Kapitel 1 - Die Kids sind wieder da
John Crawley umklammerte seinen Kaffeebecher, als enthielte er flüssige Vernunft statt lauwarmem Koffein, als er aus der Douriff-Mensa in die frische Morgenluft trat. Es war seine erste Anlaufstelle an Schultagen geworden, denn ohne Kaffee lief der Tag nicht optimal.
Auf dem Gelände der Deadwood Academy eilten übernatürliche Schüler aller Art zum Hauptgebäude. Drei junge Vampire trotteten über das taunasse Gras, ihre Rucksäcke wippten im perfekten Rhythmus. Nahe dem Todd-Uhrturm schwebte eine Gruppe durchsichtiger Geisterschüler nur wenige Zentimeter über dem Kopfsteinpflaster; ihr geisterhaftes Lachen wurde von der Morgenbrise herübergetragen.
„Okay, also …“, murmelte John vor sich hin und rückte mit der freien Hand seine Brille zurecht. Erste Stunde des zweiten Halbjahres mit der Omega-Klasse. Nach der knapp bestandenen Quartalsprüfung des letzten Halbjahres waren die letzten Wochen vor den Ferien relativ gut verlaufen – vor allem, was die Stimmung in der Klasse anging. Fast alle zogen an einem Strang. Auch wenn es Schüler wie Rasoteph, B. oder Lilith gab, die noch immer etwas zögerten, sich komplett auf die Klasse einzulassen.
Er umging eine Pfütze grünen Schleims – wahrscheinlich eine Spur von Mr. Lurkham – und nickte höflich einer Lamia-Teenagerin zu, die ihm ein überraschend fröhliches „Guten Morgen“ zischte.
Die Glocke im Uhrturm läutete mit diesem eigentümlichen Klang, der John jedes Mal eine Gänsehaut bescherte. Es wurde Zeit, sich zu beeilen. Ein Lehrer, der zu spät kam, war kein gutes Beispiel.
Mit schnellen Schritten eilte John zum Hauptgebäude, dessen gotische Fassade sich gegen den Morgenhimmel abhob. Die schweren Eichentüren schwangen vor ihm auf, als hätten sie seine Ankunft erwartet. Der charakteristische Geruch alter Bücher, Kreide und etwas, das er nicht ganz identifizieren konnte – vielleicht ein Hauch von Schwefel – empfing ihn im Inneren.
Der Korridor wimmelte von Schülern aller übernatürlichen Arten.
Den letzten schluck seines Kaffees nahm John in einen letzten Schluck und warf den Becher in einen nahegelegenen Mülleimer, der dankbar rülpste. Mit jedem Schritt in Richtung des Omega-Klassenraums beschleunigte sich sein Herzschlag leicht. Es war keine Nervosität mehr – es war Vorfreude, darauf seine Schüler wiederzusehen.
Als er den Omega-Klassenraum erreichte, blieb er kurz vor der Tür stehen, um sein Hemd glattzustreichen und einen tiefen Atemzug zu nehmen. Der Raum dahinter war noch stiller als erwartet, was ihn kurz stutzig machte. Normalerweise konnte man das Stimmengewirr seiner Schüler schon von Weitem hören.
Er öffnete die Tür und trat ein. Die Klasse hatte sich um Alices Tisch versammelt und schaute geschlossen auf das Handy der Undine.
John räusperte sich. „Guten Morgen, Klasse“, verkündete er und versuchte, autoritär, aber dennoch zugänglich zu klingen.
Die Schüler rissen fast synchron die Köpfe von Alices Handy hoch, und ein Gefühl der Erkenntnis huschte über ihre Gesichter. Sie eilten von Alices Tisch weg; einige wirkten leicht verlegen, so vertieft ertappt worden zu sein.
„Guten Morgen, Mr. Crawley“, kam der Chor der Antworten.
„Ich hoffe, ihr hattet schöne Ferien“, sagte John und stellte seine abgenutzte Ledertasche auf seinen Tisch. Das vertraute Gewicht, das von seiner Schulter wich, fühlte sich an, als würde er vor dem Kampf seine Rüstung ablegen.
Er musterte den Raum und nahm die vertrauten Gesichter wahr – manche eifrig, manche gelangweilt, manche trotz ihrer übernatürlichen Vitalität kaum wach. „Wir beginnen mit der Anwesenheitsüberprüfung.“
Er holte das Klassenbuch aus dem Schreibtisch und schlug es auf.
