Echos

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Summary

Während eines Ausflugs zu einem beliebten Touristenziel stürzt ein Junge von den Klippen in die reißenden Stromschnellen. Sun Min-ah kann den Jungen retten, wird aber selbst von der Strömung mitgerissen. Eingesperrt im Hotel weit über den Klippen offenbart sich den Anwesenden die Wahrheit des vermeintlichen Sturzes.

Genre
Drama
Author
Misery1989
Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
n/a
Age Rating
13+

Kapitel 1

»Ich hätte dich niemals auf die Welt bringen sollen, du bist nutzlos und dumm. Nur dazu da, mein Leben zu zerstören.«

Sie spürte Kälte, den zornigen Blick einer ehemals wunderhübschen Frau. Ablehnung und den Schmerz, gehasst zu werden, verstoßen zu sein. Nicht gewollt, ungeliebt. Doch die Erinnerung daran fühlte sich taub an, wie etwas aus einem früheren Leben.


»Stirb endlich, warum stirbst du nicht?«

Lange, schlanke Hände, die sich um ihren Hals legten, zudrückten, bis sie keine Luft mehr bekam. Schläge mit diesen wunderschönen Händen, die entweder schlugen, misshandelten oder Dinge nach ihr warfen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass diese Hände sie je liebevoll berührt oder gar gestreichelt hätten.

Hass, Ablehnung und Schmerz, das waren Gefühle und Erinnerungen, die sie mit dieser Frau verbanden. Diese Frau, die sie Mutter genannt hatte.


»Wenn jemand seine Aufrichtigkeit und sein Wissen weitergibt. Wenn die Bemühungen eines Menschen erkannt und verstanden werden, sodass sie weitergegeben werden können. Von Mutter zu Kind, von Vater zu Sohn, von Lehrmeister zu Schüler, das ist ein Echo.«

Mit dem Aufkeimen dieser Erinnerung wurden die Bilder wärmer, nahmen Farbe an. Die Stimme war warm, sanft und voller Güte.


»Min-ah!«


»Min-ah-ya!«


»Sun Min-ah«, raunte jemand und schüttelte sie grob. Min-ah öffnete die Augen und benötigte einen Moment, bis ihr wieder einfiel, wo sie eigentlich war.

»Oh, mhm. Danke Park Hoseok-ssi«, sagte sie und strich sich ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht.

Der Touristenbus, mit dem sie gefahren waren, hatte angehalten. Nur sie und ihr Kollege saßen noch drin. Als der Busfahrer den Kopf hineinsteckte, winkte Park Hoseok ihn wieder hinaus.

Park Hoseok war ein alteingesessener Polizist. Sein schwarzes Haar zierten bereits einige graue Strähnchen, und liebenswert konnte man den alten Kauz wahrlich nicht nennen.

»Also wirklich, wie konnten sie auf dem Weg hier rauf schlafen? Der Hälfte der Touristen war schlecht«, sagte Park Hoseok und kratzte an seinem Tagebart.

»Selbst Jin Sook ist sofort hinausgestürmt, als wir gehalten haben.« Min-ah gähnte und streckte sich.

»Das wundert mich nicht, Jin Sook-ssi hatte schon immer einen empfindlichen Magen. Erinnern Sie sich an den Fall der verschimmelten Leiche im Abwasserkanal? Er hat sich ganze drei Tage krankgemeldet«, bemerkte Min-ah und stand auf.

»Das war wirklich nichts für schwache Nerven«, bemerkte Park Hoseok und folgte der jungen Frau aus dem Bus.

Ihr Kollege Jin Sook winkte von der Seite. Er wirkte blass, aber gefasst. Min-ah streckte sich und trat an den Rand der Klippe, die mit Unkraut und Farn überwuchert war. Der dreistufige Cheonjeyeon-Wasserfall auf der Insel Jeju war wahrlich beeindruckend.

Nur das Wetter könnte besser sein. Der Himmel wölbte sich stürmisch, grau und bewölkt, über ihnen, und der Wind pfiff eisig an ihrer Kleidung.

»Ich verstehe nicht, warum sie ausgerechnet jetzt auf einen Ausflug bestanden haben, Sun Min-ah ssi«, beschwerte sich Jin Sook.

