Dedicate your heart!

Summary

Acht Monate nach dem großen Krieg liegt die Welt noch in Trümmern. Die Städte sind notdürftig wieder aufgebaut, doch in den Menschen klaffen unsichtbare Wunden. Ich war als Krankenschwester mitten im Gemetzel, näher am Sterben als am Leben. Jetzt, wo die Kanonen schweigen, sterben die Menschen leiser: an Spätfolgen, an gebrochenen Herzen, an der Leere nach dem Verlust. Während ich versuche, Geld für mein Medizinstudium zu verdienen, helfe ich beim Aufbau eines neuen Krankenhauses. Dort begegne ich ihm: einem Mann, der den Krieg überlebt hat – äußerlich. Dunkel, gefährlich, von Narben gezeichnet, die mehr verbergen, als sie zeigen. Er ist alles, wovor man mich gewarnt hat: gebrochen, unberechenbar, von Rache getrieben. Ich weiß, ich sollte Abstand halten. Stattdessen zieht mich seine Dunkelheit an wie ein Abgrund. In einer Welt, in der Moral im Feuer des Krieges verbrannt ist, muss ich entscheiden: Will ich retten – oder mit ihm zusammen untergehen?

Status
Ongoing
Chapters
23
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Acht Monate waren seit dem großen Krieg vergangen. Die Menschheit war immer noch damit beschäftigt, die Trümmer dieser bestialischen Kämpfe zu beseitigen. Mittlerweile waren die Städte zumindest so weit wieder aufgebaut, dass einigermaßen Normalität in das Leben der meisten Menschen Einzug hielt.

Als Krankenschwester war ich während des Krieges mitten im Geschehen und näher am Leid als die meisten anderen.

Noch Wochen und Monate nach dem offiziellen Ende des Krieges erlagen Menschen ihren Verletzungen. Andere wiederum nahmen sich das Leben, weil sie mit dem Verlust geliebter Menschen nicht klarkamen. Kinder verloren ihre Eltern, Frauen ihre Männer, und viele verloren die Hoffnung. Obwohl nun alles scheinbar vorbei war, stand die Menschheit immer noch vor den Scherben ihrer Existenz.

Ich selbst hatte in dieser Zeit jeden einzelnen Tag ohne Pause zwölf bis vierzehn Stunden gearbeitet, um danach hundemüde in einem provisorisch errichteten Zelt hinter einem Lazarett auf einer Pritsche in den Schlaf zu driften.

Mit den Monaten hatte sich die Lage etwas verbessert. Nicht, weil wir so viele Menschen retten konnten, sondern weil die meisten Verletzten mittlerweile gestorben waren. So wenige hatten wir nur retten können.

Ich war müde vom Krieg. Obwohl es immer mein Traum gewesen war, Menschen zu helfen, kam ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich nur noch alles hinschmeißen wollte. Ja, ich weiß. Das ist nicht sehr ehrenvoll für eine angehende Ärztin. Aber ich war in dieser Zeit einfach so erschöpft.

Seit einiger Zeit hatten sich die Tage etwas reguliert, und wir hatten kaum noch mit Kriegsverletzungen zu tun. Vielmehr waren wir damit beschäftigt, beim Aufbau des neuen Krankenhauses sowie bei der Versorgung verletzter Bauarbeiter zu helfen. Seit ein paar Wochen war fast wieder ein Alltagstrott wie vor dem Krieg eingetreten, sodass ich mich wieder meinem eigentlichen Ziel zuwenden konnte: endlich Ärztin zu werden.

Seit fast sieben Jahren war ich nun als Krankenschwester tätig, um mir das Geld für das Medizinstudium anzusparen. Da ich aus einem kleinen Dorf stammte und meine Eltern alles andere als wohlhabend waren, musste ich mir das Geld wohl oder übel selbst ersparen. Es fehlte nicht mehr viel, und ich konnte mir zumindest das Grundstudium leisten.

Doch leider war Geld nicht mein einziges Problem. Zum einen war da noch mein Geschlecht. Es gab kaum weibliche Ärztinnen in unserer Zeit und wenn es welche gab, dann stets nur in der Frauenheilkunde. Ich wollte mich als Fachärztin allerdings auf die Orthopädie spezialisieren, da mich Knochen schon immer fasziniert haben. Ich würde mich also durchboxen müssen. Da durch den Krieg viele Menschen gestorben waren, hatte ich die Hoffnung, dass ich als Frau vielleicht doch akzeptiert werden würde. Bisher wurde ich stets belächelt, wenn ich von meinem Vorhaben sprach. Nicht mal meine Eltern haben mich damals mit 17 Ernst genommen, als ich alleine in die Stadt gezogen bin.

