Kapitel 1 – Das Schiff und das Meer
Tjara
Wasser bedeutet Leben – eine Weisheit, an der Tjara nie gezweifelt hatte.
Doch jetzt und hier schienen genau diese Worte sie zu verhöhnen, während sie unter Qualen einen kleinen Schritt vorwärts auf dem Deck des Schiffes wankte. Vor ihr eine dünne Holzplanke. Darunter das tosende Meer, dessen Wellen wie schäumende Hände nach ihr griffen. Der Wind trieb ihr die Gischt ins Gesicht, und ihre Knie wackelten, drohten unter ihr nachzugeben.
Sie blickte sich um.
Tief in die Gesichter der Besatzung des Schiffs. Viele sahen wütend aus, und manche wirkten fast ängstlich. Die Stricke um ihre Handgelenke waren eng und rau, aber das merkte sie kaum. Wie auch bei den schmerzenden Blutergüssen und Wunden überall auf ihrem Körper, die ihren Geist verwirrten.
Gerne hätte sie behauptet, ihr Mut hätte sie nicht längst verlassen, aber Tjara fühlte sich wie gelähmt. Die Angst kroch an ihr empor und ließ sie noch stärker frösteln, als es der Wind bereits tat. So würde es also zu Ende gehen, allein im kalten Ozean.
Doch ihre Schwäche würde niemand hier zu sehen bekommen.
Trotz aller Verletzungen strafte sie ihre Schultern und reckte ihr Kinn nach oben.
Sie war immer noch sie selbst. Bis zum Schluss hatte sie sich nach Kräften gewehrt. Auch wenn es ihr zuletzt nichts genutzt hatte. Nein, es hatte nur dazu geführt, dass sie nun allein vor ihrem nassen Grab stand. Nur die Gewissheit, dass sie ihren Willen nicht gebrochen hatten, half ihr, nicht zusammenzubrechen.
Plötzlich ertönte eine bekannte Stimme aus der Mitte des Decks. Es war die Stimme des Kapitäns. Das Gemurmel der Mannschaft verstummte sofort. Er war ein respekteinflößender Mann. Groß, hager, mit einer Haut, rau wie Leder von den vielen Jahren auf See. Aber es war vor allem seine Stimme, die jedem neuen Matrosen das Blut in den Adern gefrieren ließ. Lauter und tiefer, als es seine Gestalt erwarten ließ, und mit einer bissigen Verachtung in jedem Wort wandte er sich an seine Mannschaft:
„Was ich jetzt tun muss, habe ich in all meinen Jahren auf See noch nie getan."
Der Blick des Kapitäns drang durch die Reihen seiner Männer, blieb einen Moment lang auf seinem ersten Maat ruhen.
„Kostbare Ware über Bord zu werfen, das tun nur Verrückte. Aber diese Ware ist nicht mehr kostbar. Seht sie euch an!"
Unter den gnadenlosen Blicken aller Matrosen konnte Tjara kaum noch atmen.
„In zwei Tagen sind wir auf dem Markt in Varita. Und keiner wird sie so kaufen. Eine wie sie – jung, hübsch und exotisch, mit heller Haut und rotem Haar – bringt in Lotaris gutes Geld. Aber so, wie ihr gierigen Hunde sie zugerichtet habt, bleibt mir nur der Verlust. Und euch auch."
Seine Worte zischten über das Rauschen des Meeres.
„Eure Heuer kürze ich um eine Woche!"
Ein Raunen ging über das Deck, aber ein Blick des Kapitäns reichte, um alle sofort wieder verstummen zu lassen.
„Also übergeben wir sie dem Meer. Dann müssen wir uns am Hafen nicht auch noch mit einer Leiche rumschlagen."
Wieder Unruhe. Die Matrosen, Reih an Reih auf dem hölzernen Deck versammelt, zogen ihren Blick von ihrem Kapitän, hin zu dem dunklen Meer um sie herum. Ihre Mienen hart, aber manche Augen waren aufgerissen, als ob sie ein tollwütiges Tier vor sich sähen.
