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Die Kälte in diesem Dorf kriecht dir nicht nur unter die Haut; sie nistet sich in deinen Knochen ein, bis du vergisst, wie sich Wärme überhaupt anfühlt. Aber heute zittere ich nicht wegen des ewigen Schnees, der die Dächer von Oakhaven unter sich begräbt. Ich zittere wegen des hölzernen Kastens, der auf dem Dorfplatz steht.
„Liv, hör auf zu nesteln“, zischt meine Mutter neben mir. Ihr Griff um meine Hand ist so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Sie hat Angst. Aber nicht um mich. Sie hat Angst, dass meine Unruhe die Aufmerksamkeit der Wächter auf uns zieht.
Ich presse die Lippen zusammen und spüre das kleine Jagdmesser, das ich mir in den rechten Stiefel geschoben habe. Es ist ein jämmerlicher Schutz gegen das, was da vorne auf dem Podest wartet.
Drei von ihnen stehen dort. Die Wächter. Männer, die mehr Wolf als Mensch sind, groß gewachsen, mit Augen, die das schwache Licht der Wintersonne wie Raubtiere einfangen. Sie sichern unser Überleben gegen die Bestien im tiefen Wald, und im Gegenzug fordern sie ihren Tribut. Jedes Jahr. Die Weiße Wahl.
„Es ist Zeit“, dröhnt die Stimme des Dorfältesten.
Das Schweigen, das folgt, ist so schwer, dass ich kaum atmen kann. Das Rascheln der Papierlose im Kasten klingt in meinen Ohren wie ein Todesurteil.
„Liv Parker.“
Mein Herz setzt einen Schlag aus. Es fühlt sich an, als würde der Boden unter mir nachgeben. Ein kollektives Aufatmen geht durch die Menge – die Erleichterung derer, die heute nicht gewählt wurden. Mutter lässt meine Hand sofort los. Sie tritt einen Schritt zurück. Sie markiert die Distanz. Ich bin bereits Eigentum der Wächter.
Ich zwinge mich, den Kopf zu heben. Ich werde nicht weinen. Nicht vor ihnen.
Ich trete vor, die Blicke der Dorfbewohner brennen wie Säure auf meiner Haut. Doch als ich das Podest erreiche, bewegt sich keiner der ersten beiden Wächter. Sie sehen an mir vorbei, als wäre ich nicht genug.
Dann tritt ein vierter Schatten aus dem Hintergrund der Versammlungshalle.
Die Menge weicht zurück. Ein instinktives Raunen geht durch die Reihen. Er trägt keinen Umhang wie die anderen, nur ein abgewetztes Leder-Harnisch, das seine massiven Schultern betont. Seine Haare sind dunkel, seine Haut gezeichnet von Narben, die Geschichten von Kämpfen erzählen, die kein Mensch überlebt hätte.
Rafe.
Man nennt ihn den Bastard-Alpha. Er ist derjenige, dem sie die Frauen geben, die niemand sonst bändigen kann. Er ist derjenige, von dem es heißt, er habe kein Herz, nur einen Hunger, der niemals endet.
Er bleibt direkt vor mir stehen. Er ist so groß, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss. Sein Geruch schlägt über mir zusammen – kalter Wald, dunkler Moschus und etwas Metallisches, das mich an Blut erinnert.
Seine Augen, ein gefährliches, glühendes Bernstein, bohren sich in meine.
„Die hier“, knurrt er. Seine Stimme ist kein Sprechen, es ist ein tiefes Vibrieren, das ich bis in meine Magengrube spüre.
Er greift nach meinem Kinn, seine Finger sind rau und heiß wie glühende Kohlen. In dem Moment, in dem seine Haut meine berührt, schießt ein elektrischer Schlag durch meinen Körper. Mein Atem stockt. Es ist kein Schmerz. Es ist ein Brennen, ein Markieren, ein Erkennen.
Der Savage Bond.
„Lass mich los“, presse ich hervor, obwohl meine Knie weich werden.
Ein dunkles, gefährliches Lächeln umspielt seine Lippen. Er beugt sich so tief zu mir herab, dass sein Atem mein Ohr streift.