Ein weiteres Hindernis stellte definitiv meine Größe dar. Mit 1,57 Metern wurde ich in keiner Lebenslage wirklich ernst genommen. Obwohl ich schon 24 Jahre alt war, hielten mich die meisten Menschen für eine 18 oder 19 Jährige. In einigen Jahren würde mich diese Tatsache sicherlich freuen, doch um in einer Männerdomäne Fuß zu fassen, waren dies nicht die besten Grundvoraussetzungen. Mit Mitte zwanzig werde ich sicherlich die Älteste in meinem Semester sein. Doch das ist mir alles egal, solange ich nur meinen Traum verwirklichen kann.

Mittlerweile konnte ich mit ein paar anderen Krankenschwestern eine kleine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses beziehen, wodurch wir nicht mehr in den Zelten hausen mussten. Wie fast jeden Morgen bin ich auch an diesem Tag um 5:00 Uhr für die Frühschicht im Krankenhaus aufgestanden. Ich hoffe inständig, dass ich heute in der Orthopädie eingesetzt werden würde und nicht wieder auf der Kinderstation oder Ähnliches.

Auf leisen Sohlen schritt ich ins Badezimmer, da ich mir mein Zimmer mit Esther teilte. Sie war ebenfalls Krankenschwester und schlief noch seelenruhig, da sie heute Spätschicht hatte.

Ich wusch mir mein Gesicht und blickte kurz in den Spiegel. Meine braunen Augen blickten mir müde entgegen. “Schon wieder ein Tag wie jeder andere” ging es mir durch den Kopf. Ich war diesen Alltag leid. Ich wollte endlich studieren gehen, um mein Ziel Ärztin zu werden in die Tat umzusetzen. Jeden Tag spielte ich den Handlanger für andere Menschen, die sich teilweise einen Spaß daraus machten, mich absichtlich zu schikanieren. Wenn ich noch eine Bettpfanne leeren, oder einem alten Griesgram das Essen bringen musste würde ich noch verrückt werden.

Ich putzte mir die Zähne und kämmte mein langes, haselnussbraunes Haar. Wie jeden Tag machte ich mir einen strengen Dutt und zog meine Schwesternuniform an. Bestehend aus Kleid, Schürze, Haube und Mundschutz. Den Mundschutz packte ich zunächst in die Tasche und zog diesen erst im Krankenhaus an. Mein Namenschild mit der Aufschrift ‘Wilhelmina Reichel’ durfte natürlich auch nicht fehlen.

Das einzig Gute an der Schwestern-Wohngemeinschaft war die Nähe zum Krankenhaus. Nach knapp zehn Gehminuten war ich bereits um 5:30 Uhr pünktlich zur Frühschicht im Schwesternzimmer. Es war um diese Uhrzeit schon so einiges los und viele meiner Kolleginnen waren wie aufgescheuchte Hühner am herumlaufen. Ein passender Vergleich, wie ich fand, denn auch das wirre Gerede der Frauen konnte man schnell mit Hühnergegacker verwechseln. Ich hatte hier im Krankenhaus nie so richtig Anschluss gefunden. Die meisten Frauen belächelten mich für meinen Wunsch, Ärztin werden zu wollen und mieden mich daher.

Mit einem leisen “Morgen” ging ich zum Dienstplan, um nachzusehen, wo ich heute eingeteilt war.

Bevor ich diesen erreichte, wurde ich allerdings durch eine Hand auf meiner Schulter zurückgehalten.

“Den Dienstplan können Sie für heute ignorieren, Schwester Reichel.” Verwundert drehte ich mich um und sah in die Augen unserer Oberschwester Mayser.

Ulrike Mayser war schon seit über 30 Jahren im Dienste des Krankenhauses und gehörte somit fast schon zum Inventar. Sie war kräftig gebaut und ihr Gesicht zierte schon so einige tiefe Falten. Niemand wusste viel über ihr Privatleben, außer dass sie keine Familie hatte. Ihr Leben bestand nur aus der Arbeit im Krankenhaus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es auch nur einen Tag gab, an dem Oberschwester Mayser nicht im Dienst war. Ihr leicht ergrautes Haar war fast vollständig von ihrer Haube bedeckt und ihre trüben dunklen Augen spiegelten stets eine Art Trauer oder Wut aus. Sie war äußerst streng, doch hatte fachlich teilweise mehr auf dem Kasten als so manche Ärzte hier.

“Kommen Sie mit Schwester Reichel, wir haben eine wichtige Besprechung mit einem der Oberärzte.” entgegnete sie mir auf meinen fragenden Blick. Ohne ihr zu antworten, verstaute ich schnell meine Tasche in einem der Spinde und zog meinen Mundschutz an. Außerhalb der Umkleiden war es uns Schwestern strengstens verboten, diesen abzunehmen. Besonders im Umgang mit den Patienten, selbst wenn diese nur einen verstauchten Zeh haben, war es uns nicht erlaubt, unseren Mundschutz abzunehmen.