Der Mann war nur wenige Jahre älter als sie. Groß gewachsen, gut gebaut, aber es mangelte ihm an funktionierenden Hirnzellen. Der Job bei der Polizei war nicht seine beste Entscheidung gewesen, dafür brachte er seine Kollegen mit seiner nahezu naiven Menschlichkeit oftmals auf den Boden der Tatsachen zurück.

Die Grausamkeit der Menschen kannte keine Grenzen, und wenn man so wie sie tagtäglich mit Mord und Gewaltdelikten zu tun hatte, konnte man fast schon den Glauben an die Menschheit verlieren. Min-ah seufzte.

»Genießen Sie die Aussicht, Jin Sook-ssi«, schlug sie vor und klopfte ihm auf die Schulter.

Jin Sook blinzelte ein paarmal ungläubig und Park Hoseok zuckte nur mit den Schultern, als er an ihm vorbeilief und ihm ebenfalls auf die Schulter klopfte. In einem Punkt hatte Jin Sook recht: Sie hatten gerade tatsächlich an einem Fall zu knabbern.

Vor einigen Wochen war ein alter Wohnkomplex abgerissen worden. Beim Abriss fanden die Bauarbeiter die skelettierte Leiche eines Säuglings. Sie muss bereits seit vielen Jahren irgendwo im Gemäuer versteckt worden sein. Allerdings stand das Haus schon viele Jahre leer und es ließen sich nicht alle ehemaligen Bewohner ausfindig machen. Sie waren nahe dran, diesen Fall zu den ungelösten kalten Fällen zu legen.

Jin Sook konnte diesen offenen Fall und den plötzlichen Ausflug nicht mit seinem Gewissen vereinbaren und tat das auch lautstark kund. Der Busfahrer stellte sich vor die Gruppe, ein langer, breiter Kiesweg führte bergauf.

»Sehen Sie das?«, fragte er und zeigte auf ein historisches, altes Haus, das als Hotel umfunktioniert worden war und auf der Spitze der Klippen stand.

»Das ist ihr Ziel, erfahrene Wanderer brauchen ungefähr drei bis vier Stunden hinauf. Unterwegs wird es Bänke und Rastplätze geben, aber beeilen Sie sich, um vor Anbruch der Dunkelheit oben zu sein. Das Wetter meint es heute nicht gut mit ihnen«, rief er laut.

Die Anwesenden, eine Gruppe bunt gemischter Leute, ließen ihren Blick nach oben wandern. Unter den Touristen befand sich eine Gruppe betagter Damen, doch ihre Ausrüstung ließ darauf schließen, dass sie sehr wohl erfahren waren.

Eine Gruppe junger Mädels mit einem Lehrer, denen die Unlust ins Gesicht geschrieben stand, und neben einigen Einzelpersonen auch eine dreiköpfige Familie.

»Ich will da nicht hoch. Mama, ich hab‘ Bauchschmerzen«, quengelte ein Junge. Min-ah schätzte ihn auf acht bis neun Jahre.

»Sei still, ich mache das nicht freiwillig, wir müssen einmal im Monat etwas mit deinem Vater unternehmen«, fauchte die Mutter und sah den Mann, der recht hilflos danebenstand, zornig an.

»Er ist auch mein Sohn«, bemerkte er hilflos und sah sich peinlich berührt um.

»Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du mit dem Flittchen von Sekretärin ins Bett gehüpft bist«, knurrte die Frau. Der Junge ließ seine Mutter los und hielt sich die Ohren zu.

»Schon gut, lassen wir das«, flüsterte der Mann geschlagen und sah auf den Boden.

Sun Min-ah fuhr sich durch ihr schwarzes Haar. Sie trug einen schwarzen Mantel, Jeans und Stiefel. Drei Stunden Wanderung klangen verlockender als neun Stunden Polizeiarbeit in einem stickigen Büro. Voller Staub und deprimierter Leute.

Sie steckte ihre Hände in die Manteltaschen und fuhr über die Polizeimarke, die darin lag. Sie wandte sich an ihre Kollegen, die sich, gerade darum abmühten, die Gruppe wie Sherlock Holmes zu analysieren.

Der hat Matsch an den Schuhen und kommt nicht aus der Stadt.

Siehst du den Mann mit den jungen Frauen? Der möchte sich wichtigtun, aber seine Ausrüstung zeigt, dass er keine Ahnung hat. Min-ah rollte mit den Augen.

»Kommt jetzt«, pfiff sie ihre Kollegen zusammen. »Es geht los!«