Lotte

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Summary

Edgar hat seine Frau gepflegt, bis sie starb. Er hat ihr die Haare gebürstet, Nacht für Nacht. Alle nannten ihn hingebungsvoll. Niemand fragte, warum er dabei lächelte. Lotte fragt nicht. Lotte weiß es. Und sie will genau das.

Status
Complete
Chapters
15
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
18+

Das Souterrain

Hunderte Augen starrten ihn an, während Edgar nach einem Lichtschalter tastete. Seine Finger glitten über feuchten Putz, fanden nichts, und er wartete, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, das kaum bis hierher reichte.

Er trat einen Schritt vor, und sein Fuß stieß gegen etwas Weiches. Eine Puppe lag auf dem Boden, nackt, die Arme ausgestreckt wie ein Kind, das hochgehoben werden wollte. Edgar wich zurück, stieß gegen ein Regal, und als das Glas klirrte und ein Dutzend Köpfe zu wackeln begannen, hielt er den Atem an, bis sie wieder still waren.

Sie waren überall – auf Regalen, in Vitrinen, auf Stühlen, manche sitzend, manche liegend, manche so hingelehnt, als wären sie nur kurz eingenickt. Einige trugen Kleider, die älter aussahen als er selbst, andere waren nackt. Eine hing an einem Haken direkt neben ihm, und er zuckte bei ihrem Anblick zusammen.

Der Geruch traf ihn, noch bevor er richtig Luft holte – alter Staub, und darunter etwas Süßliches, das ihn in das Zimmer zurückwarf, in dem Marlene gestorben war. Er presste die Hand auf die Brust. Seine Lungen brannten.

Hinter ihm räusperte sich der Hauswirt.

»Verrückte alte Frau.« Der Mann stand im Treppenhaus, Hände in den Taschen, und machte keine Anstalten, näherzukommen. »Fünfzig Jahre da unten. Hat nie gegrüßt. Nicht einmal zu Weihnachten.«

Edgar drehte sich um.

»Kannten Sie sie?«

»Kennen.« Der Mann schnaubte. »Hab sie manchmal gesehen, wenn ich die Mülltonnen rausgestellt hab. Immer spät, immer allein. Hat mit sich selbst geredet.« Er warf einen schnellen Blick in das Souterrain und wandte sich sofort wieder ab. »Mit denen da, nehm ich an.«

»Wissen Sie, warum sie mich –« Edgar hielt den Brief hoch, den der Notar ihm geschickt hatte. »Ich hab sie nie getroffen. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern.«

Der Nachbar zuckte die Schultern. »Fragen Sie mich nicht. Die hat keinen reingelassen, nie. Außer –« Er stockte.

Edgar wartete.

»Manchmal kamen Männer. Handwerker, Lieferanten, so was. Hab ein paar Mal gesehen, wie welche reingegangen sind.«

»Und dann?«

Der Mann zog die Schultern hoch. »Sind halt irgendwann wieder gegangen.«

Edgar öffnete den Mund, aber der Hauswirt hatte sich schon abgewandt und war halb die Treppe hinauf.

»Schlüssel können Sie behalten«, rief er über die Schulter. »Ich will den nicht.«

Seine Schritte polterten die Stufen hinauf, dann schlug irgendwo oben eine Tür, und das Haus summte – Rohre, Holz, Dinge, die sich setzten.

Edgar stand allein.

Er zwang sich weiterzugehen. Eine Puppe im Kinderstuhl, den Kopf zur Seite geneigt, als schliefe sie. Eine andere auf einem Schemel, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände im Schoß. Und dort, an der Wand, eine Reihe von Haken, an denen –

Er wandte sich ab.

Bei jedem Schritt schmatzten seine Sohlen leise auf dem Boden. Die Luft war dick und abgestanden, als hätte seit Jahren niemand ein Fenster geöffnet – wobei die Fenster, winzig und nah an der Decke, mit Milchglas versehen, ohnehin kaum zu öffnen schienen.

Sein Ellbogen streifte ein Regal, und er drehte sich um. In kleinen Schachteln lagen Glasaugen, Dutzende, säuberlich nach Farben sortiert – Blau neben Blau neben Blau. Er starrte sie an, und sie starrten zurück, jedes einzelne. Er sah über die Schulter, obwohl da niemand sein konnte.

Daneben hingen Haarbündel von kleinen Haken. Blond, braun, schwarz, rot. Es glänzte, als wäre es erst gestern gebürstet worden.

Der Arbeitstisch war übersät mit Skizzen. Gesichter in verschiedenen Ausdrücken – lächelnd, weinend, schlafend. Anatomische Studien von Händen, Füßen, Brüsten, Geschlechtsteilen. Edgar blätterte durch die obersten Blätter. Eine Zeichnung zeigte einen Frauenrücken von hinten, jeder Wirbel sichtbar unter der Haut, jede Pore, jedes feine Haar im Nacken. Wer immer Modell gesessen hatte, war lange still geblieben.

Das hier war kein Hobbykeller. Ein Atelier.