Drei weitere Schwestern und ich folgten der Oberschwester stumm in den östlichen Flügel des Krankenhauses. Dies war der einzige Bereich des Gebäudes, der bereits wieder vollständig aufgebaut war. Alle anderen Gebäudeteile waren noch im Aufbau und gleichen mehr einer Baustelle als einem Krankenhaus.

“Ich frage mich, worum es bei der Besprechung geht”, hörte ich eine der anderen Schwestern hinter mir flüstern. “Ich habe gehört, es ist ein ganz besonderer Patient im Anmarsch, der eine sehr komplexe Verletzung hat.“, antwortete eine der Anderen.

Das klang ziemlich interessant, musste ich zugeben. Mein kleines Grinsen konnte ich glücklicherweise durch den Mundschutz über meinen Lippen verbergen. “Endlich passierte mal wieder etwas wirklich Spannendes hier!” ging es mir durch den Kopf.

Als wir um eine Ecke bogen, sah ich bereits zwei Männer vor mehreren Röntgenbildern miteinander sprechen. Mein Herz setzte kurz aus als ich Dr. Walter Steiner, Oberarzt der Orthopädie erkannte. Neben ihm unser Chefarzt Dr. Ingo Welsing, den ich selbst nach sieben Jahren in diesem Krankenhaus höchstens drei oder vier mal persönlich gesehen habe. Selbst während des Krieges kam er so gut wie nie aus seinem Büro heraus. Es musste also diesmal wirklich etwas Ernstes sein, wenn er persönlich bei einer Besprechung dabei war.

Als wir näher kamen, erkannte ich auf den Röntgenbildern sofort ein Kniegelenk. Kurz darauf stockte mir der Atem, als ich genauer hinsah. Das Knie war völlig demoliert. Die Kniescheibe war in mehrere Teile gebrochen und scheinbar nicht richtig wieder zusammengewachsen. Auch das Gelenk sah alles andere als intakt aus. So etwas habe ich noch nie gesehen. Dieser Mensch musste höllische Schmerzen haben.

Bevor ich mich weiter den Röntgenaufnahmen widmen konnte, wurden meine Gedanken durch die Stimme unseres Chefarztes unterbrochen.

“Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Oberschwester Mayser!” Er lies seinen Blick kurz über meine Kolleginnen und mich schweifen und wandte sich dann wieder der Oberschwester zu: “Und das sind die fähigsten Schwestern, die derzeit im Dienst sind?”

“Ja, das sind sie!” antwortete diese trocken.

Wow, wir haben noch nie ein lobendes Wort von irgendjemanden hier bekommen. Diese Aussage grenzte somit schon fast an einen Orden, der uns verliehen wurde.

Chefarzt Welsing beäugte uns nochmal kurz mit einem kühlen Blick als würde er der Oberschwester nicht wirklich glauben und begann dann wieder zu sprechen: “Ich weiß nicht was sie alles schon über den Flurfunk mitbekommen haben, aber heute wird ein sehr wichtiger Patient hier eintreffen. Er hat im Krieg als Leiter der Spezialeinheit gedient und dabei in der alles entscheidenden Schlacht eine schlimme Knieverletzung davongetragen. Seine Genesung ist unabdingbar für das Wohlergehen der Menschheit. Auch wenn der Krieg offiziell vorbei ist, können wir nie wissen, wann wir erneut angegriffen werden. Der Patient war bereits in vier anderen Kliniken und keiner konnte ihm bisher helfen. Sofern es uns gelingt, sein Knie zu retten, erhalten wir nicht nur einen exzellenten Ruf für unser Haus, sondern auch eine beachtliche Geldsumme, mit welcher wir unser Krankenhaus deutlich schneller wieder aufbauen können. Sie sehen also, wie wichtig es ist, dass wir in der Sache alle an einem Strang ziehen.”

Ich war sprachlos. Wie sollte man dieses Knie denn noch retten? Der Patient konnte froh sein, dass sein Bein scheinbar noch nicht amputiert werden musste.

Chefarzt Welsing ergriff nun wieder das Wort: “Dr. Steiner benötigt zwei Assistentinnen, die ihn während der Operation sowie der Vor- und Nachbereitung unterstützen. Zudem benötigt der Patient eine 24/7 Betreuung. Ihm soll jeder Wunsch von den Augen abgelesen werden. Zwei von Ihnen sollen jetzt schon mal unser bestes Zimmer vorbereiten, bis der Patient heute Mittag hier eintrifft.”

Oberschwester Mayser verstand sofort und blickte nun zu uns vier Krankenschwestern.

»Oh lieber Gott, bitte lass mich bei der Operation assistieren und nicht das Kindermädchen für diesen Soldaten spielen.«, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel.

Oberschwester Mayser lies ihren Blick über uns vier schweifen. Ihr Blick blieb an mir haften und sie sprach mich direkt an: “Schwester Reichel und Schwester Pfensig Sie beide werden sich vor und nach der Operation um das Wohlergehen sowie die Betreuung des Patienten kümmern.” kam es emotionslos von ihr.