Frostgeschmiedet, Glutgebunden [GER]

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Summary

Raya wurde zur Drachenjägerin erzogen. Als sie ihren Onkel zur Versammlung der vier Reiche begleitet, steht mehr auf dem Spiel als politische Macht. Frostgas — ein neues Mittel gegen Drachen — soll den Menschen die Kontrolle zurückgeben und den Krieg unausweichlich machen. Dort trifft Raya auf einen Fremden, der alles infrage stellt, was sie über Feuer, Feinde und sich selbst zu wissen glaubt. Seine Nähe ist gefährlich. Seine Geheimnisse könnten Reiche stürzen. Und die Verbindung zwischen ihnen fühlt sich an wie eine Glut, die verbrennt, um zu beleben. Während das Konklave zu scheitern droht und eine tödliche Entscheidung näher rückt, muss Raya wählen, wem ihre Loyalität gilt: dem Mann, der sie zu einer Waffe gemacht hat — oder der Wahrheit, die sie nicht mehr ignorieren kann. Denn manche Bindungen sind verboten. Manche Wahrheiten tödlich. Und manchmal entscheidet eine einzige Wahl darüber, ob man die Welt mit Feuer rettet — oder sie im Eis sterben lässt.

Status
Complete
Chapters
9
Rating
5.0 9 reviews
Age Rating
16+

1 🌀 Auf nach Kronwacht

Eine kleine, komplette Kurzgeschichte, die ich in den letzten Tagen etwas überarbeitet habe.

Viel Spaß damit und einen schönen Valentinstag.


Nach dem Unfall auf der alchemistischen Handelsstraße, der meine Eltern nur noch als verkohlte Erinnerungen zurückließ, blieb mir nichts außer dem kalten Blick meines Onkels Malachias. Er war kein Mann der Umarmungen. Als Berater des Herrscherkonklave war er ein Mann der harten Kanten und des ätzenden Schwefels. Er hatte es nie geschafft, eine Frau an sich zu binden. Vielleicht wollte er es auch nicht. Es spielte auch keine Rolle.

Seit fünf Jahren wohnte und lernte ich bei ihm, was die Welt mir in dem beschaulichen Bauerndasein meiner Eltern vorenthalten hätte. Die einsamen Grenzlande von Oaks Heaven wurden mein Zuhause. Mein Spielzeug waren keine Puppen, sondern Dolche aus Drachenbasalt und Übungsschwerter, die so schwer waren, dass meine Handgelenke jeden Abend qualvoll pochten.

“Die Drachen haben uns die Magie wie Almosen hingeworfen, Raya”, pflegte er zu knurren, während er mich über den Trainingsplatz hetzte. “Aber sie haben uns dabei das Rückgrat gebrochen. Indem sie uns die Rohstoffe wegnehmen, lassen sie uns verhungern. Wenn sie uns ihre Heilung anbieten, machen sie uns abhängig. Verlass dich nie auf ihr Feuer. Nur auf deinen Stahl.”

Mit siebzehn war ich mehr Waffe als Frau.

Ich konnte eine Phiole mit instabilem Frostgas füllen, ohne dass meine Hand zitterte, und ich konnte einen Mann entwaffnen, bevor er überhaupt begriff, dass ich den Raum betreten hatte.

Ich strich über die magischen Runen, die in meine Jacke eingestickt waren. Sie wirkten wie ein Schutzschild, wenn man sie zu handhaben wusste.

Dank meinem Onkel wusste ich es.

Er war es auch, der mir beibrachte, wie man einen Dolch schärfte, kostbare Fracht mit Tarnrunen verbarg und wie man eine Kutsche richtig belud. Alles, was eine angehende Dame wissen musste, um sich in der Hauptstadt angemessen zu verhalten. Oder zumindest in der Welt meines Onkels.

Ein letzter prüfender Blick über die Waren und schon waren wir unterwegs.

Die Reise zur Versammlung der vier Reiche dauerte drei Tage. Wir ritten durch die Ausläufer des Knurrenden Gebirges, vorbei an Schluchten, die so tief waren, dass das Licht den Boden nie erreichte. Onkel Malachias ritt schweigend voran, sein Rücken steif wie ein gezogenes Schwert. Hinter uns rumpelten die Wagen, beladen mit Proben unserer besten Erze und den schweren, bleibeschlagenen Kisten, in denen die flüchtigen Essenzen lagerten.