„Schüler O-1, Dylan Rider.“
„Anwesend, Mr. Crawley“, meldete sich der junge Dullahan.
„Schülerin O-2, Lilith Lee.“
„Offensichtlich hier“, brummte die Vampirin, den Kopf auf der Hand abgestützt.
„Schüler O-3, Ian.“
„Bin hier, Mr. Crawley“, sagte der Inkubus, dessen Tisch ein wenig zu nahe an dem von Kassandra zu stehen schien.
„Schülerin O-4, Ivy.“
„Hey, Mr. Crawley. Ich bin hier“, gab die Sukkubus-Zwillingsschwester von Ian zurück.
„Schüler O-5, J. C. Sands.“
Der schlafende Sandmann hob nur die Hand, ohne die Augen zu öffnen.
„Schüler O-6, Santiago Calavera.“
„Buenos días, Señor Crawley“, grinste das Skelett.
„Schülerin O-7, Alice St. Claire.“
„Hallo! Ich bin hier, Mr. Crawley“, summte die Undine und steckte ihr Handy ein.
„Schülerin O-8, Kassandra.“
„Yo“, sagte die Gorgone, und ihre Schlangen wippten leicht hin und her, während sie Ian misstrauisch beäugte.
„Schüler O-9, Rip Specter.“
„Bin hier“, antwortete der Geist und schwebte leicht über seinem Stuhl.
„Schülerin O-10, Fidget.“
„Anwesend“, rief die kleine Gremlin und hüpfte auf und ab.
„Schüler O-11, Franky Stone.“
„Hier drüben, Mr. Crawley“, hob der zusammengenähte Junge, der ohnehin alle überragte, vorsichtig die Hand.
„Schülerin O-12, Kerry O’Reilly.“
Die stumme Banshee hob lächelnd die Hand.
„Schülerin O-13, Agatha Moorehead.“
„Anwesend, Mr. Crawley“, sagte die Hexe und richtete ihren Hexen Hut.
„Schülerin O-14, Béatrice Chery.“
„Uhm … hier“, murmelte das Zombiemädchen und stützte beim Melden ihren Arm ab.
„Schülerin O-15, Lish Gillman.“
„Hier drüben“, blubberte das Lagunenwesen und stellte ihre Trinkflasche ab.
„Schülerin O-16, Samantha Chaney.“
„Ja, bin auch da“, kam es von der Werwölfin, die mit verschränkten Armen dasaß.
„Schüler O-17, Rasothep.“
„Seine prinzliche Hoheit“, gab die Mumie mit erhobenem Haupt zurück. „Wir bestehen auf unserem Titel.“
„Schülerin O-18, Willow.“
„Zum Glück nicht verlaufen und hier“, lächelte das Irrlicht und leuchtete erleichtert.
„Schüler O-19, Karasu.“
„Präsent und bereit für den Unterricht, Crawley-sensei“, sagte der Tengu, stand auf und verbeugte sich leicht.
„Schüler O-20, B.“
„Hier, Mr. C.“, grinste der Boogeyman mit seinem typischen Lächeln.
„Sehr schön“, nickte John. „Alle sind anwesend. Dann können wir ja den Unterrichtsplan für das zweite Halbjahr besprechen. Wir hatten vor den Ferien schon einmal über ein Projekt gesprochen, um ein wenig über die Vergangenheit der Deadwood Academy und des Schattenrates zu erfahren. Mir schwebt da ein Gruppenprojekt vor. Eine Gruppe pro Thema.“
Ein kollektives Stöhnen hallte durch den Raum. Natürlich, dachte John – Gruppenarbeit war bei Schülern selten beliebt, aber er war überzeugt, dass dieser Ansatz funktionieren würde.
„Bevor ihr jetzt alle in Ohnmacht fallt“, fuhr er fort und hob beschwichtigend die Hände, „ihr dürft eure Gruppen selbst wählen.“
Das Stöhnen verstummte schlagartig. Einige Schüler tauschten bereits vielsagende Blicke aus.
„Allerdings“, John hob einen mahnenden Finger, „mit einer Bedingung: Jede Gruppe muss mindestens einen Schüler enthalten, mit dem ihr bisher wenig zusammengearbeitet habt.“
B. ließ ein theatralisches Wimmern hören. „Sie machen es uns absichtlich schwer, Mr. C.“
„Ich nenne es Horizonterweiterung, B.“, entgegnete John mit einem leichten Lächeln. „Außerdem möchte ich damit vermeiden, dass sich die üblichen Verdächtigen zusammenfinden und andere ausgegrenzt werden.“
Er bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Franky erleichtert die Schultern senkte.
