Lachen verboten - Küssen erlaubt

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Summary

Sechs Stunden lang ernst bleiben, obwohl alle anderen einen zum Lachen bringen wollen? Gar nicht so einfach. Dass ausgerechnet Yannick dabei ist? Noch schwieriger. Wenn der dann auch noch widersprüchliche Signale sendet und nicht mal das kleinste Lächeln erlaubt ist, stellt das Claudio vor eine riesige Herausforderung ...

Genre
Lgbtq/Humor
Author
Silva M.
Status
Complete
Chapters
9
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Noch sechs Stunden

„Drei, zwei, eins …“, zählten alle gemeinsam runter. Pünktlich auf die Null wurde der Raum für einen Augenblick in grünes Licht getaucht und das Signal ertönte. Es klang wie eine Fanfare, die allerdings von jemandem gespielt wurde, der zum ersten Mal im Leben ein Blasinstrument an die Lippen setzte.

Claudio hätte wetten können, dass das pure Absicht war. Der erste Test von vielen. In diesen vier Wänden wurde nichts dem Zufall überlassen und jede Kamera, jedes Mikro war gezielt platziert worden. Nur der menschliche Faktor war unberechenbar.

Eben noch in trauter Eintracht auf den drei knallroten Sofas in der Mitte des Raumes zusammengerottet, stoben die meisten Anwesenden nun wie die aufgescheuchten Hühner auseinander. Während es die einen in Richtung Küche zog, waren die anderen dabei, die Einrichtung genauer zu begutachten. Einige von ihnen unterhielten sich leise, noch schien eine Art Waffenruhe zu herrschen. Lange würde die aber nicht andauern, so viel war klar. Nur zwei von ihnen blieben sitzen und begnügten sich damit, zunächst eine beobachtende Rolle einzunehmen.

Neben Claudio selbst – seines Zeichens Komiker, der mit siebenundzwanzig Jahren gerade erst anfing, den Duft des Erfolgs zu schnuppern – schien Liv es ebenfalls nicht eilig zu haben, sich ins Getümmel zu stürzen. Rechts von ihm hatte es sich die blonde Moderatorin gemütlich gemacht und hielt ein Kissen fest an den Oberkörper gedrückt. Ihre Augen starrten scheinbar ins Leere. Von Livs typischem breiten, sympathischen Lächeln, das Millionen TV-Zuschauer kannten und liebten, war nichts zu sehen. Aber das war ja auch der Sinn der Übung.

„Sag mal, Liv“, ertönte eine Stimme neben seinem Ohr und Claudio zuckte zusammen. Yannick hatte sich von hinten angeschlichen und lehnte sich über die Rückwand des Sofas, sodass sein Kopf zwischen Liv und Claudio auftauchte. Etwas war anders an ihm. Sein kurzes dunkles Haar wurde von einer Perücke verdeckt, einer einzigen roten wallenden Lockenmähne. Woher er die so schnell hatte, hatte Claudio nicht mitbekommen. Der Wahnsinn hatte also begonnen. „Ich hab über eine Typveränderung nachgedacht. Findest du, das steht mir?“

„Ist ein Anfang. Wenn du noch den Bart abrasierst und dich ordentlich schminkst, könnte vielleicht was draus werden.“ Die Angesprochene sah ihrem Kollegen todernst ins Gesicht. Mit der Antwort schien Yannick nicht ganz zufrieden.

„Was meinst du?“, wandte er sich an Claudio und blickte ihn neugierig an, welcher die Antwort hinauszögerte.

Den bekannten Comedian so dicht neben sich zu haben, auch wenn es nur für einen Augenblick war, brachte Claudio kurz aus dem Konzept. Ein leicht herber, anziehender Duft ging von Yannick aus. Wenige Zentimeter trennten ihre Gesichter voneinander. Der Bart, den Yannick sich erst seit ein paar Wochen stehen ließ, machte ihn auf unerklärliche Weise noch attraktiver als ohnehin schon. Seine dunkelbraunen Augen schienen in diesem Moment, der ruhig ewig hätte dauern dürfen, nichts interessanter zu finden als Claudio. Dieser schüttelte langsam den Kopf.

„Würde ich von abraten.“ In Wahrheit würde er versuchen ihm alles auszureden, was auch nur eine winzige Kleinigkeit an Yannick ändern würde. Warum sollte man etwas verbessern, das perfekt war?

„Hm“, machte Yannick nur und war schon wieder verschwunden.

Claudio atmete tief durch. Die kurze Aktion war nicht witzig gewesen, es tat sich jedoch ein anderes Problem auf: Yannicks Nähe. Auf ihn hatte Claudio sich am meisten gefreut, als er gehört hatte, wer sonst noch an dieser Show teilnehmen würde. Und gleichzeitig hatte er Yannicks Anwesenheit gefürchtet. Vielleicht war der Dreißigjährige nicht der, dessen komisches Talent Claudio am ehesten an den Rand eines Lachanfalls bringen würde. Vielleicht aber doch. Viel drängender war die Frage, wie zur Hölle Claudio es schaffen sollte, sechs Stunden lang auf der Hut zu sein und diesen Kerl nicht ein einziges Mal anzulächeln?

