Anstandslos
Es war einer dieser langen Abende, an denen die Arbeit nicht aufhören wollte. Dringend musste noch eine Anzeige fertig werden. Im letzten Moment verweigerte Lea ihre Unterschrift unter das Model Release. Ohne ihre Erlaubnis, ihr Bild für eine Anzeige zu verwenden, war der Präsentationstermin nicht zu halten. „Weniger ist gut.“ sollte in großen Lettern über ihre leicht bekleideten Brüste stehen.
„Die Aussage bezieht sich auf meine Titten, never unterschreib ich.“
„Die bezieht sich auf den Preis u n d auf den engen BH. Die Ironie ist der Witz der Anzeige. Du wusstest es von Anfang an, wofür wir dein Bild verwenden wollten.“
„So hast du es mir nicht erklärt. Vergiss es!“
„Lea, das kannst Du nicht bringen.“
“Matthias, ich kann!”
“Lea, du ... ach ...”
“Ach was?”
“Du bringst mich in eine große Scheiße. Fick dich!”
Fassungslos starrte ich in den weiten Raum. Mit Engelszungen hatte ich den Nachmittag versucht, sie zu überzeugen. Ich mochte Lea, aber meine deftige Bemerkung tat mir nicht leid. Ich kochte vor Wut, weil sie mich einfach so hängen ließ. Lea war groß, fast 1,80, eine schlanke Figur und kurze schwarze Haare. Ihre dunklen Augen waren geheimnisvoll. Das Bild hatte ich selbst vor drei Jahren einmal bei einem gemeinsamen Urlaub mit ihr, meiner damaligen Freundin Simone und ihrem Freund Thorsten am Stand auf der Insel Rügen geschossen. Es war ein gelungener Schnappschuss. Schönes Abendlicht, das Meer und ihr gewinnendes Lächeln.
Dieser Urlaub ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Thorsten und Lea erzählten mir und Simone an einem alkoholreichen Abend von ihren bizarren sexuellen Praktiken. Thorsten ließ sich gerne von Lea Schmerzen zufügen und diente ihr als Sklave. Diese Rollenspiele würden beide sehr stimulieren. Simone schwieg dazu nur, weshalb wir auch schnell das Thema wechselten. Ich hingegen war fasziniert. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, wie Thorsten einer Frau zu gehorchen. Mich fesselte der Gedanke, eine Frau zu beherrschen. Dieser verborgene Wunsch ist während dieses Gesprächs zum ersten Mal bewusst geworden.
Der harte Knall der Tür bei Leas wütendem Verlassen der Agentur offenbarte nicht nur dem letzten Mitarbeiter unseren Streit, sondern er ließ mich wieder zu mir kommen. Morgen früh war die Präsentation und nun musste ich innerhalb kürzester Zeit ein neues Motiv finden. Und so recherchierte ich schon seit zwei Stunden auf den Websites diverser Model- und Fotoagenturen nach einem geeigneten Motiv.
Das ganze Suchen in Bildbeständen halbnackter Frauen brachte mich langsam auf andere Gedanken. Seit einem halben Jahr war ich Solo. Sex hatte ich nur noch gelegentlich mit meiner alten Bekannten Kathrin. Ansonsten legte ich selbst Hand an. Ich chattete häufig. Weniger in der Hoffnung, so eine neue Beziehung zu finden, als in dem Wunsch, eine Frau kennenzulernen, die meine geheimen Wünsche versteht. An diesem frühen Abend schrieb ich Sonja an:
„Hallo, ich bin Matthias Mitte 30 aus Berlin. Hast du Lust zu chatten?“
So fange ich in der Regel immer die Unterhaltung an, weil sie einerseits offen und direkt ist und andererseits Frauen nicht einfach nur plump anmacht. Ausgesucht habe ich Sonja, weil sie in ihrem Profil angab, Studentin zu sein. Studentinnen auszusuchen hat sich als effektiv erwiesen. Sie sind recht aufgeschlossen, suchen noch keinen Kinderzeuger oder -erzieher und haben die Pubertät glücklicherweise schon Jahre hinter sich. Es entwickelte sich ein belangloser Chat. Ich erfuhr, dass sie Kunstgeschichte studierte und mitten im Studium steckte. Sie wohnt in Leipzig. Von ihrem Freund habe sie sich getrennt, weil er gelegentlich gewesen sei. Eigentlich hatte mich das alles kaum interessiert. Außerdem hegte ich den Verdacht, dass sie nun auf der Suche nach ihrer neuen großen Liebe sei, nach einem Mann, der sie nicht schlägt, der immer nett und verständnisvoll ist. Meine Vermutung war, dass sie nach ihren Erfahrungen eine ganz normale Beziehung sucht. Das war verständlich. Aber dieser Wunsch entsprach nicht meinem Verlangen.
