich meinen beigen Pullover und schlitzt ihn von unten nach oben mit einer gezielten Bewegung auf.
“Pierre!”, quieke ich.
Er zerrt mir den zerschnittenen Pulli über die Schultern. Meine Brüste sind nicht besonders groß. Ich bin froh, dass ich heute trotzdem einen BH angezogen habe, sonst wäre ich jetzt obenrum nackt.
“Jetzt die Hose!”
Er kommt schon wieder mit seinem Messer näher.
“Schon gut”, wimmere ich und öffne den Knopf und den Reißverschluss meiner Jeans, die ich mir dann an meinen etwas dickeren Oberschenkeln herunter schiebe. Ich steige aus der Hose heraus.
“Ich werde dich jetzt absuchen”, verkündet er. “Wenn du sauber bist, rede ich mit dir.”
Pierre macht mir Angst. Früher war er immer so lieb und nun ist er so harsch. Meine Knie sind weich. Hoffentlich geht das schnell.