Durch die breite Doppeltür an einem Ende des Studios war die Moderatorin der Show vor wenigen Minuten entschwunden und durch diese konnte sie jederzeit wieder auftauchen. Dafür musste nur jemand die eiserne Regel der Show verletzen: Kein Lachen, kein Lächeln, nicht einmal das kleinste Schmunzeln. Jeder Verstoß wurde gnadenlos bestraft.

Also dann … Zeit, sich ebenfalls ein wenig umzusehen. Natürlich war Claudio gut vorbereitet hergekommen. Er hatte nicht nur versucht, sich auf die anderen Kandidaten einzustellen – genau genommen seine Konkurrenten. Oh nein, er hatte auch gründliche Recherche betrieben, was in anderen Ländern so aufgefahren wurde. Bevor er auf dem falschen Fuß erwischt wurde und beispielsweise durch ein plötzlich sprechendes Plüschtier so die Fassung verlor, dass er schon aus purer Überraschung lachte, würde er lieber gleich zu Beginn allem auf dem Grund gehen.

Er erhob sich schwungvoll vom Sofa, das härter war als es aussah, und begann seinen Rundgang. An einem Ende des Studios führten zwei Stufen hinauf zur Bühne, die fast so breit war wie der Raum selbst. Zwei dicke, dunkelrote Vorhänge hingen an beiden Seiten von der Decke herab. Ein Keyboard stand rechts von der Bühne bereit, in weiser Voraussicht angesichts des musikalischen Talents, das in einigen Teilnehmern schlummerte. Zumindest hatte Claudio das vermutet, als er es vorhin beim Betreten des Raumes gesehen hatte. Bedauerlicherweise war er ohnehin nicht sehr musikalisch, weshalb er einen großen Bogen darum machte.

Ein weiterer Grund war, dass er von den zwei Jungs, die das Instrument gerade in Beschlag nahmen, nicht als leichtes Opfer ausgemacht werden wollte. Bei den beiden hätte Claudio vor ein paar Monaten noch Schwierigkeiten gehabt, ihren Gesichtern die richtigen Namen zuzuordnen. Er gehörte wohl auch nicht zu deren Zielgruppe.

Leon, ein großer, schlaksiger Typ, der aus irgendeinem Grund im Designer-Anzug gekommen war, wäre äußerlich genauso gut als überbezahlter Profifußballer durchgegangen. Stattdessen war er im Internet auf den üblichen Plattformen mit – zugegeben nicht völlig schlechten – Imitationen bekannt geworden und wagte sich damit erst seit neuestem auch auf die Bühnen des Landes. Auf Claudio wirkte Leon bei allem, was er von ihm gesehen hatte, immer ein bisschen überheblich. Es half auch nicht gerade, dass Claudios Schwester, das Nesthäkchen der Familie und noch im Teenageralter, seit kurzem ein verdammt großes Leon-Fangirl war. Sie war förmlich ausgerastet, als sie erfahren hatte, dass ihr Bruder gemeinsam mit ihm an dieser Sendung teilnehmen würde. Dessen Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen.

Noch ein bisschen jünger als Leon war der kleinere von beiden, Tim. Sein Babyface hatte er bis jetzt ausschließlich für YouTube in die Kamera gehalten. Trotz einer Stimme, die gefühlt den Stimmbruch noch nicht ganz überstanden hatte, musste er natürlich auch gemeinsam mit irgendeiner Influencerin einen Podcast haben. Doch wer hatte den heutzutage nicht? Sein rotblonder Pony fiel ihm in die Augen und er war ständig dabei, ihn beiseite zu schieben.

Jedenfalls beachteten die zwei ihn gar nicht weiter, sondern waren viel zu sehr damit beschäftigt, mit dem Keyboard zu spielen. Mit, nicht auf. Jemand hatte es so eingestellt, dass die Tasten Furz-, Tier- und verschiedene andere Geräusche statt der üblichen Noten von sich gaben. Wie die kleinen Kinder probierten sie alle möglichen Effekte aus und kommentierten jeden einzelnen Ton.

„Deine Mutter hat neulich beim Sex genau das gleiche Geräusch gemacht“, meinte Leon gerade zu Tim, als das Blöken eines Schafes ertönte.

Claudio beschleunigte seine Schritte. Er hätte gedacht, die „Deine Mutter“-Witze wären inzwischen völlig out, aber wahrscheinlich war hier und heute jedes Mittel recht, um die Konkurrenz auszuschalten. Daran musste er sich selbst immer wieder erinnern. Jegliches Schamgefühl ablegen, keine Rücksicht nehmen und vor allem immer ernst bleiben. Koste es, was es wolle.

Fast überall im Studio waren Sitzgelegenheiten verteilt, Regale mit seltsamen Requisiten bestückt und bunte Bilder an die Wände gehängt. Ein paar Pflanzen, wahrscheinlich künstliche, standen scheinbar willkürlich platziert herum. Ab und zu untersuchte Claudio die Dekoration etwas genauer, drehte dort einen Gegenstand um, nahm hier etwas in die Hand. Noch konnte er nichts Verdächtiges feststellen.