“Dort oben”, sagte Malachias am zweiten Tag und deutete mit seiner Peitsche auf einen zerklüfteten Felsvorsprung, der wie ein hohler Zahn in den Himmel ragte. “Siehst du den bläulichen Schimmer am Fuße der Höhle? Das ist kein gewöhnliches Moos, Raya.”

Ich kniff die Augen zusammen. Tatsächlich, ein unnatürliches, metallisches Leuchten überzog den Stein.

“Vitriol-Hauch”, flüsterte ich.

“Richtig. Eine alte Behausung. Die Hitze eines Drachenkerns verändert die Alchemie des Bodens dauerhaft. Wenn du jemals ein Nest ausräuchern musst, such nach diesem Glanz. Er zeigt dir, wo ihre Magie in den Boden gesickert ist.”

Ich nickte, doch mein Blick blieb an der Schönheit des Lichts hängen, während mein Onkel bereits weiter über Tötungswinkel sprach. Für ihn war die Welt ein Schlachtfeld, für mich war sie an diesem Morgen zum ersten Mal ein Ort voller schrecklicher Wunder.

Aber die Versammlung war kein Ort für Träumer. Es war ein Ort für Händler, Krieger und jene, die wie mein Onkel die Kunst beherrschten, die Launen der Drachen in Form von Metallen und Essenzen zu besänftigen.

“Denkst du, wir werden einem begegnen?”

“Sie werden nach dem Konklaven kommen, um die Proben zu begutachten. Wenn alles bereits beschlossen ist... Dann werden wir ihnen ein ganz besondere Probe zukommen lassen.”

Und so wie er es sagte — nüchtern, kalt — klang es, als würde der Wind über ein Grab streifen.

Ich erschauerte.

Doch bald war ich damit beschäftigt, mein Pferd durch die Massen an Reisenden zu lenken, die dasselbe Ziel hatten wie wir. Die Wege waren verstopft mit Delegationen aus allen vier Reichen — bunt bemalte Wagen der Handelsfürsten, Trupps von schwer bewaffneten Söldnern und die schlichten, grauen Roben der Gelehrten. Wir hielten an einer schmalen Quelle, um die Pferde zu tränken.

Dort sah ich ihn zum ersten Mal.

Er stand allein am Rand des Abhangs, den Blick auf das Tal der Hauptstadt gerichtet. Er trug den einfachen, dunkelblauen Mantel eines Reisenden, doch die Art, wie er dastand, ließ ihn wie einen Anker im Sturm wirken. Vollkommen ruhig inmitten des lärmenden Chaos der Karawanen.

An seiner Seite graste ein hochgewachsenes Pferd, so weiß wie frisch gefallener Schnee, und daneben stand eine Frau. Sie trug ein Gewand aus silberner Seide, das eigentlich viel zu fein für diesen staubigen Pass war, aus dem auch wir gerade herauskamen. Ihre Haut war blass, fast durchscheinend, und ihr Haar wirkte im Licht der untergehenden Sonne wie flüssiges Platin. Sie lachte über etwas, das er sagte, drehte sich zu mir um und legte ihre Hand auf seinen Arm. Die Geste war vertraut, fast besitzergreifend, und ich spürte einen plötzlichen, heftigen Stich in meiner Brust, den keine Kampfkraft der Welt unterdrücken konnte.

“Wer ist das?“, fragte ich leise.

Malachias warf nur einen flüchtigen Blick hinüber. “Nur ein paar Gelehrte aus dem Norden, die nach Wissen gieren, das sie nicht verstehen. Beachte sie nicht.”

Doch als wir an ihnen vorbeiritten, hob der Mann im blauen Mantel den Kopf. Seine Augen trafen meine — ein stechendes, tiefes Kristallblau, das im schwindenden Licht fast Blau-Grün leuchtete. Es war kein flüchtiger Blick. Es war, als würde er mich erkennen, als würde er die Messer unter meinem Wams und das Gefäß mit dem alchemistischen Pulver an meinem Gürtel sehen und darüber nur milde lächeln.

Ein Schauer lief mir über den Rücken, aber es war keine Kälte. Es war Hitze, die ich nicht kannte.

Obwohl ich seinen Blick noch lange auf mir spürte, richtete ich meine Augen nach vorn. Auf die Hauptstadt.

Die ausschweifende Festung von Kronwacht erhob sich aus der Ebene gleich einer schwelenden Wunde aus Basalt und Metall. Gigantische Kupfertore standen weit offen, luden Pilger dazu ein, ihr geschäftiges Inneres zu erkunden.

