Chapter 1
Nate
Mein Kopf dröhnt.
Nicht dieses leichte Ziehen, sondern dieses dumpfe, pochende Hämmern direkt hinter der Stirn, das mich zwingt, die Augen wieder zu schließen, kaum dass ich sie geöffnet habe.
Verdammt.
Ich blinzle gegen das Sonnenlicht an, das sich durch die bodentiefen Fenster meines Schlafzimmers schiebt. Mein Mund schmeckt nach Alkohol. Nach letzter Nacht. Nach zu viel Whiskey.
Langsam kommen die Bilder zurück.
Der Club.
Das Lachen meiner Kollegen.
Laute Musik, die durch den Körper vibriert.
Hände an meinem Jackett. Lippen an meinem Ohr.
Parfum. Hitze. Dunkelheit.
Ich drehe den Kopf nach links.
Nackt.
Blonde Haare auf meinem Kissen verteilt.
Perfekte Haut. Perfekte Kurven.
Und keinen blassen Schimmer, wie sie heißt.
Ich starre einen Moment an die Decke. Es überrascht mich nicht. Es passiert oft genug.
Ein Teil von mir sucht kurz nach schlechtem Gewissen.
Findet keins.
Ich schiebe die Decke zurück, stehe auf und gehe ins Bad. Der kalte Marmorboden unter meinen Füßen fühlt sich realer an als alles andere. Ich drehe die Dusche auf, stelle mich darunter und lasse das Wasser den Rest der Nacht von mir spülen.
Ich bin CEO einer der erfolgreichsten Marketingfirmen des Landes.
Investor. Unternehmer.
Vor ein paar Monaten wurde ich zum „Heißesten Junggesellen des Jahres“ gewählt.
Lächerlich eigentlich.
Als wäre ich ein Titel.
Aber es passt zu meinem Image.
Keine Beziehungen.
Keine Verpflichtungen.
Kein Drama.
Spaß. Mehr nicht.
Leo war damals ähnlich, aber auch schon immer anders. Bodenständiger. Bereiter, sich fallen zu lassen. Ich freue mich für ihn. Wirklich. Ella ist gut für ihn. Sie bringt etwas in ihm zum Leuchten, das ich lange nicht mehr gesehen habe.
Aber ich brauche das nicht.
Liebe ist eine schöne Illusion. Ein nettes Konzept für Filme und naive Herzen.
Ich glaube nicht daran.
Ich glaube an Kontrolle. An Freiheit. An klare Regeln.
Und eine meiner wichtigsten Regeln lautet:
Nie zweimal dieselbe Frau.
Ich drehe das Wasser ab, greife nach einem Handtuch und gehe zurück ins Schlafzimmer.
Sie ist wach.
Sie liegt auf der Seite, mustert mich mit einem Lächeln, das genau weiß, wie es wirkt.
„Morgen“, haucht sie und fährt sich durchs Haar. „Ich dachte, wir könnten da weitermachen, wo wir aufgehört haben.“
Ich bleibe stehen. Kein Ärger. Kein Zögern. Nur Routine.
„Es war eine gute Nacht“, sage ich ruhig. „Aber dabei bleibt es.“
Verwirrung huscht über ihr Gesicht. Dann Enttäuschung. Sie versucht, es mit einem Grinsen zu überspielen.
„Du machst Witze.“
„Nein.“
Ich bleibe freundlich. Immer freundlich.
Sie hoffen immer auf mehr. Ein Frühstück. Eine zweite Runde. Vielleicht eine Nachricht am nächsten Tag.
Ich kann ihnen das nicht geben.
Nicht, weil ich grausam bin.
Sondern weil ich ehrlich bin.
„Ich rufe dir ein Taxi“, füge ich hinzu.
Sie sagt nichts mehr. Zieht sich an. Vermeidet meinen Blick.
Zehn Minuten später fällt die Tür ins Schloss.
Stille.
Ich atme aus, ziehe mir einen dunkelgrauen Anzug an. Kein Schlips. Ich mag es locker – professionell, aber nicht steif. Meine Haare sitzen auch ohne viel Aufwand. Tun sie immer.
Ein letzter Blick in den Spiegel.
Souverän. Kontrolliert. Unberührbar.
Genau so muss es sein.
Ich greife nach meinem Autoschlüssel und mache mich auf den Weg zu Leo in die Firma. Unsere Unternehmen arbeiten derzeit enger zusammen – neue Kampagnen, neue Investoren, große Pläne.
Arbeit ist einfach.
Arbeit verlangt keine Gefühle.
Und genau so mag ich es.
Ich parke vor dem Bürogebäude, steige aus und gehe durch die Tür. Direkt am Empfang huscht mein Blick nur kurz über die Theke – ein paar blonde Haare, zusammengebunden in einem Dutt, und jemand, der hinter der Schreibtischkante verschwindet. Ich bemerke es, aber nur am Rande. Nicht wichtig. Wirklich nicht. Meine Schritte führen mich direkt durch zur gläsernen Tür ins Herz von Leos Büro.
Leo sitzt schon am Schreibtisch, die Füße locker auf der Ecke, und tippt auf seinem Laptop. Als er mich sieht, breitet sich ein Grinsen aus, das ich nur zu gut kenne.
„Nate! Endlich bist du da.“
Ich setze mich gegenüber. „Wie läuft’s?“
Leo fängt an, ohne Pause zu reden – über Zahlen, Meetings, neue Kampagnen. Ich höre zu, nicke ab und zu, meine Aufmerksamkeit halb bei ihm, halb bei den Dokumenten vor mir. Dann bleibt er plötzlich stehen, lächelt breit und sagt:
„Ella… Mann, Nate, du musst wissen, wie unglaublich sie ist. Ich schwöre, sie liebt mich so sehr, es ist… einfach unbeschreiblich.“
Ich lehne mich zurück, hebe die Augenbrauen. „Okay, komm, reicht. So viel Romantik muss echt nicht sein.“ Ich meine es halb ernst, halb neckisch.
Leo lacht, aber er hört nicht auf: „Nein, echt. Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas gibt. Sie ist einfach… alles.“
Ich schüttele leicht den Kopf und schiebe die Hände hinter den Kopf. Schön für ihn. Echt. Aber das ist nicht mein Ding. Gefühle, Liebe, alles Kitschige – keine Sorge, das brauche ich nicht.
Dann geschieht es.
Ich drehe den Kopf nach rechts, und da steht er plötzlich: Ein Kaffee. Auf meinem Tisch. Schwarzer Kaffee, heiß, genau so, wie ich ihn mag. Ich starre darauf, blinzele einmal. Wie… zum Teufel… ist der hier hingekommen?
Ich blicke mich im Büro um, sehe niemanden in der Nähe. Keine Empfangsdame, kein Praktikant, niemand, der sich heimlich angeschlichen haben könnte.
Und trotzdem: Jedes Mal passiert es. Dinge tauchen auf, einfach so, als würde jemand sie herbeizaubern.
Wer oder wie… kommt das immer dahin?
Ich nehme den Kaffee, rühre einmal um und nippe. Ich werde nie herausfinden, wie er da immer auftaucht. Wahrscheinlich sollte ich mir auch gar keine Gedanken machen. Wahrscheinlich.
Und doch… ein kleiner, unbestimmter Gedanke bleibt.