Es schien, als ob sich die Kandidaten zunächst grob nach Generationen aufgeteilt hatten. Hier die zwei Newcomer in der einen Ecke, da hinten im Küchenbereich die „alten Hasen“. Yannick allerdings, der auch in Claudios Altersklasse fiel, aber bereits große Erfolge im Fernsehen sowie als Stand-Up-Comedian feiern konnte und seit Jahren zu den Großen der Branche zählte, hatte sich längst wieder zu den älteren Teilnehmern gesellt.

Und er, Claudio, hing irgendwo dazwischen. Es gab allerdings außer Liv und Claudio noch jemanden, der sich bisher noch keinem Grüppchen angeschlossen hatte.

Valentina stand etwas abseits, allein vor dem breiten Spiegel. Ein schlichtes, aber eng anliegendes Top und eine kurze schwarze Hose betonten ihre nahezu makellose Figur. Nacheinander nahm die junge Sängerin verschiedene Kopfbedeckungen aus dem Regal, setzte sie sich auf und warf einen prüfenden Blick auf ihr Ebenbild. Einige Augenblicke lang beobachtete Claudio nur, wie sie wiederholt zwischen einem Zylinder und einem Bauarbeiterhelm wechselte und Grimassen dabei schnitt. Immerhin schien sie darauf bedacht zu sein, bei keiner davon die Mundwinkel nach oben zu ziehen.

So richtig konnte Claudio sich ihr Verhalten nicht erklären, denn niemand weiter beachtete sie. Überhaupt war ihre Teilnahme für ihn ein einziges Mysterium. Anders als die meisten hier kam Valentina nicht aus dem Comedy-Bereich, nicht einmal vom Schauspiel. In den letzten zwei oder drei Jahren hatte sie ein paar bekannte Hits gehabt, war aber nie als sonderlich witzig oder schlagfertig aufgefallen.

Vielleicht diente sie als Eyecandy für die männlichen Zuschauer, denn hübsch anzusehen war sie definitiv. Das konnte Claudio durchaus zugeben, auch wenn seine Präferenzen woanders lagen. Jedenfalls hielt er Valentina für keine ernstzunehmende Konkurrentin. Wahrscheinlich würde sie keine halbe Stunde durchhalten. Kanonenfutter eben.

Unvermittelt drehte sie sich zu Claudio um und sprach ihn mit verstellter, tiefer Stimme an. Zusätzlich zu dem Bauarbeiterhelm hatte sie sich mit einem dicken angeklebten Schnurrbart „verschönert“. Ihr langes, glattes, blondiertes Haar lugte unter dem Helm hervor.

„Ey, Süße, schwing mal deinen Arsch hier rüber.“

Claudio stellte sich dumm, schaute hinter sich, deutete dann mit dem Zeigefinger auf sich selbst.

„Wer, ich?“

„Na klar, Püppchen, wer denn sonst?“, erwiderte Valentina in unverändertem Ton.

Gut, würde er eben mitspielen. Dazu war er ja schließlich hier. „Wenn du so nett fragst …“

Gleich darauf stand Claudio neben ihr und testete ebenfalls ein paar Sachen aus. Den üblichen albernen Kram wie überdimensionierte Brillen und falsche Nasen, den er schon als kleines Kind nicht lustig gefunden hatte. Währenddessen gab Valentina immer wieder Sprüche von sich, bei denen sie Claudio mehrfach als „Mäuschen“ oder „Schnucki“ bezeichnete.

Wenn sie glaubte, ihn damit aus der Reserve locken zu können, lag sie falsch. Claudio reagierte nur mit „Hm“, „Ja“ und „Nein“. Früher oder später würde es sie langweilen, wenn sie merkte, dass sie bei ihm auf Granit biss. Er selbst würde sein Pulver sicher nicht so früh verschießen. Aber der Platz hier war im Moment Gold wert.

Dass er im Spiegel einen guten Blick auf den Küchentresen hatte, um den sich gerade Yannick und vier andere Teilnehmer scharten, war nämlich ein unbestreitbarer Vorteil. Noch besser war, dass er Claudio den Rücken zudrehte und sich so auf dem Tresen abstützte, dass von hier aus freie Sicht auf seinen knackigen Hintern in den dunklen Jeans bestand.

Nicht ablenken lassen, ermahnte Claudio sich in Gedanken selbst. Es waren schließlich noch acht weitere Personen im Raum. Eine der Frauen hatte jetzt schon permanent eine Wasserflasche an den Lippen, vermutlich weil sie hoffte, dass ihr Mund so gar nicht erst zum Lächeln kam. Das war natürlich eine der möglichen Strategien, aber keine, die man ewig durchziehen konnte. Verstecken galt nämlich nicht. Auch das hatte man ihnen vor Beginn der Show eingebläut. So verstrichen die ersten fünfzehn oder zwanzig Minuten relativ ereignislos.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, gab es roten Alarm.