Kapitel 1: Wir waren unzertrennlich
“Ich glaube, du solltest dich mal langsam anstellen, Valerie.”, sagte mein Opa, als ob er meine Gedanken lesen könnte.
“Bei der langen Schlange wird es mindestens zwanzig Minuten dauern, bis du durch die Kontrolle kommst. Am Ende verpasst du noch deinen Flug nach Dublin!”
Er warf mir einen mahnenden Blick zu und ich nickte zustimmend.
“Du hast ja Recht, ich muss jetzt wirklich los.”, antwortete ich seufzend. “Nochmals vielen Dank für alles, Oma und Opa. Ich werde euch vermissen.”
Ich umarmte meine Großeltern gleichzeitig, die ganz gerührt waren und sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augen wischten. Zwei Jahre hatte ich in Düsseldorf verbracht, um an der gleichen Uni wie meine Mutter Journalismus zu studieren und hier meinen Abschluss zu machen, nachdem ich in Dublin mit dem Studium begonnen hatte. Obwohl ich in einem kleinen Apartment in der Innenstadt wohnte, besuchte ich meine Großeltern jedes Wochenende in dem schönen Haus in Ratingen, wo meine Mama und ihre Zwillingsbrüder aufgewachsen waren.
“Wir werden dich auch vermissen, mein Schatz. Wir haben dich so gern bei uns gehabt!”, meinte Oma Katja, ihre Stimme klang wehmütig.
“Vergiss nicht, zu Hause alle von uns zu grüßen, Mama, Papa und Brian... Ach stimmt ja, er ist mit der Band auf Tour in den USA. Wann kommen sie eigentlich zurück?”
“Weiß ich gar nicht so genau. Die Kids müssten in den nächsten Tagen von der Tour zurückkommen. So, jetzt muss ich aber wirklich los!”, rief ich energisch, um den Abschiedsschmerz zu überspielen.
Wir umarmten uns ein letztes Mal und drückten uns fest, bevor ich mich in die Warteschlange einreihte. Zum Glück ging die Abfertigung an der Sicherheitskontrolle schneller als erwartet voran. Sobald ich hindurch war, lief ich die langen Gänge entlang zu dem Abflugschalter, der für meinen Flug nach Dublin zuständig war. Die Wartebänke waren fast alle besetzt, denn an diesem Wochenende Anfang Juli zog es viele Turisten nach Irland. Für mich war es kein Urlaubsflug, sondern ein Heimflug! Nach zwei Jahren Studienzeit in Deutschland kehrte ich in meine irische Heimat zurück, zu meiner Familie und meinen Freunden.
Einen Job hatte ich auch schon, denn ich hatte mich vor ein paar Monaten beim beliebten Radiosender in Dublin beworben und die Stelle als Moderatorin bekommen. Es war mein absoluter Traumjob, eine Musiksendung zu moderieren, denn als Tochter des berühmten Rockstars Samuel Nelson war ich mit Musik aufgewachsen! Als ich zwanzig Minuten später im Flieger saß, checkte ich mein Handy auf neue Nachrichten, bevor die Flugassistentin uns aufforderte, alle mobilen Geräte auszuschalten.
“Hi Valerie, sitzt du schon im Flieger? Ich hole dich gleich in Dublin am Flughafen ab, also schicke mir bitte eine Nachricht, sobald du gelandet bist. Wir freuen uns auf dich! Guten Flug und bis später. Kuss, Mama.”
Erfreut las ich die Nachricht meiner Mutter und antwortete ihr, dass ich ihr nach der Landung in Dublin sofort Bescheid geben würde. Ich schaltete mein Handy aus und lehnte mich aufatmend in meinem Sitz zurück. Mein Herzschlag beschleunigte sich, denn ich war ganz aufgeregt. Das war ich immer kurz vor dem Start, außerdem freute ich mich riesig auf zu Hause!
Als die Maschine der Lufthansa sich wenig später in die Lüfte erhob, warf ich einen letzten Blick auf Düsseldorf, bis die Häuser und die bunte Landschaft des Rheinlandes mit dem großen Fluss in der Mitte immer kleiner wurden und bald nicht mehr zu erkennen waren.
Mama würde also allein kommen, um mich am Flughafen abzuholen. Wie konnte es auch anders sein, denn mein Vater war bestimmt im Tonstudio, zusammen mit Danny, Liam, Luke und Noah. Die fünf Mitglieder der weltberühmten Rockband Strayheart waren inzwischen Mitte fünfzig und dachten noch lange nicht ans Aufhören. Ganz im Gegenteil! Sie arbeiteten gerade an einem neuen Album und hatten für den Herbst eine Europa-Tour geplant. Und das, obwohl ihr Nachwuchs in die Fußstapfen der Rockstars getreten war und als die “Cool Kids” bereits große Erfolge feierte.
Mein Bruder Brian, der drei Jahre jünger ist als ich, hat nicht nur die einzigartige Stimme von unserem Papa geerbt, sondern auch die Begeisterung für die Rockmusik. Bereits im Teenageralter gründete er mit Liams Sohn David und dessen jüngerem Bruder Louis die Band “Cool Kids”. Brian, Louis und Dannys Tochter Eliza sind alle im gleichen Jahr geboren und zusammen aufgewachsen, genauso wie David und ich. Eliza hat eine außergewöhnlich schöne Stimme und wurde als zweite Sängerin in die Band aufgenommen. Sie und mein Bruder sangen oft im Duett, ihre Stimmen harmonierten perfekt miteinander, was sie bei den jungen Fans der Cool Kids sehr beliebt machte.