Einer der Männer hinten öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder, als sein Blick wieder zu seinem Kapitän wanderte. Seine Hände klammerten sich an die Reling. Dann fand der Matrose doch seine Stimme:
„Aber Kapitän! Eine Frau über Bord zu werfen, verstößt gegen das Gesetz des Meeres! Was ist, wenn wir Calypso verärgern?"
Viele nickten. Die Sorge stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Einige machten unwillkürlich ein Zeichen gegen das Böse.
Wäre sie nicht geknebelt gewesen, hätte sie es vielleicht geschafft, mit den richtigen Worten noch jemanden auf ihre Seite zu ziehen. Aber das Tuch in ihrem Mund saß schmerzhaft fest.
Der Kapitän schnitt dem Matrosen mit scharfer Zunge das Wort ab.
„Aberglaube! Reißt euch zusammen, sonst kürze ich euch die Heuer nicht um eine Woche, sondern um einen ganzen Monat."
Mit festen Schritten kam er auf sie zu. Der Wind bauschte sein Hemd auf, als wolle es ihm vorauseilen. Trotzdem hörte sie ein leises, aber deutliches Flüstern von ihrer linken Seite.
„Eine Hexe ins offene Meer zu werfen, das bringt Unglück", raunte einer der Matrosen, der sie bewachte.
Dass überhaupt jemand abgestellt worden war, um sie hier im Auge zu behalten, hatte sie nur diesem Aberglauben zu verdanken. Fast schon zum Lachen. Wo sollte sie denn hin? Außer ins offene Meer. Die nächste Küste konnte sie mit bloßem Auge nur schemenhaft erkennen. Und was sollte sie auch tun? Gefesselt, geknebelt und allein.
Aber nicht jeder der knapp zwanzig Matrosen war so abergläubisch.
Der erste Maat hatte sie auch eine Hexe genannt, aber bei ihm war es kein Aberglaube, sondern eine Beleidigung.
Vor ihrem inneren Auge flackerte die Erinnerung auf:
Nachdem sie ihm so stark in die Hand gebissen hatte, dass er seinen kleinen Finger verlor, hatte er sie brutal zu Boden geschlagen.
„Das wirst du mir büßen, du kleine Hexe. Du gehörst jetzt mir."
Sein stinkender Atem hing ihr immer noch in der Nase.
Wenn sie nur stärker oder schneller gewesen wäre, dann hätte er jetzt nicht nur eine Narbe am Kinn, sondern sie hätte ihm mit seinem eigenen Messer die Kehle aufgeschlitzt. Das sagte sie sich zumindest. Ob sie wirklich in der Lage wäre, einem Menschen das Leben zu nehmen – selbst so einem Monster wie ihm –, würde sie wohl nicht mehr herausfinden können.
Auch jetzt trug er ein widerliches Lächeln im Gesicht. Die schwarzen Zähne ein dunkler Fleck in seinem breiten, fast haarlosen Gesicht. Der massige Körper in der vordersten Reihe nicht zu übersehen. Sie hasste alles an ihm.
Aber der Gedanke, dass er dort drüben stand, während ihre Zeit gezählt war, brachte sie wirklich an den Rand der Verzweiflung. Vor allem, weil sie nicht als Einzige in einer Zelle auf diesem Schiff gesessen hatte.
Ein Knarzen der Holzdielen neben sich. Der Kapitän war nun bei ihr angekommen, um sie ins Meer – und somit in ihren sicheren Tod – zu stoßen.
Nein! Diese Genugtuung würde sie der Meute nicht gönnen.
Nur ein kleiner Schritt, und die Planke unter ihr schwankte. Ließ sie straucheln.
Sie bündelte ihren letzten Mut – und ihre Qual – und hoffte, dass die Kälte im Meer gnädiger sein würde als die Menschen auf diesem Schiff.
Mit dieser letzten traurigen Hoffnung sprang sie hinab, bevor der Kapitän sie erreichen konnte.
Der Aufprall auf dem Wasser war hart, aber nicht so hart, wie sie erwartet hatte. Die Kälte stach wie Nadeln in ihre Haut und kroch ihre Arme und Beine entlang.
