Ein gewöhnliches Leben
Manchmal ärgert es mich, wie gewöhnlich mein Leben ist. Es gibt so viele Städte, in denen ich wohnen möchte. So viele Berufe, die ich gern erlernen würde. Ich möchte jede Sprache sprechen, jedes Land bereisen und jedes Buch lesen.
Wenn ich darüber nachdenke, wer ich sein könnte, fallen mir unzählige Versionen meiner selbst ein. Eine Künstlerin, die bis Mitternacht arbeitet, Zigaretten raucht und viel zu große, bunt karierte Hemden mit Kniestrümpfen trägt. Die morgens schwarzen Kaffee trinkt und abends Paella isst, bevor die Kreativität ihren Geist übernimmt. Meine Freunde würde ich häufig sehen; sie wären genauso kreativ wie ich oder würden mich um meine Kreativität beneiden.
Ich könnte aber auch eine erfolgreiche Karrierefrau sein. Jemand, der unkonventionelle Wege einschlägt und damit Erfolg hat. Eine Unternehmerin, die ihr Leben der Arbeit widmet. Ich könnte etwas mit Zahlen und Fakten studieren, etwas Rationales, Logisches. Es wäre nötig, jeden Morgen früh aufzustehen, gegen sechs, um meine hochgesteckten Ziele zu erreichen. Disziplin und Balance wären wichtige Werte – keine Kreativität, keine verträumten Tage in Sicht.
Ich könnte auch alles, was ich kenne und habe, hinter mir lassen und irgendwo ganz neu beginnen. Ich könnte Menschen kennenlernen, die ich niemals kennenlernen werde. Zumindest nicht, wenn ich für immer hierbleibe. Vielleicht läuft gerade jetzt die Liebe meines Lebens jemand anderem über den Weg, weil ich mich nicht traue zu gehen.
Das Leben hat so viele mögliche Enden. So viele Dinge, die ich erleben will. So viele Menschen, die ich sein möchte. Ich will Schauspielerin sein und Sängerin. Ich will ein einfaches Leben auf dem Land führen und Kinder bekommen, die nicht wissen, wie es ist, in einer Großstadt aufzuwachsen. Ich will selbst in der Anonymität einer Großstadt ertrinken und gleichzeitig der Hauptcharakter sein. Ich will raus aus dem gewöhnlichen Leben, das ich führe.
Nur stelle ich fest, dass alles gewöhnlich wird, sobald es zur einzigen Realität wird.
Vieles ist verlockend, weil es zwischen unendlichen Möglichkeiten und Chancen schwebt. Weil es ungenau und aufregend ist, nur weil ich noch nicht weiß, wohin es mich führen wird. Weil es als bloße Zukunftsvision unendlich viele Enden offenhält. Solange etwas noch nicht passiert ist, kann ich mir vorstellen, dass ich in dem neuen Job die Liebe meines Lebens treffen werde oder endlich den Respekt bekomme, der mir zuvor fehlte. Ich kann hoffen, dass es mich in ein Abenteuer stürzt, mich erfüllt, meinem Leben Sinn gibt.
Doch sobald dieser Weg Realität wird, kann die Enttäuschung bitter sein. Plötzlich stelle ich fest, dass alle Kollegen verheiratet oder kahlköpfig sind. Dass Respekt in jedem Unternehmen Mangelware ist, die Teeküche zum Lästern dient und es mindestens ein ganz mieses Schwein im Team gibt. Das Gras ist auf der anderen Seite eben immer grüner. Und obwohl ich versuche, aus meinem gewöhnlichen Leben auszubrechen, wird es zur Gewohnheit, unzufrieden zu sein.
Die Angst, aus dem System eines konventionellen Lebens auszubrechen, finde ich besonders interessant. Denn in dem einen Moment denke ich: Genau so müssen sich alle vorherigen Systemausbrecher auch gefühlt haben. Mit all ihren Zweifeln und Ängsten. Wäre es einfach, wäre es längst gewöhnlich. Es muss schwer sein. Es muss Mut erfordern.
Du lebst nur einmal. Vielleicht auch gar nicht mehr lange. Was willst du tun? Wie willst du deine Zeit nutzen?
Es ist, als müsste man sein Essen rationieren, ohne zu wissen, für wie lange. Wenn ein Tisch mit einem riesigen Festmahl vor mir stünde und man mir sagte, ich solle gut einteilen, hinge alles davon ab, wie lange es reichen müsste. Für eine Woche würde ich ordentlich rationieren, fein säuberlich in Proteine, Kohlenhydrate und Genuss unterteilt. Vermutlich würde ich den Genuss – den Schokoladenpudding – schneller essen, aus Mangel an Disziplin. Aber ich würde es mir zumindest vornehmen.
Müsste es jedoch nur für eine einzige Mahlzeit reichen, würde ich reinhauen. Alles essen. Genießen, ohne nachzudenken.
Dabei geht es nicht um einen gedeckten Tisch. Es geht um die Frage, wie ich meine Ressourcen einteile. Die Ressourcen meines Lebens. Sie bestehen aus verschiedenen Standbeinen: Hobbys, Freundschaften, Arbeit, Weiterentwicklung – all das, wonach wir streben. Ich will alles davon im Griff haben. Jedes einzelne Standbein soll stabil sein. Doch sie schwanken, weil ich so vieles will.
Also muss ich mich entscheiden: Will ich Künstlerin sein? Karrierefrau? Oder weiter meinen Bürojob machen?
Die Antwort ist: Ich will alles davon.
Ich will nur nicht, dass ich mich selbst gewöhnlich fühle bei dem, was ich tue. Ich will ungewöhnlich sein.
Und doch wird am Ende – oder vielleicht schon am Anfang – alles zur Gewohnheit.