Als vor vier Jahren Noahs Sohn Tommy als Bassist in die Band aufgenommen wurde, waren sie endlich komplett und starteten so richtig durch. Seitdem kann niemand mehr ihren Höhenflug aufhalten! Meine Eltern sind natürlich sehr stolz auf ihren Sohn, der mit den anderen Kids die neue Generation von Rockmusikern bildet. Ich habe mich jedoch zu keinem Zeitpunkt benachteiligt gefühlt, denn sie haben sich genauso sehr für meine Entscheidung begeistert, in Mamas Fußstapfen zu treten und Journalistin zu werden.
“Ladies and Gentlemen, wir befinden uns bereits im Anflug auf Dublin! Bitte klappen sie jetzt ihre Tische hoch, stellen Sie die Rückenlehne ihrer Sitze gerade und schnallen Sie sich wieder an. Vielen Dank!”
Die Stimme der Flugassistentin, die aus dem Lautsprecher erklang, riss mich aus meinen Gedanken. Ich folgte gehorsam ihren Anweisungen und blickte neugierig aus dem Fenster, ob bereits etwas von Irland zu erkennen war. Aber außer der weißen Wolkendecke war nichts zu sehen, denn wir befanden uns knapp über den Wolken. Mein Herz schlug schnell in freudiger Erwartung, denn gleich würde ich meine Eltern wiedersehen. Wann kam mein Bruder mit der Band aus den USA zurück, wann würde ich ihn wiedersehen? Und David? Mir wurde das Herz ganz schwer, als ich an meinen besten Freund, an meinen Seelenverwandten dachte. Ich vermisste ihn so sehr, dass es wehtat...
David und ich wurden im gleichen Jahr geboren, er ist sechs Monate älter als ich. Unsere Eltern nahmen uns mit auf Tour, als wir noch ganz klein waren, und wir spielten schon zusammen, bevor wir laufen konnten. Gemeinsam erkundeten wir die Welt, kamen auf die verrücktesten Ideen und hatten jede Menge Spaß. So manches Mal trieben wir die Eltern zur Verzweiflung, wenn wir einfach ausbüchsten, um etwas Neues und Aufregendes zu entdecken, oder sonst was anstellten. David war nicht nur mein bester Freund, sondern mein großer Bruder, der mich unbedingt beschützen wollte.
Manchmal hat er es mit seiner Beschützerrolle übertrieben und versucht, mir Vorschriften zu machen, was ich überhaupt nicht leiden konnte. Dann flogen die Fetzen, aber zum Glück haben wir uns schnell wieder vertragen. Wir waren unzertrennlich! Das änderte sich auch nicht, als wir in die Pubertät kamen und zu Teenagern heranwuchsen. Wir besuchten die gleiche Klasse auf der St.Andrews-Highschool und machten weiterhin alles gemeinsam. Da wir die gleichen Leute kannten, wussten wir natürlich, wer die Person war, in den David oder ich uns zum ersten Mal verliebten. Es war selbstverständlich für uns, dass wir uns gegenseitig unser Herz ausschütteten und und den anderen um Rat in Liebesdingen fragten!
David und ich verstehen uns ohne Worte, wir vertrauen uns blind, es gibt nichts, was wir nicht voneinander wissen. Dachte ich zumindest... Als ich vor zwei Jahren nach Düsseldorf zog, um dort weiter zu studieren, hat er mir beim Abschied versprochen, dass er mich sobald wie möglich besuchen kommt. Die ersten Monate habe ich bei meinen Großeltern in Ratingen gewohnt, bis ich ein hübsches Apartment in der Düsseldorfer Innenstadt gefunden habe und gleich dort einziehen konnte. Von dort aus hatte ich es nicht weit zur Uni. Mein Freund machte zu der Zeit seinen Abschluss am Konservatorium und konnte es kaum erwarten, mich in Düsseldorf zu besuchen.
Was habe ich mich gefreut, als er schon wenige Tage nach seinem Abschluss bei mir vor der Tür stand. Er wollte ein paar Wochen bleiben, mich nachmittags von der Uni abholen und mit mir die Stadt erkunden. Wenn wir abends zu müde waren, um durch die Altstadt oder am Rhein entlang zu bummeln, blieben wir lieber zu Hause, kochten etwas Leckeres und machten es uns anschließend auf der Couch gemütlich. Es fühlte sich so vertraut an, mit David über Gott und die Welt zu reden, mit ihm zu lachen und ein bisschen zu kuscheln. Genauso wie früher, als wir Kinder waren. Doch wir waren keine Kinder mehr!
Obwohl wir es uns nicht eingestehen wollten, war da eine seltsame Spannung zwischen uns, ein leichtes Knistern, das wir nie zuvor bemerkt hatten. David sah mich anders an als vorher, der Blick aus seinen himmelblauen Augen war so intensiv, dass er mich in tiefe Verwirrung stürzte. Konnte es sein, dass er mehr für mich empfand als Freundschaft? Mir ging es nicht anders, denn in seiner Nähe begann mein Herz zu rasen und ich konnte mich seiner männlichen Ausstrahlung kaum entziehen. Er war so verdammt attraktiv mit den blauen Augen, den schwarzen Locken und der schlanken sportlichen Figur.
Ich fühlte mich unwiderstehlich zu ihm hingezogen, mein Verlangen wurde von Tag zu Tag stärker. Das durfte doch nicht sein, schließlich ist David immer wie ein Bruder für mich gewesen! Nicht nur ich, auch er vermied plötzlich jeden Körperkontakt, um nicht in Versuchung zu geraten. Wir glaubten, unsere Emotionen unter Kontrolle zu haben, bis zu jener Gewitternacht, als es draußen blitzte und donnerte und drinnen unsere Gefühle explodierten...