Die Luft roch hier nach Rauch, Gewürzen und den scharfen Ausdünstungen vieler Menschen. Stimmen aus hundert Kehlen vermischten sich zu einem stetigen Dröhnen — Händler priesen Waren an, Söldner lachten hart, Gelehrte stritten über Formeln, die die Welt verändern konnten. Über den Straßen spannten sich Bannrunen wie unsichtbare Netze, und jeder Schritt durch die Stadt fühlte sich an, als würde man über eine gestreckte Klinge gehen. Hier wurde gehandelt, verhandelt, verraten — und entschieden, welches Reich morgen in der Schuld eines anderen stehen würde.

Kronwacht war kein Ort, an dem man ankam. Es war ein Ort, der einen auf Herz und Nieren prüfte.

Noch bevor wir das zweite der drei inneren Tore erreichten, war Malachias wieder ganz der Berater des Konklaves. Sein Rücken richtete sich, sein Blick wurde scharf, und die Welt ordnete sich für ihn in Preise, Risiken und Machtverhältnisse. Die Pferde führend, folgte ich ihm durch das Gewirr der Straßen zur großen Halle von Kronwacht. Die Waren wurden registriert, versiegelt und unter Bann gestellt. Die Essenzen verschwanden in den Gewölben darunter, bewacht von Männern, deren Augen so leer waren wie eine ausgeschlachtete Mine.

“Bleib in Sichtweite”, sagte Malachias schließlich, ohne langsamer zu werden. “Kronwacht frisst Unaufmerksame.”

Ich war nicht zum ersten Mal hier, aber noch nie anlässlich einer Versammlung wie dieser. Nicht mit einem solchen Menschenandrang.

Während es um das Schicksal so vieler ging.

Mit dem letzten Teil einer Fracht, die das Bild unserer Zukunft formen sollte.

Unzählige Diskurse später, als mein Onkel alle Geschäfte besiegelt und überfällige Schulden eingetrieben hatte, schlugen wir unser Lager vor den Toren der Stadt auf. Mein Onkel musste zu einer Besprechung im Palast vorstellig werden, daher schlenderte ich durch die Zelte.

Nicht weil ich nach ihm suchte. Aber ich hielt die Augen offen und fand ihn schließlich am Feuer der Gelehrten, als hätte es so sein sollen. Keine fünf Schritte entfernt saß er dort mit einem alten Pergament, während seine Begleiterin einen Becher Wein in der Hand schwenkte und ihm zärtlich über die Schulter strich. Meine Brust zog sich zusammen.

Ich wollte wegsehen, mich davon schleichen, doch ich konnte mich nicht rühren.

Er blickte auf.

Das kleine Lagerfeuer flackerte unruhig, als wäre den Flammen genauso flau ihm Magen wie mir gerade.

“Hallo”, sagte er, ohne dass ich ein Wort gesprochen hätte. Seine Stimme war ein tiefer Bariton, der die Luft um mich herum zum Schwingen brachte. “Möchtest du dich zu uns gesellen?”

Ich blieb stehen, die Hand instinktiv über dem Griff meines verborgenen Dolches. Nein, danke”, brachte ich zittrig über die Lippen. “Ich werde erwartet.”

Eine Lüge.

Seine Nasenflügel bebten, als könnte er die Unwahrheit schnuppern.

“Dann vielleicht ein anderes Mal”, sagte er schlicht, und ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen. Eine Hand glitt durch sein Haar, das den Glanz des warmen Lichts einfing. Ein kühles Braun, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Mich zu bewegen, war schier unmöglich geworden.

Und er bemerkte es. Fließend erhob er sich. Er war größer, als ich gedacht hatte, und die Ruhe, die von ihm ausging, war fast berauschend. Er trat einen Schritt auf mich zu, und für einen Moment vergaß ich alles, vergaß Malachias und den drohenden Krieg, für den ich trainiert wurde.

“Ich bin Ian”, sagte er und reichte mir die Hand. “Und du bist?”

“Raya”, antwortete ich, als habe ich mein ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet.

Ich nahm seine Hand, die sich rau und sanft zugleich anfühlte. Ein sensationeller Gegensatz, der in der Berührung zwischen uns zu kribbeln schien.

“Raya”, flüsterte er meinen Namen, als hätte er ihn schon immer gekannt — wie ein Geheimnis, das es zu hüten galt.