„Du hast keine Ahnung, Liv“, flüstert er, und seine Hand wandert von meinem Kinn zu meinem Nacken, wo er mich wie eine Beute packt. „Ab heute gehören deine Schreie mir.“
Sein Griff in meinem Nacken ist fest, beinahe besitzergreifend. Ich versuche, mich loszureißen, doch mein Körper scheint mich zu verraten. Dort, wo seine Haut meine berührt, breitet sich eine Hitze aus, die den eisigen Wind von Oakhaven einfach auslöscht.
„Ich gehöre niemandem“, stoße ich hervor, doch meine Stimme zittert.
Rafe antwortet nicht. Er sieht mich nur an, und für einen Moment ist da mehr als nur Hunger in seinem Blick – es ist eine dunkle Anerkennung. Er registriert das Messer in meinem Stiefel, ich sehe es an dem kurzen Zucken seiner Augenwinkel. Er weiß, dass ich eine Kämpferin bin. Und es scheint ihm zu gefallen.
„Wir werden sehen, Little Bird“, murmert er.
Er macht keine Anstalten, mich sanft zu führen. Er zerrt mich förmlich vom Podest weg, an meiner Familie vorbei, die den Blick senkt, direkt auf die schwarze Grenze des Waldes zu. Niemand wagt es, ihm in den Weg zu treten. Er ist das Gesetz hier draußen.
Als wir die ersten Schatten der massiven Tannen erreichen, bleibt er abrupt stehen. Die Dunkelheit des Waldes verschluckt uns fast augenblicklich. Das Dorf hinter uns wirkt plötzlich wie eine ferne, schwache Erinnerung.
„Warum hier draußen?“, frage ich und versuche, meine Hand an das Messer in meinem Stiefel zu bringen. „Bring mich zu deiner Hütte und lass es uns hinter uns bringen.“
Rafe lacht leise, ein raues, kehliges Geräusch, das mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Er lässt meinen Nacken los, nur um mich im nächsten Moment mit einer Geschwindigkeit, die kein Mensch besitzen kann, gegen den rauen Stamm einer Kiefer zu drücken. Sein massiver Körper ist wie eine Mauer aus heißem Blei, die mich einkesselt.
Er stützt die Arme links und rechts neben meinem Kopf ab und beugt sich vor, bis seine Nasenspitze die meine berührt.
„Du glaubst, das hier ist nur ein Geschäft? Ein paar Nächte und dann ist es vorbei?“ Er senkt den Kopf zu meinem Hals und atmet tief ein, als würde er meinen Duft einsaugen.
Ich spüre, wie seine Eckzähne – länger und schärfer als die eines Menschen – meine Pulsader streifen. Ein heftiger Schauer durchfährt mich, und zu meinem Entsetzen ist es kein reiner Schmerz, sondern ein verräterisches Ziehen tief in meinem Unterleib.
„Die Weiße Wahl hat dir nicht gesagt, wer ich wirklich bin, Liv“, flüstert er gegen meine Haut, während seine Hand langsam zu meinem Stiefel hinuntergleitet und das versteckte Messer mit zwei Fingern herauszieht, als wäre es ein Spielzeug.
Er lässt die Klinge im tiefen Schnee versinken und sieht mir direkt in die Augen. Sein Bernstein-Blick glüht jetzt regelrecht in der Dunkelheit.
„Ich bringe dich nicht in eine Hütte. Ich bringe dich in mein Revier. Und dort draußen...“ Er macht eine kurze Pause, und sein Griff um meine Taille wird so fest, dass ich aufkeuche. „... dort draußen jagen wir nach meinen Regeln. Lauf, Liv.“
Er lässt mich los und tritt einen Schritt zurück in den Schatten, wo seine Umrisse beginnen, sich zu verändern. Das Reißen von Stoff und das Knacken von Knochen erfüllt die Stille.
„Lauf jetzt“, hallt seine Stimme in meinem Kopf wider, tiefer und bestialischer als zuvor. „Oder ich breche dich noch vor Mitternacht.“
Ich starre in die Dunkelheit, in der zwei glühende Augen aufleuchten, die viel größer sind als die eines Mannes. Und dann renne ich.