„Bis morgen zur ersten Stunde habt ihr Zeit, die Gruppen zu bilden“, fuhr John fort. „Als Zweites kommen wir zu etwas, das ich letztes Halbjahr etwas beiseitegeschoben habe: die Wahl der Klassensprecherin oder des Klassensprechers. Meldet sich jemand freiwillig, oder möchte irgendwer jemanden vorschlagen?“
Ein Moment der Stille folgte auf Johns Frage, der sich vertraut anfühlte. Klassensprecherwahlen hatten oft diesen Effekt – einen kollektiven Anfall plötzlicher Schüchternheit.
Rasothep hob langsam eine bandagierte Hand. „Wir nominieren uns selbst. Wer könnte besser geeignet sein, diese Bürgerlichen zu führen, als jemand mit königlichem Blut in den … nun, in den Bandagen?“
John nickte anerkennend. „Danke, Rasothep. Weitere Vorschläge?“
Lilith verdrehte die Augen so heftig, dass John befürchtete, sie könnte sich etwas verrenken – falls Vampire anatomisch dazu überhaupt in der Lage waren. Ihre nächste Bewegung überraschte ihn jedoch: Sie hob ihre Hand.
„Ich schlage Dylan vor“, sagte sie mit einer Stimme, die klang, als würde sie sich selbst dafür hassen, überhaupt etwas zu sagen.
Dylan, der in der hinteren Reihe saß, drehte sich in ihre Richtung, die Überraschung deutlich in seinen Augen. „Was?“
„Du bist doch schon derjenige, den wir alle in dieser Position sehen“, sagte Rip und schwebte etwas höher.
Der junge Dullahan lehnte sich zurück. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“
„Natürlich ist es das“, warf Samantha ein. „Du bist der Einzige, der mit allen auskommt.“
Interessiert beobachtete John die Dynamik. Dylan war tatsächlich ein Bindeglied in der Klasse – sogar Lilith schien ihn mittlerweile zu respektieren, was an ein Wunder grenzte.
„Ich unterstütze die Nominierung“, meldete sich Karasu zu Wort, seine Federstruktur ordentlich und aufrecht. „Dylan-san zeigt Führungsqualitäten.“
Kerry, die neben Dylan saß, gebärdete mit ihren Händen.
„Du bist die beste Wahl“, konnte John lesen.
Gebärdensprache zu lernen war ihm in der kurzen Zeit nicht leicht gefallen, und er war sich sicher, dass er nicht alles verstehen würde.
Von der Seite schnaubte Rasothep empört, ein Geräusch, das durch seine Bandagen gedämpft wurde. „Wir protestieren! Ein Bürgerlicher kann unmöglich einer königlichen Mumie vorgezogen werden!“
„Weitere Nominierungen?“, fragte John schnell, bevor die Situation eskalieren konnte.
Die Klasse schwieg.
„In diesem Fall haben wir zwei Kandidaten: Rasothep und Dylan. Wir werden morgen abstimmen, damit ihr Zeit habt, eure Entscheidung zu überdenken.“
Die Schüler begannen eifrig miteinander zu tuscheln – ohne Zweifel über die Klassensprecherwahl und die anstehenden Gruppenbildungen.
Begeistert klatschte John in die Hände. „So, jetzt zum eigentlichen Unterricht. Wir werden mit einer kleinen Auffrischung beginnen, was wir vor den Ferien besprochen haben.“
Während er seine Unterlagen sortierte, bemerkte John eine subtile Veränderung in der Klassendynamik. Dylan saß aufrechter als sonst, während Rasothep mit seinen bandagierten Fingern ungeduldig auf den Tisch trommelte. Lilith und Samantha tauschten verschwörerische Blicke aus. Die Nominierung hatte offensichtlich etwas in Bewegung gesetzt.