Irgendwann habe ich sie dann aber doch gefragt, ob sie nicht auch mal Lust hätte zu telefonieren. Mehr aus Gewohnheit, als aus echtem Interesse an ihr. Ich war überrascht, dass sie anstandslos einverstanden war. Üblicherweise geben Frauen ihre Telefonnummern nicht so schnell heraus. Sonja war da offenbar anders und offener, womit sich meine These, dass Studentinnen im Chat anzusprechen effektiv sei, mal wieder als goldrichtig herausgestellt hatte. Wahrscheinlich war es aber auch nur selektive Wahrnehmung. Ich stand einfach auf halbwegs gebildete Frauen zwischen zwanzig und dreißig und diese wiederum fanden wohl auch Werbefritzen über dreißig interessant. Wir tauschten die Telefonnummern und verabredeten uns schon für denselben Abend gegen 23 Uhr. Über Sonja machte ich mir keine weiteren Gedanken. Vielleicht wird es ja noch ein heißes Telefonat, dachte ich bei mir, und schaute mir weiter Titten und Ärsche an. Die Anzeige musste gestaltet werden und nun war es schon gegen neun Uhr.
Nach einer weiteren halben Stunde nutzlosen Suchens, gab ich auf. Eine passende Kombination aus Ausstrahlung und kleinen Brüsten war in den Bilddatenbanken einfach nicht zu finden. Solche Bilder findet man zufällig oder man arrangiert sie. Zu Letzterem fehlte die Zeit. Eine andere Lösung musste her.
„Tobias, wir nehmen das Bild von Lea.“ schlug ich in bestimmtem Ton meinem Geschäftspartner vor. Tobias war schon über vierzig und fürs Geschäftliche zuständig. Während ich mit meinem Leben nicht so richtig etwas anzufangen wußte, war er ausgesprochen zielstrebig. Tobias musste schon immer was er wollte. Zweifel kannte er scheinbar nicht. Im Gegensatz zu mir war er schon seit vielen Jahren verheiratet und hatte Kinder. Erhebliche Bedenken hatte er allerdings an meinem Vorschlag.
„Matthias, das geht nicht. Wenn sie uns verklagt, sind schnell fünfstellige Summen fällig.“
„Sie wird uns nicht verklagen. Sie wird mir die Augen auskratzen.“
„Das ist wahrscheinlich noch schlimmer, Mr. Artdirector. Sie hat eindeutig abgelehnt. Das Risiko ist zu groß. Willst du uns ruinieren?“
„Wir sind ruiniert, wenn wir morgen keine gute Anzeige abgeben. Talk2 ist unser wichtigster Auftraggeber.“
Wir stritten vielleicht noch eine halbe Stunde. Aber ich war der Artdirector und Lea war die Freundin meines alten Schulfreundes Thorsten. So wie ich mir sicher war, dass es richtig Stress mit ihr geben würde, so sicher war ich mir, dass sie mich nicht verklagt. Unser Verhältnis war trotz des heftigen Tons am Nachmittag doch zu freundschaftlich und vertraut. Wir kannten uns schließlich auch schon einige Jahre. Mit seinem typischen „Mach was du willst!“ ließ mich Tobias schließlich gewähren. So endeten die meisten unserer seltenen Auseinandersetzungen. Er wusste einfach, dass die Auftraggeber meine Leistungen einkaufen und er Kreativentscheidungen mir überlassen musste. Jetzt hatte ich noch eine gute halbe Stunde, in der Anzeige mit dem Bild von Lea die letzten kleinen Änderungen vorzunehmen. Dann ging es zügig nach hause. Das Telefondate mit Sonja wollte ich nicht verpassen. Vielleicht hatte dieser Tag ja doch noch ein entspanntes Ende.