Am Ende des Raums stand eine Tür angelehnt, und dahinter lag Dunkelheit. Edgar blieb stehen. Er schluckte trocken, legte die Hand auf die kalte Klinke und drückte sie herunter. Die Tür schwang lautlos auf.

Das Licht aus dem Flur fiel auf einen Sessel in der Mitte des Raums.

Auf das, was darin saß.

Edgar stand in der Türschwelle, eine Hand noch auf der Klinke, und starrte.

Die Puppe war größer als die anderen. Fast einen Meter, vielleicht mehr. Sie war in den Sessel gesunken, als wäre sie eingeschlafen. Ihr Kopf war zur Seite geneigt, die Augen halb geschlossen, und für einen Moment – ruhte sie sich aus?

Unsinn.

Die anderen Puppen im Souterrain waren Puppen gewesen – offensichtlich. Diese hier –

Er trat einen Schritt näher.

Ihr Gesicht war Kind und Frau zugleich, je nachdem, wie das Licht fiel. Aus einem Winkel sah sie aus wie ein Mädchen von vielleicht zwölf, mit runden Wangen und einem unschuldigen Mund. Aus einem anderen wie eine Frau in den Zwanzigern, mit Zügen, die wussten, was sie wollten. Ihre Augen schimmerten blau oder grau – schwer zu sagen in diesem Licht.

Ihr Mund stand leicht offen. Als hätte sie innegehalten, mitten in einem Satz. Als würde sie gleich weitersprechen.

Die Haare fielen über ihre Schultern, dunkelblond und seidig, bis zur Taille. Edgar streckte die Hand aus, zog sie wieder zurück. Menschenhaar. Er erkannte die Textur, den Glanz.

Marlenes Haar war braun gewesen. Kastanienbraun mit rötlichen Strähnen, wenn die Sonne darauf fiel, und er hatte es gebürstet, abends, am Frisiertisch, hundert Striche, zweihundert, während sie vor dem Spiegel saß und in ihr eigenes Gesicht starrte.

Nicht so fest, hatte sie am Anfang gesagt. Er hatte es gehört, aber nicht aufgehört, und irgendwann hatte sie gar nichts mehr gesagt – hatte nur noch dagesessen, die Schultern hochgezogen, die Augen geschlossen. Sie genoss es endlich.

Die Puppe trug ein Kleid aus cremefarbener Spitze, handgenäht, mit kleinen Perlen besetzt. Die Nähte waren unsichtbar, die Arbeit makellos. Winzige Knopfstiefel an den Füßen. Die Hände lagen im Schoß, die Finger entspannt, als warteten sie auf etwas.

Zwischen den Fingern steckte ein Brief.

Edgar ging langsam in die Knie, vorsichtig, als könnte er sie erschrecken. Er zog das Papier zwischen ihren Fingern hervor – und seine Fingerspitze streifte ihre Hand.

Er fuhr zurück.

Sie war nicht aus Porzellan. Auch nicht aus Plastik. Etwas, das er nicht benennen konnte.

Er wischte die Hand an der Hose ab, obwohl da nichts war, was er hätte abwischen können.

Er faltete den Brief auseinander.

Für den Mann, der kommen wird.

Sie gehört jetzt Ihnen. Passen Sie gut auf sie auf.

Sie passt auch auf Sie auf.

A.

Edgar las die Worte. Las sie noch einmal. Die Handschrift war zittrig, die Tinte verblasst – dieser Brief war nicht gestern geschrieben worden. Auch nicht letzte Woche. Vor Monaten vielleicht. Oder vor Jahren.

Er hob den Blick und sah in das Gesicht der Puppe. Ihre Lider hatten sich nicht bewegt, und doch kam es ihm vor, als hätte sich etwas verändert. Ein Schatten. Eine Spannung, die vorher nicht da gewesen war.

»Also gut.« Seine Stimme kam ihm fremd vor, hier unten. »Ich nehme dich mit.«

Er beugte sich über die Puppe und schob die Arme unter ihren Körper. Sie war schwerer, als er gedacht hätte. Er hielt inne, die Hände auf ihrem Rücken, das Gesicht nah an ihrem.

Sie roch nach Lavendel. Und nach etwas anderem, etwas Süßem.

Er hob sie hoch.

Ihre Arme pendelten, ihre Haare streiften seine Wange – kühl, seidig, und doch anders, als sie aussahen. Er hielt sie an sich gedrückt, fester als nötig, während er sie durch das Souterrain trug, vorbei an den Regalen mit den Glasaugen, vorbei an den Skizzen auf dem Arbeitstisch, vorbei an all den anderen Puppen, die ihn ansahen, die ihm nachsahen.

»Du brauchst einen Namen.« Seine Schritte hallten auf den Fliesen. »Ich kann dich ja nicht die Puppe nennen.«

Lotte, dachte er, noch bevor er überlegen konnte.

»Lotte«, sagte er laut. Der Name war einfach da gewesen.

Er trug sie die Treppe hinauf, ins Tageslicht.

Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.