„Mr. Crawley?“ Agatha hob ihre Hand, der Hexen Hut wackelte leicht. „Wird es auch eine Stellvertreterposition geben?“
Eine ausgezeichnete Frage, auf die John nicht vorbereitet war. „Das ist eine gute Idee, Agatha. Ja, ich denke, ein Stellvertreter wäre sinnvoll.“
„Seine Hoheit benötigt keinen Stellvertreter“, verkündete die Mumie mit absolutem Ernst. „Wie könnten sich Untergebene anmaßen, uns zu vertreten?“
John unterdrückte ein Seufzen. „In einer Demokratie, Rasothep, geht es darum, dass jeder eine Stimme hat. Auch ein Klassensprecher ist kein König, sondern ein Vertreter der Interessen aller.“
„Demokratie“, schnaubte Rasothep. „Eine minderwertige Regierungsform im Vergleich zur göttlichen Pharaonenherrschaft.“
„Wie dem auch sei“, fuhr John fort, „wir werden morgen beide Positionen wählen. Jetzt aber zurück zum Unterricht.“
Er wandte sich zur Tafel um und begann, Notizen anzuschreiben, während er aus dem Augenwinkel beobachtete, wie der Ablauf in der Klasse sich veränderte. Dylan wirkte gleichzeitig überrascht und leicht unwohl mit der plötzlichen Aufmerksamkeit. Lilith hingegen hatte wieder ihre übliche gelangweilte Miene aufgesetzt, als hätte sie nie etwas so Uncharakteristisches getan wie jemanden für ein Amt vorzuschlagen obwohl sie hin und wieder einen Blick zu dem jungen Dullahan warf.
Während der restlichen Stunde erklärte John die Grundlagen, die sie im letzten Halbjahr behandelt hatten. Er konnte förmlich spüren, wie die Aufmerksamkeit seiner Schüler zwischen seinen Erklärungen und den aufregenden neuen Entwicklungen in der Klasse hin und her pendelte.
Als die Glocke das Ende der Stunde zur Pause läutete, schlossen die Schüler hastig ihre Bücher und begannen miteinander zu flüstern, während sie ihre Sachen packten.
„Denkt daran“, rief John über den wachsenden Lärm hinweg, „Gruppenbildung bis morgen, und die Wahl findet in der ersten Stunde statt!“
Er beobachtete, wie sich kleine Grüppchen bildeten, während die Klasse den Raum verließ. Dylan wurde sofort von mehreren Mitschülern umringt, während Rasothep mit königlicher Würde und einem Hauch Verärgerung davonschritt.
Mit einer Mischung aus Zufriedenheit und leichter Nervosität packte John schließlich seine eigenen Unterlagen zusammen. Die Klassensprecherwahl könnte entweder ein wichtiger Schritt zur weiteren Integration der Klasse werden – oder ein neuer Katalysator für Konflikte werden. Und wie bei allem, was seine Klasse betraf, würde es wahrscheinlich beides gleichzeitig sein.
Die Klassensprecherwahl hatte er eigentlich später im Semester einplanen wollen, aber vielleicht war es besser so. Die Nominierung von Dylan durch Lilith war eine überraschende Wendung gewesen. Vielleicht deutete das auf eine positive Entwicklung in ihrer Beziehung hin – oder zumindest auf eine Art Waffenstillstand. Unwillkürlich erinnerte er sich an seine erstes Treffen mit Lilith und Dylans eingreifen.
Schnell sammelte er seine restlichen Materialien zusammen und verließ den Klassenraum. Auf dem Korridor sah er, wie Samantha und Lilith in eine intensive Diskussion vertieft waren, während Dylan einige Meter entfernt mit Kerry sprach, die lebhaft gestikulierte. Rasothep stand allein an einer Säule, die bandagierten Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete alles mit unverhohlener Missbilligung.
„Hallo, John, wie war Ihre erste Stunde im neuen Halbjahr?“, hörte er Aisling hinter sich fragen.
John drehte sich um und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl er innerlich zusammenzuckte. Aisling Blair, die Chemielehrerin und Hexe, stand direkt hinter ihm. Sie hatte diese unheimliche Fähigkeit, sich lautlos anzuschleichen.
„Überraschend produktiv“, antwortete John und rückte seine Brille zurecht. „Wir haben gerade die Klassensprecherwahl eingeleitet.“
„Ah, Politik in der Omega-Klasse. Das klingt nach einem Rezept für Chaos.“ Ihre Stimme klang amüsiert, aber nicht unfreundlich.
„Zwischen einer selbsternannten königlichen Mumie und einem pflichtbewussten Dullahan – ja, da könnte man das so nennen“, gab John zu und warf einen Blick auf seine Uhr. „Haben Sie die Klasse als Nächstes?“
„Nein, ich wollte nur sehen, wie Sie nach den Ferien mit ihnen zurechtkommen. Es ist immer … interessant zu beobachten, wie sich die Gruppendynamik nach einer Pause verändert.“
„Da gebe ich Ihnen recht“, nickte John.