Eigentlich war sie eine passable Schwimmerin, aber hier und jetzt würde ihr das nichts nützen. Das wusste sie längst, noch bevor sich das Meer über ihr schloss. Gierig sog sie die Luft in ihre Lungen, sobald ihr Kopf die Wasseroberfläche durchbrach. Um oben zu bleiben, strampelte sie verzweifelt mit den Beinen, denn ihre gefesselten Hände gaben ihr nur wenig Auftrieb. Das Wasser hatte den Knebel in ihrem Mund gelockert. Mit der Schulter schob sie das nasse Tuch zur Seite.
Vielleicht könnte sie auch die Knoten, die ihre Handgelenke aneinanderpressten, mit den Zähnen lösen. Doch schon beim ersten Versuch ging sie unter. Das Salz brannte in ihren Augen, und der Knoten schien völlig unbeeindruckt.
Verflucht!
Ihre Beine waren zu schwach. Bei dem Wellengang würde sie sich nicht lange über Wasser halten können.
Mühsam hob sie den Kopf aus den Wellen und sah sich um. Die Küste nur ein schmaler Streifen am Horizont.
Weit entfernt.
Viel zu weit.
Das einzige Schiff, das sie ausmachen konnte, war das, von dem sie kam. Es entfernte sich zügig von ihr. Zu ihrer eigenen Überraschung empfand sie es als Erleichterung, dass niemand sehen würde, wie ihre Kräfte sie verließen und sie unterging.
Die Kälte nahm ihr nun langsam den Schmerz – fast wie eine letzte Gnade.
Nein, sie würde noch nicht aufgeben. Mit dieser neuen Kraft rief sie doch noch nach Hilfe. Immer wieder schrie sie in den Wind, solange ihre Stimme reichte. Wenigstens würde sie später nicht denken müssen, sie hätte etwas unversucht gelassen.
Plötzlich brach eine große Welle genau über ihr zusammen. Sie schluckte so viel Wasser, dass sie würgen musste. Der bittere Geschmack von Galle und das Brennen in ihrer Nase ließen ihre Bewegungen immer fahriger werden.
Mit verschwommener Sicht verlor sie die Orientierung.
Tauchte immer häufiger unter.
Die Angst wuchs.
Schneller, als sie es für möglich gehalten hätte.
Sie strampelte weiter.
Verzweifelt.
Mit letzter Kraft.
Doch ihre Beine waren wie aus Blei.
Alles brannte.
Nur Salz und Kälte.
Dann, mitten im Chaos, konnte sie wieder klarer denken.
Die Erkenntnis traf sie: Jetzt würde sie sterben, und sie konnte nichts mehr dagegen tun. So nahm sie in ihrer Verzweiflung einen letzten tiefen Atemzug und hörte auf zu kämpfen.
Sie öffnete die Augen. Unter der Oberfläche war das Wasser ruhiger. Vor sich erkannte sie ihre blassen, gefesselten Arme, die wie von selbst durchs Wasser schlugen. Als sie an sich herabsah, konnte sie das zerfetzte hellblaue Kleid an ihrem tauben Körper erkennen. Es bewegte sich sanft mit der Strömung. So, als würde ihr Körper bereits dem Meer gehören.
Ihre Lunge brannte. Sie wollte an etwas Schönes denken. Trost finden.
Aber der Tod war kein Trost.
Nur Leere.
So schloss sie die Augen. Spürte, wie die Luft aus ihr entwich. Im nächsten Moment würden ihre Lungen sich mit Wasser füllen. In der Hoffnung, dabei keinen Schmerz mehr spüren zu müssen, ließ sie es geschehen.
Doch statt Wasser füllte warme, wunderbare Luft ihre Lungen. Einen Moment lang glaubte sie, gestorben zu sein. Dass es, anders als erwartet, doch so etwas wie einen Himmel gab, der Erlösung brachte.
Dann öffnete sie die Augen – und sah ein Gesicht direkt vor dem ihren und bemerkte, dass sich Lippen um die ihren geschlossen hatten.









Ja das beginnt mal spannend
Sehr spannend und intensiv geschrieben. 👌
mal ein nasser Einstieg. Du hast die Dramatik in ihr gut dargestellt. Hätte gerne ihr die Hand gereicht. Aber dein Ausgang aus dem Kapitel ist vielleicht besser 😁